Er stand auf, um zu gehen, und da er wusste, dass ich nach London
zu reisen beabsichtigte, fragte er mich, ob ich die Reise mit ihm
machen wolle. Um mich nicht zudringlich zu zeigen, gab ich eine
verneinende Antwort, und erhielt eine Einladung, ihn in England zu
besuchen, wozu noch die Aufforderung gefügt wurde, mich ja stets im
Vorhinein anzukündigen, damit ich ihn sicher zu Hause träfe. Ich
hatte eben damals Mill's meisterhaftes Werk über die Philosophie
William Hamilton's gelesen, war davon sehr erfüllt und hatte tausend
philosophische Fragen auf dem Herzen; es freute mich desswegen sehr,
dass eine so seltene Gelegenheit sich darbot, meine Zweifel mit dem
Verfasser selbst zu erörtern, und eine Woche nachher schellte ich an
dem Gartenpförtchen vor Mill's Landhaus in Blackheath-Park bei London,
diesem Pförtchen, vor welchem ich nie ohne frohe Erwartungen gestanden
und das ich niemals ohne das Gefühl, geistig bereichert zu sein, hinter
mir schloss. Andere Menschen fühlen sich ergriffen, wenn ein König
ihnen eine herablassende Aufmerksamkeit erweist. Was ist ein König? Von
der hohen jährlichen Apanage abgesehen, ist er ein Machthaber. Es will
mir demnach scheinen, dass Männer wie Stuart Mill die wahren Könige
sind, denn wer in Wirklichkeit die Länder regiert, das sind Männer wie
er, ja sie regieren sie noch nach ihrem Tode.
Meine Universitätserziehung in Kopenhagen war abstract-metaphysisch
gewesen. Die Professoren der Philosophie waren Männer, die trotz
der tiefen Verschiedenheit ihres Wesens, trotz der abweichenden
Standpunkte, die sie auf religiösem Gebiete vertraten, in allem
Wesentlichen dasselbe Schulgepräge trugen. Sie hatten beide ihre
Laufbahn als Theologen begonnen und waren danach Hegelianer geworden,
der eine von der Hegel'schen Linken, der andere von der Hegel'schen
Rechten beeinflusst. Sie hatten demnächst, wie alle Welt in der
damaligen Zeit, sich »von Hegel emancipirt«, was doch so zu verstehen
war, dass Hegel immer in ihrem Gedankenkreise das Erste und das
Letzte blieb; seine Methode wurde bald mit abstractem Scharfsinn,
bald mit sophistischer Geschmeidigkeit angewendet, auf den Kathedern
gepredigt, die dem Cultus des Absoluten, des Subject-Objects geweiht
waren, seine Werke wurden citirt, seine paar Witzwörter wiederholt
und eine ermüdende, endlose Polemik gegen seine vermeintlichen
Irrthümer geführt, von denen wir erfuhren, dass sie fast alle in seiner
Unterschätzung des Realen, besonders in seiner mangelhaften Einsicht in
die Naturwissenschaften begründet gewesen. Aber selbst seine Irrthümer
mussten dem Schüler köstlicher als die Wahrheiten anderer Denker
erscheinen, denn um zur Wahrheit zu gelangen, war es, wie schon das
Beispiel des Herrn Professors zeigte, immer nothwendig, zuerst durch
einen Irrthum Hegel's zu kriechen. Der Kopenhagener Universität galt,
den sonstigen nicht allzu freundlichen Gesinnungen gegen Deutschland
zum Trotz, der Satz als unbestritten, dass die moderne Philosophie
eine _deutsche_, wie die antike eine _griechische_ Wissenschaft
sei. Die Existenz des englischen Empirismus und des französischen
Positivismus war an der Universität nicht anerkannt; von englischer
Philosophie insbesondere hörten wir nur als von einer durch Kant längst
überwundenen und todtgemachten Richtung. Es war mir durch eine gewisse
Kraftanstrengung möglich geworden, mich, so gut es eben ging, aus den
Banden der in Dänemark herrschenden Schule loszuwinden, und ich stand
damals zwischen speculativen und positivistischen Tendenzen schwankend.
