Es genügt nicht, den Welttheil anzugeben, wo das Genie zu Hause
gehört; man kann nicht Dänemark nach einer Karte von Europa bereisen.
Man muss zum ersten die Stätte deutlicher bezeichnet sehen; sodann
kennt man noch nicht das Genie, weil man, ob auch noch so genau,
seine Verbindungen und Umgebungen kennt, so wenig wie man eine Stadt
kennt, weil man um ihre Wälle herum schritt. Denn das Genie wird zwar
theilweise, aber nicht erschöpfend, durch die Zeit erklärt. Was es
vorfindet, vereinigt es unter einem neuen Gesetz; selbst ein Produkt,
bringt es Produkte hervor, die es allein in der Welt hervor zu bringen
vermag. Man braucht nur seine Aufmerksamkeit ein wenig anzustrengen,
man braucht nur das Urtheil eines Fremden zu hören, um zu fühlen, wie
viel in Andersen's Märchen national, lokal und individuell ist. Ich
sprach einmal mit einem jungen Franzosen über Dänemark. »Ich kenne Ihr
Land sehr gut«, sagte er. »Ich weiss, dass Ihr König Christian heisst,
dass Ihr erster Schriftsteller ein verkanntes Genie ist und auf den
Namen Schmidt hört, dass Herr Ploug der tapferste Kriegsheld Ihres
Vaterlandes ist, den kein Schlachtfeld jemals weichen sah, und dass
Herr Bille der Gambetta Dänemarks genannt wird. Ich weiss, dass Sie
Studenten haben, die sich durch ihre wissenschaftliche Selbständigkeit
und ihre freie Forschung auszeichnen, und ich kenne Herrn Holst,
welchen man bei Ihnen ja den Tyrtäus des Danebrog nennt ...« Da ich
sah, dass er orientirt war, unterbrach ich ihn mit der Frage: »Haben
Sie Andersen's Märchen gelesen?« -- »Ob ich das habe!« antwortete er,
»es ist das einzige dänische Buch, welches ich las«. -- »Was halten Sie
davon?« frug ich. -- »_Un peu trop enfantin_«, lautete die Antwort.
Ich bin überzeugt, wenn man Andersen's Märchen einem fünfjährigen
französischen Kinde vorlegte, würde es sie auch etwas kindisch finden.
-- Ich habe gesagt, dass die Andersen'sche Kindlichkeit allgemein
verständlich sei. Das ist wahr, allein es ist nicht die ganze Wahrheit.
Diese Kindlichkeit hat ein entschieden germanisches Gepräge, sie
wird am besten in England und Deutschland verstanden, minder gut
von den romanischen Nationen, am schwersten von der französischen.
In Wirklichkeit ist Andersen daher in Frankreich äusserst wenig
bekannt und gelesen. England ist das einzige Land, in welchem man
ganze und halbe Romane auf die Darstellung des Seelenlebens kleiner
Kinder verwendet (Dickens' »Paul Dombey« und »David Copperfield«,
Miss Wetherell's »Die weite, weite Welt«, George Eliot's »Die Mühle
am Floss«), und die englische Kindlichkeit ist einzig in ihrer Art;
man braucht nur das erste beste, französische illustrirte Kinderbuch
aufzuschlagen, um den Unterschied zu merken. Das englische und das
französische Kind sind eben so ungleichartig wie eine Eichel und eine
Buchecker. In Frankreich wird Andersen schon aus dem Grunde niemals
festen Fuss fassen können, weil der Platz besetzt, weil er seit lange
von La Fontaine eingenommen ist.
Es gibt zwei Arten von Naivetät. Die eine ist die des Herzens, die
andere die des Verstandes, jene offen, frei, einfältig und rührend,
diese anscheinend verstellt, neckisch, schlagfertig und fein. Die eine
erweckt Thränen, die andere ein Lächeln, die erste hat ihre Schönheit,
die andere hat ihren Reiz, die erste kennzeichnet das gute Kind, die
andere das _enfant terrible_, und Andersen ist der Dichter jener, La
Fontaine der Dichter dieser Naivetät. Diese letztere Form der Naivetät
ist der Ausdruck der Frühreife, welche das treffende Wort spricht, ohne
noch recht zu wissen, was sie sagt, und welche daher wie der Deckmantel
eines Schalknarren aussieht; die andere Naivetät ist die der Unschuld,
welche voraussetzt, dass ihr Garten Eden die ganze Welt sei, und welche
daher die ganze Welt durch ihre Unschuld beschämt, ohne zu wissen dass
sie es thut, aber mit so treffenden Worten, dass die Naivetät sich
wie eine Maske ausnimmt. Vergleicht man daher Andersen's Märchen mit
La Fontaine's Fabeln, so findet man eine Grundverschiedenheit in der
Lebensanschauung und lernt dadurch die nordische Lebensanschauung in
ihrer Begrenzung kennen; denn jede Bestimmung ist eine Begrenzung.
Einer der tiefsten Züge in La Fontaine's und der gallischen
Lebensanschauung ist der Krieg gegen die Illussion. Das launige Spiel
in La Fontaine's Naivetät besteht darin, dass sie, so harmlos sie ist,
so gutmüthig und mild sie sich immer beweist, ab und zu ahnen lässt,
dass sie sich nicht foppen lässt, sondern recht wohl all' die Dummheit
und Heuchelei, all' das Predigen und all' die Phrasen zu schätzen und
zu würdigen weiss, von denen die Menschen sich, wie durch Verabredung
an der Nase oder am Herzen herumführen lassen. Mit einem Lächeln geht
sie an dem Ernste vorüber, dessen Kern Fäulniss, an all' der Grösse,
die im Grunde nur Frechheit, an all' der Ehrwürdigkeit, deren Wesen
Lüge ist. So bringt sie »_Alles an seinen rechten Platz_«, wie der
Titel einer der populärsten Geschichten Andersen's lautet. Der Grundton
ihres Ernstes ist eine poetische Begeisterung, und ihr witziger Scherz
hat einen Stachel, den sie sorgsam verhehlt. Die französische Satire
ist ein Stossdegen mit einem vorläufigen Knopfe. Sie hat in »Tartuffe«,
»Candide« und »Figaro« Revolution vor der Revolution gemacht. Das
Gelächter ist Frankreichs älteste Marseillaise.
Der tiefste Zug in Andersen's Lebensanschauung ist der, das Herz am
höchsten zu setzen, und dieser Zug ist dänisch. Selbst gefühlvoll, hebt
diese Anschauung bei jeder Gelegenheit die Schönheit und Bedeutung des
Gefühls hervor, überspringt den Willen (alle Schicksale des Flachses,
in dem Märchen seines Lebens, kommen _von aussen_), bekämpft die
Verstandeskritik als das Böse, als ein Werk des Teufels, als einen
Hexenspiegel, versetzt der pedantischen Wissenschaft treffliche und
witzige Seitenhiebe (»Die Glocke«, »Ein Blatt vom Himmel«), schildert
die Sinne als Versucher oder übergeht sie wie unnennbar, verfolgt und
denuncirt die Hartherzigkeit, stürzt die Rohheit und Bornirtheit von
ihrem Throne, hebt die Unschuld und die Wohlanständigkeit hinauf, und
bringt so _Alles an seinen rechten Platz_. Das Grundwesen ihres Ernstes
ist das moralisch-religiöse Gefühl, mit dem Hasse der Genialität gegen
die Bornirtheit gepaart, und ihre humoristische Satire ist launig,
ruhig, in Uebereinstimmung mit dem idyllischen Geiste der Dichtart.
