VI.

Das Jahr 1874 brachte endlich das Werk, das Flaubert selbst als sein

Hauptwerk betrachtete, an welchem er zwanzig Jahre gearbeitet hatte

und das die schärfste Definition seines Geistes lieferte -- ein

verblüffendes Werk. Als es zuerst ruchbar wurde, dass ein französischer

Romanschriftsteller »Die Versuchung des heiligen Antonius« geschrieben

hatte, hegten gewiss neun Zehntel des Publikums keinen Zweifel, dass

der Titel scherzhaft oder symbolisch aufzufassen sei. Wer konnte ahnen,

dass das Werk in vollem Ernst die Versuchungsgeschichte des alten

ägyptischen Einsiedlers behandelte.

Etwas Aehnliches hatte kein Romanschriftsteller und kein Dichter

überhaupt je versucht. Zwar hatte Goethe »Die classische

Walpurgisnacht« geschrieben, Byron im zweiten Act von »Cain« ein

Vorbild für Einzelnheiten geliefert, Turgeniew in »Visionen« in ganz

kleinem Rahmen einen entfernt verwandten Stoff mit Meisterschaft

behandelt; aber ein Drama in sieben Abtheilungen, das aus Einem

meilenlangen Monolog bestand, oder das richtiger nur die punktuelle

Darstellung dessen war, was in einer Schreckensnacht in dem Gehirn

eines einzelnen hallucinirten Menschen vor sich ging -- so ein Buch war

nie früher in der Welt geschrieben worden. Und doch hatte dieses Werk,

verfehlt wie es ist, in seiner schwermüthigen Monotonie eine stille

Grösse und ein völlig modernes Gepräge, wie nur wenige Dichterwerke der

französischen Litteratur.

Der heilige Antonius steht an der Schwelle seiner Hütte auf einem Berg

in Aegypten. Ein langes Kreuz ist in die Erde gepflanzt; eine alte

gewundene Palme neigt sich über den Abgrund hinaus, der Nil bildet

einen See am Fusse des Berges. Die Sonne sinkt. Der Einsiedler ist von

einem in Fasten, Arbeit und Selbstquälereien verbrachten Tag ermattet;

so fühlt er beim Anbruch des Dunkels seine Seelenstärke abnehmen.

Eine träumerische Sehnsucht nach der Aussenwelt füllt sein Herz. Bald

wollüstige, bald stolze, bald idyllisch lächelnde Erinnerungen locken

und quälen ihn.

Zuerst sehnt sich Antonius nach seiner Kindheit zurück, nach Ammonaria,

einem jungen Mädchen, das er einmal geliebt hat; er gedenkt seines

liebenswürdigen Schülers Hilarion, der ihn verlassen hat; er verflucht

sein einsames Leben. Die Zugvögel, die über seinem Kopf hinwegziehen,

erwecken seinen Wunsch, wie sie davon fliegen zu können. Er bedauert

sein Loos, fängt an zu klagen und zu ächzen. Warum ist er nicht ein

ruhiger Mönch in der Zelle geworden, warum hat er nicht das friedliche

und nützliche Leben eines Priesters gewählt. Er wünscht, dass er

Grammatiker oder Philosoph, Zöllner an einer Brücke, ein reicher,

verheiratheter Kaufmann, oder ein tapferer, lebenslustiger Soldat sei;

seine Körperkraft hätte dann Anwendung gefunden. Er verzweifelt über

seine Lage, bricht in Thränen aus, sucht Trost und Erbauung in der

heiligen Schrift. Aber in dem Leben der Apostel schlägt er die Stelle

auf, wo es Petrus erlaubt wird, alle Thiere, reine und unreine, zu

essen, während er selbst sich in strenger Askese abquält; in dem alten

Testament liest er eben, wie den Juden das Recht gegeben wird, all'

ihre Feinde zu tödten, ein grosses Blutbad an ihnen zu veranstalten,

während er seinen Feinden vergeben soll; er liest von Nebucadnezar

und beneidet seine Feste -- von Ezechias und schaudert vor Begierde

zusammen, wenn er an all' seine kostbaren Salben und seine goldnen

Schätze denkt, -- von der schönen Königin von Saba und fragt sich,

wie sie wohl hoffen könnte, den weisen Salomo in Versuchung zu führen

-- und es scheint ihm, dass die Schatten, welche die zwei Arme des

Kreuzes auf die Erde werfen, sich einander nähern wie zwei Hörner.

Er ruft Gott an, und die beiden Schatten nehmen wieder ihren alten

Platz ein. Vergeblich sucht er sich zu demüthigen; er gedenkt mit

Stolz seines langen Märtyrerthums, sein Herz schwillt wenn er sich der

Ehre erinnert, die ihm von allen Seiten erwiesen worden ist, selbst

der Kaiser hat ihm drei Mal geschrieben; dann sieht er, dass sein

Wasserkrug leer, sein Brod von Chakalen verzehrt worden ist; Hunger und

Durst nagen an seinem Eingeweide.

Er erinnert sich des Neides und des Hasses, mit dem ihm die

Kirchenväter auf dem Concil zu Nicäa entgegen traten, und seine Seele

schreit nach Rache. Er träumt von den vornehmen Frauen, die ihn früher

so oft hier in der Wüste aufsuchten, um ihm zu beichten und ihn

anzuflehen, bei ihm, dem Heiligen, bleiben zu dürfen. Er starrt so

lange diesen Träumen nach, dass sie ihm verwirklicht erscheinen. Er

sieht die feinen Damen aus der Stadt, die in ihren Sänften getragen

sich nähern, er löscht seine Fackel aus um die Gesichter zu vertreiben,

und schaut jetzt erst recht an dem dunkeln Nachthimmel die Visionen wie

Scharlachbilder auf Ebenholz an ihm in wirbelnder Hast vorbeifahren.

