HANS CHRISTIAN ANDERSEN.

(1869.)

Es gehört Muth dazu, Talent zu besitzen. Man muss wagen, sich seiner

Eingebung anzuvertrauen, man muss überzeugt sein, dass der Einfall,

welcher Einem durch das Hirn schiesst, gesund ist, dass die Form,

welche Einem als natürlich ansteht, selbst wenn sie neu ist, ein

Recht hat, sich geltend zu machen, man muss die Kühnheit gewonnen

haben, sich der Beschuldigung auszusetzen, dass man affektirt oder

auf Irrwegen sei, ehe man sich seinem Instinkt überlassen und ihm

folgen kann, wohin er uns gebieterisch lenkt. Als Armand Carrel seiner

Zeit als junger Journalist von seinem Redakteur getadelt ward, der,

auf eine Stelle seines Artikels deutend, bemerkte: »So schreibt man

nicht«, erwiderte er: »Ich schreibe nicht wie _man_ schreibt, sondern

wie _ich_ schreibe«, und dies ist die allgemeine Formel der Begabung.

Sie vertheidigt weder Gesudel noch Erfinderei, aber sie spricht mit

Selbstbewusstsein das Recht des Talentes aus, wenn keine herkömmliche

Form und kein vorhandener Stoff den eigenthümlichen Bedürfnissen seiner

Natur genügen, sich neue Stoffe zu wählen, neue Formen zu bilden, bis

es eine Baustätte von solcher Beschaffenheit findet, dass es, ohne

Ueberanstrengung einer einzigen seiner Kräfte, sie alle verwenden

und sie leicht und frei entfalten kann. Eine solche Baustätte hat der

Dichter _Hans Christian Andersen_ im Märchen gefunden.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 71 / 110 题