III.

Die Brüder brachten zu ihren Romanen dieselbe Sorge für gewissenhafte

Wiedergabe des Wirklichen mit, dasselbe Bestreben, das unendlich

Kleine, das den Sinnesempfindungen zu Grunde liegt und auf welchem das

Leben der Darstellung beruht, nicht zu übersehen, endlich dieselbe

Vorliebe für die Seelengeschichte des weiblichen Geschlechts. Ihre

Romane und Theaterstücke tragen mit nur Einer Ausnahme Frauennamen.

Ich habe schon gesagt, dass diese Bücher alle modern sind. Sie sind es

in eminentem Sinne durch das Bedürfniss unbarmherziger Analyse, das sie

trägt, durch die bis zum Aeussersten getriebene Empfindlichkeit für

die Eindrücke der Aussenwelt, welche die Verfasser charakterisirt und

durch die Ueberverfeinerung ihrer Darstellungsgabe, welche derjenigen

ihrer Beobachtungsgabe entspricht. Diese Romane sind Erzeugnisse der

raffinirtesten Ueberkultur unserer Zeit; wo die Verfasser aber am

höchsten stehen und ihr Bestes geleistet haben, da haben sie jene

zweite und höchste Einfachheit erreicht, welche das Produkt der

verwickeltsten und verfeinertsten Bildung ist. Niemand hat in der

modernen Poesie so wie sie nach und nach seine Stoffe vereinfacht.

Sie haben wenig Romane geschrieben, im Ganzen sechs; sie waren zu

ernste und gewissenhafte Künstler, um, wie so manche ihrer Collegen,

jedes Jahr der Lesewelt einen fertigen Roman präsentiren zu können,

aber jedes Buch bezeichnet eine Entwickelungsstufe oder doch ein

neues poetisches Experiment. Der letzte und gewissermassen der

tiefsinnigste Roman, den sie gemeinsam schrieben, ist der einfachste

von allen. Es ist ein Roman, in welchem eigentlich nur Eine Person

vorkommt, ein Roman ohne Begebenheiten, ohne Verwickelung, ohne

Spannung, ohne Liebesgeschichte. Es ist Nichts als die peinlich genaue

Darstellung, wie eine französische Dame von der höchsten Bildung,

in dem Kreise der Doctrinärs unter Louis Philippe entwickelt, von

einem ausgezeichneten Vater erzogen, seit ihrer frühesten Jugend eine

überzeugte und selbständige Freidenkerin, während eines Aufenthalts in

Rom durch nervöse Einflüsse Schritt für Schritt dazu gebracht wird,

ihre Ueberzeugungen, ihre Denkart, ihr ganzes Wesen zu ändern, um

als fanatische Katholikin zu sterben. Wenn man Anfang und Endpunkt

des Buches betrachtet, scheint es Einem fast unmöglich, dass die

Autoren diese rücklaufende Entwickelungsgeschichte einer bedeutenden

Frauenseele glaubwürdig machen können. Aber die tausend Schritte des

Weges sind alle angedeutet, jede Uebergangsstufe, jede Nuance wird

uns klar, das Frauenherz liegt mit allen seinen Fasern offen vor uns.

Beschreibungen Roms, des heidnischen alten, wie des katholischen und

des modernen, klären die Seelengeschichte, die sie unterbrechen, auf.

Ebenso einfach wie hier der Gegenstand, ebenso complicirt ist, ohne

dass der gewöhnliche Leser es merkt, das Wissen und Können, die Methode

der Dichter. Es gibt wenig Psychologien, in denen so viel Psychologie

steckt wie in diesem wahren und feinen Buch. So einfach der Gegenstand

auch ist, so complicirt ist die Methode der Dichter. Es ist lehrreich,

eine Bekehrungsgeschichte wie die hier dargestellte mit wirklichen

Bekehrungsgeschichten zu vergleichen, wie sie in Deutschland während

der romantischen Periode stattfanden. Man vergleiche z. B. mit »Madame

Gervaisais« die Sammlung der Briefe Dorothea Veit's, die bekanntlich

in ihrer Jugend Rationalistin, in reiferen Jahren zum Katholicismus

übertrat. Man beobachtet in ihren Briefen beide Entwicklungsstufen,

aber man vermisst die Zwischenglieder, das eigentlich Interessante.

