II.

Er sprach zuerst von seiner Frau, deren Grab in Avignon er eben

verlassen hatte. Er hatte sich ein Haus in jener Stadt, wo sie

gestorben war, gekauft und brachte dort immer die Hälfte des Jahres zu.

Schon in der Einleitung zu ihrem Aufsatze »Enfranchisement of women«,

welche die Grundlage seines eigenen Buches über »Die Hörigkeit der

Frauen« bildet, hatte er seiner Begeisterung für die Hingeschiedene

einen öffentlichen Ausdruck gegeben. Er hatte dort gesagt, dass der

Verlust der Verfasserin sogar in rein intellectueller Hinsicht weder

ersetzt, noch gemildert werden könne: er hatte erklärt, dass er lieber

den Aufsatz ungelesen, als mit der Vorstellung gelesen sähe, dass in

demselben auch nur das schwächste Bild ihrer Seele sich finde; denn

diese Seele sei durch ihre Vereinigung der seltensten und anscheinend

unvereinbarsten Vorzüge ohnegleichen gewesen, ja er hatte »die höchste

Poesie, Philosophie, Rhetorik und Kunst« neben ihr »trivial« genannt

und mit der Prophezeiung geschlossen, dass, wenn das Menschengeschlecht

sich fortdauernd zum Besseren entwickle, würde die Geschichte nichts

als »eine fortschreitende Verwirklichung ihrer Gedanken« sein. In

diesem Tone sprach er auch in meinem Zimmer über sie. Man kann meinen,

dass der Mann, der so sprach, kein grosser Portraitmaler war, und man

kann die objective Richtigkeit seines Urtheiles bezweifeln; man kann

aber nicht, wie es wegen seines ultrarationalistischen Standpunktes

in der Frauenfrage mehrfach geschehen ist, ihn beschuldigen, die Ehe

als blossen Vertrag betrachtet zu haben. Grosse Dichter, wie Dante und

Petrarca, haben den von ihnen phantastisch geliebten Frauen in ihrer

Dichtung ein phantastisches Denkmal gesetzt; aber ich weiss nicht, dass

jemals ein Dichter der liebevollen Verehrung eines weiblichen Wesens

einen so wahren und so warmen Ausdruck gegeben, wie Mill in den Worten,

in welchen er den Werth seiner Frau und ihre bleibende Bedeutung

für ihn gefasst hat. Die Inschrift, die er auf ihren Grabstein in

Avignon hauen liess, ist kein Zeugniss künstlerischer Begabung für den

Lapidar-Stil; sie hat zu viele und zu lobpreisende Worte. Energisch

und schön ist aber der Satz, womit sie endigt: _Were there even a few

hearts and intellects like hers, this earth would already become the

hoped-for heaven._

Ich fragte Mill, ob seine Frau anderes als das von ihm Herausgegebene

geschrieben hätte. »Nein«, antwortete er, »aber ringsum in meinen

Schriften finden Sie ihre Ideen; die besten Partien in all' meinen

Büchern sind von ihr«. »Auch in der Logik?« fragte ich wieder. »Nein«,

gab er halb entschuldigend zur Antwort, »die Logik schrieb ich, bevor

ich mich verheirathete«. Ich konnte nicht unterlassen, bei mir selbst

zu denken, dass die Beiträge der Frau Stuart Mill zur inductiven Logik

auch in dem entgegengesetzten Falle kaum beträchtlich gewesen wären;

ein wenig muss doch Mill selbst erdacht haben. Die ehrerbietige

Unterwürfigkeit, die in diesem Gespräche hervortrat, war aber für das

Naturell des grossen Denkers eigenthümlich.

Sein Gemüth hatte die entschiedene Neigung, nicht einer Sache allein,

sondern einer persönlichen Incarnation derselben zu dienen, und

so wurde er dazu gebracht, nach einander zwei Persönlichkeiten zu

verehren, die, wie selten und bedeutend sie auch sein mochten, ihm

durchaus nicht überlegen waren, seinen Vater und seine Frau. Zu dem

Vater (und Bentham) sah er in seiner ersten Jugend auf, zu seiner Frau

in seinem ganzen übrigen Leben.

