VII.

Ich habe es aufgeschoben, von einer der letzten Visionen des heiligen

Antonius zu sprechen, weil sie mir die merkwürdigste von allen scheint

und ganz sicher die selbsteigene Vision des Dichters war. Nachdem alle

Götter verschwunden sind und die Reise durch den Himmelsraum ihr Ende

erreicht hat, sieht Antonius auf dem andern Nilufer die Sphinx, die

ihre Klauen ausstreckt und sich auf den Bauch legt. Aber springend,

fliegend, bellend, durch die Nase Feuer blasend und die Flügel mit dem

Drachenschwanz schlagend, umkreist sie die Chimäre. Was ist die Sphinx?

Was anders als das dunkle Räthsel, das an die Erde genagelt ist, die

ewige Frage, die grübelnde Wissenschaft! Was ist die Chimäre? Was

anders als die geflügelte Einbildungskraft, die den Raum durcheilt und

die Sterne mit ihren Flügelspitzen berührt!

Die Sphinx (französisch männlichen Geschlechts) sagt: »Stehe still,

Chimäre! Laufe nicht so schnell, fliege nicht so hoch, belle nicht so

stark. Höre auf, mir Deine Flamme in's Gesicht zu blasen, Du schmelzest

doch nicht meinen Granit«.

Die Chimäre antwortet: »Ich stehe nie still, Du kannst mich nicht

ergreifen, Du fürchterliche Sphinx«. -- Die Chimäre galoppirt durch die

Corridore des Labyrinthes, fliegt über das Meer, beisst sich fest in

die segelnden Wolken.

Die Sphinx liegt unbeweglich und zeichnet mit ihrer Klaue Alphabete in

den Sand, denkt und rechnet nach, stiert, während das Meer fluthet, das

Getreide wogt, Karawanen vorbeiziehen und Städte zusammenstürzen, mit

ihrem festen Blick in den Horizont hinaus.

Dann ruft sie: »O Phantasie! Erhebe mich auf Deinen Flügeln aus meiner

tödtlichen Langeweile heraus!«

Und die Chimäre antwortet: »Du Unbekannter! ich bin in Deine Augen

verliebt; wie eine brünstige Hyäne kreise ich um Dich, o umarme mich,

befruchte mich!«

Die Sphinx erhebt sich. Aber die Chimäre entflieht, aus Schrecken,

unter dem Steingewicht zerschmettert zu werden. -- »Unmöglich!« seufzt

die Sphinx und versinkt in den tiefen Sand.

Ich sehe in dieser Scene das letzte Bekenntniss Flaubert's, seine

erstickte Klage über das Gebrechen seines ganzen Lebenswerkes und

dieses Hauptwerkes im besonderen. Die Sphinx und die Chimäre, die

Wissenschaft und die Poesie, begehrten sich bei ihm, suchten sich immer

wieder, umkreisten mit flammender Sehnsucht und Brunst einander; aber

die rechte Befruchtung der Poesie durch die Wissenschaft gelang ihm nie.

Nicht dass sein Grundgedanke ungesund oder unrichtig war. Im

Gegentheil. Die Zukunft der Poesie ist da, das glaub' ich gewiss; denn

da ist ihre Vorzeit. Die grössten Dichter, ein Aeschylos, ein Dante,

ein Shakespeare, ein Goethe haben alles Wesentliche gewusst, was man

zu ihrer Zeit wusste und haben ihr Wissen in ihre Poesie niedergelegt.

Zwar haben Gelehrsamkeit und wissenschaftliche Bildung an und für

sich keinen poetischen Werth. Sie können nie und nimmer dichterisches

Gefühl und künstlerische Gestaltungskraft _ersetzen_. Wo die poetische

Begabung aber vorhanden ist, da wird der Blick durch Einsicht in die

Gesetze der Natur und der menschlichen Seele geschärft und durch das

Studium der Geschichte erweitert. Nur ist es ohne Zweifel in unserem

Jahrhundert, wo die moderne Wissenschaft in allen Richtungen neu

geschaffen worden, schwieriger als je, ohne überwältigt zu werden, den

Wissensstoff zu umspannen, und Flaubert besass nicht die ursprüngliche

Harmonie des Geistes, die das schwere leicht macht und die tiefen

Gegensätze der Ideenwelt versöhnt.

»La tentation de Saint-Antoine« wurde in Paris mit einem Boulevardwitz

abgefertigt. Nur wenige hatten Geduld um sich in das Buch zu vertiefen,

und das grosse Publikum war bald mit seinem Urtheil fertig: das Buch

war tödtlich langweilig. Wie konnte der Verfasser meinen, dass solches

die Pariser amüsire! Nein, Madame Bovary, das war etwas anderes! Warum

wiederholte er sich nicht (wie alle schlechten Schriftsteller), warum

schrieb er nicht zehn neue »Madame Bovary«?

Er zog sich nach Croisset zurück, sperrte sich, tief verletzt, wie

er war, Monate lang ein und fing allmälig wieder an zu arbeiten. Er

wurde alt. Er verlor durch den Tod seine älteren Freunde, George

Sand, Théophile Gautier, seinen Bruder, seine Jugendfreunde und

Gesinnungsgenossen, Louis Bouilhet, Feydeau, Jules de Goncourt u. s. w.

Er wurde einsam. Er wurde kränklich, konnte zuletzt nicht das Gehen

vertragen, ja nicht einmal vertragen, Andere gehen zu sehen. Er wurde

arm. Er verlor sein Vermögen, das er aus Güte seiner einzigen Nichte

anvertraut hatte und das ihr Mann auf's Spiel setzte, und er wurde in

den späteren Jahren seines Lebens von Nahrungssorgen gequält. Er kam

zuletzt selten mehr nach Paris; ja er ging nicht mehr in seinen Garten

hinaus, ging nur hin und her zwischen seinem Schlafzimmer und seinem

Arbeitszimmer und hinunter um seine einsamen Mahlzeiten einzunehmen.

Er starb im Jahre 1880 und wurde in Rouen begraben. Das Gefolge war

klein, nur wenige Freunde aus Paris gaben das Geleite. Aus Rouen folgte

fast Niemand, denn er war der Mehrzahl der Einwohner völlig unbekannt,

und als unmoralischer und irreligiöser Schriftsteller der Minderzahl,

die ihn kannte, verhasst.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 54 / 110 题