Die Brüder Goncourt haben sich die Arbeit doppelt schwer gemacht,

weil die Bekehrung bei ihnen nicht kraft einer geschichtlichen, die

Persönlichkeit ergreifenden und ansteckenden Bewegung geschieht, und

somit das Moment gänzlich fehlt, das Dorothea Veit's Bekehrung erklärt.

Andererseits waren sie vermuthlich ausser Stande, eine solche seelische

Seuche zu schildern. Ihre psychologisch dichterische Einsicht gilt

ausschliesslich der einzelnen Seele.

Sollte ich mit Einem Worte die eigentlichste Originalität ihrer Romane

bezeichnen, so würde ich sagen: diese Bücher schildern, wie nie zuvor

die Poesie, _das Nervenleben_ des modernen Menschen, besonders der

modernen _Frau_ und des modernen _Künstlers_, d. h. das Nervenleben

der zwei am zartesten besaiteten Wesen, die es gibt. Und wenn man

hier Nervenleben sagt, so sagt man ungefähr Nervenkrankheit oder

doch Kränkeln der Nerven. Es ist nicht die Sache der Goncourt, die

ungebrochene Kraft, die vierschrötige Gesundheit darzustellen. Es würde

aber ebenso pedantisch sein sie desshalb zu tadeln, wie ungereimt ihnen

desshalb ein Lob zu spenden. Es gilt nur ihre Specialität zu bestimmen.

Und ihr Bereich ist nicht gering, ist es besonders heutzutage nicht,

wo auch ausserhalb der höheren Klassen das animalische Leben so stark

von dem nervösen zurückgedrängt ist. Sie haben das abnorme Nervenleben

ihrer Zeitgenossen verstanden und es ihnen mit einer brennenden

Wahrheitsliebe dichterisch vorgeführt.

Um das zu thun, war ein Empfindungsvermögen, eine Sensitivität

erforderlich, die in der Entwickelung der Litteratur vielleicht nie in

diesem Grade gespürt worden ist. Die Schilderung der Nervenzustände

haben die Brüder ja aus sich selbst hervorgezogen, sie haben sich

selbst studiren und untersuchen, haben in ihrem eigenen Nervenleben

wühlen müssen, um dieses Gehör und dieses Feingefühl für die Zustände

Anderer zu erlangen.

Dass sie diese Höhe erreichten, das beruht aber, glaub' ich, am

tiefsten darauf, dass sie zwei waren, ich meine auf der nie dagewesenen

Art ihres Zusammenarbeitens. Sie waren geistig Zwillinge, die mit

zwei Gehirnen dachten, mit zwei Herzen fühlten. Man hat ja früher

oft genug die sogenannte Mitarbeiterschaft in der schönen Litteratur

gesehen. Gute Freunde, schlaue Köpfe haben sich besonders in Frankreich

häufig zusammen gethan, um irgend ein Kunstwerk oder Kunststück, einen

Dumas'schen Roman oder ein Scribe'sches Lustspiel zu Stande zu bringen.

Sie haben das Zusammenarbeiten durch ein heiteres Frühstück eingeweiht,

die Idee zwischen Käse und Birne besprochen, dann jeder sein Capitel

oder seinen Act geschrieben, haben sich verständigt und haben sich

wieder getrennt, um später jeder für sich dem Publikum zu verstehen zu

geben, dass nicht der Andere, der Alexander sondern er, der Émile, als

der eigentliche Urheber des Erfolgs zu betrachten sei.

