Es scheint fast, als ob in unsern Tagen die Zeit zu Ende geht, da der
Romandichter sich eines schönen Tages vor einen Bogen weissen Papiers
hinsetzte und die Ausführung seiner Dichtung begann.
Flaubert wenigstens hat eine Methode der poetischen Production
eingeleitet, welche diese stark der wissenschaftlichen nähert. Er
verbrachte, um eine einzelne Aufklärung mit Rücksicht auf seinen Stoff
zu gewinnen, ganze Wochen in den Bibliotheken, er ging Kupferstiche
haufenweise durch, um mit Costüm und Haltung einer früheren Generation
in's Reine zu kommen. Er las als Vorstudium zu »Salammbô« gegen hundert
Bände alter und neuer Litteratur und unternahm darauf eine Reise nach
Tunis, um die Landschaften und die Denkmäler des alten Karthago zu
studiren. Ja, sogar um phantastische Landschaften, wie die in der
»Legende von St. Julian«, zu malen, besuchte er Gegenden, die ihm
ungefähr den Eindruck geben konnten, von dem er geträumt hatte.
Sobald er den Plan zu einem Buch auf's Papier gebracht hatte, fing für
jedes Capitel besonders das Suchen nach Urkunden an; jedes hatte seine
Mappe, die sich nach und nach füllte. Er ging die ganze Sammlung des
»Charivari« aus der Zeit Ludwig Philipp's durch, um den litterarischen
Zigeuner Hussonet in »L'éducation sentimentale« mit Witzen im Stil der
damaligen Zeit zu versehen. Er studirte nicht weniger als 107 Werke,
um die dreissig Seiten über den Ackerbau in »Bouvard und Pécuchet« zu
schreiben. Die Excerpte, die er für diesen letzten Roman gemacht hatte,
würden gedruckt nicht weniger als fünf Octavbände bilden.
Augenscheinlich hat er während all' dieser Vorstudien bisweilen seinen
Roman aus den Augen verloren und ist einfach darauf ausgegangen,
seine Einsicht zu vermehren. Seine Lust Kenntnisse zu sammeln, war
fast so lebhaft als die, seinen seelischen Gehalt auszuformen -- oder
richtiger, sie wurde es nach und nach.
Wenn man seine Werke in chronologischer Ordnung überschaut, findet man
ein immer deutlicheres Verlegen des Schwerpunktes aus dem dichterischen
in das wissenschaftliche Element; oder mit anderen Worten, aus dem
menschlichen, psychischen Elemente in geschichtliche, technische,
wissenschaftliche Aeusserlichkeiten, die einen unverdienten Platz
einnehmen. Flaubert war immer Gefahr gelaufen, ein langweiliger Autor
zu werden, und er wurde es immer mehr.
Er war von einer nach meiner Ansicht richtigen Empfindung
ausgegangen, nämlich der, dass der Dichter in unseren Tagen kein
blosser Unterhaltungsschriftsteller oder _maître de plaisir_ sein
könne. Er verstand dies aber so, dass das poetische Schiff ohne
wissenschaftlichen Ballast leicht umzuschlagen in Gefahr komme. Und
nach und nach, wie seine Entwickelung vorwärts schritt, ergriff ihn
die Leidenschaft dafür, Schwierigkeiten zu überwinden: er wollte das
Schwerste schleppen, die grössten Steine tragen, und er belastete
allmälig das Schiff mit so vielen und grossen Steinen, dass es zu
schwer wurde, zu tief ging und auf den Grund lief. Sein letzter
Roman ist nur eine mühselig zusammengereihte Folge von Auszügen aus
ein Paar Dutzend verschiedenen Wissenschaften, fast unleserlich als
poetisches Werk, nur psychologisch bemerkenswerth als folgerichtiger
und endgültiger Ausdruck einer grossen Persönlichkeit und einer
irrthümlichen ästhetischen Ansicht.