Diese Satire sticht nur wie eine Mücke, allein an den empfindlichen
Stellen. Welche dieser Anschauungen ist die beste? Eine solche Frage
verlohnt keiner Antwort. Nur weil sie mir einfallen, nicht um mich
für das Eine oder Andere zu entscheiden, führe ich die Zeilen Georg
Herwegh's an:
Auch mir hat sich das Aug' schon oft genetzt,
Sah ich das Herz misshandelt und zerschlagen
Und von den Rüden des Verstands gehetzt.
Es darf das Herz wohl auch ein Wörtchen sagen,
Doch ward es weislich in die Brust gesetzt,
Dass man's so hoch nicht wie den Kopf soll tragen.
Wie die Lebensanschauungen hier verschieden sind, so auch die
poetischen Begabungen. La Fontaine schreibt klare, formvollendete,
höchst melodische Verse, deren Poesie eine leichte Schalkhaftigkeit
und eine sanfte Wehmuth ist. Andersen schreibt eine barocke,
unregelmässige, leichtmanierirte Prosa, deren Poesie eine üppig
sprudelnde, ganz entzückende Phantastik ist. Diese Phantastik macht
Andersen den Franzosen zu fremdartig, deren ziemlich graue Poesie
ganz und gar der farbigen Blumenpracht entbehrt, die ihre höchste
Schönheit in Shakespeare's »Sommernachtstraum« erreicht, die man
aber überall in der Poesie der nordischen Völker verspürt, und
die Andersen's Märchen ihren feinsten Duft mittheilt. Und wie die
phantastische Laune derselben allgemein nordisch ist, so ist ihr
idyllischer Grundton insbesondere dänisch. Kein Wunder, dass die ersten
und eigenthümlichsten dieser Märchen unter dem Regimente Friedrich's
VI. gedichtet wurden; seine Zeit hat ihnen den Stempel aufgedrückt,
man findet ihn wieder in all' jenen väterlich-patriarchalischen alten
Königen; man findet den Geist der Zeit in dem vollständigen Mangel an
gesellschaftlicher, geschweige politischer Satire, welchen man in den
Märchen verspürt. Kein Wunder auch, dass Thorwaldsen nicht müde werden
konnte, diese Märchen vorlesen zu hören, während er seine Ambe und
Terne im Lottospiel besetzte, denn sein dänisches Wesen war naiv und
seine Kunst, trotz ihrer Grösse, idyllisch wie die Kunst, welche diese
Dichtungen erzeugt hat.
Ein Genie, das zu einer Zeit geboren wird, wo Alles seiner Entwicklung
entgegen steht, wird entweder zermalmt oder geht zu Grunde wie ein
untergeordnetes Talent: ein Andersen 1705 statt 1805 in Dänemark
geboren, wäre ein Unglücklicher, ein ganz Unbedeutender, vielleicht
ein Wahnsinniger geworden. Ein Talent, das in einem Zeitalter geboren
wird, wo ihm alles zu Statten kommt, erzeugt klassische, geniale
Produkte. Allein dieser ersten Uebereinstimmung zwischen dem Genie
und der Zeit (zum Theil auch dem Lande), entspricht eine zweite
zwischen den eigenen Kräften des Genies, und eine dritte zwischen
dem Genie und seiner Kunstart. Die geniale Natur ist ein organisch
zusammenhängendes Ganzes, ihre Schwäche an dem einen Punkte bedingt
ihre Stärke an dem andern, die Entwicklung jener Fähigkeit verursacht
die Hemmung dieser Fähigkeit, und es ist unmöglich, etwas Einzelnes zu
verändern, ohne die ganze Maschinerie zu verändern und zu stören. Man
wünscht wohl das Eine oder Andere anders, aber man begreift ohne Mühe,
dass es so sein _muss_. Man möchte dem Dichter mehr Persönlichkeit,
ein männlicheres Wesen und eine ruhigere Geisteskraft wünschen;
aber man versteht leicht, dass das Unpersönliche, Abschlusslose der
Individualität, welche man aus dem »Märchen meines Lebens« kennen
lernt, im innigsten Zusammenhange mit seiner Art der Begabung steht.
Ein zugeknöpfterer Geist könnte die poetischen Eindrücke nicht
so empfänglich aufnehmen und empfinden, ein härterer nicht diese
Schmiegsamkeit mit seiner strammeren Haltung vereinen, ein für Kritik
und Philosophie empfänglicherer nicht so naiv sein. Wie nun die
moralischen Eigenschaften die intellektuellen bedingen, so bedingen
diese gegenseitig einander. Ein so überströmendes lyrisches Gefühl,
eine so exaltirte Sensibilität kann nicht mit der Erfahrung und Methode
des Weltmanns bestehen; denn Erfahrung kühlt ab und verhärtet. Eine so
leicht voltigirende und vogelmässig hüpfende und fliegende Phantasie
lässt sich nicht mit dem logisch abgemessenen Crescendo und Decrescendo
der poetischen Handlung vereinen. Eine so wenig kaltblütige Beobachtung
kann nicht psychologisch bis ins Mark dringen, eine so kindliche, so
leicht erbebende Hand kann nicht einen Schurken anatomiren. Stellen wir
daher eine Begabung, wie diese, verschiedenen bestimmten und bekannten
Kunstarten gegenüber, so können wir im Voraus entscheiden, wie es sich
zu jeder derselben verhalten muss.
Der _Roman_ ist eine Dichtungsart, welche nicht allein Einbildungskraft
und Gefühl, sondern den scharfen Verstand und das kalte, ruhige
Beobachtungsvermögen des Weltmanns bei demjenigen erfordert, welcher
Ausgezeichnetes darin leisten soll; daraus ergiebt sich, dass derselbe
nicht ganz für Andersen passt, wiewohl er seinem Talente auch nicht
durchaus fern liegt. Die ganze Scenerie, der Naturhintergrund, das
Malerische des Kostüms wird ihm gelingen; aber im Psychologischen
wird man die Schwäche verspüren. Er wird für und wider seine Personen
Partei nehmen; seine Männer werden nicht männlich genug, seine
Frauen nicht recht weiblich sein. Ich kenne keinen Dichter, dessen
Geist geschlechtsloser ist, dessen Talent weniger ein bestimmtes
Geschlecht verräth, als Andersen. Desshalb hat er seine Stärke darin,
Kinder darzustellen, bei denen das bewusste Geschlechtsgefühl noch
nicht hervorgetreten ist. Alles beruht darauf, dass er das, was
er ist, so ausschliesslich ist, kein Gelehrter, kein Denker, kein
Bannerträger, kein Kämpfer, wie mehrere der grössten Dichter, sondern
ausschliesslich Poet. Ein Poet ist ein Mann, der zugleich Weib ist.
Andersen sieht im Manne und im Weibe am kräftigsten das Elementare, das
gemeinsam Menschliche, viel weniger das Besondere, das Interessante.