Wer Mills Selbstbiographie gelesen hat, wird die düstere

Schilderung nicht vergessen haben, die er von dem verzweifelten

Schlaffheitszustande gibt, der bei ihm das Mannesalter einleitete. Es

war eine lange und schmerzhafte Krisis, während welcher seine Natur

gegen die durch abnorme Erziehung hervorgerufene Ueberentwicklung

seiner Fähigkeiten reagirte. Anstatt die vollkommene geistige

Organisation zu bewundern, die Mill aus einer so überlastenden und

gefährlichen Schule, wie die seines Vaters, unverletzt hervorgehen

liess, liebte es die englische Durchschnittsbildung, ihn wegen eben

dieser Treibhauserziehung als eine Abnormität zu bezeichnen, die

zum Lehrer und Vorbild nicht geschaffen sei. In dem unglaublich

grossen Vorrathe von Kenntnissen jeder Art, die ihm schon als Knaben

beigebracht wurden, fand man den Beweis der Unnatürlichkeit seiner

Lehren und der »Unmenschlichkeit« Stuart Mill's. Was könnte man von

einer Lesemaschine erwarten, die, drei Jahre alt, griechisch las

und im dreizehnten Jahre einen Cursus der Staatsökonomie durchging?

Die Krisis, welche der Ueberbürdung folgte, ist nicht weniger

missdeutet worden als die encyklopädische Erziehung des Knaben. Die

Symptome derselben waren völlige Gleichgültigkeit gegen alle Zwecke,

die der junge Mann früher begehrenswerth gefunden hatte, und eine

ununterbrochene Freudlosigkeit, während welcher er sich selbst fragte,

ob die vollständige Verwirklichung seiner Ideen und die Ausführung

der Reformen, für die er geschwärmt, ihm eine wirkliche Befriedigung

verschaffen würde, und diese Frage verneinend zu beantworten sich

gezwungen sah. Philosophen haben hierin einen Widerspruch der Natur

gegen die Millsche Nützlichkeitslehre gefunden, indem selbst die

Verwirklichung des grösstmöglichen Glückes für die grösstmögliche

Zahl nach seinem eigenen Geständnisse ihn nicht glücklich gemacht

hätte; Theologen haben in jener Krisis ein Einbrechen jener geheimen

Melancholie, jener tiefliegenden Verzweiflung gesehen, in welcher,

auch ohne es zu wissen, der immer lebe, welcher nicht glaube. Es ist

jedoch kaum ein Zeugniss gegen die Glücksmoral, dass Moral allein

nicht glücklich macht, und es dürfte ein schlechtes Zeugniss für die

Unentbehrlichkeit des Dogmenglaubens abgeben, dass ein hochbegabter

und eminent kritisch angelegter Jüngling von 20 Jahren (der sowohl

früher wie später mit heiterem Gemüthe sich ohne dogmatischen Glauben

durch die Welt half) einen Winter hindurch unter der tiefen Unlust

zum Handeln und unter jener Qual der Existenz zusammenbrach, mit

welcher jeder grübelnde Geist zu kämpfen hat, und die fast Jedermann

wenigstens ein Mal in seinem Leben überwinden muss. Es gibt unter

reicher entwickelten Männern nur wenige, die jenes Selbstaufgeben

nicht gekannt hätten; bei einzelnen ist es von kurzer Dauer, bei

anderen chronisch; nur der äussere Anlass, der es hervorruft, wie die

Waffen dagegen sind verschieden. Jeder hat seinen Panzer gegen den

Missmuth, einer den Arbeitstrieb, ein anderer den Ehrgeiz, einer das

Familienleben, ein anderer den Leichtsinn; aber durch die Fugen dieser

Panzer bohrt sich der Lebensüberdruss seinen Weg. Bei Stuart Mill

war nun augenscheinlich dieser Panzer die Gewissheit, in dem Geiste

eines anderen Menschen zu handeln, den er weit höher schätzte als sich

selbst. Man darf seine eigene Aeusserung nicht übersehen, dass, wenn

er zu jener Zeit »Jemand tief genug geliebt hätte, um diesem Anderen

seine Qual anzuvertrauen, er sich nicht in dem Zustande befunden haben

würde, in welchem er sich befand«. Hätte Mill damals seine zukünftige

Frau gekannt, so würde die Krisis gewiss nicht jenen acuten Charakter

angenommen haben; _sie_ hätte ihm sicherer als Dogmen und Moralsysteme

über die tiefe Niedergeschlagenheit fortgeholfen. Das sieht man schon

aus den treffenden Worten, mit welchen er seinen Zustand geschildert

hat: »Ich war am Anfang meiner Reise gescheitert, denn mein Schiff, dem

weder gute Ausstattung, noch ein Steuer fehlte, hatte keine Segel«.

Das Segel dieses Schiffes, das so reiche und kostbare Ladung führte,

war und blieb eben jene schwärmerische Neigung zu vergöttern und sich

zu unterwerfen. Zu jener Zeit war der Einfluss des Vaters in starkem

Abnehmen, der der Gattin hatte noch nicht angefangen; folglich stand er

still.