Ich machte Stuart Mill gegenüber kein Hehl aus meiner Unsicherheit.
»Sie kennen also Hegel so genau«, sagte er, »Sie verstehen Deutsch?«
»Ich verstehe deutsch«, erwiderte er. »Aber ich spreche so wenig
deutsch, dass ich in Deutschland sogar auf Eisenbahnstationen Mühe
gehabt habe, mich zurechtzufinden«.
»Sie kennen die deutschen Philosophen aus Uebersetzungen?«
»Kant habe ich in einer Uebersetzung gelesen, von Hegel weder im
Original, noch in Uebersetzung das Geringste. Ich kenne ihn nur
aus Referaten und Gegenschriften, am besten durch die kurzgefasste
Darstellung, die der einzige Hegelianer Englands, Sterling, gegeben hat.
»Und welchen Eindruck haben Sie so von Hegel erhalten?«
»Den, dass die Schriften, in welchen Hegel seine Principien anzuwenden
versucht hat, vielleicht etwas Gutes enthalten können, dass aber alles
rein Metaphysische, was Hegel geschrieben hat, _Nonsens_ ist«.
Ich wurde bei dem Worte stutzig und meinte, dass diese Aeusserung doch
wohl _cum grano salis_ zu verstehen sei.
»Nein, ganz nach dem Wortlaute«, antwortete er. Er verweilte bei dem
Grundrisse des Systems, bei den ersten Anfängen, der Lehre vom Sein,
das mit dem Nichts identificirt wird, und rief aus: »Was wollen Sie,
dass aus dem Ganzen herauskommen soll, wenn man mit einem solchen
Sophismus anfängt? Haben Sie wirklich Hegel gelesen?«
»Gewiss, die meisten seiner Werke«.
Mill (mit einer höchst ungläubigen Miene): »Und Sie haben ihn
verstanden?«
»Ich denke, wenigstens in allen Hauptzügen«.
Er (mit fast naiver Verwunderung): »Aber gibt es denn wirklich da etwas
zu verstehen?«
Ich versuchte diese sonderbare und weitläufige Frage, so gut es
ging, zu beantworten, und Mill sagte, nicht eben überzeugt aber
entgegenkommend: »Ich begreife sehr wohl die Pietät oder Dankbarkeit,
die Sie gegen Hegel fühlen. Man ist immer denen dankbar, die uns das
Denken lehrten«.
Niemals habe ich so, wie während dieses Gespräches gefühlt, wie völlig
Mill ein Mann aus Einem Gusse war, ein echter Engländer, eigensinnig
und hartnäckig, mit einer sonderbaren knochigen Willenskraft
ausgerüstet und der Gabe eines geschmeidigen kritischen Aneignens
völlig beraubt. Was mich aber bei dieser Gelegenheit am meisten
ergriff, das war der tiefe Eindruck der Unwissenheit, in welcher noch
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die bedeutendsten Männer
der verschiedenen Länder, selbst der Paar Hauptländer über ihre
gegenseitigen Verdienste schweben. Ich fühlte, dass man bis zu einem
gewissen Grade schon dadurch nützlich sein könnte, dass man diese
grossen Geister, die einander nicht verstehen, studire, confrontire und
verstehe.
Ich versuchte die Anschauungsweise, die ich meiner
Universitätserziehung verdankte, gegen die Principien der empirischen
Philosophie in's Feuer zu führen. Zu meinem Erstaunen waren alle
Argumente, die ich vorbrachte und von deren Wirkung auf Mill ich mir
viel versprochen hatte, ihm längst bekannt. »Das sind«, sagte er, »die
alten deutschen Argumente«; er führte sie alle auf Kant zurück und
hatte seine Beantwortung derselben bereit.
