Das Gespräch kam eines Tages auf die damaligen Verhältnisse in Rom.
Ich verglich den religiösen Zustand in Italien mit dem in Frankreich,
erinnerte Stuart Mill an das von uns beiden in Paris beobachtete
Zusammenströmen der Beaumonde zu einer Kirche und sagte: »Sie haben in
Ihren »Dissertations and Discussions« einige Worte geschrieben, die
Sie jetzt kaum gelten lassen würden; Sie sagen: »Man kann, was die
höheren Stände betrifft, Frankreich eben so gut ein buddhistisches
wie ein katholisches Land nennen; das letztere ist nicht wahrer
als das erstere! Wollten Sie heute noch diesen Satz vertheidigen?«
Er antwortete: »Es war damals wahrer als jetzt; es ist in unseren
Tagen eine neue Reaction gekommen, deren Möglichkeit ich mir nicht
denken konnte. Ich glaubte in meiner Jugend nicht daran, dass die
Menschheit zurückgehen könne, jetzt aber weiss ich's«. Einen Theil
der Schuld an dieser geistigen Reaction schrieb er der französischen
Universitätsphilosophie zu. Er sprach mit einer Geringschätzung,
die in seinem Munde nicht verwundern konnte, von Cousin und seiner
Schule. »Trotz alledem« schloss er, »verbleibe ich bei meiner alten
Ueberzeugung: Die Geschichte Frankreichs in der neueren Zeit ist die
Geschichte des ganzen Europa«.
Diese Ansicht, die in Stuart Mill's Schriften überall durchscheint,
ist unzweifelhaft eine Einseitigkeit, die sich durch seine geringe
Kenntniss der deutschen Litteratur und durch seine Unterschätzung
der englischen Verhältnisse, in welchen er selbstverständlich am
leichtesten die Schäden entdeckte, recht wohl erklären lässt. Man
kann darüber streiten, ob er sich über die Bedeutung und die neuere
Geschichte Englands nicht allzu geringschätzend ausgesprochen. Was
aber die höchste Anerkennung verdient, das ist der Muth, den er dem
reizbaren Nationalgefühl seiner Landsleute gegenüber allezeit an den
Tag gelegt. So ganz Engländer er in seiner Entwicklung und Bildung auch
ist, er nennt in seinen Schriften England und englische Verhältnisse
doch fast nie, ohne sie zu tadeln, und wo er eine Gelegenheit findet
fremde, zumal französische Zustände auf Kosten der englischen zu
erheben, lässt er sich sie gewiss nicht entgehen. Seit den Zeiten
Byrons und Shelleys ist von der gepriesenen Constitution Englands, von
englischem Gesellschaftsleben, von englischen Fehlern und Lastern nicht
so wegwerfend gesprochen worden, wie in den gemeinfasslichen Schriften
Mills. Geht er in diesem Punkte auch offenbar zu weit, so macht ihm
doch sein Widerwille dagegen, durch Schmeichelei der Nationaleitelkeit
Popularität zu gewinnen, die grösste Ehre.
Er setzte den nationalen Vorurtheilen womöglich noch kühnern Trotz
auf dem religiösen als auf dem politischen Gebiete entgegen. In allen
seinen Schriften findet sich auch nicht eine Zeile, welche als
Zugeständniss an die englische Kirche und ihre Lehren ausgelegt werden
könnte, nicht die kleinste Zweideutigkeit, kraft deren die englische
Religiosität ihn für sich hätte in Beschlag nehmen können. Und noch
deutlicher als zu seinen Lebzeiten sprach er von seinem Grabe aus.
»Was die Religion betrifft«, sagt er in seiner Selbstbiographie »so
halte ich die Zeit für gekommen, wo jeder verständige Mann, der
nach ernstlicher Ueberlegung die Ueberzeugung gewonnen hat, dass
die geltenden Meinungen nicht nur falsch, sondern auch schädlich
sind, die Verpflichtung trägt, sich zu seiner abweichenden Meinung
zu bekennen. Wenigstens muss der es thun, dessen Name oder Stellung
es wahrscheinlich machen, dass man auf seine Meinung Gewicht legt.
Ein solches Eingeständniss würde ein für alle Mal dem allgemeinen
Vorurtheil ein Ende machen, dass, was man sehr uneigentlich Unglaube
nennt, mit unklarem Denken oder schlechtem Herzen verbunden sei. Die
Welt würde staunen, wenn sie erführe, wie viele ihrer leuchtendsten
Zierden, wie viele von Jenen, die ihrer Weisheit und Güte halber
höchst allgemein Anerkennung und Verehrung gemessen, in religiösen
Fragen vollständig skeptisch sind. Viele unterlassen indess, ihren
Skepticismus zu gestehen, weniger aus persönlichen Rücksichten als aus
einer gewissenhaften, obgleich wie mich dünkt, durchaus unberechtigten
Furcht, mehr Schaden als Nutzen durch Aeusserungen anzustiften, welche
den herrschenden Glauben, und damit, wie sie meinen, zugleich die
herrschende Sittlichkeit schwächen könnten«.