So viel ging schon aus dem allerersten Gespräche mit Mill hervor, dass

das Gewinnen jener Freundin das grosse Loos seines Lebens war. Nur an

einer einzigen Stelle, wo er von ihr spricht, ist es ihm gelungen, eine

Vorstellung von der Eigenthümlichkeit ihres Wesens zu geben, das ist,

wo er sie mit Shelley vergleicht. Ein weiblicher Shelley -- so stand

sie vor ihm in seiner Jugend; später schien ihm sogar Shelley, der so

früh fortgerissen wurde, in Denkvermögen und intellectueller Reife

nur ein Kind im Vergleiche mit ihr. Er gibt mehrmals in bestimmteren

Ausdrücken an, was er ihr verdankt: den Blick für die fernsten Zwecke,

d. h. für die letzten Consequenzen der Theorie, und für die nächsten

Mittel, d. h. für das unmittelbar zu Erreichende in der Praxis. Die

ursprüngliche Begabung, die er sich selbst zugesteht, war nur auf

das Verbindende dieser Extreme, auf die mittleren moralischen und

politischen Wahrheiten gerichtet.

Es kommt mir jedoch nicht sehr wahrscheinlich vor, dass Frau Stuart

Mill ihrem Mann direct neue Gedanken eingeflösst habe. Ihre

wesentliche Bedeutung für ihn muss, glaube ich, in zwei anderen

Punkten gesucht werden. Erstens hat sie seinen Denkmuth gestärkt, und

mehr als die Neuheit der Gedanken ist es auch der Denkmuth, welcher

den classischen unter seinen Schriften, z. B. dem Buche »Ueber die

Freiheit«, ihren Charakter gibt. Mehrmals kam er, schon in unserem

ersten Gespräche, mit Bedauern auf den Mangel an Muth zurück,

welcher überall die Schriftsteller von der Vertheidigung neuer Ideen

zurückhält. Er sagte: »Es gibt Talente ersten Ranges wie George Sand,

deren wesentliche Originalität in dem Muthe besteht. Ich sehe -- fügte

er hinzu -- von ihrem unbeschreiblich schönen Stile ab, dessen Musik,

wie ich mich in einer Schrift einmal ausdrückte, nur mit dem Wohllaute

einer Symphonie verglichen werden kann«. Schon durch die Sicherheit,

welche durch das Gefühl der Uebereinstimmung mit einem fremden Gedanken

erzeugt wird, hat die Gattin Stuart Mill's jenen bei George Sand

gepriesenen Muth in ihm gehoben.

Zweitens hat Frau Mill durch ihre weibliche Universalität ihren Gatten

davor geschützt, sich in irgendwelches Vorurtheil zu verrennen. Sie hat

in seinem Gemüthe eine gewisse Skepsis bewahrt, im Eise der Doctrinen

eine nie zufrierende Stelle offen gehalten und, indem sie ihn skeptisch

stimmte, hat sie bewirkt, dass er immer fortschritt. Während die

Mehrheit sogenannt freisinniger Männer fast immer relativen Freisinn

auf Einem Punkte mit doppelter Verstocktheit in anderen Rücksichten

erkauft, war Mill immerfort gegen herkömmliche Vorurtheile auf seiner

Hut, ja ging sogar bis zu seinem Tode angriffsweise gegen dieselben

vor, suchte sie unerschrocken, um sie zu erklären und zu vernichten, in

ihren Verschanzungen auf.

Darüber kann schliesslich kaum ein Zweifel sein, dass Frau Mill

einen grossen Antheil an dem Auftreten ihres Mannes zu Gunsten der

gesellschaftlichen Lage der Frauen gehabt hat. Es interessirte mich,

zu erfahren, ob er seinen Angreifern in der Frauenfrage geantwortet

hätte. Er hatte ihnen keine Antwort gegeben und wollte es nicht thun.

»Warum«, sagte er, »immer dasselbe wiederholen; keiner von ihnen hat

etwas von Werth hervorgebracht«. Ich berührte den Widerstand vieler

Aerzte, die Einwendungen, die sich auf die Naturnothwendigkeiten,

welchen das Weib unterworfen ist, berufen. Er sprach sich sehr hart

und unbedingt gegen ärztliche Vorurtheile im Allgemeinen aus: »Es

gibt«, sagte er, »keine vorurtheilsvolleren Menschen als die Aerzte«.

