Er sprach zuerst von seiner Frau, deren Grab in Avignon er eben
verlassen hatte. Er hatte sich ein Haus in jener Stadt, wo sie
gestorben war, gekauft und brachte dort immer die Hälfte des Jahres zu.
Schon in der Einleitung zu ihrem Aufsatze »Enfranchisement of women«,
welche die Grundlage seines eigenen Buches über »Die Hörigkeit der
Frauen« bildet, hatte er seiner Begeisterung für die Hingeschiedene
einen öffentlichen Ausdruck gegeben. Er hatte dort gesagt, dass der
Verlust der Verfasserin sogar in rein intellectueller Hinsicht weder
ersetzt, noch gemildert werden könne: er hatte erklärt, dass er lieber
den Aufsatz ungelesen, als mit der Vorstellung gelesen sähe, dass in
demselben auch nur das schwächste Bild ihrer Seele sich finde; denn
diese Seele sei durch ihre Vereinigung der seltensten und anscheinend
unvereinbarsten Vorzüge ohnegleichen gewesen, ja er hatte »die höchste
Poesie, Philosophie, Rhetorik und Kunst« neben ihr »trivial« genannt
und mit der Prophezeiung geschlossen, dass, wenn das Menschengeschlecht
sich fortdauernd zum Besseren entwickle, würde die Geschichte nichts
als »eine fortschreitende Verwirklichung ihrer Gedanken« sein. In
diesem Tone sprach er auch in meinem Zimmer über sie. Man kann meinen,
dass der Mann, der so sprach, kein grosser Portraitmaler war, und man
kann die objective Richtigkeit seines Urtheiles bezweifeln; man kann
aber nicht, wie es wegen seines ultrarationalistischen Standpunktes
in der Frauenfrage mehrfach geschehen ist, ihn beschuldigen, die Ehe
als blossen Vertrag betrachtet zu haben. Grosse Dichter, wie Dante und
Petrarca, haben den von ihnen phantastisch geliebten Frauen in ihrer
Dichtung ein phantastisches Denkmal gesetzt; aber ich weiss nicht, dass
jemals ein Dichter der liebevollen Verehrung eines weiblichen Wesens
einen so wahren und so warmen Ausdruck gegeben, wie Mill in den Worten,
in welchen er den Werth seiner Frau und ihre bleibende Bedeutung
für ihn gefasst hat. Die Inschrift, die er auf ihren Grabstein in
Avignon hauen liess, ist kein Zeugniss künstlerischer Begabung für den
Lapidar-Stil; sie hat zu viele und zu lobpreisende Worte. Energisch
und schön ist aber der Satz, womit sie endigt: _Were there even a few
hearts and intellects like hers, this earth would already become the
hoped-for heaven._
Ich fragte Mill, ob seine Frau anderes als das von ihm Herausgegebene
geschrieben hätte. »Nein«, antwortete er, »aber ringsum in meinen
Schriften finden Sie ihre Ideen; die besten Partien in all' meinen
Büchern sind von ihr«. »Auch in der Logik?« fragte ich wieder. »Nein«,
gab er halb entschuldigend zur Antwort, »die Logik schrieb ich, bevor
ich mich verheirathete«. Ich konnte nicht unterlassen, bei mir selbst
zu denken, dass die Beiträge der Frau Stuart Mill zur inductiven Logik
auch in dem entgegengesetzten Falle kaum beträchtlich gewesen wären;
ein wenig muss doch Mill selbst erdacht haben. Die ehrerbietige
Unterwürfigkeit, die in diesem Gespräche hervortrat, war aber für das
Naturell des grossen Denkers eigenthümlich.
Sein Gemüth hatte die entschiedene Neigung, nicht einer Sache allein,
sondern einer persönlichen Incarnation derselben zu dienen, und
so wurde er dazu gebracht, nach einander zwei Persönlichkeiten zu
verehren, die, wie selten und bedeutend sie auch sein mochten, ihm
durchaus nicht überlegen waren, seinen Vater und seine Frau. Zu dem
Vater (und Bentham) sah er in seiner ersten Jugend auf, zu seiner Frau
in seinem ganzen übrigen Leben.