Man geht vielleicht nicht fehl, wenn man in der freieren Haltung der
französischen Litteratur in religiösen Fragen, zum Theil die Erklärung
des Reizes sucht, den sie auf Mill beständig übte, trotz allem, was ihm
darin fremdartig und fernliegend sein musste. Er war sehr jung nach
Frankreich gekommen; er erzählte mir, dass er sein fünfzehntes Jahr
dort verbracht, und damals schon so viel Französisch gelernt habe, wie
er jetzt könne. Da die französische Sprache die einzige fremde war,
welche er fliessend und häufig (wenn auch nicht ohne starke englische
Betonung) sprach, da er sein ganzes Leben hindurch bemüht gewesen,
französische Ideen in England einzuführen und seinen Landsleuten Liebe
zum französischen Nationalgeiste beizubringen, musste Frankreich
nothwendiger Weise für ihn fast wie für einen eingeborenen Franzosen
Europa vertreten.
Unter allen Franzosen, die Mill kannte, war, glaube ich, Armand
Carrel ihm der liebste gewesen; der Aufsatz, den er ihm gewidmet,
ist vielleicht auch der schönste und gefühlvollste, den er je
geschrieben hat. Aus der grossen Verehrung, mit der er Armand Carrel's
gedachte, erkläre ich mir zum Theile seinen heftigen Widerwillen
gegen Sainte-Beuve. Nie konnte er Sainte-Beuve vergeben, dass er, der
einmal Mitarbeiter des »National« und Freund Carrel's gewesen war,
sich mit dem Kaiserreiche befreundete und zum Senator wählen liess.
Und doch würde diese vereinzelte Thatsache nicht genügen, um so harte
Worte über Sainte-Beuve zu begründen, wie er sie in meiner Gegenwart
fallen liess. Sainte-Beuve war ihm zuwider aus derselben Ursache, aus
welcher Carrel ihm so sehr gefiel. Er hatte ihn eben nicht gründlich
studirt, sein »Port-Royal« z. B. niemals gelesen, Aber ein Geist
von so principienfester Schärfe wie der seinige fühlte sich von dem
schmiegsamen und wogenden Naturell Sainte-Beuve's ganz abgestossen;
denn Stuart Mill war ein Charakter von, man möchte sagen, mineralischer
Beschaffenheit, starr, kantig und fest; der Geist Sainte-Beuve's
dagegen war wie ein See: weit, weich, elastisch und von grossem
Umfange, bewegte sich aber auch in lauter kleinen und unbestimmt
abgegrenzten Wellen. Desswegen war Stuart Mill wie geschaffen zur
Autorität; sein Ton war der eines Befehlshabers, und selbst wenn er
sich am kühnsten benahm, schien er durch die Bündigkeit und Sicherheit,
mit welcher er seine Resultate feststellte, jeden Widerspruch
abzuweisen. Sainte-Beuve dagegen hat sich nie ganz und ohne Vorbehalt
einer Sache angeschlossen, nur scheinbar in seiner Jugend der Sache
der Romantik, etwas ernster der der Geistesfreiheit in seinen letzten
Lebensjahren. Er ist nie ganz katholisch oder ganz saint-simonistisch,
ganz Republikaner oder ganz kaiserlich, ganz klassisch gesinnt oder
ganz Naturalist gewesen. Nur eines war er ganz: Sainte-Beuve, d. h. der
Kritiker mit der femininen Sympathie und der immer lauernden Skepsis.
Er war vom Tigergeschlechte, doch er war kein Tiger. Er schloss sich
an niemand und an nichts vollständig an, aber er rieb sich an allem
und dieses Sich-Reiben lockte Funken hervor. Der Unwille Mill's ihm
gegenüber war die Antipathie des Hundes gegen die Katze. Es war
Sainte-Beuve unmöglich, einfach zu schreiben; er konnte kein Urtheil
abgeben, ohne es durch ein ganzes System von Nebensätzen zu bedingen;
er konnte kein noch so kurzes Lob aussprechen, ohne es mit allerlei
Malice zu würzen. Der nach seinem Tode grösste Kritiker Frankreichs
sagte mir einmal: »Ein lobender Satz von Sainte-Beuve ist ein wahres
Nest von Blutegeln«. Man vergleiche nun die Denkweise und den ganzen
Stil Stuart Mill's: seine Gedanken immer gross angelegt, das Allgemeine
umspannend, das Individuelle durchschlüpfen lassend, sein Vortrag
schmucklos, kunstlos, nackt wie eine Landschaft, deren einzige
Schönheit in den einfachen und gewaltigen Terrainformen besteht.
