Eines Tages im Juni 1870 bewegte sich in Paris ein nicht sehr grosses
Trauergefolge zu Fuss von einem Hause in Auteuil zum Kirchhof
Montmartre. Man las echte Trauer in den Gesichtern der Männer, die den
kleinen Zug bildeten, der aus Künstlern, Schriftstellern, Philosophen
und einigen Verwandten bestand. Doch unter den Leidtragenden war
Einer, der unmittelbar hinter dem Sarge ging, und für den der Gang vom
Trauerhause bis zum Grabe wie der Gang des Verurtheilten vom Gefängniss
zum Schaffot zu sein schien, Einer, dessen edles Gesicht in seinem
Schmerz wie versteinert war, dessen Augen, von Thränen geblendet,
nichts sahen, dessen hohe Gestalt, obwohl von dem Arm eines Freundes
unterstützt, jeden Augenblick schwankte, »als hätte er sich mit den
Füssen in dem Zipfel des Leichentuchs verwickelt«.
In dem Sarge lag der 39jährige Jules de Goncourt, Radierer,
Aquarellmaler, Geschichtsschreiber und Romandichter. Edmont de Goncourt
war durch den Tod seines einzigen Bruders, der ihm viel mehr gewesen
war, als der eine Bruder sonst dem andern zu sein pflegt, um zehn Jahr
älter geworden.
Er hatte am Tage zuvor an dem Todtenbett gestanden. Die Stirn des
Verstorbenen hatte sich gefaltet; seine Augen hatten sich wieder
geöffnet, sein gläserner Blick schien eine erschreckende Sehnsucht, ein
unsägliches Erstaunen, eine qualvolle Entrüstung auszudrücken über das
Schicksal, das mit all' seinen Hoffnungen auf endliche Anerkennung und
späten Ruhm auch die Bande einer brüderlichen Freundschaft zerschnitt,
die ihresgleichen selten gehabt hat. Während der Tod sonst gewöhnlich
die Gesichter, die er berührt, mit einer Maske versöhnter Ruhe deckt,
hatte er von den so feinen und regelmässigen Zügen Jules de Goncourt's
nicht einen bitteren Ausdruck auslöschen können. Der Todte auf seinem
Lager schien über den Lebendigen zu trauern, der verlassen zurückblieb.
Und das ganze Leben der beiden Brüder glitt an dem inneren Auge Edmonds
vorüber, während er über die Leiche gebeugt dastand: die Gestalt des
tapferen Vaters, eines der jüngsten höheren Officiere der grossen
Armee; an dem Kopfe hatte er die Narben von sieben Säbelhieben, die
er in Italien erhalten hatte, seine rechte Schulter war am Tage nach
der Schlacht bei der Moskowa von einer Kugel zerquetscht worden; sie
hatten ihn schon als Kinder verloren -- vorüber zog die Gestalt der
Mutter, deren Züge Jules geerbt hatte, die nach dem Tode des Vaters
sich völlig von der Welt zurückgezogen hatte um nur ihren Kindern zu
leben, die jeden Abend Jules in all' seinen Lectionen überhörte, ihn
mit Leidenschaft erzog und verzog -- und Edmond sah Jules als kleinen
Jungen von zehn Jahren, für einen Maskenball geputzt, in dem Frack
eines französischen Leibgardisten, den Dreimaster auf dem Ohr, die
Hand am Degenknopf, das Auge durch den Puder noch lebhafter als sonst,
lieblich und rund wie ein Amor von Fragonard.
Da lag er jetzt ausgestreckt als Leiche.
So hatte im Jahre 1848 die Mutter gelegen. Und seit der Zeit hatte er
und Jules eine Brüderschaft geschlossen dergestalt, dass sie in der
Regel alle Stunden ihrer Tage gemeinsam verbracht, alle ihre Gedanken
sich mitgetheilt, alle Arbeiten gemeinsam ausgeführt, alle Mahlzeiten
zusammen gegessen, alle Reisen gemeinsam gemacht, und sich in 22 Jahren
nur ein Mal auf 48 Stunden getrennt hatten, als der eine von ihnen
eine Reise nach Rouen unternehmen musste, um einige Briefschaften
abzuschreiben. Sie hatten in der Zeit kein Buch, keinen Freundes- oder
Geschäftsbrief geschrieben, der nicht von ihnen beiden unterzeichnet
war.
