Wenn der Leser mit mir im Geiste das kleine Haus No. 53 Boulevard
Montmorency betreten will, so wandern wir zuerst durch ein mit rothem
und weissem Marmor belegtes Véstibule, wo japanische Stickereien, die
sogenannten Fukusas, von den Wänden in prachtvollen Farben strahlen;
wir betrachten in den Zimmern die Meisterwerke des französischen
achtzehnten Jahrhunderts und die Schätze aus Japan, jenem äussersten
Orient, dessen Kunstgewerbe der Besitzer nicht mit Unrecht so hoch hält
und das er, eigenthümlich genug, aber nach der Ansicht anderer Kenner
irrthümlich, gleichfalls dem achtzehnten Jahrhundert zuschreibt.
Wir suchen ihn vielleicht vergeblich in der Wohnstube und den
Bibliothekszimmern, aber in dem kleinen Garten des Hauses steht ein
stattlicher, eben sechzigjähriger, weisshaariger Mann über seine
Blumen gebeugt. Er liebt seinen Garten, und wie ein echter Franzose,
ein echter Landsmann Candide's hat er damit geendigt, seinen Garten
zu bauen. Der Garten war, als er ihn kaufte, voll gewöhnlicher,
bürgerlicher Pflanzen. Er liebt aber das Gewöhnliche und Bürgerliche
nicht. Er hat nur die grossen, mächtigen Bäume stehen lassen und jene
alltäglichen Pflanzen durch seltene Gewächse ersetzt, denn, wie er
naiv und bezeichnend sich ausdrückt: »Das Seltene ist fast immer das
Schöne«. Er hat sich einen malerischen Garten gebildet, er hat sogar
ein prachtvolles Gefäss von Meissener Porzellan geopfert, um in dem
Grün, das eine Fontaine frisch erhält, sich einen schönen weissen
Flecken zu sichern. Da lebt er das Jahr hindurch mit seinen Blumen und
jeder Monat bringt dem Garten neue Schönheit.
Doch der Sammler und Gärtner ist der Welt nicht fremd geworden. Er
folgt mit lebhaftem Interesse der litterarischen Entwickelung seines
Landes. Und hört er, wie sein Name jetzt überall bekannt ist, erfährt
er, wie man nicht nur in Frankreich ihm eine späte Genugthuung gibt,
sondern wie Männer der jüngeren Generation auch ausserhalb Frankreichs,
sogar in fernen Ländern, ihn als einen bahnbrechenden Geist, als einen
Meister verehren, so mischt sich in die Freude an seinem Ruhm der
Schmerz, dass der jüngere Bruder, der die Arbeit mit ihm theilte, den
Lohn zu theilen nicht erlebte.