Wer Mills Selbstbiographie gelesen hat, wird die düstere
Schilderung nicht vergessen haben, die er von dem verzweifelten
Schlaffheitszustande gibt, der bei ihm das Mannesalter einleitete. Es
war eine lange und schmerzhafte Krisis, während welcher seine Natur
gegen die durch abnorme Erziehung hervorgerufene Ueberentwicklung
seiner Fähigkeiten reagirte. Anstatt die vollkommene geistige
Organisation zu bewundern, die Mill aus einer so überlastenden und
gefährlichen Schule, wie die seines Vaters, unverletzt hervorgehen
liess, liebte es die englische Durchschnittsbildung, ihn wegen eben
dieser Treibhauserziehung als eine Abnormität zu bezeichnen, die
zum Lehrer und Vorbild nicht geschaffen sei. In dem unglaublich
grossen Vorrathe von Kenntnissen jeder Art, die ihm schon als Knaben
beigebracht wurden, fand man den Beweis der Unnatürlichkeit seiner
Lehren und der »Unmenschlichkeit« Stuart Mill's. Was könnte man von
einer Lesemaschine erwarten, die, drei Jahre alt, griechisch las
und im dreizehnten Jahre einen Cursus der Staatsökonomie durchging?
Die Krisis, welche der Ueberbürdung folgte, ist nicht weniger
missdeutet worden als die encyklopädische Erziehung des Knaben. Die
Symptome derselben waren völlige Gleichgültigkeit gegen alle Zwecke,
die der junge Mann früher begehrenswerth gefunden hatte, und eine
ununterbrochene Freudlosigkeit, während welcher er sich selbst fragte,
ob die vollständige Verwirklichung seiner Ideen und die Ausführung
der Reformen, für die er geschwärmt, ihm eine wirkliche Befriedigung
verschaffen würde, und diese Frage verneinend zu beantworten sich
gezwungen sah. Philosophen haben hierin einen Widerspruch der Natur
gegen die Millsche Nützlichkeitslehre gefunden, indem selbst die
Verwirklichung des grösstmöglichen Glückes für die grösstmögliche
Zahl nach seinem eigenen Geständnisse ihn nicht glücklich gemacht
hätte; Theologen haben in jener Krisis ein Einbrechen jener geheimen
Melancholie, jener tiefliegenden Verzweiflung gesehen, in welcher,
auch ohne es zu wissen, der immer lebe, welcher nicht glaube. Es ist
jedoch kaum ein Zeugniss gegen die Glücksmoral, dass Moral allein
nicht glücklich macht, und es dürfte ein schlechtes Zeugniss für die
Unentbehrlichkeit des Dogmenglaubens abgeben, dass ein hochbegabter
und eminent kritisch angelegter Jüngling von 20 Jahren (der sowohl
früher wie später mit heiterem Gemüthe sich ohne dogmatischen Glauben
durch die Welt half) einen Winter hindurch unter der tiefen Unlust
zum Handeln und unter jener Qual der Existenz zusammenbrach, mit
welcher jeder grübelnde Geist zu kämpfen hat, und die fast Jedermann
wenigstens ein Mal in seinem Leben überwinden muss. Es gibt unter
reicher entwickelten Männern nur wenige, die jenes Selbstaufgeben
nicht gekannt hätten; bei einzelnen ist es von kurzer Dauer, bei
anderen chronisch; nur der äussere Anlass, der es hervorruft, wie die
Waffen dagegen sind verschieden. Jeder hat seinen Panzer gegen den
Missmuth, einer den Arbeitstrieb, ein anderer den Ehrgeiz, einer das
Familienleben, ein anderer den Leichtsinn; aber durch die Fugen dieser
Panzer bohrt sich der Lebensüberdruss seinen Weg. Bei Stuart Mill
war nun augenscheinlich dieser Panzer die Gewissheit, in dem Geiste
eines anderen Menschen zu handeln, den er weit höher schätzte als sich
selbst. Man darf seine eigene Aeusserung nicht übersehen, dass, wenn
er zu jener Zeit »Jemand tief genug geliebt hätte, um diesem Anderen
seine Qual anzuvertrauen, er sich nicht in dem Zustande befunden haben
würde, in welchem er sich befand«. Hätte Mill damals seine zukünftige
Frau gekannt, so würde die Krisis gewiss nicht jenen acuten Charakter
angenommen haben; _sie_ hätte ihm sicherer als Dogmen und Moralsysteme
über die tiefe Niedergeschlagenheit fortgeholfen. Das sieht man schon
aus den treffenden Worten, mit welchen er seinen Zustand geschildert
hat: »Ich war am Anfang meiner Reise gescheitert, denn mein Schiff, dem
weder gute Ausstattung, noch ein Steuer fehlte, hatte keine Segel«.
Das Segel dieses Schiffes, das so reiche und kostbare Ladung führte,
war und blieb eben jene schwärmerische Neigung zu vergöttern und sich
zu unterwerfen. Zu jener Zeit war der Einfluss des Vaters in starkem
Abnehmen, der der Gattin hatte noch nicht angefangen; folglich stand er
still.
