Man trifft in seinen Märchen Anfänge wie diesen: »Man hätte glauben
sollen, dass in dem Ententeiche etwas Wichtiges vorgehe, aber es ging
Nichts vor! Alle Enten, die ruhig auf dem Wasser lagen -- einige
standen auf dem Kopfe, denn das konnten sie -- schossen plötzlich ans
Land; man konnte in dem nassen Lehm die Spuren ihrer Füsse sehen, und
man konnte eine ganze Strecke weit ihr Geschnatter hören« oder wie
folgenden: »Seht! nun fangen wir an. Wenn wir am Ende der Geschichte
sind, wissen wir mehr als jetzt, denn es war ein böser Kobold! Es war
einer der allerschlimmsten, es war der Teufel!« Die Konstruktion, die
Wortstellung in den einzelnen Sätzen, die ganze Anordnung streitet
wider die einfachsten Regeln der Syntax. »So schreibt man nicht«.
Das ist wahr; aber so spricht man. Zu erwachsenen Menschen? Nein,
aber zu Kindern; und wesshalb sollte man nicht befugt sein, die
Worte in derselben Ordnung niederzuschreiben, in welcher man sie zu
Kindern spricht? Man vertauscht hier die gewöhnliche Norm mit einer
andern; nicht die Regel der abstracten Schriftsprache, sondern das
Fassungsvermögen des Kindes ist hier das Bestimmende; es ist Methode
in dieser Unordnung, wie Methode in den Sprachschnitzern des Kindes
ist, wenn es sagt: »Du lügtest«, anstatt »Du logst«. Die angenommene
Schriftsprache durch die freie Umgangssprache zu ersetzen, die steifere
Ausdrucksweise des Erwachsenen mit derjenigen zu vertauschen, welche
das Kind gebraucht und versteht, wird das Ziel des Dichters sobald
er den Entschluss fasst, »Märchen für Kinder« zu erzählen. Er hat
die kühne Absicht, sich in einem Druckwerke der mündlichen Rede zu
bedienen, er will nicht schreiben, sondern sprechen, und er will
gern wie ein Schulkind schreiben, wenn er dadurch nur vermeidet, wie
ein Buch zu reden. Das geschriebene Wort ist arm und verlassen, das
mündliche hat ein Heer von Verbündeten in dem Zuge des Mundes, welcher
den Gegenstand, von dem die Rede ist, nachahmt, in der Handbewegung,
welche ihn malt, in der Länge oder Kürze des Tones, seinem scharfen
oder milden, ernsten oder drolligen Charakter, im ganzen Mienenspiel
und in der ganzen Haltung. Je ursprünglicher das Wesen ist, zu welchem
man spricht, desto mehr versteht es durch diese Hilfsmittel. Wer einem
Kinde eine Geschichte erzählt, der erzählt unwillkürlich mit vielen
Fratzen und Geberden; denn das Kind sieht die Geschichte eben so viel,
wie es sie hört; es achtet fast wie der Hund, mehr auf die zärtliche
oder erbitterte Betonung, als darauf, ob die Worte Freundlichkeit oder
Zorn ausdrücken. Wer sich schriftlich an das Kind wendet, muss also
den wechselnden Tonfall, die plötzlichen Pausen, die beschreibenden
Handbewegungen, die Furcht einjagende Miene, das die glückliche Wendung
verrathende Lächeln, den Scherz, die Liebkosungen und den Appell,
welcher die einschlummernde Aufmerksamkeit weckt, -- alles dies muss er
in seinem Vortrag zu verweben suchen, und da er nicht die Begebenheit
geradezu dem Kinde vorsingen, malen oder tanzen kann, so muss er den
Gesang, das Bild und die mimische Bewegung in seine Prosa bannen, dass
sie wie gebundene Kräfte darin liegen, und sich erheben, sobald das
Buch aufgeschlagen wird. Erstens: keine Umschreibungen; Alles wird
frisch von der Leber weg gesagt, ja, mehr als gesagt, gebrummt, gesummt
und geblasen: »Es kam ein Soldat auf der Landstrasse heran marschirt,
_eins zwei, eins zwei_«. »Und die ausgeschnitzten Trompeter bliesen:
Tratteratra! der kleine Junge ist da, tratteratra!« »Hör', sagte der
Schneckenvater wie es auf den Klettenblättern trommelt: rundumdum,
rundumdum!« Hier wird, wie in dem »Gänseblümchen«, mit einem »Nun hör'
einmal!« begonnen, das sofort die Aufmerksamkeit in Beschlag nimmt.
