Man lese den (1863 erschienenen) Roman von den Brüdern Goncourt, der
den Titel »Renée Mauperin« führt. Die Dichter schildern sonst gerne
Ausnahmen. Dies ist aber eine typische, wirklichkeitsgetreue und
doch fast ideale Darstellung des französischen jungen Mädchens aus
dem höheren Bürgerstand, wie es durch eine Knabenerziehung und eine
Entwickelung aller künstlerischen Anlagen der jungen weiblichen Seele
geworden ist. Die Brüder Goncourt schildern edle Frauen nie als »schöne
Seelen«. Sie sind dem Spiritualismus so abhold, dass man unter ihren
Aphorismen (»Idées et sensations«) sogar die Bemerkung findet: »Es ist
selten, dass Jemand sich gratis dazu hergiebt, seine Mitmenschen zu
vergeistigen. Wenn man die Theorien von dem Schönen, dem Guten, dem
Ideal bis auf den Grund verfolgt, findet man fast immer die Sehnsucht
nach einer Stelle, einem Katheder, einer hübschen Wohnung«. Sie sind
keine Idealisten, auch jungen Mädchen gegenüber keine. Sie werden sich
früh das Wort gesagt haben, das Taine's Graindorge so formulirt hat:
»Wenn du ein junges Mädchen mit hellen Augen und rothen Wangen siehst,
so glaube nicht, dass sie ein Engel sei, sondern dass man ihr viele
Cotelets zu essen gegeben und sie um neun Uhr zu Bette geschickt hat«;
um so interessanter ist es, wenn wir in ihren Büchern dem fast Idealen
in der Darstellung junger Mädchen begegnen.
Renée Mauperin ist nach dem schlagenden Worte einer der Personen
im Buch _une mélancolique tintamarresque -- tintamarresque_ d. h.
lärmend, ausgelassen, insofern sie in Slang-Redensarten spricht,
schwimmt, malt, Privatcomödie spielt, ebenso neugierig wie rein
dem Leben gegenübersteht, ihre Unabhängigkeit sogar mit ziemlich
gewagten Mitteln vertheidigt, ihre Freier haufenweise abziehen
lässt, die Spiessbürgerlichkeit ihrer Umgebung empört und erschreckt
-- _melancholisch_, weil sie eine adlige Seele hat und ein
Künstlertemperament und ein Nervensystem, das schmerzlich gegen alles
Niedrige reagirt, weil sie desshalb nicht ihres Gleichen findet, oder
doch nur in einem etwas älteren Freund, einem geistvollen und armen
Weltmann, der nicht daran denkt, sie zu heirathen und in dem sie auch
bloss einen Rathgeber und Kameraden sieht. Dabei ist sie von einer
Rechtschaffenheit, einem unerbittlichen Ehrgefühl, wie es wenig Männer
besitzen.
Der Bruder Renée's, der typische, junge, kaltehrgeizige Bourgeois mit
correcter Aussenseite, fest entschlossen, durch eine überreiche Heirath
vorwärts zu kommen, steht im Begriff eine Handlung zu begehen, die in
Renée's Augen schmählich ist. Das Mittel, das sie anwendet, um dieselbe
zu verhindern, führt unglücklicherweise zu einem Duell, in welchem
der Bruder fällt. Die qualvolle Reue über diese an sich unschuldige
Handlung untergräbt die Gesundheit Renée's. Sie stirbt langsam an einer
zehrenden Krankheit, deren Verlauf mit herzschneidender Wahrheit und
recht peinlicher Ausführlichkeit erzählt ist, und lässt ihre Eltern
kinderlos zurück.