Ich übersehe nicht, wie er das tiefe Gefühl einer Mutter in »Die
Geschichte einer Mutter« geschildert oder eine Darstellung weiblichen
Seelenlebens in »Die kleine Seejungfer« gegeben hat; aber was er
hier darstellt, sind nicht die zusammengesetzten Seelenzustände des
Lebens und des Romans, sondern das _Lebenselement_; er lässt den
ganz einzelnen und reinen Ton erklingen, der in den verschlungenen
Harmonien und Disharmonien des Lebens weder so rein noch so einzeln
vorkommt. Indem sie in das Märchen eintreten, erleiden alle Gefühle
eine Vereinfachung, eine Läuterung und Verwandlung. Der Charakter
des Mannes liegt dem Kinderdichter am fernsten, und ich entsinne
mich nur einer einzigen Stelle in den Märchen, wo man auf eine feine
psychologische Charakteristik einer weiblichen Seele stösst; sie steht
so unschuldig da, dass man sich fast fragen möchte, ob sie sich nicht
selbst geschrieben habe. Man findet sie in einer Geschichte von zwei
Porzellanfiguren, »Die Hirtin und der Schornsteinfeger«:
»Hast Du wirklich Muth, mit mir in die weite Welt hinaus zu gehen?«
frug der Schornsteinfeger. »Hast du bedacht, wie gross die ist, und
dass wir nie mehr hierher zurückkehren können?« -- »Das hab' ich« sagte
sie. Und der Schornsteinfeger sah sie fest an, und dann sagte er: »Mein
Weg geht durch den Schornstein! Hast Du wirklich Muth, mit mir durch
den Ofen, durch die Trommel sowohl wie durch das Rohr zu kriechen? ...«
Und er führte sie zu der Ofenthür hin. »Da sieht es ganz schwarz aus!«
sagte sie, aber sie ging doch mit ihm durch die Trommel sowohl wie
durch's Rohr, wo die pechfinstere Nacht herrschte. Nach einer langen
und beschwerlichen Wanderung erreichten sie den Schornsteinrand. Der
Himmel mit all' seinen Sternen war hoch über und alle Dächer der Stadt
tief unter ihnen. Sie sahen weit umher, weit, weit hinaus in die Welt.
Die arme Hirtin hatte sich's nie so gedacht; sie lehnte sich mit ihrem
kleinen Kopfe an ihren Schornsteinfeger und dann weinte sie, dass das
Gold von ihrem Leibgürtel absprang. »_Das ist allzu viel!_« sagte sie.
»_Das kann ich nicht ertragen! Die Welt ist gar zu gross! Wäre ich
doch wieder auf dem Tischchen unter dem Spiegel!_ Ich werde niemals
froh, ehe ich wieder dort bin! Nun bin ich Dir ja gefolgt! _Nun bin ich
Dir in die weite Welt hinaus gefolgt, nun kannst Du mich auch wieder
zurückbegleiten, wenn Du mich wirklich lieb hast!_«
Eine tiefere, eine unbarmherziger wahre, eine handgreiflichere Analyse
einer gewissen Art von weiblicher Begeisterung und ihrer Thatkraft,
wenn es rücksichtslos, kühn und ohne einen Blick nach rückwärts zu
handeln gilt, findet man, glaube ich, bei keinem anderen dänischen
Dichter. Welche Feinheit in der Darstellung: der augenblicklich
entschlossene Enthusiasmus, das heroische Ueberwinden des ersten
Schauders, Ausdauer, Tapferkeit, Festigkeit bis zu dem Augenblicke --
wo es darauf ankommt, wo die Festigkeit zerbricht und die Sehnsucht
nach dem Tischchen unter dem Spiegel erwacht! Mancher dicke Roman wird
durch solch' eine Seite in die Höhe geschnellt, und man tröstet sich
darüber, dass Andersen kein Meister im Romanfache ist.
Das _Drama_ ist eine Dichtungsart, welche die Fähigkeit erfordert,
eine Idee zu differentiiren, sie auf viele Träger zu vertheilen; es
erfordert Sinn für die bewusste Handlung, eine logische Kraft, sie
zu lenken, einen Blick für die Situation, eine Leidenschaft dafür,
sich in das unerschöpfliche Studium der einzelnen, vielseitigen Seele
zu vertiefen und zu versenken; daraus ergibt sich, dass das Drama
Andersen ferner liegt, als der Roman, und dass seine Unfähigkeit für
das Dramatische mit mathematischer Bestimmtheit in dem Verhältnisse
steigt, in welchem die einzelne dramatische Abart dem Märchen und
damit seiner Begabung ferner liegt. Die Märchenkomödie gelingt ihm
natürlich am besten; aber sie hat auch nicht viel anders von der
Komödie, als den Namen. Sie ist eine Mischart, und wenn sie auf die
Probe des spanischen Märchens gestellt werden könnte, würde man sie
als Bastarden erkennen. Im Situationslustspiele ist er glücklich
betreffs der poetischen Ausführung der einzelnen Scenen selbst (»Der
König träumt«), aber höchst unglücklich in der Durchführung der
Idee im Ganzen (»Die Perle des Glücks«). Das eigentliche Lustspiel
passt nicht übel für seine Gaben. Einzelne seiner Märchen sind ja
bereits fast Holberg'sche Lustspiele: »Die glückliche Familie« ist
eine Holberg'sche Charakterkomödie, und »Es ist ganz gewiss« ein
Holberg'sches Intriguenstück. Hier fällt ihm die Charakterzeichnung
denn auch leichter als im ernsten Drama, denn hier wandelt er direkt in
Holberg's Spuren; so auffällig stimmt sein Vermögen in einer einzelnen
Richtung mit dem jenes grossen Mannes überein. Andersen ist, wie ich
schon bemerkt habe, kein eigentlicher Psycholog; er ist mehr Biolog
als besonderer Menschenkenner. Seine Vorliebe ist, den Menschen durch
das Thier oder durch die Pflanze zu schildern, ihn sich von seinem
Naturgrunde aus entwickeln zu sehen. Alle Kunst enthält eine Antwort
auf die Frage: was ist der Mensch? Fragt Andersen, wie er den Menschen
definire, und er wird antworten: der Mensch ist ein Schwan, ausgebrütet
auf dem Entenhofe der Natur.
Dem psychologisch Interessirten, der, ausser Stande, einen ganzen
zusammengesetzten Charakter zu umfassen, einen fein entwickelten Blick
für die einzelne Eigenschaft oder Eigenthümlichkeit besitzt, bieten die
Thiere, insbesondere die uns wohlbekannten, eine grosse Erleichterung.
Man ist nämlich gewohnt, sie auf eine einzige Eigenschaft, oder doch
nur auf ganz wenige, zurückzuführen: die Schnecke ist langsam, die
Nachtigall ist die unscheinbare Sängerin mit den herrlichen Tönen, der
Schmetterling der schöne Flatterhafte. Nichts also hindert, dass ein
Dichter mit der Gabe, diese treffenden kleinen Züge darzustellen, in
die Spuren Holberg's tritt, des Mannes, welcher die »Wankelmüthige«
u. s. w. geschrieben hat, wie Andersen es in »Der neuen Wochenstube«
that. Er zeigt hier übrigens eine seiner vielen Aehnlichkeiten mit
Dickens, dessen Komik sich häufig auf einige wenige, in's Unendliche
wiederholte Züge beschränkt.
