Eines Tages, im Juli 1870, als ich in Paris in meinem Zimmer lesend
auf und ab ging, hörte ich ein bescheidenes Klopfen an der Thüre. Der
Uhrmacher! dachte ich. Denn es war eben die bestimmte Stunde, wo ein
Mal in der Woche auf den Glockenschlag ein Gehilfe des Uhrmachers sich
einzufinden pflegte, um alle Tafeluhren in dem kleinen Hôtel garni
aufzuziehen.
Ich öffnete die Thür, und draussen stand ein ältlicher, hoher,
magerer Mann in einem ziemlich langen schwarzen Rocke, der um die
Taille zugeknöpft war. »Treten Sie näher« sagte ich, ohne ihn genauer
anzusehen, und griff wieder nach meinem Buche. Aber der Mann blieb
stehen, hob den Hut und nannte fragend meinen Namen. »Ich bin es«
antwortete ich, und bevor ich wieder fragen konnte, hörte ich die
mit gedämpfter Stimme gesagten Worte: »Ich bin Herr Mill«. Hätte
sich der Herr als König von Portugal vorgestellt, wäre ich kaum mehr
erstaunt gewesen, und ich weiss nicht, was er hätte sagen können, das
mir im Augenblicke mehr Freude gemacht hätte. Mein Gefühl war das,
welches unter dem ersten Kaiserreiche ein Corporal von der jungen
Garde empfand, wenn Napoleon während einer seiner Runden im Lager ihm
mit einem Zupfen am Ohrläppchen die Gnade erwies, seine Existenz zu
bemerken.
Meine Bestrebungen, Stuart Mill in meinem Vaterlande bekannt zu machen,
hatten sein Interesse geweckt; er hatte mir wiederholt geschrieben,
und noch häufiger Broschüren und Zeitungen, die mir von Nutzen sein
könnten, sowohl nach Kopenhagen wie nach Paris zugeschickt. Er wusste
also meine Adresse, und da er sich gerade auf der Durchreise in Paris
befand und, sonderbar genug, keinen einzigen Bekannten in dieser Stadt
besass, so hatte er nicht Anstand genommen, den langen Weg vom Windsor
Hôtel nach Rue Mazarin zurückzulegen, um seinen jungen Correspondenten
mit einem Besuche zu beehren. Als er mir seinen Namen genannt hatte,
erinnerte ich mich sogleich seines Portraits. Das gab aber so wenig
eine Vorstellung von Gesichtsausdruck und Hautfarbe wie von der Weise,
wie er ging und stand. Obwohl 64 Jahre alt, hatte er die frische und
reine Haut eines Kindes. Er hatte diesen Kinderteint und diese rothen
Wangen, die man fast nie bei älteren Männern des Festlandes, nicht
selten aber bei den weisshaarigen Gentlemen beobachtet, die Mittags im
Hydepark spazieren reiten. Seine Augen waren klar und tief dunkelblau,
die Nase schmal und krumm, die Stirne hoch und gewölbt mit einem stark
hervorspringenden Knoten über dem linken Auge; es sah aus, als hätte
das Arbeiten der Gedanken ihre Organe gezwungen, sich zu erweitern und
mehr Platz zu schaffen. Das Gesicht mit den stilvollen und grossen
Zügen war einfach, aber nicht ruhig; nervöse Zuckungen liefen ab und
zu darüber hin und schienen das unruhig zitternde Leben der Seele
zu verrathen; er suchte nach den Worten und stotterte bisweilen am
Anfange eines Satzes. Sitzend sah er mit dieser frischen, prächtigen
Physiognomie und dieser gewaltigen Stirn wie ein noch junger und
kräftiger Mann aus. Als ich ihn später auf der Strasse begleitete,
bemerkte ich jedoch, dass sein Gang trotz seiner Schnelligkeit etwas
hinkend war und dass das Alter trotz des schlanken Wuchses Spuren in
seiner Haltung hinterlassen hatte. Sein Anzug machte ihn älter als er
war. Der altmodische Rock, den er trug, bewies, wie gleichgültig ihm
seine äussere Erscheinung geworden. Er war schwarz gekleidet und hatte
an seinem Hute einen Flor, der viele unregelmässige Falten schlug. Nach
so vielen Jahren ging er noch in Trauer um seine verstorbene Frau.
Im Uebrigen zeigte seine Person weiter keine Nachlässigkeit; ein
stiller Adel und eine vollendete Selbstbeherrschung sprachen aus ihr.
Auch ohne seine Werke gelesen zu haben, konnte man sehen, dass es einer
der Könige des Gedankens war, der dort im rothen Sammtfauteuil Platz
genommen hatte, neben dem Kamin mit jener Tafeluhr, die aufziehen zu
wollen ich ihn in so unbegründetem Verdachte gehabt hatte.