An einem der letzten Tage meines Aufenthaltes in London drehte sich das
Gespräch mit Stuart Mill um das Verhältniss zwischen Litteratur und
Theater in England und Frankreich. Er sprach die in unserer Zeit so
häufige Behauptung aus, dass die Franzosen, die im 17. Jahrhundert die
spanischen, im 18. Jahrhundert die englischen und im 19. Jahrhundert
die deutschen Ideen sich angeeignet haben, im Grunde keine andere
litterarische Originalität besitzen als die, welche in der Form
liege. Stuart Mill, dem für das eigentlich Aesthetische der Sinn so
ziemlich fehlte und der mehr die Ideen in der Kunst als die Kunst um
der Kunst willen liebte (seine Abhandlung über Alfred de Vigny gibt
davon Zeugniss), schien durchaus nicht zu fühlen, dass die poetische
und künstlerische Originalität der Franzosen selbst durch diese
(allzu starke) Begrenzung ihrer Erfindungsgabe keiner Einschränkung
unterliegen würde; denn wo Form und Inhalt unzertrennlich sind, ist
die Ursprünglichkeit in der Formgebung mit der Ursprünglichkeit
überhaupt identisch. Ohne mich im Gespräche auf diesen Gesichtspunkt
einzulassen, antwortete ich nur, dass eine Eigenschaft, die man den
Franzosen vorzuwerfen pflegt, ihre sogenannte Oberflächlichkeit ihnen
in hohem Grade zugute kommt, wenn sie nachahmen. Denn die Nachahmung
ist nur scheinbar. Mit einem starken Drange, sich von allem Fremden
beeinflussen zu lassen, verbinden die Franzosen in der Regel einen fast
vollständigen Mangel an Fähigkeit, das Fremde sachlich aufzufassen,
und desshalb bleibt das nationale Gepräge überall unter einem leichten
Anstriche des fremden Firnisses erkennbar. Ich nannte beispielsweise
Victor Hugo als Nachahmer Shakespeare's, Alfred de Musset als Nachahmer
von Byron. »Uebrigens«, fügte ich hinzu, »will ich herzlich gern die
Vorzüge, welche die englische Poesie vor der französischen voraus
hat, eingestehen, wenn Sie mir zum Ersatze die Ueberlegenheit der
französischen Schauspielkunst über die englische einräumen wollen«.
Ich hatte eben am Abend vorher der Aufführung von Molière's »Le malade
imaginaire« unter dem Titel »The robust invalid« im Adelphi-Theater
beigewohnt und, da ich das Stück sehr oft in Paris gesehen, reichliche
Gelegenheit gehabt, die englische Spielweise mit der französischen
zu vergleichen. In London wurde das Stück grob, karikirt, ohne den
geringsten Versuch einer Charakterauffassung gespielt. Der Kranke und
das Dienstmädchen erlaubten sich allerlei plumpe Uebertreibungen,
brüllten, um den Sinn recht deutlich zu machen, auf die roheste
Weise, ja hatten sogar die Frechheit, zwei der Acte mit einem Cancan
abzuschliessen, und das, während gleichzeitig aus englischer Prüderie
die Scenen mit der Klystierspritze und alle Ausdrücke, welche die
Decenz verletzen könnten, ausgelassen waren. »Ja«, sagte Mill, »das
Theater ist bei uns in Verfall gerathen. Was die Komödie betrifft,
liegt es vielleicht daran, dass das englische Wesen so formlos und
untheatralisch, unsere Gesten so steif und so selten sind, während die
Franzosen auch in ihrem täglichen Leben sich immer als Schauspieler
benehmen; aber in tragischer Richtung haben wir doch grosse Namen
aufzuweisen. Wer weiss, ob nicht in unseren Tagen das Lesen überhaupt
den Theaterbesuch verdrängen und ersetzen wird«.
Er führte das Gespräch vom Theater auf die englischen Schriftsteller
und besprach mit Wärme zwei von ihm so verschiedene Männer wie Dickens
und Carlyle. Wie sehr er auch selbst Verstandesmensch war, er wusste
so gut wie nur jemand den Dichter mit dem grossen, warmen Herzen und
den Historiker mit der springenden, visionären Einbildungskraft zu
schätzen. Dickens war damals gerade gestorben; ich hatte in jenen Tagen
eben in der Westminster-Abtei an dem Orte gestanden, wo seine Leiche
hinuntergesenkt ward. Dieses eine Grab war mit lebenden Rosen bedeckt,
während ringsum schwere, kalte Steindenkmäler die anderen Gräber
deckten; es wirkte wie ein Symbol. Ich theilte Mill meinen Eindruck
mit, und er sprach mit Bedauern davon, dass er Dickens nicht persönlich
gekannt und nur durch Andere von seiner Liebenswürdigkeit im privaten
Verkehre etwas erfahren hatte.