In der _Epopöe_, die in unsern Tagen zu den unmöglichen Dichtungsformen
gehört, und die Alles erfordert, was Andersen gebricht, kann er nur
einzelne hübsche Einfälle haben, wie z. B. wenn er in »Ahasverus« den
Geist China's in einer drolligen lyrischen Episode charakterisirt, oder
wenn er die zwitschernden Schwalben (ganz wie im Märchen) uns Attila's
Festsaal schildern lässt.
In der _Reisebeschreibung_ kommt naturgemäss eine grosse Anzahl seiner
besten Eigenschaften zum Vorschein. Wie sein Liebling, der Zugvogel,
ist er in seinem Elemente, wenn er reist. Er beobachtet wie ein Maler,
und er schildert wie ein Schwärmer. Zwei Fehler treten jedoch hier
hervor: der eine, dass sein lyrischer Hang zuweilen mit ihm durchgeht,
so dass er lobsingt statt zu schildern, oder übertreibt statt zu
malen (siehe z. B. die allzu überschwängliche Beschreibung von Ragatz
und Pfäffers); der andere, dass das untergeordnet Persönliche, das
_Ichsüchtige_, welches erkennen lässt, dass der tieferen Persönlichkeit
die Geschlossenheit fehlt, bisweilen in störender Weise sich
aufdrängt. Letzteres charakterisirt besonders stark die Art seiner
Selbstbiographie. Was man mit Recht dem »Märchen meines Lebens«
vorwerfen kann, ist nicht so sehr, dass der Verfasser so durchaus mit
seiner Privatperson beschäftigt ist (denn das ist hier ganz natürlich),
sondern dass diese Persönlichkeit fast nie mit etwas Grösserem als
mit sich selbst beschäftigt ist, niemals in einer Idee aufgeht, sich
niemals ganz von dem Ich befreit. Die Revolution von 1848 erscheint in
diesem Buche wie ein Niesen; man ist ganz erstaunt, daran erinnert zu
werden, dass es noch eine Welt ausserhalb des Verfassers gibt.
In der _lyrischen_ Poesie hat er äusseren Erfolg gehabt; Chamisso hat
sogar einzelne Lieder von ihm übersetzt; ich sehe ihn aber ungern
seine farbige, naturgetreue und _realistische_ Prosatracht ablegen,
um sich in den einförmigen Mantel des Verses zu hüllen. Seine Prosa
hat Phantasie, ungebundenes Gefühl, Rhythmik und Melodie -- warum also
nach Wasser über den Bach gehen? Seine Gedichte zeichnen sich übrigens
häufig durch einen friedevollen und kindlichen Geist, ein warmes und
mildes Gefühl aus. -- Man sieht, dass das Resultat seiner Versuche in
den verschiedenen Dichtungsarten ganz direkt, wie das unbekannte X in
der Mathematik, aus der Natur seiner Anlagen einerseits und der Natur
der Dichtungsart andererseits hervorgeht.
So bleibt denn nur seine eigene Dichtungsart zurück, diejenige, auf
welche er kein Patent zu nehmen braucht; denn Niemand wird sie ihm
rauben. Zu Andersen's Zeiten machte man nach dem Vorbilde Hegel's
überall den Versuch, alle Dichtungsarten mit ihren Varietäten in
ästhetische Systeme zu ordnen, und der dänische Hegelianer Heiberg
entwarf denn auch ein reich gegliedertes System, in welchem die
Rangordnung der Komödie, der Tragödie, des Romans, des Märchens
u. s. w. festgestellt und den Kunstarten, die Heiberg selbst pflegte,
ein besonders hoher Rang gesichert wurde. Es ist aber gewissermassen
schon doctrinär, von allgemeinen Kunstarten zu reden. Jeder Dichter
individualisirt seine Dichtungsart vollständig. Die Form, welche er
gebraucht hat, vermag kein Anderer zu benutzen. So ist es mit dem
Märchen, dessen Theorie Andersen nicht zu schreiben versucht, dessen
Platz im Systeme er nicht feststellen gewollt, und den bestimmen zu
wollen ich mich wohl hüten werde. Es ist überhaupt sonderbar mit der
ästhetisch-systematischen Rangordnung, es ergeht Einem mit ihr wie
mit der Rangordnung im Staate: je mehr man darüber nachdenkt, desto
ketzerischer wird man. Vielleicht kommt es daher, weil Denken überhaupt
gleichbedeutend ist mit Ketzer sein. Doch wie jeder Naturtypus, hat
das Andersen'sche Märchen seinen Charakter, und seine Theorie besteht
in den Gesetzen, denen es folgt, und die es nicht zu überschreiten
vermag, ohne dass eine Missgeburt zum Vorschein kommt. Alles in der
Welt hat sein Gesetz, selbst die Dichtungsart, welche die Naturgesetze
aufhebt.
Andersen gebraucht irgendwo den Ausdruck, er habe sich nun ungefähr
in allen Radien des Märchenkreises versucht. Dieser Ausdruck ist
treffend und gut. Die Märchen bilden ein Ganzes, ein in vielfachen
Radien ausstrahlendes Gewebe, das dem Beschauer, wie das Spinngewebe
in »Aladdin« zu sagen scheint: »Sieh, wie im schwachen Netz die
Fäden sich verschlingen!« Wenn es nicht allzu viel Schulstaub in's
Wohnzimmer mitbringen heisst, so will ich den Leser darauf aufmerksam
machen, dass er in einem berühmten wissenschaftlichen Werke, in Adolf
Zeising's »Aesthetischen Forschungen«, die ganze Reihe ästhetischer
Gegensatz-Begriffe mit all' ihren Nuancen (das Schöne, Komische,
Tragische, Humoristische, Rührende u. s. w.) in einem grossen Sterne
geordnet sehen kann, ganz wie Andersen es sich betreffs seiner Märchen
gedacht hat.
Die Phantasieform und Erzählungsweise der Märchen gestattet nämlich die
Behandlung der verschiedenartigsten Stoffe in der verschiedenartigsten
Tonart. Hier findet man erhabene Erzählungen wie »Die Glocke«,
tiefsinnige und weise Märchen wie »Der Schatten«, phantastisch-bizarre
wie »Erlenhügel«, lustige, fast muthwillige wie »Der Schweinehirt«
oder »Die Springer«, humoristische wie »Die Prinzessin auf der Erbse«,
»Eine gute Laune«, »Die Halskragen«, »Das Liebespaar«, und mit einer
Schattirung von Wehmuth »Der standhafte Zinnsoldat«; herzergreifende
Dichtungen wie »Die Geschichte einer Mutter«, unheimlich beklemmende
wie »Die rothen Schuhe«, rührende Phantasien wie »Die kleine
Seejungfer«, und gemischte, zugleich grossartige und heitere wie »Die
Schneekönigin«. Hier begegnet uns eine Anekdote wie »Herzeleid«, die
einem Lächeln durch Thränen gleicht, und eine Inspiration wie »Die
Muse des neuen Jahrhunderts«, in welcher man den Flügelschlag der
Geschichte, das Herzklopfen und den Pulsschlag des lebendigen Lebens
der Gegenwart vernimmt, heftig wie im Fieber, und doch gesund wie in
einem glücklichen, begeisterten Momente. Kurz gesagt, hier ist alles,
was zwischen dem Epigramm und der Hymne liegt.[37]
Gibt es denn wirklich eine Grenze, welche das Märchen beschränkt, ein
Gesetz, das es bindet, und wo liegt es? Das Gesetz des Märchens liegt
in der Natur des Märchens, und dessen Natur beruht auf derjenigen der
Poesie. Scheint es im ersten Augenblicke, dass nichts der Dichtart
verwehrt sei, welche eine Prinzessin eine Erbse durch zwanzig Matratzen
und zwanzig Eiderdaunenbetten hindurch verspüren lassen kann, so ist
das nur ein Schein. Das Märchen, welches die ungebundene Freiheit der
Erfindung mit dem Zwange vereint, den sein Grundgedanke ihm auferlegt,
muss zwischen zwei Klippen hindurch steuern: zwischen der ideenlosen
Ueppigkeit und der trockenen Allegorie; es muss die Mittelstrasse
halten zwischen der allzu starken Fülle und der allzu grossen
Magerkeit. Das thut Andersen fast immer, aber zuweilen doch nicht.
