(Juli 1896.)
Ist es möglich, dass er gestorben ist, gestorben ohne vorhergehende
Krankheit, er, der noch vor wenigen Tagen ein Bild der Gesundheit und
der geraden, unerschütterten Kraft war? Und gestorben bei Daudet, für
den, leidend wie er ist, der Tod des Freundes ein Schlag ist, dessen
Wirkung er spät verschmerzen wird. Er war stattlicher als je; er
schien keine von den körperlichen Schwächen des Alters zu haben; er
war vielleicht ein wenig stiller als in früheren Jahren, doch nur wenn
Viele zugegen waren.
An einem frühen Morgen bei Alphonse Daudet Mitte Juni wurde sein
Name genannt. Das Gespräch wurde von dem Secretären Daudet's mit der
Frage, ob der Meister etwas zu schreiben hätte, unterbrochen, als
der Diener gleichzeitig einen Brief von Madame Adam überbrachte. In
höflichen Wendungen sagte die Dame für den folgenden Mittag ab, weil
es ihr zuwider und unmöglich sei, ihre Worte zu wägen, und weil sie,
wenn Goncourt anwesend sei, riskire, Alles was sie sagen werde, in den
_Tagebüchern_ abgedruckt zu finden. Daudet bat den Secretären sie zu
beruhigen, ihr mitzutheilen, die Tagebücher seien jetzt unwiderruflich
abgeschlossen; zur Lebenszeit Goncourts werde nichts mehr von ihnen
erscheinen; sie dürfe nicht ausbleiben.
Sie erschien denn auch am folgenden Tage, und Alles ging gut.
Die Gesellschaft bestand aus der Familie, aus ihr, Goncourt, dem
südfranzösischen Lyriker Mariéton und Franz Jourdain. Goncourt
nach dem Verlauf mehrerer Jahre wiederzusehen war eine erfreuliche
Ueberraschung. Er war mit den Jahren fast noch schöner geworden; sein
Bart und seine üppigen Haare, die über dem Kopf wie ein Kranz lagen,
waren jetzt silbern, und die schwarzen Augen hatten ihre stille Gluth
bewahrt. Ins heitere Tischgespräch mischte er sich nicht viel; er
sprach nur von der Unruhe, die man während der langen Typhuskrankheit
Léon Daudet's ausgestanden hatte, und fügte eine und die andere
Bemerkung zu den Aeusserungen Daudet's über die Treulosigkeit und
blasirte Verlogenheit des verstorbenen Chefredacteurs des Figaro;
später wurde er lebhafter und sprach einige kurze und scharfe Urtheile
aus. Als die Rede auf eine für ihren Geist berühmte Schriftstellerin
fiel, sagte er: Achten Sie doch nicht auf ihre Aeusserungen; sie ist
vollständig imbécile.
Sobald wir in einer Ecke allein standen, sagte er: Haben Sie Dank für
Ihr Telegramm. -- Welches Telegramm? -- Das zum Bankette für mich im
März des vorigen Jahres. -- Jetzt, wo Sie es sagen, glaube ich, ein
Telegramm damals abgesandt zu haben; ich entsinne mich aber dessen
nicht mehr. -- Sie werden es in dem letzten Band meines Journals
abgedruckt finden, und Sie werden ein kleines Zeugniss meiner Würdigung
darin erblicken, dass Ihre Depesche die einzige der eingelaufenen ist,
die ich abgedruckt habe. Kommen Sie Sonnabend zu mir zum Frühstück,
dann werde ich Ihnen das Buch und einige anderen geben. --
Eine volle Stunde nahm es, den langen Weg zu seinem Hause in Auteuil zu
fahren, und leider kam ich ein wenig zu spät. Ein kleines Dienstmädchen
lag mit dem Kopf aus dem Fenster und spähte nach dem Erwarteten, damit
er sich nicht an dem Hause irren solle, das, seit ich das letzte Mal da
war, eine neue Nummer bekommen hatte, eine 67 anstatt der klassischen
53, die in _La maison d'un artiste_ angeführt ist. In seinen zwei
Bänden enthält dies Buch ja die umständliche Beschreibung von Allem,
was bis 1881 an Kunstschätzen im kleinen Hause aufgehäuft war, dessen
Werth seitdem recht stark vermehrt worden ist.
-- Ich fürchtete, Sie hätten den Tag vergessen; wir können sogleich
zu Tisch gehen, und wir werden viel Champagner trinken. -- So früh am
Tage? -- Das ist eben gut. --
Ich fragte nach Pélagie, dem alten Dienstmädchen, das mich früher
so liebenswürdig protegirt hatte. -- Es ist ihre Tochter, die uns
aufwartet. Sie ist hier im Hause, lässt aber die Tochter ihre Stelle
vertreten. --
Die Tochter wusste, dass ihre Mutter sogar in fremden Ländern berühmt
sei.