Edmond hatte den um 8 Jahre jüngeren Bruder in die litterarische
Arbeit eingeweiht. Er war zuerst sein Lehrer gewesen, aber bald
wich das Verhältniss zwischen Lehrer und Schüler dem ebenbürtigsten
Zusammenarbeiten. Sie hatten von Anfang an ein kleines Vermögen gehabt,
zwölf bis fünfzehn Tausend Francs jährlich für Beide, was ihnen die
Unabhängigkeit sicherte und das Recht, keine Arbeit, die ihnen nicht
zusagte, zu übernehmen.
Und Edmond sah sie, wie sie ein Jahr nach dem Tode der Mutter, den
Ränzel auf dem Rücken, Frankreich zu Fuss durchzogen, die Gegenwart
studirten, sich der Vorzeit erinnerten, mit der Feder alte Schlösser
und Kirchenthüren zeichneten, Einfälle und Empfindungen notirten;
Jules, damals noch so schlank, so fein, so bartlos, dass die
Dienstmädchen in den Wirthshäusern ihn für eine hübsche junge Frau
hielten, die sich entführen liess; bis zu seinem Tode hatte er ja auch
seinen »Frauenmund« behalten. Edmond erinnerte sich, wie sie sich von
Marseille nach Algier einschifften, dort im arabischen Viertel der
Stadt herrliche Wochen verlebten, von der Schönheit jenes Himmels
berauscht die hellen Nächte in einer Barke verbrachten und sich in
dem Grade in das Sonnenland verliebten, dass sie bei der Abreise sich
einredeten, sie zögen heim, nur um ihre Sachen zu ordnen, und dann für
beständig nach Afrika zurückzukehren.
Er dachte an den grossen Tisch in der dunklen Mezzanin-Etage in der Rue
Saint-Georges, an dessen zwei Enden Jules und er sassen und Aquarelle
malten, als sie plötzlich eines Herbstabends 1850 darauf verfielen,
mit den Tuschpinseln ein Vaudeville zu schreiben, ihren ersten
litterarischen Versuch, der wie fast all' ihre folgenden Lustspiele und
Schauspiele von zahlreichen Theaterdirectionen verworfen wurde.
Er sah sich um in dem Schlafzimmer des Todten. Dort der Schaukelstuhl,
in dem er sich rauchend auszuruhen liebte, wenn er einen Abschnitt
geschrieben hatte, dort der weisse Tisch, an dem er zum letzten Mal dem
Bruder eine Seite aus seinem Lieblingsbuch Chateaubriand's »Memoires
d'Outre-Tombe« vorlas, als er mit Eins stammelte, das Wort wiederholen
wollte, ohne es sagen zu können, nochmals mit Zorn es versuchte,
erbleichend aufstand und schwankte.
Edmond dachte zurück an die schönen Jugendtage, wo sie auf der Jagd
nach Zeichnungen und Autographen aus dem achtzehnten Jahrhundert Paris
kreuz und quer durchstreiften, Jules, der jugendlichere und eifrigere,
immer einen Schritt voraus, obwohl nur Edmond mit Leidenschaft
Sammler war; er sah, wie sie, nach Hause gekommen, wie botanisirende
Naturforscher ihre Schätze auskramten, ihre Concurrenten an den
Auctionstischen verwünschten, sich des Erworbenen freuten, einander die
Beobachtungen, Einfälle, Vergleiche mittheilten, welche die beste Beute
des Tages ausmachten.
Welch' gute Tage in jener niedrigen Wohnung! Während er selbst über die
Arbeit gebeugt sass, lag Jules auf der von Floretstössen durchbohrten
Bettdecke, rauchend, träumend, Brochüren durchblätternd, von Ideen
sprudelnd. Wenn die Ratten unten in dem halbdunklen Brunnen, den man
den Hof nannte, allzu laut wurden, ergriff man aus der Trophäe an der
Wand eine Salonpistole und feuerte hinunter in den Schwarm.
Und die Mittage bei dem Restaurant Magny, die berühmten Mittage, wo
Sainte-Beuve präsidirte, Théophile Gautier mit heiserer Stimme seine
farbenreichen Tiraden gegen die »Bôrgeois« schleuderte, wo Renan
den Stil des siebzehnten Jahrhunderts gegen die sprachlichen Neuerer
vertheidigte, Taine Alfred de Musset gegen die Jünger Victor Hugo's in
Schutz nahm, jene glücklichen Stunden, wo in der feinen Erregung der
leichten Speisen, der duftenden Früchte, des echten alten Weins Jules
all' seinen so ganz parisischen Geist an den Tag legte, und Edmond an
dem Bruder seine Freude hatte, wie ein Vater an seinem Kind -- diese
Mittage, von denen Jules nie zurückkehrte, ohne die Nachwallungen
seines Blutes, das in den Schläfen pochte, mit dem Schreiben einiger
Seiten zu beruhigen.