Die aus Volksmärchen entnommenen Stoffe, wie »Der fliegende Koffer«,
oder die eigentlichen Feenmärchen, wie »Däumelinchen«, haben für die
erwachsenen Leser nicht so viel Anziehendes wie für Kinder, weil das
Märchen hier keinen Gedanken verbirgt. Im »Garten des Paradieses« ist
alles das meisterhaft, was dem Eintritt in den Garten vorausgeht,
allein der Fee des Paradieses selbst scheint es mir schwer etwas
Schönes oder Ergötzliches abzugewinnen. Das entgegengesetzte Extrem
ist nun, dass man die dürre _Absicht_, die _trockene Lehre_ durch
das Gewebe der Dichtung sieht; dieser Fehler ist, wie es in unserer
reflektirenden und bewussten Zeit sich erwarten liess, weit häufiger.
Man empfindet ihn stark, weil das Märchen das Reich des Unbewussten
ist. Nicht nur, dass die unbewussten Wesen und Dinge hier das Wort
führen, sondern was im Märchen siegt und verherrlicht wird, ist eben
das Unbewusste. Und das Märchen hat Recht; denn das Unbewusste ist
unser Fond und der Quell unserer Stärke. Desshalb kann der Reisekamerad
Unterstützung von dem Todten empfangen, weil er ganz vergessen hat,
dass er ihm früher geholfen, und desshalb bekommt selbst Tölpel-Hans,
weil er bei all' seiner Einfältigkeit naiv ist, die Prinzessin und das
halbe Reich. Denn auch die Dummheit hat ihre Genialität und ihr Glück;
nur mit den armen Zwischengeschöpfen, ohne Scharfsinn und ohne Dummheit
weiss das Märchen nichts anzufangen.
Wir wollen einige Beispiele der Sünden gegen das Unbewusste betrachten.
So blickt in dem schönen Märchen »Die Schneekönigin« auf das störendste
die unglückliche Absicht hindurch, wo die Schneekönigin fordert,
dass Kay mit dem _Eisspiele des Verstandes_ Figuren legen soll, und
er nicht im Stande ist, mit diesem Spiel das Wort »_Ewigkeit_« zu
legen. So herrscht eine grobe und unpoetische Deutlichkeit in »Die
Nachbarfamilien«, so oft die Rosen von der Sperlingsfamilie mit dem
abstrakten, für eine Sperlingszunge unaussprechlichen Worte »_Das
Schöne_« benannt werden; man hätte schon ohne diesen Fingerzeig
verstanden, dass die Rosen in der Erzählung die Vertreter des Schönen
sind, und indem man im Märchen auf dies abstrakte Wort stösst, fährt
man zurück, als hätte man einen schleimigen Frosch berührt. -- Dies
_Allegorisiren_ tritt, wie es in Erzählungen für Kinder zu erwarten
stand, am häufigsten in der Form des _Docirens_ und _Moralisirens_
auf; in einzelnen Märchen wie »Der Buchweizen« spielt das pädagogische
Element eine übergrosse Rolle. In anderen wie »Der Flachs«, fühlt
man am Schlusse allzu stark -- wie bei Jean Paul -- den Hang, zur
Zeit und zur Unzeit die Unsterblichkeitslehre anzubringen. Hier
werden besonders in dieser Absicht zuletzt ein paar kleine, ziemlich
abgeschmackte »unsichtbare Wesen« erschaffen, welche versichern,
dass das Lied niemals aus sei. In einigen Fällen ist die Tendenz
mehr persönlich. Eine ganze Reihe von Märchen (Das Entlein, Die
Nachtigall, Die Nachbarfamilien, Das Gänseblümchen, Die Schnecke und
der Rosenstock, Feder und Dintenfass, Die alte Strassenlaterne) spielen
auf Dichterleben und Dichterloos an, und in einzelnen Fällen spürt man
-- was bei Andersen eine seltene Ausnahme ist, -- dass die Erfindung an
den Haaren herbeigezogen ward, um die Tendenz hervorzukehren. Welcher
Sinn und welche Natur liegt z. B. darin, dass die Strassenlaterne, nur,
wenn sie mit einem Wachslicht, nicht wenn sie mit einem gewöhnlicheren
Lichte, versehen ist, die schönen und bilderreichen Gesichte sehen
lassen kann, welche ihr erscheinen? Das ist ganz unverständlich, bis
man es als Allegorie auf das vermeintliche Bedürfniss des Dichters nach
Wohlstand auffasst, um etwas Rechtes zu werden. (»Also das Genie soll
dem Schürzenstipendium nachlaufen!« schrieb bereits Kierkegaard bei
Gelegenheit von »Nur ein Geiger«.) Unglücklicher noch ist es, dass die
Strassenlaterne in umgeschmolzenem Zustande, in ihrem anderen Leben, zu
einem Dichter kommt und so ihre Bestimmung erreicht. So stark hat die
Tendenz sich selten verrathen.
Die erste Pflicht des Märchens ist, poetisch zu sein; seine zweite ist,
märchenhaft zu erscheinen. Darin liegt zum ersten, dass die Ordnung
der Märchenwelt ihm heilig sein muss. Was in der Märchensprache als
feste Regel gilt, das muss das Märchen respectiren, so gleichgültig
es sich übrigens den Gesetzen und Regeln der wirklichen Welt gegenüber
verhalten mag. So geht es nicht an, dass ein Märchen wie »Die Dryade«
seine Heldin von ihrem Baume trennt, sie symbolische Reisen nach Paris
machen, auf den »bal Mabille« gehen lässt u. s. w.; denn es ist nicht
unmöglicher für alle Könige der Erde, das kleinste Blatt an eine
Nessel zu setzen, als es für das Märchen ist, eine Dryade von ihrem
Baume los zu reissen. Aber in der Märchenform liegt zum zweiten, dass
der Rahmen nichts in sich aufnehmen kann, was, um poetisch zu seinem
Rechte zu gelangen, eine tiefe psychologische Schilderung, eine ernste
dramatische oder romanmässige Entwickelung erfordern würde. Eine Frau
wie jene Maria Grubbe, von deren interessantem Leben Andersen uns in
der Geschichte vom »Hühner-Gretchen« eine Skizze gibt, ist zu sehr ein
Charakter, als dass es einem Märchendichter möglich sein sollte, ihr
Wesen zu schildern oder zu erklären; versucht er es, so empfindet man
ein Missverhältniss zwischen dem Gegenstande und der Form[38]. Man darf
sich indess weniger über diese einzelnen Flecken wundern, als vielmehr
darüber, dass sie so äusserst selten vorkommen. Ich habe sie auch nur
hervorgehoben, weil es interessant ist, durch die Ueberschreitung
der Grenze letztere selbst kennen zu lernen, und weil es mir wichtig
schien, zu ermitteln, wie das Flügelross des Märchens, bei all seiner
Freiheit, den ganzen Kreis zu durchlaufen und zu durchfliegen, doch
seinen festen Spannpflock im Centrum hat.
