Wenn Edmond de Goncourt auf das gemeinsame Leben der beiden Brüder
zurückschaute, konnte wohl ein Gefühl des berechtigten Stolzes sein
Herz schwellen machen. Sie hatten ihre ineinander verflochtene
Namensziffer in den Spiegel der Zeit wie mit Diamant eingeritzt. Die
Erzeugnisse ihrer hartnäckigen und genialen Arbeit haben schon jetzt
tief auf die Gemüther Mitstrebender gewirkt, und werden noch lange von
den Historikern zu Rathe gezogen und von dem unterhaltungsuchenden
Publikum gelesen werden.[26]
Die Brüder Goncourt sind zwei Schriftsteller ersten Ranges,
oder richtiger ein einziger Doppelschriftsteller, der zugleich
Geschichtschreiber und Romandichter ist. Nicht dass sie die Geschichte
romanhaft behandelt haben -- es gibt kaum Forscher, deren Genauigkeit
erstaunlicher und minutiöser ist; auch nicht, dass sie sogenannte
historische Romane geschrieben haben -- nicht eine einzige ihrer
erdichteten Erzählungen geht in dem von ihnen studirten achtzehnten
Jahrhundert vor, sie sind alle rein modern und ohne jegliches
romanhafte Gepräge, vielleicht die am wenigsten romanartigen Romane,
die überhaupt geschrieben sind.
Im gewöhnlichen Sinne des Wortes sind ihre Dichtungen überhaupt
nicht Romane. Die Verfasser haben den Namen nur behalten, weil uns
ein moderner Name für die Sache fehlt. In Wirklichkeit haben Romane
wie die ihrigen mit jenen alten französischen Romanen, in welchen
die Erfindung, die freie Phantasie des Dichters die Hauptsache war
-- »Monte Christo« oder »Die drei Musketiere« sind die schlagendsten
Beispiele -- nichts als den Namen gemein. Sie sind in ihrer Art auch
von den Romanen Balzac's verschieden, insofern dieser sonst so moderne
Erzähler das romanhafte Element nur sehr selten zu entbehren vermochte.
Die Brüder Goncourt wollten von Anfang an nur Studien nach der Natur
geben, mit so grosser und ernster Vertiefung und so wenig Erfindung
oder freier Phantasie wie möglich das moderne Leben darstellen, wie
sie es um sich sahen. In Deutschland würde man Bücher wie die ihrigen
kaum Romane nennen. Der moderne deutsche Roman in der Gestalt, die er
bei den gelesensten Dichtern angenommen hat, setzt in seinem Idealismus
seine Ehre darin, ein geläutertes Bild der Natur und der Gesellschaft,
ausserdem ein grosses Zeitbild, womöglich Weltbild zu geben; die
Wahl seiner Stoffe ist auf das Grosse, Bedeutende, Pathetische,
Schöne gerichtet, er liefert eine Psychologie der Einzelnen und der
Gesellschaft mit nur leise angedeuteter physiologischer Grundlage; es
ist ihm hauptsächlich um die Gesammtwirkung zu thun, und er breitet
sich desshalb leicht zu sehr aus um den Einzelheiten die Sorgfalt
widmen zu können, auf welche man jenseits des Rheins so viel Werth
legt. Die Romane der Brüder Goncourt haben keinen weiten Horizont,
umspannen kein weites Feld und stellen dem Leser gewöhnlich nur wenig
Personen vor. Ihre Stoffe sind ohne Ausnahme dem Privatleben entnommen;
keine grossen Charaktere, kein historisches Pathos, kein spannendes
oder dramatisches Element. Ihre Psychologie ist Psychophysik. Sie haben
sich nicht gescheut, bisweilen dem Hässlichen, dem niedrigen Laster
einen Platz einzuräumen, den ein Deutscher ihm in einem Kunstwerk kaum
gestatten würde; sie haben aber immer die schneidende Disharmonie
in tragische Wehmuth aufzulösen gestrebt. Ihre Werke sind moderne
Tragödien in erzählender Form und sie haben mit Erfolg versucht die
Grenzen des darstellbar Tragischen zu erweitern, freilich wenn man den
Begriff weniger eng und doctrinär auffasst, als es in den Handbüchern
der Aesthetik geschieht.