»Renée Mauperin« ist eins der Bücher, die man nie vergisst. Die
rührende Hauptgestalt ist öfters nachgeahmt worden, Sardou hat sein
Fräulein Benoiton, Meilhac und Halévy haben ihre Frou-Frou nach ihr
gebildet. Aber all' die übrigen Persönlichkeiten sind ebenso richtig
und fein gezeichnet und ihr Wesen entfaltet sich in Gesprächen, deren
Natürlichkeit und treffender Wahrheit noch keine Spur von Manier
anklebt. Einen besonderen Reiz erhält der Roman, wie alle übrigen
Werke der Goncourt, durch die Weise, wie das Aeussere, die Umgebung,
das Landschaftliche behandelt ist. Die Brüder haben es verstanden,
ohne in die Aufzählungen Balzac's zu verfallen, »die Seele« der Dinge,
den Charakter und Geruch der Lokalitäten, die sie uns vorführen,
unvergesslich wiederzugeben. An ihren Beschreibungen fühlt man es,
dass sie ursprünglich Maler und Radirer gewesen sind. Sie sehen
nicht mit dem unschuldigen, das Aeusserliche meist nur symbolisch
auffassenden Auge des Poeten, sondern mit dem malerischen Scharfblick
des Kunstkenners oder Radirers. Sie skizziren nicht flüchtig die
Gegenstände, sondern beschreiben sie so genau, dass ein Maler nicht
im Zweifel sein würde, wie er sie malen müsse, oder richtiger: ihre
Landschaften machen ganz den Eindruck von Gemälden. Sie wollen das und
nennen bisweilen selbst den Maler, an dessen Stil sie gedacht haben. So
beendigen sie eine merkwürdige, halb poetische, halb photographische
Beschreibung der Seine-Ufer an einem Sommerabend mit diesen Worten:
»Es war zugleich Asnières, Zaardam und Puteaux, eine jener Pariser
Seine-Landschaften, wie _Hervier_ sie malt, schmutzig und strahlend,
elend und heiter, bevölkert und lebendig, wo die Natur hie und da
zwischen den Gebäuden, der Arbeit und den Gewerben hervortritt wie
ein Grashalm zwischen den Fingern eines Menschen«. Wenn aber ihre
Landschaften so vollständig den Eindruck von Gemälden oder Radirungen
machen, so liegt es besonders daran, dass sie den Ausschnitt genau so
zeigen, wie er sich dem Auge dargeboten hat. Man braucht nur Eine
Naturschilderung von ihnen aufmerksam zu lesen, um den Unterschied
zwischen der gewöhnlichen und dieser modernen Naturschilderung zu
haben. Sie sagen z. B.: »Ein Mann tauchte einen Büschel Stroh, offenbar
um damit seinen Hafer zu binden, in das Wasser, das, leicht gewellt,
den Schilf, die Bäume, die Wolken mit klaren Umrissen widerspiegelte;
unter dem letzten Bogen der alten Brücke trat aber, ganz nahe vor uns,
aus dem Schatten die _Hälfte_ einer rothen Kuh hervor, die langsam
trank, und die als sie getrunken hatte, ihr weisses Maul, von welchem
das Wasser in Fäden heruntertroff, erhob und sich in Betrachtung
verlor«.
Ein Schriftsteller der älteren Schule wie Sainte-Beuve, der die
Aussenwelt eher fühlt, als sieht und für den die Landschaft nur
Stimmungsmittel ist, hätte uns nicht die andere Hälfte der Kuh
vorenthalten. Diese Beobachter halten sich streng an das, was sie
sehen, und geben es, so wie sie es sehen.
Wie »Renée Mauperin« ist »Soeur Philomène« die Geschichte eines jungen,
edel angelegten Mädchens. Das Leben einer barmherzigen Schwester wird
in diesem Roman erzählt. Es gibt wenig so zartsinnige Bücher, wenig
auch von so unendlicher Einfachheit. Es hat eben jene Einfachheit der
höchsten Kultur, die ohne Naivetät wie ohne jegliche Unnatur ist.
Es ist die Geschichte eines armen Mädchens aus dem Volke, die in einem
vornehmen Kloster erzogen worden, so dass nur ihr Geist unentwickelt
und ihrem Stande entsprechend geblieben ist, während ihr Gemüthsleben
wie ihre Sinnesempfindungen aufs Feinste ausgebildet sind. Noch als
Kind zu ihrer Tante zurückgekehrt, welche die alte Haushälterin
eines jungen, wohlhabenden Mannes ist, hegt sie eine kindliche,
rührend sorgfältige Liebe zu diesem, dem sie die Wünsche aus den
Augen liest, ohne dass er nur ein einziges Mal sie ansieht oder ihre
Existenz bemerkt. Da er endlich eines Abends, halbbetrunken nach
Hause gekommen, sich bei der Tante über die Gegenwart Philomène's im
Hause beklagt, weil er aus Rücksicht auf das junge Mädchen seinen
Junggesellengewohnheiten Zwang auferlegen muss, fällt Philomène, die
hinter der Thür seine Worte gehört hat, in Ohnmacht. Sie beschliesst
den Schleier zu nehmen.
Das Spital, in dem sie angestellt ist, wird geschildert und zwar
mit einer Meisterschaft ohne Gleichen. Die frischen Gespräche der
jungen Mediciner bilden einen glücklichen Gegensatz zu der traurigen
Grundstimmung des Ortes und zu dem inneren Leben der barmherzigen
Schwester. In dem Spital entwickelt sich nun zwischen der Nonne
und einem der dort wohnenden jungen Aerzte ein Verhältniss der
gegenseitigen Achtung und Neigung, des einfachen Vergnügens, mit
einander einige Worte über die Kranken und ihre Behandlung zu wechseln,
das von den Dichtern mit den zartesten Farben gemalt ist. Die Nonne
freut sich, von dem jungen Mann gelobt zu werden; sie wird in der
Krankenpflege noch aufopfernder, noch hingebender, um sein Lob zu
verdienen, während er ausser in den Viertelstunden ihres Zusammenseins
nie an sie denkt. Dann wird eine frühere Geliebte von ihm, ein Mädchen,
das ihn verlassen und seitdem ein leichtsinniges Leben geführt hat, in
das Spital gebracht, um wegen eines Krebsschadens an der Brust operirt
zu werden, und die Eifersucht auf diese Unglückliche stürzt die Nonne
in ein Meer von Qualen. Der junge Arzt muss selbst die vergebliche
Operation ausführen, und als Philomène in der Todesstunde Romaine's
das Gebet für ihre Seele lesen muss, kämpft in ihrem Herzen der Hass
ihrer weiblichen Natur mit dem Mitleid der Christin einen harten Kampf.