Nicht nur, dass keiner der Brüder jemals den schwächsten Versuch

gemacht hat, den Hauptantheil an der gemeinsamen Produktion an sich

zu reissen oder die Firma irgendwie aufzulösen, sondern die Form

ihrer gegenseitigen Mitarbeiterschaft lässt sich mit keiner anderen

vergleichen. Sie schlossen sich, wenn sie schreiben wollten, auf drei

bis vier Tage ein, ohne auszugehen, ohne eine lebendige Seele zu sehen.

Nur in einer klösterlichen Stille und Einsamkeit konnten sie Gestalten

formen, dem Erdichteten das Wirklichkeitsgepräge aufdrücken.

Wie sie es eigentlich machten, um gemeinsam zu componiren und zu

schreiben, ist mir jedoch lange ein Räthsel gewesen. Edmond de Goncourt

hat mir's in einem Briefe gelöst:

»Sobald wir,« schreibt er, »über den Plan einverstanden waren,

plauderten wir rauchend eine Stunde oder zwei über den Abschnitt oder

richtiger den Absatz, der jetzt zu schreiben sei, und wir schrieben ihn

jeder für sich in zwei getrennten Zimmern; dann lasen wir uns das Stück

vor, das jeder von uns gemacht hatte, und entweder wählten wir ohne

irgend eine Erörterung das beste oder wir bildeten eine Zusammensetzung

von dem, was in den zwei geschriebenen Compositionen am wenigsten

unvollkommen war. Aber selbst wenn der eine der beiden Versuche

völlig geopfert wurde, war doch immer in der definitiven Vollendung

und Politur des Absatzes ein wenig von der Arbeit _beider_ Brüder, ob

auch nur durch die Hinzufügung eines Adjectivs, die Wiederholung einer

Wendung oder dergleichen«.

Dies Verfahren scheint mir die Eigenthümlichkeiten, die grossen,

glänzenden Vorzüge und die auffälligen Mängel ihrer Darstellungsweise

bis zu einem gewissen Punkt zu erklären. Es ist einleuchtend, dass, wer

mit solcher Offenheit einem andern Ich sein intimstes Phantasieleben,

seine Visionen und halbausgetragenen Ideen unterbreitet, wer mit

solcher Gewissenhaftigkeit das Geschriebene prüft, in seinem Stil keine

todten Stellen haben kann; es ist klar, wesshalb alle Gemeinplätze,

jeder herkömmliche oder gewohnheitsmässige Ausdruck aus diesem Stil

verbannt wurde. Was dem Auge des Einzelnen entging, was vor der Kritik

des Einen noch bestand, das wurde von der prüfenden Hand des Andern,

der eben im Nachbarzimmer dieselbe Aufgabe in seiner Weise gelöst

hatte, sogleich entfernt.

So kommt das Ausgesuchte, Exquisite zu Stande; so aber auch das

Ueberlastete, der gespickte Stil. Bisweilen meint man die Doppelarbeit

in flagranti ergreifen zu können, wie in jenen bisweilen über zwei

Seiten sich erstreckenden Appositionen, durch welche irgend ein Begriff

erklärt oder eine Persönlichkeit geschildert wird. Die Periodenform,

der Satzbau ist aufgelöst; übrig bleibt eine Kette von geistvollen,

witzigen, originellen oder doch überraschenden Definitionen, in welche

so viele Glieder wie man wünschte, eingeschoben werden konnten.[27]