Die Brüder Goncourt fingen als Geschichtsforscher an, studirten und
schrieben die Geschichte nach einer neuen, ihrer eigenen Methode. Sie
bemächtigten sich nach und nach vollständig eines ganzen Jahrhunderts,
des achtzehnten Jahrhunderts in Frankreich. Sie drangen in dieses
Zeitalter durch die Kunst ein, die lange so gering geschätzte und
geschmähte Kunst der Watteau, Boucher, Chardin, Greuze u. s. w. Sie
studirten diese Maler und Zeichner so genau, dass ihre Kennerschaft
als die entscheidende angerufen wurde, wenn man über die Echtheit
eines Aquarells, oder gewisser Theile eines Aquarells nicht einig
werden konnte. Sie kauften die Bilder dieser Künstler zu einer Zeit,
wo noch Niemand sie suchte und ihren Werth verstand, und legten die
vollständigste Sammlung französischer Zeichnungen aus dem achtzehnten
Jahrhundert an, die überhaupt existirt. Sie priesen diese Künstler,
während die Vorurtheile gegen sie in Frankreich selbst noch so mächtig
waren, dass die Bibliographen der grossen Kunstrevuen sich weigerten,
nur die Namen ihrer Bücher über dieselben anzuführen. Ich sehe in
ihrer Begeisterung für jene anmuthige und gefallsüchtige, von David
und seinen Schülern verdrängte Kunst eine Aeusserung der grossen
historischen Reaction zu Gunsten des achtzehnten Jahrhunderts, die
um die Mitte des jetzigen in fast allen Ländern beginnt. Was bei
den etwas älteren französischen Dichtern und Schriftstellern das
vorige Jahrhundert besonders in Misscredit gebracht hatte, war die
rationalistische Farblosigkeit seiner Poesie und das Verneinende seiner
Ideen. Die Brüder Goncourt fassten das vergangene Zeitalter nicht von
der ideellen, sondern von der bildlichen Seite auf, und sie fanden die
Poesie desselben in seiner Kunst. Kühn und richtig schrieben sie: Der
grosse Dichter des achtzehnten Jahrhunderts heisst Watteau.
Doch das Studium der Kunst war ihnen nur ein Anfang ihres Forschens.
Ihre Geduld und ihre Arbeitskraft reichten hin, um sie alle sinnlichen
Zeichen, Spuren, Reste des Zeitalters ausfragen zu lassen. Sie lasen
alle Zeugnisse der Zeitgenossen, Historien, Memoiren, Dramen, Romane,
komische Poesien. Sie durchblätterten Brochüren, fliegende Blätter,
Schmähgedichte, Pamphlete, Zeitungen. Sie gingen vom Gedruckten zum
Ungedruckten, sie wurden Autographensammler, um in dem nicht für die
Nachwelt, überhaupt nur für den Adressaten bestimmten Brief, in der
für kein fremdes Auge überhaupt bestimmten Tagebuchaufzeichnung die
freimüthige Offenheit und das geheime, innerste Leben zu finden, das
sich gewöhnlich dem Blick des Geschichtsschreibers entzieht. Sie
folgten hierin unbewusst dem philologischen, antiphilosophischen Hang
der zeitgenössischen, historischen Forschung. Doch Bilder, Bücher und
Briefe genügten ihnen nicht. Sie studirten auch noch die Bronzen, die
Statuen, die Möbel, die wechselnden Moden, ja selbst die wollenen und
seidenen Stoffe, die Stickereien und den Putz der Zeit, um anstatt der
Legende oder des Heldengedichts die Sittengeschichte des Zeitalters
liefern zu können. Aus dieser Masse von Zeugnissen, aus dreissigtausend
Brochüren, zweitausend Zeitungen, hunderten von auserwählten
Zeichnungen aller Meister und Schulen, in der Regel den besten, ihnen
selbst angehörenden jedes Meisters haben sie ihre geschichtlichen Werke
destillirt. Sie haben, weil sie nur Neues, bisher Unbekanntes, nicht
Herausgegebenes bringen wollten, sich von allem schon Gesagten fern
gehalten, sind aber nicht im gleichen Grade der Gefahr entgangen, ein
allzugrosses, unübersehbares Detail mitzunehmen. Ihr Werk über die
Frau im achtzehnten Jahrhundert, ihre Sittengeschichten der Revolution
und des Directoriums sind Fundgruben, Schatzkammern. Es schillert
und glitzert in diesen Büchern von Millionen pikanter und häufig
lehrreicher Einzelheiten; diese Einzelheiten stehen aber einander zu
nahe, alle, wichtige und unwichtige in Einem Plan; und das Buch wirkt
wie ein Bild, wo keine Luft die Gegenstände von einander trennt. Es
fehlt an Ueber- und Unterordnung, an Ruhe, Grösse und weitem Horizont.