Seine Schönheit, seine Stärke, seine Flugkraft und Anmuth sieht man
nicht, indem man auf seine Schranke achtet, sondern indem man seinen
mannigfachen und kühnen Bewegungen innerhalb seines Kreises folgt.
Hierauf wollen wir zum Schlusse einen Blick werfen. Die Märchen liegen
vor uns wie eine grosse, reiche, blumenbesäte Flur. Lasst uns frei
auf derselben umher schweifen, sie nach kreuz und quer durchwandern,
bald hier, bald da ein Blümchen pflückend, uns erfreuend an seiner
Farbe, seiner Schönheit, an dem Ganzen. Diese kleinen kurzen Dichtungen
stehen ja wirklich in demselben Verhältnisse zu den umfangreicheren
Poesien, wie die kleinen Blumen zu den Bäumen des Waldes. Wer an
einem schönen Tage zur Frühlingszeit nach einem seeländischen Walde
hinaus spaziert, um die Buche in ihrer jungen Pracht mit den braunen
Sammtknöpfen in der hellgrünen Seide zu sehen, der wendet, wenn er eine
Zeit lang in die Höhe geblickt hat, seine Augen zur Erde hinab, und da
zeigt sich, dass der Waldgrund eben so schön wie das Wipfeldach des
Waldes ist. Hier wachsen in geringem Abstande buntfarbige Anemonen,
weisse und dunkelrothe Maiblumen, gelbe Sternblümchen, rothe und blaue
Nelkenwurz, Butterblumen und Steinbrech, Sternkraut, Dotterblumen
und Löwenzahn. Nahe bei einander stehen die Knospe, die entfaltete
Blume und die, welche schon Samen trägt, die jungfräuliche und die
befruchtete Pflanze, die duftlosen und die wohlriechenden Blumen,
die giftigen und die nützlichen, die heilsamen Kräuter. Häufig ist
die Pflanze, welche im Systeme den niedrigsten Platz einnimmt, wie
das blüthenlose Farnkraut, für das Auge die schönste. Blumen, welche
zusammengesetzt erscheinen, bestehen bei näherer Betrachtung aus ganz
wenigen Blättern, und Pflanzen, deren Blüthe eine einzelne scheint,
tragen auf ihrer Spitze einen ganzen Flor nur durch den Stengel
vereinigter Blumen. So ist's auch mit den Märchen. Die, welche betreffs
ihrer Würde am niedrigsten stehen, wie »Die Springer«, enthalten oft
eine ganze Lebensphilosophie in kurzem Auszuge, und die, welche als
einzeln erscheinen, wie die »Galoschen des Glücks«, bestehen aus einer
lose verbundenen Blüthendolde. Einige stehen in der Knospe, wie »Der
Wassertropfen«, andere schiessen in Samen, wie »Das Judenmädchen« oder
der »Stein der Weisen«. Einige bestehen nur aus einem einzigen Punkte,
wie »Die Prinzessin auf der Erbse«, andere haben grosse, edle Formen,
wie die in Indien besonders beliebte »Geschichte einer Mutter«, welche
einer fremden, südländischen Blume, der Kala, gleicht, die in ihrer
erhabenen Einfalt nur aus einem einzigen Blatte besteht.
Ich schlage das Buch aufs geradewohl auf, und mein Auge fällt auf
»Erlenhügel«. Welches Leben und welche Laune: »In der Küche waren
vollauf Frösche am Spiesse, Natterhäute mit Kinderfingerchen darin,
und Salate von Pilzsamen, feuchten Mäuseschnauzen und Schierling,
... verrostete Nägel und Kirchenfensterglas gehörten zum Naschwerk«.
Glaubt man, die Kinder seien hier vergessen? Keineswegs. »Der alte
Erlenkönig liess seine Goldkrone mit gestossenem Schiefer poliren; es
war Bank-Erster-Schiefer, und _es ist für den Erlenkönig sehr schwer,
Bank-Erster-Schiefer zu erhalten!_« Glaubt man, hier sei nichts für
die Erwachsenen? Noch mehr gefehlt! »O, wie sehne ich mich nach
dem alten, norwegischen Kobold! Die Knaben, sagt man, sollen etwas
unartige, naseweise Jungen sein ... _Sie gehen mit blassem Halse und
ohne Tragbänder, denn sie sind Kraftmänner_«. Welch ein Festgelag! Das
Todtenpferd ist unter den Eingeladenen. Glaubt man, Andersen vergässe
beim Gelage den Charakter des Gastes? »Nun mussten die Erlenmädchen
tanzen, und zwar sowohl einfach wie mit Stampfen, und das stand ihnen
gut ... Der Tausend! wie sie die Beine ausstrecken konnten, man
wusste nicht, was Ende und was Anfang, man wusste nicht, was Arme und
was Beine waren; das ging alles durch einander wie Sägespäne; und
dann schnurrten sie herum, _dass dem Todtenpferde unwohl wurde und
es vom Tische gehen musste_«. Andersen kennt das Nervensystem des
Todtenpferdes und gedenkt dessen schwachen Magens.