Und doch würde ich eine ganz unrichtige Vorstellung von ihrer

Schreibweise geben, wenn ich den Eindruck erweckte, dass sie in der

Regel zu viel des Guten liefern. Im Gegentheil, da sie das Seltene,

das Neue lieben, haben sie eine Angst davor, Alles zu sagen, worin

ja nach Voltaire's bekannter Definition die ganze Kunst zu langweilen

besteht; sie geben desshalb in ihren Romanen dem Verstand des Lesers

viele Aufgaben zu lösen und seiner Einbildungskraft viel freien

Spielraum, skizziren nur flüchtig die eigentliche Handlung oder

Verwickelung in ihren Romanen, lassen zwischen den Capiteln grosse

Lücken, wahre Abgründe bestehen, über welche der gewöhnliche Leser oft

nicht den Muth hat hinüberzusetzen oder in welchen er sich den Hals

bricht, und verschmähen sogar im Anfang oder in der Mitte des Buches

irgend eine vorbereitende Andeutung des Umstandes zu liefern, der

die Katastrophe herbeiführen soll. In »Charles Demailly« beruht die

Entscheidung darauf, dass einige Briefe, die Demailly als Bräutigam

an seine Frau geschrieben und in welchen er seine besten Freunde

in thörichter Laune verspottet hat, der Oeffentlichkeit übergeben

werden. Nichtsdestoweniger hat der Leser, der Charles schon als

Bräutigam gekannt hat, nicht das Geringste von der Existenz dieser

Briefe im Voraus erfahren. Er hört erst, dass sie geschrieben sind,

in dem Augenblick, wo sie benutzt werden sollen. In »La Faustin«

ist das entscheidende Moment, dass die Heldin, eine tragische

Schauspielerin ersten Ranges, unwillkürlich den Lachkrampf ihres mit

dem Tode ringenden Geliebten vor dem Spiegel nachzuahmen versucht. Der

Dichter hat augenscheinlich stillschweigend an die bekannte Thatsache

appellirt, dass bedeutende Schauspielerinnen (wie Sarah Bernhardt

und Croizette) für gewisse Rollen in den Spitälern den Todeskampf

studirten; aber mit keiner Silbe ist uns erzählt worden, dass die

Faustin jemals die Gewohnheit hatte dies zu thun. Es ist unmöglich,

diese elementaren Regeln der Composition vornehmer, gleichgültiger

zu vernachlässigen. Die Goncourt schreiben nur für den Leser, der

es versteht, dass für sie dergleichen kein Gewicht hat, nicht für

Denjenigen, der einer Vorbereitung bedarf und der sich für die Handlung

als Begebenheit interessirt.

In ihrer Leidenschaft, sich genau so auszudrücken, wie sie fühlten,

kümmerten sie sich nicht um eine schöne Rhetorik, scheuten nicht davor

zurück, dasselbe Wort fünf, sechs Mal auf einer Seite zu wiederholen

oder Worte von einander zu trennen, die man nie geschieden gesehen

hatte. Sie schreiben zum Beispiel: »mit, in den Augen, einem wilden

Ausdruck«, -- vermuthlich um sich dem mündlichen, persönlichen Stil so

viel wie möglich zu nähern[28].

In einem ihrer Bücher haben sie sehr bezeichnend die Verzweiflung

eines talentvollen Schriftstellers geschildert, dessen Frau --

eine Schauspielerin -- mit Selbstzufriedenheit lauter feststehende

Redensarten ableiert. Von einem schlechten Vaudeville sagt sie: »Sinnig

und empfunden«, von einem Gemälde: »Sehr stilvoll«; sie redet in den

Phrasen, die in den Feuilletons, den Büchern, den Theaterstücken

gebräuchlich sind, und die Liebe des unglücklichen Ehemannes verwandelt

sich in Widerwillen.

Sie, welche das Eigenartige so brennend liebten, sie, welche nie

bezweifelt haben, dass die volle und ganze Schönheit eines Kunstwerks

nur den Künstlern zugänglich sei und die einmal die Frage: »Was ist das

Schöne?« mit dem kühnen Paradoxon beantwortet haben: »Es ist das, was

dein Dienstmädchen und deine Geliebte instinctiv abscheulich finden«,

mussten mehr als andere unter jener ewigen Quintenmusik der trivialen

Menschen leiden.