Es fehlt vor allem an Philosophie; die einzelnen Thatsachen stehen
nicht selten roh, unbearbeitet, ideenlos da.
Sie haben jedoch die Geschichte als Poeten studirt und in einem
feinfühligen, erregten, anschaulichen, wie Atlas changirenden Stil
geschrieben. Und da von dem modernen Poet das Wort Paul Heyse's gilt:
Ein Träumer bleibt er stets und hängt am Weibe,
so waren sie mehr als Andere geneigt, sich die Sittengeschichte als
die Geschichte des weiblichen Einflusses vorzustellen, haben sich von
der Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts angezogen gefühlt, weil
der Einfluss der Frauen damals am grössten war, und haben dieselbe
hauptsächlich als Geschichte der herrschenden Frauen aufgefasst. Sie
haben das Jahrhundert erzählt, indem sie in einer langen Reihe von
Bänden die Lebensgeschichte der Herzogin von Chateauroux und ihrer
Schwestern -- jener fünf Schwestern, die nach einander die Geliebten
Ludwig's XV. wurden -- ferner das Leben der Marquise von Pompadour,
der Herzogin du Barry und endlich die Geschichte Marie Antoinette's
geschrieben. Jede dieser unendlich verschiedenen Frauengestalten, dem
Adel, dem Bürgerstand, dem Volk und dem Fürstenstande angehörend,
tritt mit ihrer ganzen weiblichen Eigenart, ihrem Temperament, ihren
Bewegungen, dem Klang ihrer Stimme und der Farbe ihrer Worte in
diesen Werken hervor; man empfindet scharf, welche geistige Atmosphäre
sie um sich verbreitet hat, welchen Einfluss und welche Art von
Zauber sie ausüben musste. Das unbedingt interessanteste Buch unter
diesen Biographien ist das über die Herzogin von Chateauroux und
ihre Schwestern, theils vielleicht, weil es durch eine gründliche
Umarbeitung an Plastik gewonnen hat, theils weil der Stoff an sich,
der Kampf, den die eine Schwester mit der andern um den Platz an der
Seite des Königs führt, der Tod von Madame de Vintimille, nachdem
sie Madame de Mailly besiegt hat, der neue Sieg, den die Marquise
de la Tournelle über die frühere Favoritin gewinnt, der Versuch der
Herzogin von Chateauroux, aus dem König einen Helden zu machen, ihr
Triumph, ihre schmähliche Vertreibung vom Hofe während der Krankheit
Ludwig's, ihre Wiedereinsetzung in die königliche Gunst und ihr gleich
darauffolgender schneller aber qualvoller Tod, Umstände sind, die dem
Werk ein ungesuchtes dramatisches Leben geben, welches das Interesse
erhöht, mit dem man der psychologischen Entwickelung folgt.