Ich habe es aufgeschoben, von einer der letzten Visionen des heiligen
Antonius zu sprechen, weil sie mir die merkwürdigste von allen scheint
und ganz sicher die selbsteigene Vision des Dichters war. Nachdem alle
Götter verschwunden sind und die Reise durch den Himmelsraum ihr Ende
erreicht hat, sieht Antonius auf dem andern Nilufer die Sphinx, die
ihre Klauen ausstreckt und sich auf den Bauch legt. Aber springend,
fliegend, bellend, durch die Nase Feuer blasend und die Flügel mit dem
Drachenschwanz schlagend, umkreist sie die Chimäre. Was ist die Sphinx?
Was anders als das dunkle Räthsel, das an die Erde genagelt ist, die
ewige Frage, die grübelnde Wissenschaft! Was ist die Chimäre? Was
anders als die geflügelte Einbildungskraft, die den Raum durcheilt und
die Sterne mit ihren Flügelspitzen berührt!
Die Sphinx (französisch männlichen Geschlechts) sagt: »Stehe still,
Chimäre! Laufe nicht so schnell, fliege nicht so hoch, belle nicht so
stark. Höre auf, mir Deine Flamme in's Gesicht zu blasen, Du schmelzest
doch nicht meinen Granit«.
Die Chimäre antwortet: »Ich stehe nie still, Du kannst mich nicht
ergreifen, Du fürchterliche Sphinx«. -- Die Chimäre galoppirt durch die
Corridore des Labyrinthes, fliegt über das Meer, beisst sich fest in
die segelnden Wolken.
Die Sphinx liegt unbeweglich und zeichnet mit ihrer Klaue Alphabete in
den Sand, denkt und rechnet nach, stiert, während das Meer fluthet, das
Getreide wogt, Karawanen vorbeiziehen und Städte zusammenstürzen, mit
ihrem festen Blick in den Horizont hinaus.
Dann ruft sie: »O Phantasie! Erhebe mich auf Deinen Flügeln aus meiner
tödtlichen Langeweile heraus!«
Und die Chimäre antwortet: »Du Unbekannter! ich bin in Deine Augen
verliebt; wie eine brünstige Hyäne kreise ich um Dich, o umarme mich,
befruchte mich!«
Die Sphinx erhebt sich. Aber die Chimäre entflieht, aus Schrecken,
unter dem Steingewicht zerschmettert zu werden. -- »Unmöglich!« seufzt
die Sphinx und versinkt in den tiefen Sand.
Ich sehe in dieser Scene das letzte Bekenntniss Flaubert's, seine
erstickte Klage über das Gebrechen seines ganzen Lebenswerkes und
dieses Hauptwerkes im besonderen. Die Sphinx und die Chimäre, die
Wissenschaft und die Poesie, begehrten sich bei ihm, suchten sich immer
wieder, umkreisten mit flammender Sehnsucht und Brunst einander; aber
die rechte Befruchtung der Poesie durch die Wissenschaft gelang ihm nie.
Nicht dass sein Grundgedanke ungesund oder unrichtig war. Im
Gegentheil. Die Zukunft der Poesie ist da, das glaub' ich gewiss; denn
da ist ihre Vorzeit. Die grössten Dichter, ein Aeschylos, ein Dante,
ein Shakespeare, ein Goethe haben alles Wesentliche gewusst, was man
zu ihrer Zeit wusste und haben ihr Wissen in ihre Poesie niedergelegt.
Zwar haben Gelehrsamkeit und wissenschaftliche Bildung an und für
sich keinen poetischen Werth. Sie können nie und nimmer dichterisches
Gefühl und künstlerische Gestaltungskraft _ersetzen_. Wo die poetische
Begabung aber vorhanden ist, da wird der Blick durch Einsicht in die
Gesetze der Natur und der menschlichen Seele geschärft und durch das
Studium der Geschichte erweitert. Nur ist es ohne Zweifel in unserem
Jahrhundert, wo die moderne Wissenschaft in allen Richtungen neu
geschaffen worden, schwieriger als je, ohne überwältigt zu werden, den
Wissensstoff zu umspannen, und Flaubert besass nicht die ursprüngliche
Harmonie des Geistes, die das schwere leicht macht und die tiefen
Gegensätze der Ideenwelt versöhnt.
»La tentation de Saint-Antoine« wurde in Paris mit einem Boulevardwitz
abgefertigt. Nur wenige hatten Geduld um sich in das Buch zu vertiefen,
und das grosse Publikum war bald mit seinem Urtheil fertig: das Buch
war tödtlich langweilig. Wie konnte der Verfasser meinen, dass solches
die Pariser amüsire! Nein, Madame Bovary, das war etwas anderes! Warum
wiederholte er sich nicht (wie alle schlechten Schriftsteller), warum
schrieb er nicht zehn neue »Madame Bovary«?
Er zog sich nach Croisset zurück, sperrte sich, tief verletzt, wie
er war, Monate lang ein und fing allmälig wieder an zu arbeiten. Er
wurde alt. Er verlor durch den Tod seine älteren Freunde, George
Sand, Théophile Gautier, seinen Bruder, seine Jugendfreunde und
Gesinnungsgenossen, Louis Bouilhet, Feydeau, Jules de Goncourt u. s. w.
Er wurde einsam. Er wurde kränklich, konnte zuletzt nicht das Gehen
vertragen, ja nicht einmal vertragen, Andere gehen zu sehen. Er wurde
arm. Er verlor sein Vermögen, das er aus Güte seiner einzigen Nichte
anvertraut hatte und das ihr Mann auf's Spiel setzte, und er wurde in
den späteren Jahren seines Lebens von Nahrungssorgen gequält. Er kam
zuletzt selten mehr nach Paris; ja er ging nicht mehr in seinen Garten
hinaus, ging nur hin und her zwischen seinem Schlafzimmer und seinem
Arbeitszimmer und hinunter um seine einsamen Mahlzeiten einzunehmen.
Er starb im Jahre 1880 und wurde in Rouen begraben. Das Gefolge war
klein, nur wenige Freunde aus Paris gaben das Geleite. Aus Rouen folgte
fast Niemand, denn er war der Mehrzahl der Einwohner völlig unbekannt,
und als unmoralischer und irreligiöser Schriftsteller der Minderzahl,
die ihn kannte, verhasst.