Hier wird in der Weise des Kindes gescherzt: »Dann hieb der Soldat der
Hexe den Kopf ab. _Da lag sie!_« Man hört das Lachen des Kindes, das
auf diese kurze, nicht sehr gefühlvolle, aber anschauliche Darstellung
des Abmuckens folgt. Hier werden so weiche Töne angeschlagen, wie z.
B.: »Die Sonne schien auf den Flachs und die Regenwolken begossen
ihn; und das war eben so gut für ihn, wie es für kleine Kinder ist,
gewaschen zu werden und darauf einen Kuss von ihrer Mutter zu bekommen;
sie werden ja viel schöner davon«. Dass an dieser Stelle eine Pause
in der Erzählung gemacht wird, um dem Kinde den im Text gemeldeten
Kuss zu geben, ist Etwas, das jede Mutter einräumen wird, und das sich
von selbst versteht; der Kuss liegt ja im Buche. Die Rücksicht auf
den jungen Leser kann nur dann noch weiter getrieben werden, wenn der
Dichter kraft seiner geschmeidigen Sympathie sich ganz mit dem Kinde
identificirt und sich so vollständig in dessen Vorstellungskreis, in
dessen Anschauungsweise, ja in dessen rein körperlichen Gesichtspunkt
hinein lebt, dass ihm ein Satz wie dieser unter die Feder kommt: »Das
grösste grüne Blatt hier zu Lande ist doch jedenfalls das Klettenblatt;
hält man eins vor seinen kleinen Leib, so ist es wie ein Schürzchen,
und legt man es auf seinen Kopf, so ist es bei Regenwetter fast so gut
wie ein Schirm, denn es ist so ausserordentlich gross«. Das sind Worte,
die ein Kind, und jedes Kind, verstehen kann.
Wie glücklich ist doch ein Dichter wie Andersen! Welcher Schriftsteller
hat ein Publikum wie er! Welch kümmerliches Schicksal hat im Vergleich
ein Mann der Wissenschaft, der zumal in einem kleinen Lande für ein
Publikum schreibt, das ihn weder liest noch schätzt, und der von vier
oder fünf -- Rivalen und Gegnern gelesen wird! Ein Dichter ist im
Allgemeinen günstiger gestellt, aber wiewohl es für den Poeten ein
Glück ist, von Männern gelesen zu werden, und zu wissen, dass seine
Schriften von zarten Fingern durchblättert werden, die seidene Fäden
als Lesezeichen verwenden, so hat doch keiner sich nur annähernd eines
so frischen und aufgeweckten Leserkreises zu rühmen, wie _Andersen_
dessen gewiss ist. Seine Märchen gehören zu den Büchern, die wir
silbenweise entziffert haben, und die wir heute noch lesen. Es sind
einzelne darunter, in welchen die Buchstaben uns immer noch grösser,
die Worte gewichtvoller erscheinen, als in den anderen, weil wir sie
zum ersten Mal Buchstaben für Buchstaben und Wort für Wort kennen
lernten. Und welche Freude muss es für Andersen gewesen sein, in seinen
Träumen dies Gewimmel von Kindergesichtern zu Tausenden um seine Lampe
zu sehen, diese Menge blühender, rosenwangiger kleiner Krausköpfe,
wie im Gewölk eines katholischen Altarbildes, flachshaarige dänische
Knaben, zarte englische Babies, schwarzäugige Hindumädchen, -- sie
vor sich zu sehen, reich und arm, buchstabirend, lesend, aufhorchend,
in allen Ländern, in allen Zungen, bald gesund und froh, müde vom
Spiele, bald schwächlich, blass, mit durchsichtiger Haut nach einer
der unzähligen Krankheiten, von denen die Kinder der Erde heimgesucht
werden, und sie begierig diesen Wirrwarr weisser und dunkelbrauner
Händchen nach jedem neuen, fertiggewordenen Blatte ausstrecken zu
sehen! Ein so gläubiges, so tief aufmerksames, so unermüdliches
Publikum hat kein Anderer. Kein Anderer hat auch ein so ehrwürdiges;
denn selbst das Alter ist nicht so ehrwürdig und heilig wie die
Kindheit. Hier bietet sich uns eine ganze Reihe friedlicher und
idyllischer Scenen: da wird laut vorgelesen, und die Kinder lauschen
mit Andacht, oder der Kleine sitzt vertieft in seine Lektüre, beide
Ellenbogen auf den Tisch gestützt, und die Mutter liest im Vorübergehen
mit über die Schulter des Kindes. Lohnt sich's nicht der Mühe, für
einen Hörerkreis wie diesen zu schreiben, und gibt es wohl einen, der
eine unbeflecktere und willfährigere Phantasie hätte?