Lange und mit Vorliebe verweilte er dagegen bei der Lust und dem nicht

seltenen Berufe der Frauen, ärztliche Beschäftigung zu treiben. Er

nannte Miss Garrett, die sich neulich in Paris einem ärztlichen Examen

unterworfen hatte, und lobte sie als die erste Frau, die diesen Muth

gezeigt. In einem Briefe an mich hatte er einmal die Frauenfrage als

»die in seinen Augen wichtigste aller politischen Fragen der Gegenwart«

bezeichnet; sie war jedenfalls in seinen letzten Lebensjahren eine von

denen, die ihn persönlich am meisten erfüllten.

Er scheute weder schriftlich noch mündlich die stärksten Ausdrücke,

um seine Auffassung des Unnatürlichen in der Abhängigkeit der Frauen

in das rechte Licht zu stellen. Hatte er ja nicht gefürchtet, das

Lachen durch die starke Behauptung herauszufordern, dass wir überhaupt

bis jetzt noch _gar nichts_ über das Wesen des Weibes wüssten, da

wir es noch nie sich in Freiheit entfalten gesehen, als ob die ganze

Geschichte und die ganze Erfahrung, Raphael's sixtinische Madonna,

Shakespeare's junge Mädchen, die sämmtlichen von Frauen verfassten

Schriften uns über die weibliche Natur gar nicht belehrten. In diesem

einen Punkte war er fast fanatisch. Er bildet mit seinem von der ganzen

physischen Sphäre hinwegsehenden Glauben an die Fähigkeiten der Frauen

unter den Philosophen dieses Jahrhunderts den polaren Gegensatz zu

Schopenhauer mit seiner Geringschätzung des Weibes. Er, der in allen

Verhältnissen zwischen Mann und Mann die Feinheit und die Zartheit

selbst war, liess sich zu fast beleidigenden Aeusserungen hinreissen,

wenn Andersdenkende in seiner lieben Grundfrage eine abweichende

Meinung äusserten. Ich befand mich eines Tages bei Hippolyte Taine,

als eben der Postbote einen Brief von Stuart Mill brachte. Es war

die Beantwortung eines Schreibens, in welchem Taine mit Rücksicht

auf die in »The subjection of women« ausgesprochenen Gedanken die

Ansicht geäussert hatte, dass die hier angestrebte Veränderung in der

gesellschaftlichen Stellung des Weibes vielleicht in England, wo sie

mit dem Racencharakter übereinstimme, vorzüglich ausfallen könne,

in Frankreich aber, wo die Anlagen und Neigungen der Frauen so ganz

abweichend seien, gewiss keinen Erfolg haben werde. Mill's bündige

Antwort lautete so: »Ich sehe in Ihren Aeusserungen ein Symptom jener

Verachtung vor dem Weibe, die in Frankreich so durchgehend ist. Alles,

was ich darüber sagen kann, ist, dass die französischen Frauen den

französischen Männern diese Verachtung mit Zinsen zurückgeben«.

Das Eigenthümliche des Mill'schen Standpunktes in dieser

Emancipationsfrage war, dass er sich ganz und gar auf eine sokratische

Unwissenheit stützte. Er sprach den aufgehäuften Erfahrungen von

Jahrtausenden jede Beweiskraft in Betreff der Grenzen des so lange

geknechteten weiblichen Geistes ab und behauptete, dass wir _a

priori_ über das Weib nichts wüssten. Er ging von keinem doctrinären

Begriffe besonderer weiblicher Fähigkeiten aus, stützte sich auf den

einfachen Satz, dass die Männer kein Recht hätten, den Frauen irgend

eine Beschäftigung, die sie reize, zu verbieten, und erklärte jede

Bevormundung nicht nur für ungerecht, sondern für unnütz, da die freie

Concurrenz von selbst die Frauen von jeglicher Arbeit ausschliessen

würde, wozu sie untauglich seien oder in welchen sie der Mann

entschieden übertreffe. Er hat Viele dadurch abgeschreckt, dass er

gleich das erste Mal, wo er die Frage zur Sprache brachte, die letzten

logischen Folgerungen seiner Lehre zog und z. B. die directe Theilnahme

der Frauen an der gesetzgebenden Wirksamkeit befürwortete; doch hatte

er als Engländer Wirklichkeitssinn genug, um die praktische Agitation

auf einen einzigen Punkt zu beschränken. Ich erinnere mich, dass ich

ihn fragte, warum man in England und Amerika mit Uebergehen der, wie

mir vorkam, zuerst erforderlichen wirtschaftlichen Emancipation der

Frauen, alle Bestrebungen auf das doch viel schwieriger erreichbare

politische Stimmrecht concentrirt habe. Er antwortete: »Weil, wenn das

erlangt ist, alles Uebrige daraus folgt«.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 68 / 110 题