Der, übrigens unwesentliche, Gang der Geschichte ist der, dass ein
Missverständniss sie für immer von Barnier trennt, dass er -- ziemlich
unnatürlich -- an der Sehnsucht nach der verstorbenen Romaine zu
Grunde geht und dass die Sorge um die Seele des Freidenkers in seiner
Todesstunde die ganze ideale Leidenschaft Philomène's wieder wachruft
und sie zu ungewöhnlichen Schritten bewegt.
Neben diesen sanften und stillen Büchern haben die zwei Brüder auch
andere, bewegtere, figurenreiche Romane geschrieben, voll bunten
Lebens und reich an Witz und Geist, »Charles Demailly«, der das
litterarische Leben, »Manette Salomon«, der das Künstlerleben in Paris
zum Gegenstand hat. Der erstere, ihr frühester Versuch im Romanfach,
ist ein wenig überlastet, ist zu geistreich und hat zu viele, nicht
scharf und deutlich genug gezeichnete Personen. Die meisten scheinen
Portraits zu sein -- ich habe Théophile Gautier, Gustave Flaubert, Paul
de Saint-Victor und Théodore de Banville erkannt -- aber eben dieser
Umstand hat verursacht, dass sie dem fremden Leser nicht anschaulich
werden. Sie sind nicht fertig gezeichnet. Der Held in »Charles
Demailly« ist ein Schriftsteller und der Held in »Manette Salomon«
ein Maler, die beide durch das eheliche Zusammenleben mit einer sie
nicht verstehenden Frau zu Grunde gehen; es sind Leidensgeschichten.
Was hier tragisch behandelt ist, wird der Leser in Jean Pauls
genialem »Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvocaten Siebenkäs«
humoristisch behandelt finden. »Manette Salomon« ist eine weit reifere
und saftreichere Frucht ihres Talents, und ist das Lieblingsbuch der
Maler in Frankreich und im skandinavischen Norden geworden. Max Klinger
schätzt es so sehr weil er Zola's L'Oeuvre unterschätzt. Nachdem ich
es vor Jahren in den Künstlerkreisen Christiania's, wo es damals
noch unbekannt war, stark gepriesen hatte, fand ich wenige Jahre
später die Maler dort ganz voll von dem Roman. Die Bücher der Brüder
Goncourt sind überhaupt das Entzücken aller Maler; dieses, welches das
Künstlerleben darstellt, ist den Künstlern besonders werth. Der geniale
Künstlervagabund Anatole hat übrigens nicht wenige Züge, die an den
Helden in Gottfried Keller's »Der grüne Heinrich« erinnern.
Das Problem, das die Goncourt in »Charles Demailly« und »Manette
Salomon« zu lösen gestrebt haben, ist dasselbe, welches Edmond allein
in seinem Roman »La Faustin« wieder vorgenommen hat, nämlich dieses:
Wie kommt ein Kunstwerk, ein Buch, ein Gemälde, eine Rolle zu Stande?
Wie eignet das Nervensystem eines Künstlers sich die Welt an, wie saugt
es die Eindrücke ein, um sie zu assimiliren, und wie bringt es aus
seinen Beziehungen zur Aussenwelt das Kunstwerk hervor? Die genannten
Romane geben für den Schriftsteller, den Maler und die tragische
Schauspielerin die Antwort auf diese Frage. Sie stellen noch eine
andere: Welchen Störungen ist das überreizte Nervensystem des Künstlers
in seinen Verhältnissen zu der umgebenden Welt besonders ausgesetzt?
Und da das Genie bei ihnen wie nach der bekannten Definition Doctor
Moreau's »eine Nevrose«, das heisst eine Nervenkrankheit ist, so sind
die Störungen mannigfach und tief eingreifend. Geneigt, wie sie sind,
Feinheit und Schwäche überall zu sehen und zu schildern, zeigen sie
uns nur unglückliche oder doch angegriffene Künstlernaturen, und die
Schlussstimmung ist immer tief melancholisch.
Doch es gibt Stunden in dem Leben fast eines jeden Schriftstellers, wo
eine wehmüthige Grundstimmung ihm nicht genügt, wo er das Bedürfniss
hat, all' das Trostlose, das er gesehen, hinauszurufen, all' die Leiden
seiner Nerven, all' die Bitterkeit, die er durch die Berührung mit den
Menschen und den Dingen empfunden hat, den Leser fühlen zu lassen in
einem nackten, blutigen Werk.
Auch solche Bücher haben die beiden Brüder geschrieben, vor Allem
jene tiefergreifende, furchtbar-wahre Geschichte eines armen,
hysterischen, aber guten und ehrenhaften, nach und nach dem Trunk und
den Ausschweifungen ergebenen Dienstmädchens, »Germine Lacerteux«, ein
hochbedeutendes Werk, das in der französischen Litteratur tief gewirkt
hat und unter Anderem das kaum übertroffene Vorbild für Zola's genialen
aber viel gröberen Roman »L'Assommoir« gewesen ist[31].