Sie hatten sich nicht selbst der Gefahr ausgesetzt, die jener

Schriftsteller lief. Keiner von ihnen hatte sich verheirathet und es

scheint gewissen Bekenntnissen zum Trotz (Théâtre, Préface S. XI, ein

Tagebuchblatt, das in Charles Demailly S. 77 verwendet worden), als

hätte keiner von ihnen jemals ernstlich an das Heirathen gedacht. Sie

betrachteten augenscheinlich die Ehe als dem Schriftsteller verboten,

meinten, dass er keinen Ehemann abgeben könne, da ein Mann, der sein

Leben damit verbringe, »Schmetterlinge in einem Dintenfass zu fangen«,

ausserhalb der gesellschaftlichen Regeln stehe. Sie sahen das Coelibat

als dem Gedanken nothwendig an. Und was für die Andern die Kinder sind,

ein Stück von ihnen selbst, das ihren Namen bewahrt, ein kleines Stück

Unsterblichkeit, das man liebt und verzieht, das seien, meinten sie,

für den Schriftsteller seine Bücher.

Sie haben nicht mit kaltem Blut die Originalität gesucht und gefunden.

Man findet sie überhaupt nicht so, und findet sie nicht, wenn man

sie nicht hat. Ihnen war die Arbeit ein Mysterium, so tief wie das

Mysterium des Schlafes, ein activer Zustand, in welchem sie nicht

Hunger, nicht Kälte, nicht ihren eigenen Körper fühlten, in welchem

während der Ekstase des Gehirns die Zeitempfindung verschwand. Wie

aus einem Nebel, wie hinter einem zerreissenden Schleier traten

vor dem inneren Blick Formen und Gruppen hervor; sie sahen die

Linien, die Ideen wurden Fleisch, das Bild erhob sich. Sie ergriffen

diese Visionen, prüften sie, wandten und drehten sie und warfen

sie bisweilen missmuthig in das leere Nichts zurück, wo sie wie

Seifenblasen platzten. Neue Bilder tauchten empor, entflohen, sträubten

sich dagegen, sich festhalten zu lassen, »wie junge Mädchen, die

sich weigern zu tanzen«, bis sie, mit Gewalt erfasst, in das Werk

hineintraten und ein Theil von dessen Leben wurden[29].

Das Zurückdrängen der Persönlichkeit und des bewussten Willens,

der Traum mit offenen Augen, der Zustand der Entzückung und der

Weltentrücktheit, der alle künstlerische Produktion bezeichnet, macht

es dem wahren Künstler unmöglich, in seinem Schaffen ein bestimmtes

Ziel zu verfolgen oder einer bestimmten, wenn auch von ihm selbst

ausgesprochenen Losung zu gehorchen. Ich gebrauchte den Ausdruck, dass

die Brüder das abnorme Nervenleben ihrer Zeitgenossen »mit einer

brennenden Wahrheitsliebe« studirt und dargestellt haben. Ich bin auf

die Frage vorbereitet, ob sie denn nur das _Wahre_ gesucht haben, und

ob das Resultat ihres dichterischen Schaffens auch nur etwas Wahres,

nichts Schönes geworden ist.

Ich glaube, dass man, wenn von Kunst die Rede ist, eine Neigung hat,

diese zwei Worte in einen etwas falschen Gegensatz zu stellen. Der

Stoff als solcher, er sei gesund oder krankhaft, macht das Kunstwerk

weder schön noch unschön. Die Absicht eines Dichters, in erster

Linie das Schöne zu suchen, ruft bei dem Kundigen durchaus nicht das

günstige Vorurtheil hervor, dass er es auch finden werde, und selbst

die ausgesprochene Tendenz des Dichters, nur das Wahre darstellen zu

wollen, macht es durchaus nicht unwahrscheinlich, dass Schönheit das

Resultat seines Strebens wird.