Die allgemeine Richtung auf das Studium der Aeusserlichkeiten ist
nicht Flaubert allein eigenthümlich; sie bezeichnet die ganze
Gruppe von Geistern, der er angehört. Sie ging aus dem berechtigten
Widerwillen gegen die rationalistische Auffassung des Menschen als
abstractes Vernunftwesen und aus dem deterministischen Hang unseres
Zeitalters hervor, das Seelenleben des Individuums aus klimatischen,
völkerpsychologischen, physiologischen Bestimmungen erklären zu wollen.
Man findet dies Streben verschieden nuancirt bei den bedeutendsten
Zeitgenossen und Landsleuten Flaubert's, bei seinem Lehrer und Freund
Théophile Gautier, bei Renan, bei Taine, bei den Brüdern Goncourt.
Wie verschieden diese Geister auch sind, sie haben dies gemeinsame
und sehr moderne Gepräge, und ausserdem fast alle noch die andere,
nicht weniger moderne Eigenschaft, dass man in ihren künstlerisch
ausgeführten Werken zu sehr die dahinter liegende Arbeit, die Mühe,
mit der sie hervorgebracht wurden, verspürt, und bisweilen einen
geradezu peinlichen Eindruck der Ueberladung hat. Renan, der eine
Ausnahme zu bilden scheint, schildert nicht selten Sachen, die völlig
ausserhalb des Rahmens liegen; Gautier ist wohl der einzige dieser
grossen Künstler, aus dessen Geist Worte und Bilder zwanglos zu
sprudeln scheinen, und selbst er liess selten das Wörterbuch und die
Encyclopädie aus seiner Hand.
Bei Flaubert verdrängte nach und nach die Encyclopädie die
Gemüthsbewegung. Gautier war mit den Jahren immer weniger Dichter und
immer mehr malerischer Beschreiber geworden; Flaubert wurde mit den
Jahren immer mehr ein Gelehrter und ein Sammler.
Werfen wir einen Blick über seine ganze Production von den ersten
Anfängen bis zum Abschluss derselben, so sehen wir, wie das humane
Element, das ursprünglich alles überrieselte und fruchtbar machte, nach
und nach ebbt, sich zurückzieht und nur den trockenen, steinigen Boden
historischer oder naturwissenschaftlicher Thatsachen hinterlässt.
In »Madame Bovary« ist noch alles Leben. Die Beschreibungen sind
selten und kurz. Sogar die Beschreibung Rouens, der Geburtsstadt
des Verfassers, welche da vorkommt, wo Emma mit der Diligence von
Yonville fährt um Léon zu treffen, ist in ganz wenigen Zeilen gegeben,
und ausserdem durch die hinzugefügte Schilderung des Schwindels
beseelt, der von diesen Tausenden zusammengehäufter Existenzen gegen
Emma aufsteigt, als hätten alle diese Menschen ihr den Dampf der
Leidenschaften, die sie bei ihnen vermuthete, entgegen gesandt. Die
direkte Beschreibung der Stadt, das malerische Moment, ist hier ganz in
Psychologie, in den Eindruck, den die grosse Stadt auf die Hauptperson
macht, umgesetzt -- was bei Flaubert immer seltener wird.