Es gibt keinen, und man braucht nur die Einbildungskraft der Hörer
zu studiren, um die des Schriftstellers kennen zu lernen. Der
_Ausgangspunkt_ für seine Kunst ist das Spiel des Kindes, das Alles
zu Allem macht; desshalb macht die spielende Laune des Künstlers
Spielsachen zu natürlichen Geschöpfen, zu übernatürlichen Wesen
(Kobolden), zu Helden, und benutzt umgekehrt die ganze Natur und
alles Uebernatürliche, Helden, Kobolde und Feen, als Spielzeug, d. h.
als künstlerische Mittel, welche bei jedem neuen künstlerischen
Zusammenhange umgeprägt und neu gestempelt werden. Der _Nerv_ dieser
Kunst ist die Einbildungskraft des Kindes, welche alles beseelt und
zu einem persönlichen Wesen macht; dadurch belebt sie ein Stück
Hausrath so gut wie eine Pflanze, eine Blume so gut wie einen Vogel
oder eine Katze, und das Thier in derselben Weise wie die Puppe, wie
das Portrait, wie die Wolken, die Sonnenstrahlen, die Winde und die
Jahreszeiten. Selbst der Hüpfauf aus dem Brustknochen einer Gans
wird solchergestalt für das Kind ein lebendes Ganzes, ein denkendes,
willensbegabtes Wesen. Das _Vorbild_ einer solchen Poesie ist der
Traum des Kindes, in welchem die kindlichen Vorstellungen noch rascher
und mit noch kühneren Verwandlungen wechseln, als beim Spiele;
desshalb nimmt der Dichter (wie in den »Blumen der kleinen Ida«, im
»Sandmann«, im »Kleinen Tuck«, im »Fliedermütterchen«) gern seine
Zuflucht zum Traume als zu seinem Arsenale; desshalb kommen ihm oft,
wenn er den Kindestraum sich in den Vorstellungen ergehen lässt,
welche das Kindesgemüth erfüllen und ängstigen, seine herrlichsten
Inspirationen, z. B. wenn der kleine Hjalmar im Traume hört, wie die
schiefen Buchstaben, die auf der Nase liegen, in seinem Schreibbuche
jammern. »Seht, so sollet ihr euch halten!« sagte die Vorschrift,
»seht, so schräg geneigt, mit einem kräftigen Schwunge!« »Ach, wir
möchten gern«, sagten Hjalmar's Buchstaben, »aber wir können's nicht,
wir sind so schwach!« »Dann müsst ihr Kinderpulver einnehmen!« sagte
Ole Luköje. »O nein!« riefen sie und da standen sie so schlank, dass
es eine Lust war.« So träumt ein Kind, und so malt ein Dichter uns
den Traum eines Kindes. Aber die _Seele_ dieser Poesie ist doch weder
der Traum noch das Spiel, es ist ein eigenes, wieder kindliches, aber
zugleich mehr als kindliches Vermögen, nicht blos das Eine für das
Andere zu setzen, also Alles zu vertauschen, oder das Eine im Andern
leben zu lassen, also Alles zu beleben, sondern, durch das Eine schnell
und flüchtig an das Andere erinnert, das Eine im Andern wiederfindend,
es zu verallgemeinern, das Bild zum Sinnbilde zu gestalten, den Traum
zur Mythe zu erheben, und durch eine künstlerische Verschiebung den
einzelnen märchenhaften Zug in einen Brennpunkt für das ganze Leben zu
verwandeln.