So viel ging schon aus dem allerersten Gespräche mit Mill hervor, dass
das Gewinnen jener Freundin das grosse Loos seines Lebens war. Nur an
einer einzigen Stelle, wo er von ihr spricht, ist es ihm gelungen, eine
Vorstellung von der Eigenthümlichkeit ihres Wesens zu geben, das ist,
wo er sie mit Shelley vergleicht. Ein weiblicher Shelley -- so stand
sie vor ihm in seiner Jugend; später schien ihm sogar Shelley, der so
früh fortgerissen wurde, in Denkvermögen und intellectueller Reife
nur ein Kind im Vergleiche mit ihr. Er gibt mehrmals in bestimmteren
Ausdrücken an, was er ihr verdankt: den Blick für die fernsten Zwecke,
d. h. für die letzten Consequenzen der Theorie, und für die nächsten
Mittel, d. h. für das unmittelbar zu Erreichende in der Praxis. Die
ursprüngliche Begabung, die er sich selbst zugesteht, war nur auf
das Verbindende dieser Extreme, auf die mittleren moralischen und
politischen Wahrheiten gerichtet.
Es kommt mir jedoch nicht sehr wahrscheinlich vor, dass Frau Stuart
Mill ihrem Mann direct neue Gedanken eingeflösst habe. Ihre
wesentliche Bedeutung für ihn muss, glaube ich, in zwei anderen
Punkten gesucht werden. Erstens hat sie seinen Denkmuth gestärkt, und
mehr als die Neuheit der Gedanken ist es auch der Denkmuth, welcher
den classischen unter seinen Schriften, z. B. dem Buche »Ueber die
Freiheit«, ihren Charakter gibt. Mehrmals kam er, schon in unserem
ersten Gespräche, mit Bedauern auf den Mangel an Muth zurück,
welcher überall die Schriftsteller von der Vertheidigung neuer Ideen
zurückhält. Er sagte: »Es gibt Talente ersten Ranges wie George Sand,
deren wesentliche Originalität in dem Muthe besteht. Ich sehe -- fügte
er hinzu -- von ihrem unbeschreiblich schönen Stile ab, dessen Musik,
wie ich mich in einer Schrift einmal ausdrückte, nur mit dem Wohllaute
einer Symphonie verglichen werden kann«. Schon durch die Sicherheit,
welche durch das Gefühl der Uebereinstimmung mit einem fremden Gedanken
erzeugt wird, hat die Gattin Stuart Mill's jenen bei George Sand
gepriesenen Muth in ihm gehoben.
Zweitens hat Frau Mill durch ihre weibliche Universalität ihren Gatten
davor geschützt, sich in irgendwelches Vorurtheil zu verrennen. Sie hat
in seinem Gemüthe eine gewisse Skepsis bewahrt, im Eise der Doctrinen
eine nie zufrierende Stelle offen gehalten und, indem sie ihn skeptisch
stimmte, hat sie bewirkt, dass er immer fortschritt. Während die
Mehrheit sogenannt freisinniger Männer fast immer relativen Freisinn
auf Einem Punkte mit doppelter Verstocktheit in anderen Rücksichten
erkauft, war Mill immerfort gegen herkömmliche Vorurtheile auf seiner
Hut, ja ging sogar bis zu seinem Tode angriffsweise gegen dieselben
vor, suchte sie unerschrocken, um sie zu erklären und zu vernichten, in
ihren Verschanzungen auf.
Darüber kann schliesslich kaum ein Zweifel sein, dass Frau Mill
einen grossen Antheil an dem Auftreten ihres Mannes zu Gunsten der
gesellschaftlichen Lage der Frauen gehabt hat. Es interessirte mich,
zu erfahren, ob er seinen Angreifern in der Frauenfrage geantwortet
hätte. Er hatte ihnen keine Antwort gegeben und wollte es nicht thun.
»Warum«, sagte er, »immer dasselbe wiederholen; keiner von ihnen hat
etwas von Werth hervorgebracht«. Ich berührte den Widerstand vieler
Aerzte, die Einwendungen, die sich auf die Naturnothwendigkeiten,
welchen das Weib unterworfen ist, berufen. Er sprach sich sehr hart
und unbedingt gegen ärztliche Vorurtheile im Allgemeinen aus: »Es
gibt«, sagte er, »keine vorurtheilsvolleren Menschen als die Aerzte«.