In »Salammbô« musste sich das Studium und das bloss Descriptive
nothwendigerweise stärker geltend machen. Es gibt grosse Partien in
diesem Werk, in welchem man eher ein Stück alter Kriegsgeschichte, oder
eine archäologische Abhandlung als einen Roman zu lesen glaubt und die
deswegen ermüdend wirken. Aber »Salammbô« war noch reich an allgemein
menschlichen Motiven und Darstellungen. Man lese beispielsweise das
Capitel durch, wo die Priester beschlossen haben, Moloch durch das
Opfer des Erstgebornen jedes Hauses zu versöhnen, wo einige von ihnen
an der Thür Hamilcar's anklopfen und dieser seinen Sohn, den kleinen
Hannibal, aus ihrer Gewalt zu retten strebt. Die Stimmung, die Flaubert
hier erzeugt hat, ist so wie sie in einer punischen Stadt gewesen sein
muss, sobald ein solches Massenopfer angeordnet war, und der einzelne
Vorgang hebt sich von dem Hintergrund dieser Stimmung unvergesslich
hervor. Hamilcar stürzt in das Zimmer seiner Tochter hinein, erfasst
mit der einen Hand Hannibal, mit der andern eine Schnur, die am
Fussboden liegt, schnürt Hände und Füsse des Knaben zusammen, steckt
ihm den Rest der Schnur als Knebel in den Mund und versteckt ihn unter
einem Bett. Dann klatscht er in die Hände und verlangt ein Sklavenkind
von 8 bis 9 Jahren mit schwarzen Haaren und hervortretender Stirn. Man
bringt ihm ein armes, zugleich mageres und aufgedunsenes Kind, dessen
Haut so grau wie der Lumpen um seine Lenden ist. Er verzweifelt; wie
ist es möglich, dies Kind mit Hannibal zu verwechseln! Aber die Minuten
sind theuer, und trotz seines Widerwillens fängt der stolze Suffet
an, den elenden Sklavenjungen zu waschen, zu reiben und zu salben; er
zieht ihm einen Purpur-Anzug an, befestigt denselben an seine Schulter
mit Diamant-Agraffen, und das Kind lächelt, glücklich über all diese
Pracht, und hüpft auf vor Freude. Er führt den Knaben mit sich fort. Da
er aber unten im Hof mit verstelltem Schmerz ihn den Molochpriestern
übergibt, zeigt sich hoch oben im dritten Stockwerk des Hauses zwischen
den elfenbeinernen Pfeilern ein bleicher, ärmlich gekleideter,
fürchterlich aussehender Mann mit ausgebreiteten Armen. »Mein Kind!«
ruft er. »Es ist der Pflegevater des Kindes« beeilt sich Hamilcar zu
sagen und stösst, wie um den Abschied zu kürzen, die Priester zum Thore
hinaus. Als sie fort sind, sendet er dem Sklaven die besten Sachen aus
der Küche, Fleisch, Bohnen und Eingemachtes; der Alte, der lange nichts
gegessen hat, wirft sich darüber her und verschlingt es unter Thränen,
und als Hamilcar Abends nach Hause kommt, sieht er im grossen Saal, wo
das Mondlicht durch die Spalten der Kuppel hinabscheint, den Sklaven
übersatt, halb berauscht, auf dem Marmor-Fussboden ausgestreckt, im
tiefen Schlafe liegen. Er schaut ihn an und eine Art Mitleid ergreift
ihn. Mit der Spitze seines Fusses schiebt er einen Teppich unter seinen
Kopf.
Hier ist die allgemein menschliche Essenz aus einer specifisch
karthaginiensischen Situation gezogen.
»Salammbô« machte, wie schon angedeutet, ein nicht geringes Aufsehen,
bereitete aber nichtsdestoweniger der Lesewelt und der Kritik eine
Enttäuschung. Man theilte nicht die Vorliebe des Verfassers für
das Ungeheure und Flammende, man arbeitete sich mit Mühe durch die
Schilderung antiker Belagerungsmaschinen und Sturmböcke; man bat ihn,
einen neuen _roman de passion_, eine Liebeserzählung zu schreiben.
Flaubert leistete endlich am Schluss des Jahres 1869 der Aufforderung
Folge, indem er seinen Roman »L'education sentimentale« herausgab, sein
eigenthümlichstes und tiefstes Werk, das ganz durchfiel. Von jetzt an
erlebte er nur litterarische Niederlagen. Die Gunst des Publikums, die
durch »Salammbô« erkaltet war, wich von diesem Zeitpunkt ab vollständig
von ihm.