Eine solche Phantasie dringt nicht tief in den Kern der Dinge ein,
sie beschäftigt sich mit Kleinigkeiten; sie sieht die groben Fehler,
nicht die grossen, sie trifft, aber nicht tief, sie verletzt, aber
nicht gefährlich, sie flattert wie ein beschwingter Falter von einem
Orte zum andern, an den ungleichartigsten Punkten verweilend, und sie
spinnt wie ein kluges Insekt ihr feines Gewebe von vielen verschiedenen
Ausgangspunkten her zu einem Ganzen zusammen. Was sie erzeugt, ist
kein Seelengemälde, keine unmittelbare Menschendarstellung, sondern
ein Werk, das mit all seiner künstlerischen Vollkommenheit schon in
den unschönen und verwirrenden Arabesken der »Fussreise nach Amack«
angedeutet war.
Während die Märchendichtung nämlich durch ihren Inhalt an alte
Mythenbildungen erinnert (»Fliedermütterchen«, »Die Schneekönigin«),
an die Volkssagen, auf deren Grunde sie sich zuweilen erbaut, an
Sprichwörter und Fabeln des Alterthums, ja, an die Parabeln des Neuen
Testaments (der Buchweizen wird gestraft wie der Feigenbaum), während
sie solchermaassen stets durch eine Idee zusammengehalten wird, lässt
sie sich betreffs ihrer Form mit den phantastischen pompeianischen
Dekorationsmalereien vergleichen, in welchen eigenthümlich stilisirte
Pflanzen, lebensvolle Blumen, Tauben, Pfauen und Menschengestalten
sich mit einander verschlingen und in einander übergehen.
Eine Form, die für jeden andern ein Umweg zum Ziele, ein Hinderniss
und eine Verkleidung sein würde, wird für Andersen eine Maske, unter
welcher er sich erst recht frei, recht fröhlich und sicher fühlt, sein
kindlicher Genius spielt, wie die bekannten antiken Kindergestalten,
mit der Maske, erweckt Lachen, ergötzt und erschreckt hinter ihr. So
wird die in all' ihrer Offenherzigkeit maskirte Ausdrucksweise des
Märchens der natürliche, ja klassische Tonfall seiner Stimme, welcher
äusserst selten sich überschlägt oder falsch klingt. Das einzige,
was hin und wieder vorkommt, ist, dass man statt der reinen Milch
des Märchens einen Schluck Milchwasser erhält, dass der Ton etwas zu
empfindsam und süsslich wird (»Der arme Johannes!« »Der arme Vogel!«
»Das arme Däumelinchen!«), was übrigens selten bei den dem Volksmärchen
entnommenen Stoffen, wie »Das Feuerzeug«, »Der grosse Klaus und der
kleine Klaus« etc., der Fall ist, wo das naiv Lustige, Frische und
Harte in der Erzählung, welche ohne die geringste mitleidige oder
weinerliche Phrase von Verbrechen und Mordthaten berichtet, Andersen
zu Statten kommt und seinen Figuren grössere Derbheit verleiht.
Weniger klassisch ist der Ton dagegen in den, den Märchen eingefügten,
lyrischen Ergüssen, in welchen der Dichter in einer bewegten und
pathetischen Prosa einen flüchtig umfassenden Blick über einen
grossen Zeitraum der Geschichte wirft (»Der Ehre Dornenpfad«, »Das
Schwanennest«). Hier scheint mir ein gewisser Schwung, eine gewisse
forcirte Begeisterung in der Stimmung im Missverhältnisse zu dem nicht
sehr bedeutenden Gedankeninhalt zu stehen.