Stimmen, die aus dem Dunkel heraustönen, bieten ihm Frauen, Haufen

Goldes, herrliche Gerichte an. Dies ist der Anfang der Versuchung, der

Durst der thierischen Triebe. Dann träumt er, dass er der Vertraute

des Kaisers, der erste Minister ist, der alle Macht hat. Der Kaiser

krönt ihn mit seinem Diadem. Er rächt sich grausam an seinen Feinden

unter den Kirchenvätern, watet in ihrem Blut und plötzlich befindet

er sich mitten in einem Fest bei Nebucadnezar, wo die Speisen und

Getränke Berge und Ströme bilden. Gesalbt und mit Edelsteinen

geschmückt sitzt der Kaiser auf seinem Thron, und in der Entfernung

liest Antonius an seiner Stirn seine hochmüthigen, hochfliegenden

Gedanken. Er durchschaut ihn so vollständig, dass er plötzlich selbst

Nebucadnezar wird, und in all' dem Schwelgen fühlt er das Bedürfniss

wie ein Thier zu sein; er wirft sich auf alle Viere hinunter und brüllt

wie ein Stier; dann kratzt er seine Hand an einem Stein und erwacht.

Er peitscht sich, um sich für diese Vision zu bestrafen so lange bis

der Schmerz eine Wollust wird, und sofort erscheint vor ihm die Königin

von Saba, mit Gold und Diamanten bedeckt, das Haar blau gepudert,

und bietet sich ihm an mit wilder Koketterie; sie ist alle Frauen in

einer; er weiss, dass wenn er ihre Schulter mit einem Finger berührte,

würde ein Feuerstrom durch seine Ader schiessen; sie steht da, duftend

von allem Wohlgeruch des Orients, ihre Worte klingen wie sonderbar

bestrickende Musik, und er streckt in brennender Begierde seine Arme

aus -- aber er beherrscht sich und weist sie hinweg. Sie und ihr ganzes

Gefolge verschwinden. Dann nimmt der Teufel die Gestalt seines alten

Schülers Hilarion an, um ihn in seinem Glauben zu erschüttern.

Der kleine, welke Hilarion macht ihn zu seiner Angst darauf aufmerksam,

dass er in der Phantasie sich der Genüsse bemächtigt, auf die er in

der Wirklichkeit versagt, erklärt ihm, dass Gott kein Moloch sei, der

den Lebensgenuss verpöne, dass die Bestrebungen, Gott zu verstehen,

mehr werth seien als alle Selbstquälereien. Er zeigt ihm zuerst

die Widersprüche zwischen dem alten und neuen Testament, darauf

die Widersprüche des neuen. Und Hilarion wächst. So taucht denn in

Antonius' Gehirn die Erinnerung auf an all' die Ketzereien, die er in

Alexandria und anderswo gehört und gelesen und für eine Zeit siegreich

überwunden hat. Die hundert und aber hundert Ketzereien der ersten

christlichen Secten, Ansichten von denen die eine ungeheuerlicher als

die andere ist, werden von den Ketzern selbst in sein Ohr gebrüllt.

Sie bellen ihn an wie Hyänen. Jeder von ihnen speit seine Tollheit

über ihn aus. Hysterische Frauen und Geliebte der Märtyrer werfen sich

heulend über die Asche der Todten. Antonius sieht Ketzer, die sich

entmannen, Ketzer, die sich selbst verbrennen. Apollonius von Tyrus

offenbart sich ihm als Mirakelthäter, der in nichts hinter Christus

zurücksteht. Und Hilarion wächst immer mehr. Nach den Ketzern folgen

die Götter der verschiedenen Religionen in einem ungeheuren Aufzug,

von den abscheulichen und grotesken Steingöttern und Holzfetischen

der ältesten Zeiten bis zu den Blutgöttern des Morgenlandes und den

Schönheitsgöttern Griechenlands, alle fahren sie vorbei, um jeder für

sich mit einem Klagegeschrei den Purzelbaum hinunter in das grosse

Nichts zu machen. Er sieht Götter, die in Ohnmacht fallen, andere, die

fortgewirbelt werden, wieder andere, welche zerquetscht, zerrissen, in

ein schwarzes Loch hinuntergestürzt werden, Götter, die ertrinken, die

sich in Luft auflösen oder die sich tödten. Unter ihnen ragt Buddha

empor, der in allem, was er über sich erzählt, die unheimlichste

Aehnlichkeit mit dem Erlöser hat. Zuletzt machen Crepitus, jener

römische Gott der Verdauung, und Jehovah, der Gott der Heerscharen, den

Sprung in den Abgrund.

Dann tritt eine fürchterliche Stille, eine tiefe Nacht ein.

»Sie sind alle fort« sagt Antonius.

»Ich bin übrig« antwortet eine Stimme.

Und Hilarion steht vor ihm, noch weit grösser, verklärt, schön wie ein

Erzengel, leuchtend wie eine Sonne und so gross, dass Antonius den Kopf

zurückbeugen muss, um ihn zu sehen.

»Wer bist Du?«

Hilarion antwortet: »Mein Reich ist so gross wie die Welt und meine

Begier hat keine Grenzen. Ich gehe immer vorwärts, Geister befreiend

und Welten wägend, ohne Furcht, ohne Mitleid, ohne Liebe und ohne

Gott. Man nennt mich die Wissenschaft«.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 52 / 110 题