Er hat die echte Gabe, _übernatürliche Wesen_ zu erschaffen, welche in
der modernen Zeit so selten ist. Wie tief symbolisch und wie natürlich
ist es z. B., dass die kleine Seejungfer, als ihr Schwanz zu »zwei
niedlichen Beinen« eingeschrumpft ist, bei jedem Schritte, den sie
macht, das Gefühl hat, _als ob sie auf scharfe Messer und spitze
Nadeln träte_. Wie viele arme Frauen treten nicht bei jedem Schritt,
den sie thun, auf scharfe Messer um demjenigen nahe zu sein, den sie
lieben, und wie weit sind doch diese davon, die unglücklichsten zu
sein! -- Eine herrlich gezeichnete Bande ist ferner jene Koboldschaar
in der »Schneekönigin«, ein treffliches Sinnbild ist der Hexenspiegel,
und eine tief empfundene Gestalt diese Königin selbst, die, mitten
auf dem öden Schneefelde sitzend, alle kalte Schönheit desselben in
sich eingesogen hat. Dies Weib ist gewissermassen verwandt mit der
_Nacht_, einer der eigenthümlichsten Gestalten Andersen's. Es ist nicht
Thorwaldsen's milde, schlafbringende Nacht, nicht Carstens' ehrwürdige
mütterliche Nacht, sondern die schwarze, unheimliche, schlaflose und
grausenvolle: »Draussen mitten im Schnee sass eine Frau in langen,
schwarzen Gewändern, und sie sprach: 'Der Tod ist bei Dir in Deiner
Stube gewesen, ich sah ihn mit Deinem kleinen Kinde davon eilen, er
schreitet schneller als der Wind und bringt niemals zurück, was er
genommen hat'. 'Sag mir blos, welchen Weg er gegangen ist!' sagte die
Mutter; 'sag mir den Weg, und ich werde ihn finden'. 'Ich kenne ihn',
sagte die Frau in den schwarzen Gewändern; 'aber bevor ich ihn Dir
sage, musst Du mir erst alle die Lieder vorsingen, die Du Deinem Kinde
vorgesungen hast. Ich liebe diese Lieder, ich habe sie früher gehört;
ich bin die Nacht und sah Deine Thränen, als Du sie sangst'. 'Ich will
sie alle, alle singen!' sagte die Mutter; 'aber halte mich nicht auf,
damit ich ihn einholen, damit ich mein Kind wiederfinden kann!' _Aber
die Nacht sass stumm und still._ Da rang die Mutter ihre Hände, sang
und weinte, und es gab viele Lieder, aber noch mehr Thränen«. Die
Mutter geht weiter, weint sich die Augen aus, um für diesen Preis über
den See zu gelangen, und gibt, um in das Treibhaus des Todes zu kommen,
dem »alten Grabweib« ihr langes schwarzes Haar _und erhält deren
weisses dafür_.
Wir treffen eine unzählbare Menge von Phantasiegeschöpfen, kleine
elfenhafte Gottheiten wie Ole Luköje (der Sandmann) oder die Kobolde
mit den rothen Mützen, und die nordische Dryade, Fliedermütterchen.
Man fühlt hier recht Andersen's Stärke, wenn man sie mit der Ohnmacht
der zeitgenössischen dänischen Dichter in dieser Hinsicht vergleicht.
Was für blasse Gestalten sind nicht Heiberg's Pomona, Asträa oder Fata
Morgana! Andersen gibt selbst dem Schatten einen Körper. Was sagt der
Schatten? Was sagt er zu seinem Herrn? »_Ich bin von Kindesbeinen an
in Ihre Fusstapfen getreten_«. Das ist wahr. »_Wir sind ja von Kind
an mit einander aufgewachsen_«. Das ist nicht minder wahr. Und als er
sich nach einem Besuche empfiehlt: »_Adieu! Hier ist meine Karte, ich
wohne auf der Sonnenseite und bin bei Regenwetter stets zu Hause_«.[39]
Andersen kennt die Sehnsuchts-Qualen des Schattens, seine Gewohnheiten
und seine Wollust: »Ich lief im Mondscheine auf der Strasse umher,
_ich reckte mich lang an der Mauer hinauf, das kitzelt so angenehm auf
dem Rücken_«. Dies Märchen vom Schatten, das keineswegs an Chamisso
erinnert, ist eine kleine Welt für sich. Ich nehme keinen Anstand, es
eins der grössten Meisterwerke in der dänischen Litteratur zu nennen.
Es ist die Epopöe aller Schatten, aller Menschen aus zweiter Hand,
aller unoriginellen, unursprünglichen Geister, aller derjenigen, welche
wähnen, dass sie durch die blosse Losreissung von ihrem Originale
Persönlichkeit, Selbständigkeit und wirkliches, echtes Menschendasein
erlangen. Es ist auch eins der wenigen, wo der Dichter trotz seines
weichherzigen Optimismus gewagt hat, die hässliche Wahrheit in ihrer
ganzen Nacktheit hervor treten zu lassen. Der Schatten beschliesst, um
sich vor allen Enthüllungen betreffs seiner Vergangenheit zu sichern,
dem Menschen das Leben zu nehmen: »'Der arme Schatten!' (d. h. der
Mensch) sagte die Prinzessin; 'er ist sehr unglücklich, es wäre eine
wahre Wohlthat, ihn von dem bisschen Leben zu befreien, und wenn ich
recht darüber nachdenke, so scheint es mir nöthig zu sein, dass man ihn
in aller Stille bei Seite schaffe'. 'Das ist allerdings hart, denn er
war ein treuer Diener', sagte der Schatten, und er that, als wenn er
seufzte. '_Du bist ein edler Charakter!_' sagte die Königstochter«. --
Dies Märchen ist endlich eins von denen, in welchen man am leichtesten
den Uebergang vom Natürlichen zum Uebernatürlichen beobachten kann: der
Schatten reckt und streckt sich solange, »um zu Kräften zu kommen«, bis
es ganz natürlich ist, dass er sich zuletzt losreisst.
Wir schlagen das Buch zu und öffnen es an einer anderen Stelle. Da
stossen wir auf »Die Springer«. Eine kurze und bündige Belehrung über
das Leben. Die Hauptpersonen sind der Floh, der Heuschreck und der
Hüpfauf aus dem Gänsebrustknochen; die Königstochter ist der Preis für
den besten Sprung. »Merkt's euch Alle«, sagt die Muse des Märchens,
»Springt mit Verstand! Es frommt nicht, so hoch zu springen, dass
Niemand euch sehen kann; dann behauptet der Pöbel, es sei so gut,
als wäret ihr gar nicht gesprungen. Seht nur auf all' die grössten
Geister, Denker, Dichter und Männer der Wissenschaft. Für die Menge
ist es, als hätten sie gar keinen Sprung gethan, sie ernteten keinen
Lohn, _Körper gehört dazu!_ Es frommt auch nicht, hoch und gut zu
springen, wenn man den Machthabern in's Gesicht springt. Auf die Art
macht man fürwahr keine Karriere. Nein, nehmt den Hüpfauf zum Vorbild!
Der ist fast apoplektisch, zuerst hat es den Anschein, als könne er
gar nicht springen, und viele Bewegungen kann er gewiss auch nicht
machen; aber dennoch macht er -- mit dem Instinkte der Dummheit, mit
der Geschicklichkeit der Trägheit -- einen kleinen _schiefen_ Sprung
gerade in den Schoss der Prinzessin. Nehmt euch ein Exempel dran, er
hat gezeigt, dass er Kopf hat!«
Welch' eine Perle von Märchen! und welche Gabe, die Thiere menschlich
zu benutzen! Es lässt sich nämlich nicht leugnen, dass man zuweilen
fast in Zweifel ist, was der ganze Einfall, die Thiere reden zu
lassen, im Grunde zu bedeuten hat. Eins ist es ja, ob wir Leser uns
getroffen fühlen, ein Anderes, ob auch der Charakter des Thieres
wirklich getroffen ist, des Thieres, das nicht eine einzige menschliche
Eigenschaft hat. Man wird indess leicht einsehen, dass es unmöglich
ist von dem Thiere, selbst rein wissenschaftlich zu reden, ohne ihm
Eigenschaften beizulegen, die wir von uns selber her kennen. Wie soll
man es z. B. vermeiden, den Wolf _grausam_ zu nennen? Andersen's
Geschicklichkeit besteht nun darin, eine poetische, eine schlagende
Scheinübereinstimmung zwischen dem Thiere und seiner menschlichen
Eigenschaft hervor zu bringen. Ist es nicht richtig, dass die Katze zu
Rudy sagt: »Komm' nur mit hinaus auf's Dach, kleiner Rudy! _Was die
Leute vom Herunterfallen reden, ist eitel Einbildung: man fällt nicht,
wenn man sich nicht davor fürchtet._ Komm' nur, setze Deine eine Pfote
so, die andere so! fühle vor mit den Vorderpfoten! Musst Augen im Kopfe
und geschmeidige Glieder haben! Kommt irgend 'ne Kluft, so springe nur
und halte Dich fest, so mach ich's!«
Ist es nicht natürlich, dass die alte Schnecke sagt: »Das hat doch
auch gar keine Eile. Aber Du eilst immer so sehr, und der Kleine fängt
das nun auch schon an. _Kriecht er nicht bereits seit drei Tagen an
dem Stengel hinauf! Ich bekomme wirklich Kopfweh, wenn ich zu ihm
emporblicke_«.