Bis auf die hier angedeuteten wenigen Ausnahmen ist die Erzählungsweise
der Märchen in ihrer Art musterhaft.
Lasst uns, um sie gründlich kennen zu lernen, den Dichter bei seiner
Arbeit belauschen. Lasst uns durch das Studium seines Verfahrens ein
tieferes Verständniss des Resultats gewinnen. Es gibt einen Fall,
wo seine Arbeitsmethode sich deutlich beobachten lässt, nämlich
wenn er einen Stoff umarbeitet. Wir brauchen dann nicht in unklarer
Allgemeinheit zu empfinden und zu loben, wir können Punkt für Punkt,
im Vergleich mit einer abweichenden Erzählungsart, scharf und bestimmt
angeben, was er auslässt, was er hervorhebt, und so seine eigene unter
unseren Augen heranwachsen sehen.
Andersen blättert eines Tages in Don Manuel's »Graf Lucanor«, ergötzt
sich an der schlichten Weisheit der alten spanischen Geschichten, an
ihrer feinen, mittelalterlichen Darstellung, und verweilt bei
=Kapitel VII.=
Handelt davon, was einem König mit drei Betrügern begegnete.
»Graf Lucanor sprach eines Tages mit Patronio, seinem Rathgeber, und
sagte zu ihm: Es ist ein Mann zu mir gekommen und hat mir von einer
sehr wichtigen Sache geredet. Er lässt durchblicken, dass sie im
höchsten Grade zu meinem Besten gereichen würde. Aber er sagt, kein
Mensch in der Welt dürfe darum wissen, wie hoch ich ihn auch schätzen
möge, und er schärft mir so dringend ein, das Geheimniss zu bewahren,
dass er sogar sagt, falls ich Jemand dasselbe offenbaren würde, so
werde mein ganzes Besitzthum und mein Leben aufs höchste gefährdet
sein. Und da ich weiss, dass man Euch Nichts sagen kann, ohne dass Ihr
wisst, ob es zum Heile oder in trugvoller Absicht gesagt wird, so bitte
ich Euch mir zu sagen, was Ihr von dieser Sache haltet. Herr Graf,
antwortete Patronio, damit Ihr verstehen könnt, was hier nach meinem
Dafürhalten zu thun ist, möchte ich Euch bitten, anzuhören, was einem
Könige mit drei Betrügern begegnete, die zu ihm kamen. Der Graf frug,
wie es sich damit verhielte«.
Diese Einleitung gleicht einem Programm; man erfährt zuerst die nackte
Frage, auf welche die nachfolgende Geschichte antworten soll, und
man fühlt, dass die Geschichte nur der Frage halber da ist. Es soll
uns nicht erlaubt sein, selbst aus der Erzählung die Lehre, welche
wir darin finden, zu entnehmen, sie soll mit aller Gewalt auf die
Frage nach dem Vertrauen, welches geheimnissvolle Menschen verdienen,
hingelenkt werden. Diese Erzählungsweise ist die praktische, nicht die
poetische; sie beschränkt allzu stark das Vergnügen, welches der Leser
daran findet, selbst die versteckte Moral zu ermitteln. Die Phantasie
sieht es freilich gern, dass man ihr die Arbeit leicht macht, sie will
sich nicht wirklich anstrengen; aber sie mag nicht, dass man ihrer
leichten Thätigkeit vorgreift, sie will, wie alte Leute, die man zum
Schein arbeiten lässt, nicht daran erinnert werden, dass ihre Arbeit
nur Spiel ist. Die Natur gefällt, wenn sie einem Kunstwerk gleicht,
sagt Kant, die Kunst, wenn sie wie Natur erscheint. Wesshalb? Weil die
verschleierte Absicht gefällt. Aber gleichviel, lasst uns in dem Buche
weiter lesen:
»Herr Graf, sagte Patronio, es kamen drei Betrüger zu einem Könige
und sagten, sie seien ganz vorzügliche Meister in der Anfertigung
von Kleiderstoffen, und sie verstünden namentlich eine Art Zeug zu
verfertigen, das Jeder, welcher wirklich der Sohn _des_ Vaters sei,
den alle Welt dafür hielte, sehen könne, das aber der, welcher nicht
der Sohn seines vermeintlichen Vaters sei, nicht zu sehen vermöge. Dem
König gefiel dies sehr, da er dachte, dass er mit Hilfe dieses Zeuges
erfahren könne, welche Männer in seinem Reiche die Söhne derer seien,
die von rechtswegen ihre Väter sein sollten, und welche nicht, und dass
er solchermassen Vieles in seinem Lande berichtigen könne; denn die
Mauren beerben nicht ihren Vater, wenn sie nicht wirklich seine Kinder
sind. Desshalb befahl er, ihnen einen Palast einzuräumen, in welchem
sie arbeiten könnten«.