Lange und mit Vorliebe verweilte er dagegen bei der Lust und dem nicht
seltenen Berufe der Frauen, ärztliche Beschäftigung zu treiben. Er
nannte Miss Garrett, die sich neulich in Paris einem ärztlichen Examen
unterworfen hatte, und lobte sie als die erste Frau, die diesen Muth
gezeigt. In einem Briefe an mich hatte er einmal die Frauenfrage als
»die in seinen Augen wichtigste aller politischen Fragen der Gegenwart«
bezeichnet; sie war jedenfalls in seinen letzten Lebensjahren eine von
denen, die ihn persönlich am meisten erfüllten.
Er scheute weder schriftlich noch mündlich die stärksten Ausdrücke,
um seine Auffassung des Unnatürlichen in der Abhängigkeit der Frauen
in das rechte Licht zu stellen. Hatte er ja nicht gefürchtet, das
Lachen durch die starke Behauptung herauszufordern, dass wir überhaupt
bis jetzt noch _gar nichts_ über das Wesen des Weibes wüssten, da
wir es noch nie sich in Freiheit entfalten gesehen, als ob die ganze
Geschichte und die ganze Erfahrung, Raphael's sixtinische Madonna,
Shakespeare's junge Mädchen, die sämmtlichen von Frauen verfassten
Schriften uns über die weibliche Natur gar nicht belehrten. In diesem
einen Punkte war er fast fanatisch. Er bildet mit seinem von der ganzen
physischen Sphäre hinwegsehenden Glauben an die Fähigkeiten der Frauen
unter den Philosophen dieses Jahrhunderts den polaren Gegensatz zu
Schopenhauer mit seiner Geringschätzung des Weibes. Er, der in allen
Verhältnissen zwischen Mann und Mann die Feinheit und die Zartheit
selbst war, liess sich zu fast beleidigenden Aeusserungen hinreissen,
wenn Andersdenkende in seiner lieben Grundfrage eine abweichende
Meinung äusserten. Ich befand mich eines Tages bei Hippolyte Taine,
als eben der Postbote einen Brief von Stuart Mill brachte. Es war
die Beantwortung eines Schreibens, in welchem Taine mit Rücksicht
auf die in »The subjection of women« ausgesprochenen Gedanken die
Ansicht geäussert hatte, dass die hier angestrebte Veränderung in der
gesellschaftlichen Stellung des Weibes vielleicht in England, wo sie
mit dem Racencharakter übereinstimme, vorzüglich ausfallen könne,
in Frankreich aber, wo die Anlagen und Neigungen der Frauen so ganz
abweichend seien, gewiss keinen Erfolg haben werde. Mill's bündige
Antwort lautete so: »Ich sehe in Ihren Aeusserungen ein Symptom jener
Verachtung vor dem Weibe, die in Frankreich so durchgehend ist. Alles,
was ich darüber sagen kann, ist, dass die französischen Frauen den
französischen Männern diese Verachtung mit Zinsen zurückgeben«.
Das Eigenthümliche des Mill'schen Standpunktes in dieser
Emancipationsfrage war, dass er sich ganz und gar auf eine sokratische
Unwissenheit stützte. Er sprach den aufgehäuften Erfahrungen von
Jahrtausenden jede Beweiskraft in Betreff der Grenzen des so lange
geknechteten weiblichen Geistes ab und behauptete, dass wir _a
priori_ über das Weib nichts wüssten. Er ging von keinem doctrinären
Begriffe besonderer weiblicher Fähigkeiten aus, stützte sich auf den
einfachen Satz, dass die Männer kein Recht hätten, den Frauen irgend
eine Beschäftigung, die sie reize, zu verbieten, und erklärte jede
Bevormundung nicht nur für ungerecht, sondern für unnütz, da die freie
Concurrenz von selbst die Frauen von jeglicher Arbeit ausschliessen
würde, wozu sie untauglich seien oder in welchen sie der Mann
entschieden übertreffe. Er hat Viele dadurch abgeschreckt, dass er
gleich das erste Mal, wo er die Frage zur Sprache brachte, die letzten
logischen Folgerungen seiner Lehre zog und z. B. die directe Theilnahme
der Frauen an der gesetzgebenden Wirksamkeit befürwortete; doch hatte
er als Engländer Wirklichkeitssinn genug, um die praktische Agitation
auf einen einzigen Punkt zu beschränken. Ich erinnere mich, dass ich
ihn fragte, warum man in England und Amerika mit Uebergehen der, wie
mir vorkam, zuerst erforderlichen wirtschaftlichen Emancipation der
Frauen, alle Bestrebungen auf das doch viel schwieriger erreichbare
politische Stimmrecht concentrirt habe. Er antwortete: »Weil, wenn das
erlangt ist, alles Uebrige daraus folgt«.