Welchen Erfolg hatten nun diese sechs Romane, die in dem Decennium
1859--69 erschienen? Die Frage ist fast überflüssig. Bücher von solcher
Feinheit, Bücher, die sich an einen ausgesuchten Kreis von Lesern
wenden, haben nie Erfolg, wenigstens nie augenblicklichen. Um solche
Bücher zu verstehen und zu geniessen, ist etwas von der geistigen
Entwickelung nothwendig, die erforderlich war, um sie zu schreiben, und
eine derartige Vorurtheilsfreiheit ist selten. Ueberdies kommen solche
Bücher und Schriftsteller das erste Jahrzehnt hindurch gar nicht in
Berührung mit dem Publikum. Es weiss einfach nichts von ihrer Existenz.
Was brauche ich zu verweilen bei dem harten und qualvollen Kampfe gegen
die Unbekanntheit, den sie mit fast allen grossen Schriftstellern
gemein haben, bei den verschiedenen Stationen ihres Leidenswegs --
erst die Station der Gleichgültigkeit des Publikums und der Presse,
dann das Stadium der Verspottung und Verhöhnung durch alle Tonarten,
weil das, was sie wollten und brachten, das was sie liebten und
sagten, das Neue, Unerhörte war. Als die Goncourt 1851 in ihrer ersten
Schrift die japanische Kunstindustrie priesen und sie hoch über
diejenige von Paris stellten, wurde von einem Journalisten, der diese
Geschmacklosigkeit geradezu wahnsinnig fand, gefordert, dass man sie
in ein Tollhaus sperre; heutzutage sind nicht nur die meisten fremden
Kunstverständigen, sondern sogar die Pariser mit dem Enthusiasmus für
japanisches Kunstgewerbe vollständig einverstanden. Und jenes erste
Urtheil war lange typisch für die Haltung der Presse ihnen gegenüber.
Sie standen anfangs ohne Freunde, ohne litterarische Verbindungen
da. Alles war ihnen verschlossen. Ueberall trafen sie das gegen
Eindringlinge in die Litteratur, besonders gegen die Revolutionäre
einer Kunstart so gut organisirte Schweigen.
Vielgenannt, vielgehört wurde ihr Name erst, als 1865 das Schauspiel
»Henriette Maréchal« am Théâtre français aufgeführt, von einer Bande
Studenten ausgezischt und von der Bühne verdrängt wurde, nicht aus
künstlerischen oder kritischen Gründen, sondern weil man zu wissen
glaubte, dass die Brüder als Schützlinge der Prinzessin Mathilde
Anhänger des zweiten Kaiserreichs seien, mit dem sie nie in der
entferntesten Berührung gestanden hatten, wenn man nicht das eine
Berührung nennt, dass sie am Tage des Staatsstreiches durch ein
possierliches Missverständniss als verdächtig arretirt worden waren.
Seitdem verzichteten sie auf jeden Versuch, an einem Theater aufgeführt
zu werden.
»Renée Mauperin« war von andern -- von Sardou, von Meilhac und Halévy
-- nachgeahmt worden, »Germinie Lacerteux« hatte einen schnell
vorübergehenden Skandalerfolg gehabt -- die Goncourt beschlossen nun,
all' ihre Kräfte an einen feinen, die höchsten Ansprüche befriedigenden
Roman zu setzen. Fast drei volle Jahre arbeiteten sie an »Madame
Gervaisais«, jener Erzählung von dem Uebergang einer frei denkenden
Dame zum Katholicismus, dem feinsten und unfruchtbarsten, leider auch
dem grossen Publikum unzugänglichsten ihrer Romane. December 1869 war
er vollendet. Kein Pariser Blatt brachte einen Artikel über das Buch;
es wurden im Ganzen 300 Exemplare verkauft.
Das brach dem jüngeren, feiner, weiblicher organisirten Bruder das
Herz. Er hatte all' seine Hoffnungen an dieses Buch geknüpft. Er, der
von den Meistern anerkannt war, er, der sein Leben lang sich über das
Urtheil und den Geschmack der Dummköpfe lustig gemacht hatte, verfiel
in eine qualvolle und hoffnungslose Nervenkrankheit vor Trauer, dass
die Dummköpfe ihn nicht verstanden und seine Bücher nicht kauften. Das
ist der Widerspruch, den man in fast allen Künstlernaturen findet.