Der Anfang ist nicht dumm, es ist Humor in der Geschichte; aber, denkt
Andersen, wenn man sie für Dänemark benutzen wollte, so müsste man
freilich einen anderen Vorwand wählen, der passender für Kinder und für
die bekannte nordische Unschuld wäre. Und dann dieser König, er steht
in der Erzählung wie eine Schachfigur da; wesshalb kommen die Betrüger
gerade zu ihm, was für einen Charakter besitzt er? ist er prunkliebend,
ist er eitel? Man sieht ihn nicht vor Augen. Am besten wär's, wenn er
ein Narr von König wäre. Man müsste ihn charakterisiren, ihn durch ein
Wort, eine Redensart stempeln.
»Und sie sagten zu ihm, er möge sie, um sicher zu sein, dass sie ihn
nicht betrügen, in jenen Palast einschliessen lassen, bis das Zeug
fertig sei, und das gefiel dem König sehr«.
Sie erhalten jetzt Gold, Silber und Seide, verbreiten die Nachricht,
dass das Gewebe begonnen sei, veranlassen durch ihr keckes Hinweisen
auf Muster und Farben die Sendboten des Königs, das Zeug für
vortrefflich zu erklären, und erreichen solchermaassen zuletzt den
Besuch des Königs, welcher, da er Nichts sieht, »einen Todesschreck
bekommt; denn er glaubt, er sei nicht der Sohn des Königs, den er für
seinen Vater gehalten«. Er lobt desshalb das Zeug über die Maassen, und
Alle machen es wie er, bis er eines Tages bei Gelegenheit eines Festes
die unsichtbaren Kleider anlegt; er reitet durch die Stadt, »und es war
gut für ihn, dass es Sommer war«. Niemand sah das Zeug, allein Jeder
fürchtete durch das Eingeständniss seines Unvermögens sich ruinirt und
entehrt zu sehen. »Dadurch wurde dies _Geheimniss_ bewahrt, und Niemand
erkühnte sich, es zu offenbaren, bis ein Neger, welcher das Pferd des
Königs wartete und Nichts zu verlieren hatte, zum König ging«, und die
Wahrheit an den Tag brachte.
»Wer Dir den Rath gibt: schweige gegen Deinen Freund,
Will ohne Zeugen sicherlich betrügen Dich«.
Eine sonderbare und zugleich eine sehr schlecht bewiesene Moral
dieser artigen Geschichte. Andersen vergisst die Moral, beseitigt
mit schonender Hand die schwerfällige Lehre, welche die Erzählung
nach einer Seite hinbiegt, wo ihr wahrer Mittelpunkt nicht liegt, und
erzählt nun mit dramatischer Lebendigkeit, in dialogischer Form, sein
treffliches Märchen von dem eitlen Kaiser, von dem man in der Stadt
sagte: »Der Kaiser ist in der Garderobe«. Er rückt uns die Erzählung
ganz nahe. Es gibt Nichts, dessen Existenz man nicht zu leugnen wagte
aus Furcht, für einen Bastard zu gelten; aber es gibt Vieles, über das
man sich nicht die Wahrheit zu sagen getraut aus Feigheit, aus Furcht,
anders zu handeln, als »alle Welt«, aus Besorgniss, dumm zu erscheinen.