Was schildert treffender eine Wochenstube, als die Ausbrütung der
jungen Entlein! Was ist wahrscheinlicher, als dass die Sperlinge
sagen, wenn sie ihre Nachbarn ausschimpfen wollen: »Die _dickköpfigen_
Rosen!«[40]
Ein Märchen habe ich mir bis zuletzt aufgespart; jetzt suche ich es
hervor, denn es ist gleichsam die Krone des Werkes. Es ist das Märchen
von der »Glocke«, in welchem der Dichter der Naivetät und der Natur
den Höhepunkt seiner Poesie erreicht hat. Wir sahen sein Talent, das
Uebermenschliche und das Untermenschliche natürlich zu schildern. In
diesem Märchen steht er der Natur selber von Angesicht zu Angesicht
gegenüber. Es handelt von der unsichtbaren Glocke, welche zu suchen
die jungen Confirmanden ausgingen -- die Jünglinge, bei welchen die
Sehnsucht nach dem unsichtbar Lockenden und Reizenden noch frisch war.
Der Kaiser hatte versprochen, »dass der, welcher wirklich ausfindig
machen könne, woher der Schall komme, den Titel eines 'Weltglöckners'
haben solle, und das selbst dann, wenn es keine Glocke sei. Nun gingen
Viele der guten Versorgung halber nach dem Walde; aber der Einzige,
der mit einer Art Erklärung zurückkam, war, so wenig, wie die Andern,
tief genug eingedrungen; er sagte jedoch, dass der Glockenton von
einer sehr grossen Eule in einem hohlen Baume herkomme; es sei eine
Art Weisheits-Eule, die ihren Kopf fortwährend gegen den Baum stosse.
Und so wurde er als Weltglöckner angestellt und _schrieb jedes Jahr
eine kleine Abhandlung über die Eule; man ward dadurch eben so klug,
wie man vorher gewesen war_«. Die Konfirmanden gehen also auch dieses
Jahr hinaus, »und sie hielten einander bei den Händen, _denn sie hatten
ja noch keine Aemter erhalten_«. Allein bald ermüden sie, Einer nach
dem Andern, und kehren um, dieser aus einem Grunde, jener aus einem
Vorwande. Eine ganze Klasse bleibt bei einer _kleinen Glocke_ auf einem
idyllischen Häuschen stehen, ohne, wie die wenigen Ausharrenden, zu
bedenken, dass eine so kleine Glocke nicht das anziehende Glockenspiel
verursachen könne, sondern »dass es ganz andere Töne sein müssten, die
ein Menschenherz so rührten«, und sie begeben sich mit ihrer _kleinen_
Hoffnung, ihrer _kleinen_ Sehnsucht zur Ruhe bei dem _kleinen_ Funde,
dem _kleinen_ Glücke, der kleinen idyllischen Freude. Ich denke mir,
der Leser ist einigen dieser Konfirmanden als Erwachsenen schon
begegnet. Zuletzt sind nur noch Zwei übrig, ein Königssohn und ein
armer kleiner Knabe in Holzschuhen »und mit einer so kurzen Jacke,
dass man recht sehen konnte, wie lange Handgelenke er habe«. Unterwegs
trennen sie sich; denn der eine wollte die Glocke zur Rechten, der
andere zur Linken suchen. Der Königssohn suchte die Glocke auf dem
Wege, der »auf der Seite des Herzens« lag, der arme Knabe suchte sie
in der entgegengesetzten Richtung. Wir folgen dem Königssohne, und
wir lesen mit Bewunderung, welche mystische Pracht der Dichter der
Gegend zu geben weiss, indem er die natürlichen Farben der Blumen
verändert und vertauscht. »Aber er ging unverdrossen tiefer und tiefer
in den Wald, wo die wunderbarsten Blumen wuchsen; da standen _weisse_
Sternlilien mit _blutrothen_ Staubfäden, _himmelblaue_ Tulpen, die im
Winde _funkelten_, und Apfelbäume, deren Aepfel wie grosse, glänzende
Seifenblasen aussahen; denkt nur, wie die Bäume im Sonnenschein
strahlen mussten!« Die Sonne geht unter, der Königssohn fürchtet schon,
von der Nacht überrascht zu werden; er steigt auf die Felsen hinauf, um
die Sonne noch einmal zu sehen, ehe sie ganz am Horizonte versinkt. Man
höre den Hymnus des Dichters:
»Und er ergriff Ranken und Wurzeln und kletterte an den nassen Steinen
empor, wo die Wasserschlangen sich wanden, wo die Kröte ihn gleichsam
anbellte; -- aber hinauf kam er, bevor die Sonne, von dieser Höhe
gesehen, ganz untergegangen war. O, welche Pracht! Das Meer, das
grosse, herrliche Meer, das seine langen Wogen gegen die Küste wälzte,
streckte sich vor ihm aus, und die Sonne stand wie ein grosser,
glänzender Altar da draussen, wo Meer und Himmel sich begegneten; Alles
verschmolz in glühenden Farben; der Wald sang und das Meer sang und
sein Herz sang mit. Die ganze Natur war eine grosse, heilige Kirche,
worin Bäume und schwebende Wolken die Pfeiler, Blumen und Gras die
gewebte Sammetdecke, und der Himmel selbst die grosse Kuppel bildeten;
dort oben erloschen die rothen Farben, indem die Sonne verschwand; aber
Millionen Sterne wurden angezündet, Millionen Diamantlampen erglänzten,
und der Königssohn breitete seine Arme aus gegen den Himmel, gegen das
Meer und den Wald -- und im selben Augenblicke kam, von dem rechten
Seitenwege, der arme Konfirmand mit der kurzärmeligen Jacke und den
Holzschuhen; er war hier eben so zeitig angelangt, er war auf seinem
Wege dahin gekommen. Und sie liefen einander entgegen und fassten
einander an der Hand in der grossen Kirche der Natur und der Poesie.
Und über ihnen ertönte die unsichtbare, heilige Glocke; selige Geister
umschwebten sie im Tanze zu einem heiligen Hallelujah!«
Das Genie gleicht dem reichen Königssohne, sein aufmerksamer Zuhörer
dem armen Knaben; aber Kunst und Wissenschaft begegnen sich, obschon
sie sich unterwegs trennen, in der Begeisterung und der Andacht
gegenüber dem göttlichen All der _Natur_.