Es würde hier nicht am Platze sein, die Realität der grossen, zwischen
den beiden modernen Schulen schwebenden Streitfrage zu behandeln,
eine Frage, die in Deutschland von fast allen Denkern im deutschen,
in England von fast allen Denkern im englischen Sinne gelöst wird;
natürlicherweise wollte Stuart Mill durchaus nicht einräumen, dass
David Hume von Kant widerlegt sei, eine Anschauung, die ich jetzt
vollständig theile und die, wie ich glaube, allgemein durchdringen
wird, wenn die jetzige Kant-Vergötterung ein bisschen nachgelassen
hat. Ein Zeichen der Zeit ist es in dieser Hinsicht, dass die jüngeren
Professoren und Docenten an der Berliner Universität alle der
englischen Richtung der Philosophie angehören und von dieser selben
Universität ein Buch wie Friedrich Paulsens »Kant's Erkenntnisstheorie«
ausgegangen ist. Damals ahnte ich zwar schon, dass die rationalistische
und die empiristische Erkenntnisslehre sich irgendwie vermitteln
liessen, aber ich kannte noch nicht Herbert Spencer's einfache
Lösung des Räthsels. Mill sprach sich kurz, aber entschieden gegen
alle Vermittlungsversuche aus und schloss mit den eigenthümlich
bescheidenen, aber festen Worten, die mir im Gedächtnisse geblieben
sind: »Ich glaube, dass man zwischen den Theorien wählen muss«.
In diesem Geiste äusserte er sich auch über die verschiedenen modernen
Philosophen, die ihm nahestanden. Er empfahl mir, Herbert Spencer
kennen zu lernen. Die späteren Werke Spencers zu studiren, glaubte
er jedoch nicht mir rathen zu sollen. Er meinte, dass er sich in
diesen von »der guten Methode« entfernt habe; er empfahl mir dagegen
eindringlich Spencer's »Principles of Psychology« und namentlich die
beiden Hauptwerke »The senses and the intellect« und »The emotions and
the will« von Bain. Er schenkte mir ein Exemplar des im Verein mit
Bain von ihm herausgegebenen und mit Anmerkungen versehenen Werkes
seines Vaters »Analysis of the human mind« das er mir als ein Hauptwerk
der englischen Schule dieses Jahrhunderts rühmte, und da ich ihm von
meiner Bewunderung seiner Kritik der Hamilton'schen Philosophie
gesprochen hatte, schickte er mir Tags darauf noch dieses Buch. Fast
von selbst musste das Gespräch auf Taine's eben erschienenes Werk »De
l'intelligence« fallen, in welchem Mill so eifrig studirt, benützt
und widerlegt wird und in welchem die englische Richtung in der
französischen Philosophie sich vielleicht ihr dauerndes Denkmal gesetzt
hat. Mill lobte Taine; nannte sein Buch eines der gründlichsten und
bedeutendsten des neuen Frankreich und sagte mir darüber ungefähr, was
ich später in seiner Besprechung dieses Werkes (»Fortnigthly Review«,
Juli 1870) wiederholt fand; das Buch als Ganzes war ihm lieb; gegen
die letzten Capitel desselben hatte er dieselbe Art von Einwendungen
zu machen wie gegen die späteren Werke Herbert Spencers. Man musste ja
nach seiner Ueberzeugung zwischen dem bedingten Wissen der Empirie und
der unbedingten Gewissheit der Intuition ein für alle Mal entschieden
»wählen«, und Taine hatte in dem letzten Buche seines Werkes über
die Intelligenz eben versucht, Axiome aufzustellen, die sich nicht
aus der Erfahrung herleiten liessen und desswegen für das ganze
Universum, unabhängig von den Grenzen unserer Erfahrung, Gültigkeit
hätten. Mill selbst meinte bekanntlich, sogar den Lehrsätzen der
Algebra und der Geometrie, deren empirischen Ursprung er darzustellen
suchte, nur einen beschränkten Herrschaftskreis sichern zu können. Er
lobte mir das kleine Buch »Essays by a Barrister«, von dem er selbst
einige Sätze citirt hat. Der anonyme Verfasser findet es vollständig