Das neue Buch war eine neue Art von Buch. Der fast unübersetzbare Titel
(etwa »Die Erziehung des Herzens«) ist nicht correct; denn Niemand
und Nichts wird hier erzogen; dennoch handelt der Roman von einem
Gefühlsleben. Aber er behandelt eher die gradweise fortschreitende
Abstumpfung und schliessliche Exstirpation der Liebesempfindung als
irgend eine Entwickelung derselben. Das Buch könnte richtiger heissen:
Die Liebesillusion und ihre Ausrottung. Es ist einer der Hauptversuche
Flaubert's, das reine Nichts in Gestalt der puren Illusion aus all'
dem Sehnen und Trachten des gewöhnlichen Menschenlebens heraus zu
destilliren. In »Salammbô« drehte sich Alles um einen heiligen Schleier
der Göttin Tanit, Zaimpf genannt; dieser Schleier ist strahlend und
leicht; die Stadt, von der er geraubt wird, verdirbt; der Mensch,
der ihn trägt, ist so lange unverwundbar, aber wer sich darin gehüllt
hat, muss zu Grunde gehen. Die Illusion ist wie dieser Schleier. Sie
ist strahlend wie die Sonne und leicht wie die Luft, sie gibt die
Sicherheit des Nachtwandlers, und sie verzehrt wie ein Nessushemd.
Ich sagte, dass Flaubert an eine das Leben hindurch dauernde, nie
befriedigte Liebesleidenschaft glaubte. Eine solche ist es, die er
in der Liebe Frédéric's zu Madame Arnoux dargestellt hat. Sie ist
verschämt, unterdrückt, gebändigt; sie macht sich Luft in einigen
unverständigen Aufopferungen für ihren Gemahl und in einigen halb
ausgesprochenen platonischen Versicherungen gemeinsamer Sympathien; sie
führen zu nichts, zu einem Versprechen, das zurückgenommen wird, zu
einigen Versuchen, die fehl schlagen, und endlich, nach dem Verlauf von
zwanzig Jahren, zu einem unfruchtbaren Geständniss und einer einzigen
Umarmung, aus welcher der Liebhaber zurückschreckt, da die Geliebte
unterdessen alt geworden ist und ihm mit ihren weissen Haaren Schrecken
einflösst.
Das Eigenthümliche an diesem Roman ist, in noch weit mehr
hervortretender Weise als bei »Madame Bovary«, dass er keinen Helden
und übrigens ebenso wenig eine Heldin hat. In dem veralteten Ausdruck
»Held« liegt das ganze angeerbte Herkommen der altmodigen Poesie. Seit
Jahrhunderten hatten die Schriftsteller mit einem Helden paradirt;
er war stark und schön, gross in seinen Tugenden oder Lastern, ein
Beispiel zur Nachahmung oder zur Abschreckung -- hier ergriff der
Dichter einen jungen Mann der Art, wie die meisten jungen Männer sind
und zeigte, ohne Missbilligung oder Bedauern zu äussern, mit welchem
Nichts sein Leben hinging und wie die Enttäuschungen auf ihn herab
hagelten, nicht grosse, seltene Enttäuschungen -- er erlebt überhaupt
nichts Grosses und Seltenes -- nein, die kleinen Enttäuschungen, die
das Leben ausmachen. Eine lange Kette kleiner Enttäuschungen mit
einzelnen grossen Enttäuschungen dazwischen, das ist für Flaubert
die Definition des regulären Menschenlebens. Doch der Reiz des Buches
beruht nicht hauptsächlich auf der durchgeführten melancholischen
Grundstimmung. Der Hauptreiz ist für mich die Anmuth und die
Keuschheit, mit der die Feder geführt ist, wo Frédéric's grosse Liebe
geschildert wird.
Das tiefe Verständniss für die Schwärmerei des jungen Mannes weist
auf Selbsterlebtes zurück. Nirgends hat Flaubert mehr direct aus
seiner eigenen Seele geschrieben und weniger aus den fünf oder sechs
künstlichen Seelen geschöpft, die er wie jede kritisch angelegte und
kritisch schaffende Natur sich zu geben vermochte.