Und diese Geschichte ist ewig neu, ohne Ende. Sie hat ihre ernste,
allein sie hat auch gerade wegen ihrer Unendlichkeit ihre humoristische
Seite: »Aber er hat ja Nichts an! rief zuletzt das ganze Volk. Und
das wurmte den Kaiser, denn es schien ihm, als hätten sie Recht, aber
er dachte bei sich: Nun muss ich die Procession aushalten. _Und so
hielt er sich noch straffer_, und die Kammerherren gingen hinterher
und trugen die Schleppe, die gar nicht da war«. Andersen erst hat die
Erzählung komisch gemacht.
Doch wir können der Erzählungsweise Andersen's noch näher treten; wir
sahen ihn ein fremdes Märchen neu darstellen, wir können ihn auch
seine eigenen Versuche umarbeiten sehen. Im Jahre 1830 veröffentlichte
Andersen in einem Gedichtbande »Der Todte, ein Volksmärchen aus Fünen«,
-- dasselbe, welches er später unter dem Titel »Der Reisekamerad«
umformte. Die Erzählung ist in ihrer ersten Gestalt vornehm und
würdevoll, sie beginnt folgendermaassen: »Ungefähr eine Meile von
Bogensee findet man auf dem Felde in der Nahe von Elvedgaard einen
durch seine Grösse merkwürdigen Weissdorn, den man selbst von der
jütischen Küste aus sehen kann«. Hier sind hübsche landschaftliche
Naturschilderungen, hier ist eine fertige Schriftstellermanier. »Die
erste Nacht _quartirte_ er sich in einem Heuschober auf dem Felde
ein und schlief dort wie ein _persischer_ Fürst in seinem glänzenden
Schlafzimmer«. Ein persischer Fürst! Das ist eine kleinen Kindern
fremde Vorstellung. Setzen wir lieber statt dessen: »Die erste Nacht
musste er sich in einem Heuschober auf dem Felde schlafen legen, ein
anderes Bett hatte er nicht. Aber, das sei recht hübsch, meinte er, der
König selbst könne es nicht besser haben«. Das ist verständlich. »Der
Mond hing wie eine _argantische_ Lampe unter der gewölbten Decke und
brannte mit einer steten Flamme«. Klingt der Ton nicht vertraulicher,
wenn man sagt: »Der Mond war eine grosse Nachtlampe, hoch oben unter
der blauen Decke, und der steckte gewiss nicht die Gardinen in Brand«?
Die Geschichte von der Puppenkomödie wird umgeschrieben; es genügt,
wenn wir wissen, dass das Stück von einem König und einer Königin
handelt; Ahasverus, Esther und Mardochai, die zuerst genannt wurden,
sind zu gelehrte Namen für Kinder. Stossen wir auf einen lebensvollen
Zug, so behalten wir ihn: Die Königin kniete ebenfalls nieder und
streckte ihre goldene Krone aus, als wollte sie sagen: »_Nimm sie! aber
schmiere meinen Gemahl und meine Hofleute!_« Solch eine Stelle ist eine
von denen, wo der Märchenton durch die verfeinerte Form hindurchdringt,
wo der Stil, welcher »Du« zum Leser sagt, den, welcher »Sie« sagt, bei
Seite schiebt. Hier wimmelt es noch von Schriftsteller-Vergleichen:
»Vom Wirth erfuhren unsere Wanderer, dass sie sich im Reiche des
Herzkönigs befänden, eines trefflichen Regenten und nahe verwandt mit
dem Rautenkönige Silvio, der hinlänglich aus Carlo Gozzi's dramatischem
Märchen 'Die drei Pommeranzen' bekannt ist«. Die Prinzessin wird mit
Turandot verglichen, von Johannes heisst es: »Es war, als hätte er
kürzlich den Werther und Siegwart gelesen, er konnte nur lieben und
sterben«. Kreischende Misstöne im Märchenstile! Die Worte sind noch
nicht dem Sprachschatze des Kindes entnommen, der Ton ist elegant,
und die Bezeichnungen sind abstrakt: »Johannes sprach, aber er wusste
selbst nicht, was er sagte, denn die Prinzessin lächelte ihn so selig
an und reichte ihm ihre weisse Hand zu einem Kusse; seine Lippen
brannten, er fühlte sein ganzes Inneres _elektrisirt_; nichts konnte
er von den _Erfrischungen_ geniessen, welche die Pagen ihm anboten,
er sah nur sein schönes Traumbild«. Hören wir dies einmal in dem
Stile, der uns Allen bekannt ist: »Sie war wunderschön anzuschauen und
reichte Johannes die Hand, und er hielt noch viel mehr von ihr, als
zuvor. Sie konnte sicher keine böse Hexe sein, wie alle Leute es ihr
nachsagten. -- Dann begaben sie sich in den Saal, und die kleinen Pagen
präsentirten ihnen Eingemachtes und Pfeffernüsse, aber der alte König
war so betrübt, er konnte gar nichts essen, und die Pfeffernüsse waren
ihm auch zu hart«.