In einem Briefe an den Minister Duruy schrieb 1865 Sainte-Beuve: »_Das

Schöne, Gute und Wahre_ ist ein schöner Wahlspruch und besonders einer,

der sich gut ausnimmt. Es ist derjenige des Unterrichtswesens, es

ist derjenige Cousin's in seinem bekannten Buche [dem mittelmässigen

Werk »Le Vrai, le Beau et le Bien«]; es ist -- soll ich wagen, es zu

gestehen? -- der meinige nicht. Wenn ich einen Wahlspruch hätte, so

sollte er sein _das Wahre, das Wahre_ ganz allein -- mögen das Schöne

und Gute sich dann daraus ziehen, wie sie können!«

Die Frage über die Stellung der Kunst zu den drei Ideen ist zu

verwickelt und vielseitig, um im Vorübergehen in einer Definition

beantwortet werden zu können. Von der Seite der principiellen

Idealisten wird in der Regel gegen die Lehre, dass das Wahre an und für

sich schön sei, die Einwendung so formulirt, dass der Satz _Zwei mal

zwei sind vier_ dann eine bezaubernde Poesie enthalten müsse. Epigramme

von Paul Heyse und Arthur Fitger gehen darauf aus. Die naheliegende

Antwort ist, dass in der Poesie nur die wahre Wiedergabe des _Lebens_

und nur die _individuelle_ Wahrheit schön sein können, was die

Schönheit eines algebraischen Identitätssatzes völlig ausschliesst.

Das Ideal ist nichts als die Umbildung, der die Wirklichkeit dadurch

unterworfen wird, dass sie durch die feinen Sinne eines Künstlers geht.

Es versteht sich jedoch, dass eine ernste und gründliche Behandlung

des Problems sehr weit führen würde. In diesem Zusammenhang genügt es

darauf aufmerksam zu machen, in wie hohem Grad der Künstlergeist immer

»das Wahre« modificirt und individualisirt, und in wie hohem Grad die

Frage über die Zulässigkeit oder Unzulässigkeit des Unschönen eine

Frage nach der _Perspective_ und der Behandlungsart ist[30].

Ich bin überzeugt, dass, wenn man die Brüder Goncourt gefragt hätte,

sie sich mit Sainte-Beuve vollständig einig erklärt haben würden --

ohne desshalb der Schönheit feindlicher gesinnt zu sein als er. Die

Goncourt haben sich nie über die Theorie, die ihnen vorschwebte,

geäussert; dass sie vorurtheilsfrei sind, haben sie bewiesen, indem

sie die Kunst des achtzehnten Jahrhunderts, die nur das Anmuthige

suchte und sich aus der Wahrheit so viel wie nichts machte, mit

warmer Begeisterung priesen, während sie selbst mit seltenem Muth die

Wirklichkeit in's Auge fassten und der Wahrheit zu Lieb' es wagten,

mit Stoffen anzubinden, die man bisher als der Poesie unzugänglich

betrachtet hatte. Erst spät, erst nach dem Tode des jüngeren Bruders

und nur widerstrebend, liess sich der ältere den Ehrenplatz an der

Spitze der naturalistischen Schule anweisen. Er behauptet in der

Vorrede zu »Les frères Zemganno«, hässliche und niedrige Naturen

nur desswegen geschildert zu haben, weil ihr innerer Mechanismus

einfacher und leichter zu durchdringen sei; sein Ehrgeiz gehe darauf

hin, ein realistischer Schilderer dessen zu sein, »was hochherzig

ist, was schön aussieht, was gut riecht«, weil es viel schwerer sei,

ein eindringliches, weder herkömmliches noch phantastisches Studium

der Schönheit an den Tag zu legen, als das Hässliche zu verstehen

und zu malen. Die Behauptung mag richtig oder nur halbwegs richtig

sein, jedenfalls verräth sie eine grosse Liebe zum Schönen bei dem

wahrheitssuchenden Dichter. Und diese Liebe verleugnet sich nicht

in den Werken, wo der Stoff eine directe Darstellung des Schönen

verbietet. Auf den Geist, auf die Behandlungsweise, nicht auf den Stoff

kommt es an, und wenn ein hässlicher, an und für sich widerwärtiger

Gegenstand in einem schönen und guten Geist mit reiner Humanität, mit

dichterischer Keuschheit behandelt worden, so ist das Kunstwerk schön,

auch »wenn dein Dienstmädchen und deine Geliebte es abscheulich finden«.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 58 / 110 题