In der ersten Zeit war Edmond geistig wie gelähmt. Er war entschlossen,
nie mehr eine Feder anzusetzen. Er richtete das kleine Haus, das die
Brüder sich eben in Auteuil gekauft hatten, zu einem wahren Museum
ein, hing seine Zeichnungen auf, placirte seine Bronzen, ordnete seine
ungeheure Bibliothek von seltenen Drucksachen und Handschriften.
Zuletzt konnte er aber doch von der Litteratur nicht lassen. Er gab
zuerst ein Buch heraus, das er mit seinem Bruder noch besprochen
hatte, »La fille Élisa«, und im Handumdrehen erreichte es 16 Auflagen.
Der Stoff war peinlich, die Behandlungsweise trocken und didaktisch;
aber der Ruhm war über Nacht im Gefolge des Todes über die Brüder
hereingebrochen, eine junge Schule verkündete mit Posaunen ihr Lob, sie
waren allbekannt, fast berühmt geworden, jetzt, wo der Eine todt, der
Andere ein gebrochener Mann war.
Dann machte Edmond sich allein, zum ersten Male ganz allein daran,
einen Roman zu schreiben. Und noch in die Erinnerung an den Bruder
völlig verloren, schilderte er in »Les frères Zemganno« ihr
Zusammenleben und Zusammenwirken unter dem Bilde zweier Clowns in einem
Cirkus, zweier jener Clowns, die wir alle kennen, die nur mit einander,
in einander verflochten ihre Künste machen, immer zusammen geigen: bald
auf Stuhlrücken sitzend, bald auf den Köpfen stehend, ihre Geigen in
ununterbrochenem Takt des Zusammenspiels behandeln. Man fühlt, wenn man
die Lebensgeschichte der Brüder kennt, ihre Persönlichkeiten durch,
aber an und für sich ist Alles durchaus realistisch dargestellt. Edmond
de Goncourt hatte die berühmtesten Kunstreiter und Akrobaten von Paris
studirt und ausgefragt, bevor er daran ging, sein Buch zu schreiben.
Der jüngere Bruder stürzt während eines gefährlichen Sprunges, den
der ältere für ihn erfunden hat, bricht sein Bein und ist, zu seiner
Verzweiflung, daran verhindert, jemals wieder aufzutreten. Er nimmt dem
älteren Bruder das Versprechen ab, dass auch dieser nie mehr auftreten,
_nie mit einem Andern_ seine Kunst ausüben werde. Hier findet sich eine
wunderbare Scene, wo der ältere Bruder, der das Turnen nicht mehr
lassen kann, Nachts das Bett des Kranken verlässt, um in ihrem Turnsaal
sich von einem Trapez zum andern zu schwingen; plötzlich begegnet er in
der Thür dem Blick des Krüppels, der auf allen vieren dahin gekrochen
ist, um zuzuschauen.
Vorzüglich hat Edmond hier sein eigenes Talent symbolisch
charakterisirt, indem er sagt: Gianni's Hände waren, selbst wenn er
ausruhte, unaufhörlich beschäftigt ... sie ergriffen jeden Gegenstand,
der ihnen nahe war, stellten die Sachen auf den Kopf, schräg geneigt,
auf irgend einen Punkt ihrer Oberfläche, wo sie sich vernünftiger Weise
nicht halten konnten, indem er sich vergeblich bestrebte, sie mehr als
einen Augenblick im Gleichgewicht zu bewahren.
»Immer arbeiteten diese Hände unwillkürlich dem Gesetz der Schwere
entgegen ... Oft konnte er stundenlang ein Möbel, einen Tisch, einen
Stuhl in alle Richtungen drehen und wenden mit einem stummen Fragen, so
neugierig, so beharrlich, dass sein kleiner Bruder ihm zuletzt sagte:
»»Was willst du doch damit, Gianni?««
»»Ich suche««, antwortete er«.
Er suchte jenes Neue, das Edmond in seiner Kunst immer angestrebt hat.
Augenscheinlich ist trotz des engen Zusammenarbeitens der ältere Bruder
der eigentliche künstlerische Experimentator gewesen; der jüngere
Bruder hat seine Stärke in der glanzvollen Ausführung gehabt.