Wir waren allein in dem kleinen Esszimmer, dessen Wände mit schönen
Tapeten in der Manier Watteau's bedeckt sind; die Rede fiel, wie es
natürlich war, zuerst auf Alphonse Daudet, einer der Persönlichkeiten,
über welche die vollste Uebereinstimmung zwischen dem Wirthe und
seinem Gaste herrschte. Niemand, der Daudet kennt, kann anders, als
seine Persönlichkeit noch höher als sein Talent schätzen. Seit mehr
als einem Jahrzehnt ist er jetzt krank gewesen -- seine Beine sind
fast gelähmt -- aber weit davon, ihn selbstsüchtig zu machen, hat das
Leiden nur seine reiche und starke Menschlichkeit vertieft. Ich sagte:
In jenem Hause, in jener Familie, haben Sie Herzen, worauf Sie sich
verlassen können. Er antwortete: Es ist meine Familie, mein Heim. --
Es überraschte mich, wie sehr er und Daudet in allen Urtheilen über
Personen übereinstimmten. Man merkte, dass sie so oft und lange mit
einander über alle möglichen Gegenstände gesprochen hatten, dass jeder
Unterschied in der Auffassung sich ausgeebnet hatte. Während Zola die
Bücher Daudet's mit den Augen des Rivalen ansieht und sie mündlich
mit einer Strenge und Schärfe beurtheilt, die in seiner geschriebenen
Kritik sich nirgends findet, hatte Goncourt das schärfste Auge für
jeden Vorzug Daudet's, und die Bücher von ihm, die er am höchsten
würdigte, waren auch wirklich die besten. _Sappho_ war ihm vor all
den anderen lieb. Daudet konnte nicht umhin, die Selbsterfülltheit
zu bemerken, die mit den Jahren sich bei Goncourt geltend machte, er
fand sie aber so unschuldig und so verzeihlich, dass es ihm unmöglich
war, daran zu ermüden, viel weniger, dass er sie hätte übel aufnehmen
können. Nur die allzu offenherzige Weise, auf welche Goncourt in den
Tagebüchern bisweilen sich über ihn und die Seinigen ausgesprochen
hat, war ihm, so liebevoll die Besprechung und so gut die Absicht war,
durchaus nicht angenehm.
Es ist ja auch unzweifelhaft, dass diese so eigenartigen Journale
ab und zu Indiscretionen, auch nicht selten Unbedeutendes bringen,
und dass sie bisweilen ausgezeichnete Männer (wie Renan oder Taine),
deren Philosophie dem Autor ein verschlossenes Buch war, in ein
schiefes Licht stellen. Nichtsdestoweniger enthalten sie eine Fülle
von Leben, bringen einen Reichthum an Porträts der Zeitgenossen, an
Bildern jeglicher Art, an verdichteten Gesprächen u. s. w., im Fluge
aufgegriffen und mit einer Fähigkeit, das Momentane wiederzugeben,
dargestellt, die, so viel ich weiss, nirgends vorher so schlagend
erschienen ist. Diese neun Bände, von denen die drei ersten beiden
Brüdern entstammen, während Edmond de Goncourt allein die sechs
übrigen verfasst hat, stehen im Ganzen würdig den zwei Romanen zur
Seite, die Edmond in den achtziger Jahren schrieb: _La Faustin_ und
_Chérie_; der erstere jene feine und tiefe Analyse des Temperaments
und des seelischen Lebens einer grossen französischen Schauspielerin,
der letztere eine etwas peinlich sorgfältige, fast wissenschaftliche
Studie eines frühreifen jungen Mädchens unter dem zweiten Kaiserthum,
eine Studie, zu welcher der Verfasser recht viele Mittheilungen und
Bekenntnisse von weiblichen Zeitgenossen und, wie er mir einmal
gestand, nicht zum wenigsten die Journale Marie Baschkirtzew's
verwendet hat. --
Goncourt führte mich umher in seinem kleinen Museum, zeigte mir
französische Zeichnungen aus dem 18. Jahrhundert und Bronzen aus Japan,
die ihm besonders lieb waren; dann entfaltete er mir den Bücherschatz,
den er sich, seit ich das letzte Mal hier war, erworben hatte, die
seltene Sammlung französischer Meisterwerke, mit einem Blatt aus dem
Manuscript des Verfassers versehen und mit einem Portrait desselben in
der kunstreichen Einbanddecke eingerahmt. Nur ein Stück der Sammlung
fehlte, das Bildniss Daudet's von Carrière ausgeführt, der ihm eine
gewisse Aehnlichkeit mit einem leidenden Christus verliehen hat; es war
und ist zur Zeit in der Ausstellung _L'art nouveau_ zu sehen.
Der Kaffee wurde in den Garten hinuntergebracht, in welchem sich an
jeglichen Baum Erinnerungen anknüpfen, und wo ich den kleinen Delfin
aus sächsischem Porzellan in dem feuchten Grün bei der Quelle wiedersah.
Doch es gab auf's Neue etwas im Hause, das Goncourt zeigen wollte. Er
stieg die Treppe zum Arbeitszimmer hinauf, und wir sahen die vielen
Portraits ersten Ranges durch, welche dieses enthält. Dann nahm ich
Abschied, wie das vorige Mal mit Geschenken belastet. Aber indem ich
mich der Ausgangsthür näherte, ergriff mich das Gefühl, dass ich
jetzt zum letzten Mal diese Thür öffnen und nie den grossen alten
Mann wiedersehen werde. Es war mir als ob meine Augen feucht wurden,
ich kehrte mich unwillkürlich um, ergriff seine Hand und sagte noch
einmal Lebewohl. Er brach in die Worte aus: Sehen wir uns denn nicht in
Champrosay, Sie reisen ja doch da hin? -- Das thu' ich, aber wir werden
uns kaum dort treffen. -- Ich komme am 4. Juli da hinaus, sagte er.
-- Zu der Zeit werde ich in London sein. Leben Sie wohl denn! -- Auf
Wiedersehen, sagte er, und ich fühlte zum letzten Mal den Druck seiner
Hand.
Er kam nach Champrosay um den Tod dort zu finden unter den Wesen, die
ihm die liebsten waren.