Antonius schreckt zurück: »Du bist eher der Teufel!«

»Willst Du ihn sehen?« Ein Pferdefuss zeigt sich, der Teufel nimmt

den Heiligen auf seine Hörner und trägt ihn durch den Raum, durch den

Himmel der modernen Wissenschaft, wo die Weltkörper zahlreich wie

Staubkörner sind. Und das Firmament erweitert sich mit den Gedanken

des Antonius. Höher, höher! ruft er. Die Unendlichkeit offenbart

sich seinem Blick. Aengstlich fragt er den Teufel nach Gott. Dieser

antwortet mit neuen Fragen, mit Zweifeln: »Was Du Form nennst, ist

vielleicht nur ein Irrthum Deiner Sinne; was Du Substanz nennst, nur

eine Einbildung Deines Gedankens. Wer weiss, ob nicht die Welt ein

ewiger Strom der Dinge und Begebenheiten, der Schein das einzige Wahre,

die Illusion die einzige Wirklichkeit ist!« -- »Bete mich an«, ruft der

Teufel plötzlich, »und verfluche das Blendwerk, das Du Gott genannt

hast!« Er verschwindet und Antonius erwacht auf dem Rücken liegend am

Rande seines Felsens.

Aber seine Zähne klappern, er ist krank, er hat weder Brod noch Wasser

mehr in seiner Hütte, und die Hallucinationen fangen von neuem an.

Er verliert sich in dem Gewimmel der Fabelthiere, der phantastischen

Ungeheuer der Erde. Er befindet sich an einer Küste unter den

Bewohnern und Pflanzen des Meeres und des Landes; er kann Pflanzen und

Thiere nicht mehr unterscheiden; die Schlingpflanzen winden sich wie

Schlangen; er verwechselt die Welt der Pflanzen und der Steine mit

der Menschenwelt; die Kürbisse sehen wie Busen aus; der babylonische

Baum Dedaim trägt menschliche Köpfe als Früchte; Kieselsteine sehen

Gehirnschalen ähnlich, Diamanten glänzen wie Augen. Er fühlt die

pantheistische Sehnsucht nach Verschmelzung mit der Allnatur, und

dieses ist sein letztes Geschrei:

»Ich möchte fliegen, schwimmen, bellen, brüllen, heulen. Ich möchte

Flügel, einen Schuppenpanzer, eine Schale, einen Schnabel haben,

meinen Körper winden, mich theilen, in Allem sein, wie ein Geruch

herausströmen, wie eine Pflanze mich entfalten, wie ein Ton klingen,

wie ein Licht glänzen, mich unter allen Formen verbergen und jedes Atom

durchdringen!«

Die Nacht ist zu Ende. Es war nur ein neues Alpdrücken. Die Sonne

steigt und in ihrer Scheibe strahlt ihm Christi Gesicht. -- Dann die

letzte discrete Ironie des Dichters: Antonius macht das Zeichen des

Kreuzes und fängt sein durch die Visionen unterbrochenes Gebet wieder

an.

In diesem Gedicht hat man Flaubert ganz mit seinem schweren Blut,

seiner düsteren Phantasie, seiner schroff sich aufdrängenden

Gelehrsamkeit, und seinem Bedürfniss, alte und neue Illusionen, alten

und neuen Glauben und Aberglauben zu nivelliren. Die fast brutale

Gewaltsamkeit seines Naturells offenbart sich, wo er den Gott Crepitus

vor den Gott Jehovah einschiebt. Dass er die Legende von dem heiligen

Antonius wählte, um sein Herz zu erleichtern und der Menschheit

bittere Wahrheiten zu sagen, beruht darauf, dass er in diesem Stoff

das Alterthum und das Morgenland, das er liebte, vorfand. Er konnte

hier die grossen Städte und die Landschaften Aegyptens als Hintergrund

benutzen, leuchtende Farben und riesige Formen verschwenden. Und hier

malte er nicht mehr die Ohnmacht und die Dummheit einer Gesellschaft,

sondern einer Welt; hier zeigte er -- ganz unpersönlich -- der

Menschheit, wie sie zu jeder Stunde ihres Lebens bis über die Knöchel

in Schmutz und Blut gewatet sei, und wies auf die Wissenschaft -- die

wie der Teufel gefürchtet wird -- als auf die einzige Rettung hin.

Die Idee war eben so gross wie neu; aber leider steht die Ausführung

keineswegs auf der Höhe des Plans. Das Buch wird von dem dazu

verwendeten Material zu Boden gedrückt. Es ist kein poetisches Werk,

halbwegs eine Theogonie, halbwegs ein Stück Kirchengeschichte, und all'

dies ist in der Form einer Psychologie des Wahnwitzes gegeben. Es

findet sich darin ein Aufzählen von Einzelheiten, das wie das Besteigen

einer fast senkrechten Bergwand ermüdet; gewisse Partien sind nur dem

Gelehrten vollkommen verständlich und für das einfachere Publikum fast

unleserlich. Der grosse Schriftsteller war allmälig in der abstracten

Gelehrsamkeit und in dem abstracten Stil aufgegangen. »Es war ein

trauriger Anblick«, hat Emile Zola treffend gesagt, »dies so mächtige

Talent wie die Gestalten der antiken Mythologie sich versteinern zu

sehen. Langsam, von den Füssen bis zum Gürtel, von dem Gürtel bis zum

Kopf wurde Flaubert ein Marmor-Standbild«.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 53 / 110 题