Frédéric liebt ohne Hintergedanken, ohne Hoffnung auf Gegenliebe,
unbedingt, mit einem Gefühl, das der Dankbarkeit ähnlich ist; mit einem
Bedürfniss sich hinzugeben und sich der Geliebten zu opfern, das um so
viel stärker ist, weil es keine Besänftigung findet. Aber die Jahre
gehen, und ein Gefühl ähnlicher Art entwickelt sich bei der geliebten
Frau. Es ist unter ihnen eine ausgemachte Sache, dass sie sich nie
angehören werden; aber ihr Geschmack, ihre Urtheile stimmen überein:
»Oft brach der von ihnen, der dem Andern zuhörte, aus: _Ich auch!_ und
kurz danach kam der Andere an die Reihe zu sagen: _Ich auch!_« Und sie
träumen, dass wenn die Vorsehung gewollt hätte, wäre ihr Leben ein von
Liebe allein erfülltes, »etwas Süsses, Glänzendes und Erhabenes wie das
zitternde Blinken der Sterne« geworden.
»Fast immer hielten sie sich in freier Luft in der Veranda auf, und
die gelblichen Baumkronen des Herbstes breiteten sich vor ihnen
ungleichförmig bis zum Rande des bleichen Himmels aus; oder sie sassen
in einem Pavillon am Ende der Allee, dessen einziges Möbel ein mit
grauer Leinwand überzogenes Canapé war. Schwarze Punkte befleckten
den Spiegel; die Wände athmeten einen moderigen Geruch aus -- und sie
blieben da, von sich selbst, von Andern, gleichviel wovon, plaudernd
in einem gegenseitigen Entzücken. Bisweilen sahen die Sonnenstrahlen,
die sich durch die Persiennen von der Decke bis zum Fussboden den Weg
bahnten, aus, wie die Saiten einer grossen Leier«.
Diese Leier -- das war, glaub' ich, die alte, die echte; die Leier aus
der Zeit der Troubadoure und aus der Jugend Flaubert's, und es scheint
Einem, als habe er eben hier ihre Saiten geschlagen.
»L'éducation sentimentale« erschien, als das Kaiserthum in die Epoche
der letzten Krisen trat. Der Absatz war mässig. Alle Zeitungen
erklärten das Buch für langweilig, ausserdem natürlich für unmoralisch.
Am schmerzlichsten für Flaubert war das Schweigen, das folgte. Die
Arbeit von sieben Jahren schien verloren.
Die Ursache war, dass er zu viel gearbeitet hatte. Er hatte um das
Paris der Vierziger Jahre zu schildern, alte Bilder und alte Pläne
studirt, verschwundene Strassen reconstruirt, mehrere Tausende von
Zeitungen mit ihren Referaten über Clubreden und ihren Beschreibungen
des Strassenlebens und der Strassenkämpfe durchforscht. Er wollte
absolut ein genaues Zeitbild geben und machte zu Viel daraus. Der
historische Apparat wirkt ermüdend. Sein Hass gegen die Dummheit
führte ihn hier wie so oft zu weit. Es hatte schon in seiner Jugend
zu den Belustigungen gehört, die er und Bouilhet gemeinsam trieben,
so treue Copien wie möglich von offiziellen Reden im allgemeinen,
von Gelegenheitsgedichten bei der Einweihung einer Glocke oder der
Beerdigung eines Monarchen, von Festreden, Volksreden jeglicher Art
zu schreiben. Man fand ganze Packete solcher Sachen nach Bouilhet's
Tode. In »Madame Bovary« hatte Flaubert sich damit belustigt, die ganze
Rede des Bureauchefs bei der Ackerbau-Ausstellung mit ihrer bestellten
Begeisterung und ihren stilistischen Naivetäten wiederzugeben;
hier lieferte er in extenso und noch dazu spanisch eine von einem
»Patrioten aus Barcelona« im Jahre 1848 in einer Volksversammlung zu
Paris gehaltene liberale Rede. Die Rede ist als Beispiel der reinen
Freiheits- und Fortschrittsphrase unübertrefflich, aber sie und die
ganze Versammlung, in der sie vorgetragen wird, haben zu wenig mit
den Hauptpersonen zu thun. Das Zeitbild breitet sich zu sehr aus;
hier wie in »Salammbô« ist das Fussgestell zu gross für die Figuren
geworden. Flaubert wird es ohne Zweifel selbst empfunden haben; denn
schon während er an »Salammbô« arbeitete, schrieb er missmuthig an
einen Freund: »Das Studium des Costüms verleitet uns die Seele zu
vergessen. Ich würde das halbe Ries Papier, das ich nun in fünf Monaten
mit Aufzeichnungen gefüllt habe, dafür geben, um nur in drei Secunden
von den Leidenschaften meiner Personen mich wirklich bewegt zu fühlen«.