In seiner Jugend war Andersen, welcher sich damals Musäus zum Vorbilde
nahm, noch nicht so weit gelangt, dass er verstanden hätte, Scherz
und Ernst in seinem Vortrage zu verschmelzen, sie fielen auseinander;
kaum war das Gefühl ausgesprochen, als sofort die störende Parodie
sich einstellte. Johannes sagt einige Worte, in denen er seine Liebe
ausspricht, und der Verfasser fügt hinzu: »O, es war so rührend zu
hören! Der arme junge Mensch, der sonst so natürlich, so liebenswürdig
war, sprach jetzt ganz wie ein Claurensches Buch; aber was thut nicht
die Liebe!« Auf diesem Punkte, bei dieser pedantischen Frivolität
verharrte Andersen noch 1830; allein fünf Jahre später ist sein
Verwandlungsprocess beendet, sein Talent hat sich gehäutet, sein Muth
ist gewachsen, er wagt seine eigene Sprache zu reden.
Das Bestimmende in dieser Sprechweise war von Anfang an das Kindliche.
Um von so jugendlichen Lesern verstanden zu werden, wie die, an welche
er sich wandte, musste er die allereinfachsten Worte gebrauchen, auf
die allereinfachsten Vorstellungen zurück gehen, alles Abstrakte
vermeiden, die indirekte Rede durch die direkte ersetzen, aber indem
er solchermaasen das Einfältige sucht, findet er das dichterisch
Schöne, und indem er zu dem Kindlichen gelangt, zeigt sich, dass dies
Kindliche eben das Poetische ist; denn der allgemein verständliche,
naive Ausdruck ist poetischer, als der, welcher an die Industrie, an
die Geschichte, an die Litteratur erinnert, die konkrete Thatsache ist
zugleich lebendiger und durchsichtiger, als die, welche als Beweis
für einen Satz hingestellt wird, und die Sprache, welche unmittelbar
von den Lippen gebildet wird, ist charakteristischer, als die blasse
Umschreibung mit einem »dass«[33].
Bei dieser Sprache zu verweilen, sich in ihren Wortschatz, ihre Syntax,
ihre Betonung zu vertiefen, ist kein Zeugniss von einem kleinlichen
Geiste und geschieht nicht aus Liebe zu den Vokabeln oder zum Idiom.
Die Sprache ist allerdings nur die Oberfläche des Dichterwerks; aber
indem man seinen Finger auf die Haut legt, fühlt man den klopfenden
Puls, welcher den Herzschlag im Innern angibt. Das Genie gleicht einer
Uhr: der sichtbare Zeiger wird von der unsichtbaren Feder gelenkt. Das
Genie gleicht einem aufgerollten Knäul: so unauflöslich und verwickelt
es erscheint, ist es doch in seinem innern Zusammenhange unzertrennlich
Eins. Hat man nur das äusserste Ende des Fadens erfasst, so darf man
versuchen, langsam und vorsichtig selbst den verworrensten Faden aus
seinem Wickel zu entrollen. Er nimmt keinen Schaden dabei.