denkbar, dass sowohl unser Einmaleins wie unser Euklides in anderen
Sonnensystemen keine Gültigkeit haben. Die Frage ist, sagt dieser, ob
unsere Gewissheit, dass das Einmaleins wahr ist, von der Erfahrung oder
von einer transcendenten Ueberzeugung von dieser Wahrheit herrührt, die
wohl durch Erfahrung erweckt wird, aber der Erfahrung vorausgeht und
sie formt; er stellt, um der ersteren Anschauung das Wort zu führen,
einige zum Denken anregende Beispiele auf:
»Es gibt eine Welt, in welcher, wenn zwei Paar Dinge entweder einander
nahe gebracht oder zusammen beobachtet werden, ein fünftes Ding
unmittelbar geschaffen und in den Gesichtskreis dessen gebracht wird,
der beschäftigt ist, zwei und zwei zusammenzulegen. Dies ist gewiss
nicht unfassbar, denn wir können leicht, wenn wir an gewöhnliche
Taschenspielerkunststücke (oder an Schalttage, möchte ich hinzufügen)
denken, dieses Resultat fassen. Eben so wenig kann man sagen, dass
die Sache über die Kräfte der Allmacht gehe. In einer solchen Welt
würde nun gewiss zwei und zwei fünf ausmachen. Dies zeigt, dass diese
Addition durchaus nicht unfassbar ist, und doch ist es auf der anderen
Seite völlig leicht, zu sehen, warum wir gänzlich überzeugt sind, dass
zwei und zwei vier ausmachen. Es gibt vermuthlich kaum einen Augenblick
unseres Lebens, in welchem wir nicht diese Thatsache erfahren. Wir
sehen sie, so oft wir vier Bücher, vier Tische oder Stühle, vier Männer
auf der Strasse oder die vier Ecken eines Pflastersteines zählen,
und wir fühlen uns von dieser Thatsache versicherter als davon, dass
die Sonne sich morgen erheben werde, weil unsere Erfahrung über jene
Thatsachen so viel häufiger ist und auf eine solche Unzahl von Fällen
ihre Anwendung findet. Es ist auch nicht wahr, dass alle Personen,
die jene Addition gemacht haben, von ihrer Richtigkeit gleich fest
überzeugt sind. Ein Knabe, der eben das Einmaleins gelernt hat, ist
völlig sicher, dass zwei und zwei vier sind, ist aber oft äusserst
unsicher, ob sieben mal neun 63 sind oder nicht. Wenn sein Lehrer
ihm sagte, dass zwei mal zwei fünf sind, würde seine Gewissheit sehr
beeinträchtigt werden.«
»Man könnte sich auch eine Welt denken, in welcher es allgemein
angenommen sei, dass zwei gerade Linien einen Raum einschliessen. Man
stelle sich einen Mann vor, der nie durch irgend einen seiner Sinne
eine Erfahrung über gerade Linien gemacht hätte, und man denke sich
ihn plötzlich auf eine Eisenbahn gestellt, die sich in völlig geraden
Linien in's Unendliche fort in beiden Richtungen erstreckte. Er
würde die Schienen -- die ersten geraden Linien, die er jemals sähe
-- an beiden Horizonten sich begegnen oder sich dem Zusammentreffen
nähern sehen; und er würde in Ermangelung jeder anderen Erfahrung
schliessen, dass sie wirklich, wenn weit genug fortgesetzt, einen
Raum einschliessen würden. Erfahrung allein könne ihn enttäuschen.
Eine Welt, in welcher jeder Gegenstand rund wäre, eine gerade, aber
unzugängliche Eisenbahn allein ausgenommen, würde eine Welt sein, in
welcher Jedermann von zwei geraden Linien glaubte, dass sie im Stande
seien, einen Raum zu umspannen«.
Mill spendete diesen humoristischen, von Spencer und Jevons kritisirten
Sophismen, an die er mich erinnerte, mündlichen Beifall, oder genauer:
er huldigte der Grundanschauung, der sie entsprangen. »Wenn wir den
Gesichtssinn ohne den Fühlsinn hätten, würden wir« sagte er »keinen
Zweifel darüber hegen, dass zwei oder mehrere Körper sich an demselben
Orte befinden können, so völlig hängen jene sogenannt apriorischen
Axiome von der Beschaffenheit unserer Organe und Erfahrungen ab«.