Die letzten Worte, die wir wechselten, galten dem unmittelbar
bevorstehenden deutsch-französischen Kriege, dem Mill mit bösen
Vorahnungen entgegensah. Er betrachtete ihn als ein Unglück für die
ganze Menschheit, für die ganze europäische Cultur.
Ich sah ihm lange in seine tiefen, blauen Augen hinein, bevor ich mich
überwinden konnte, ihm zum letzten Male Lebewohl zu sagen. Ich wollte
versuchen, mir diesen so ernsten und strengen, aber zugleich so kühnen
Blick einzuprägen, der noch so frisch wie der eines Jünglings war. Ich
wollte mir es gern unmöglich machen, die besondere Grösse, die über
der Gestalt des Mannes lag und seine Worte prägte, zu vergessen. Es
hat Bedeutung für die Auffassung eines Schriftstellers, in welchem
Verhältnisse der Eindruck seines menschlichen Wesens zu dem seines
Schriftstellerwesens steht. Ich habe keinen grossen Mann gekannt,
bei welchem diese beiden Eindrücke sich so vollständig deckten, wie
bei Mill. Ich habe keine Eigenschaft bei ihm als Schriftsteller
gefunden, die man nicht im persönlichen Verkehr mit ihm wiederfände,
und ich habe seine verschiedenen Eigenschaften in beiden Sphären
nach derselben Ordnung und auf dieselbe Weise einander über- und
untergeordnet gefunden. Es gibt Schriftsteller, bei welchen eine
bestimmte Eigenschaft, z. B. die Philanthropie oder der Witz oder die
Würde, eine grössere Rolle spielt, wenn sie schreiben, als sonst in
ihrem Leben, andere, bei welchen Eigenschaften, wie Humor oder freie
Menschlichkeit, die sie im Privatleben liebenswürdig machen, in den
Schriften nicht zu spüren sind. Die meisten stehen weit hinter ihren
Büchern zurück. Bei Stuart Mill fand sich keine Ungleichheit solcher
Art, denn er war die fleischgewordene Wahrhaftigkeit selbst. Es
kommt in Mill's »Autobiography« eine Situation vor, die den Höhegrad
dieser Wahrhaftigkeit messen lässt. Ich denke hier an seine Lage, als
er, der allem demagogischen Wesen so fernstehende Socialreformator,
in einer aus lauter Arbeitern bestehenden Wählerversammlung als
Parlamentscandidat gefragt wurde, ob er die Worte geschrieben und
veröffentlicht habe, dass die arbeitenden Klassen in England »in der
Regel noch lügenhaft seien«. Er antwortete sogleich und kurz »_I did_«.
»Kaum«, fügt er hinzu, »hatte ich diese Worte ausgesprochen, als ein
gewaltiger Beifall durch die Versammlung rauschte. Die Arbeiter waren
offenbar so gewohnt, von denen, die sich um ihre Stimmen bewarben,
zweideutige und ausweichende Antworten zu hören, dass, wenn sie statt
dessen ein directes Geständniss von etwas ihnen Unangenehmem erhielten,
sie, weit entfernt, beleidigt zu werden, den Schluss zogen, dass sie
diesem Manne vertrauen könnten«.
Mill gibt die bescheidenste Deutung des Vorganges. Aber der Leser ahnt,
welche Glorie der Wahrhaftigkeit in jenem Augenblicke den umstrahlen
musste, dem Männer, die von den Schmeicheleien ihrer Führer verwöhnt
waren, eine Beschuldigung durchgehender Lügenhaftigkeit mit solchem
Beifallssturme lohnten. Auch im täglichen Leben trug Mill jenen
unsichtbaren Nimbus der hohen Wahrheitsliebe. Von seinem ganzen Wesen
strahlte die Reinheit des Characters aus. Man muss auf die erhabensten
philosophischen Charaktere des Alterthums, auf Marcus Aurelius und
seinesgleichen, wenn es sonst seinesgleichen gibt, zurückdenken,
um eine Parallele zu Mill zu finden. Er war gleich wahr und gleich
gross, ob er in einem weltberühmten Werke an einen über den Erdball
verbreiteten Leserkreis reiflich überlegte Gedanken richtete, oder ob
er in seinem Heim, ohne jemals seine Ueberlegenheit fühlen zu lassen,
an einen fremden Besucher eine zufällige Aeusserung hinwarf.