Aber er vermochte nicht die Schilderung der Umgebungen, der allgemeinen
Stimmungen und Zustände gehörig zurück zu drängen. Man fühlt bei ihm,
dass das Studium immer dichter in der Spur der Einbildungskraft, wie
in der nordischen Mythologie das Ungeheuer Mondgarm in der des Mondes
folgt, und wie der arme Mond immer näher daran ist, verschlungen zu
werden.
Die drei Erzählungen: »Ein einfaches Herz«, »Die Legende von St.
Julian, dem Gastfreien« und »Herodias«, waren eine kleine Trilogie
von Meisterwerken: eine Novelle der Gegenwart, eine Legende des
Mittelalters und ein Gemälde aus dem Alterthum. »Herodias« gab in
dem Stil »Salammbô's« ein düsteres, kräftiges Bild von Palästina zur
Zeit Johannes des Täufers, aus welchem das neugierige und schlaffe
Prassergesicht des Vitellius, in die gebrochenen Augen des abgehauenen
Johanneskopfes hineinstierend, dem Leser entgegen leuchtet. »Die
Legende von St. Julian« ist das Muster einer Wiedergeburt des
mittelalterlichen Geistes. Kein Mönch hat eine echtere christliche
Legende geschrieben als dieser Atheist. Nichts kann strenger im
Legendenstil sein als der Schluss von dem aussätzigen Bettler,
der das letzte Stück Speck und den letzten Bissen Brod Julian's
verzehrt, dessen Messer, Teller und Becher befleckt und der mit seinen
unheimlichen Geschwüren zuletzt nicht nur auf Julian's Lager sich
ausstreckt, sondern die Forderung an ihn stellt, er solle ihn mit
seinem nackten Körper erwärmen. Da der ehemalige Prinz in der Demuth
seines Herzens sich erniedrigt, dies zu thun, umarmt ihn der Aussätzige
mit Kraft, und in demselben Augenblick verwandelt sich die Gestalt
des Bettlers; die Augen werden sternenklar, sein Haar wird lang und
leuchtend wie Sonnenstrahlen, sein Athem duftend wie Rosen; das Dach
der Hütte fliegt ab, und Julian schwebt in den blauen Raum hinauf,
Gesicht an Gesicht mit Unserm Herrn Jesus Christus, der ihn in den
Himmel hinaufführt.
In »Ein einfaches Herz« hat Flaubert so zu sagen die Geschichte des
alten prämiirten Dienstmädchens aus »Madame Bovary« erzählt. Es ist
eine rührende Erzählung von einer alten, von Allen ausgenutzten und
verlassenen Magd, die zuletzt die ganze Liebe ihres Herzens auf einen
Papagei wirft; sie bewundert diesen Papagei über alles: er scheint ihr
in ihrer Einfalt dem heiligen Geist als Taube auf dem Altargemälde der
Dorfkirche ähnlich, und nach und nach füllt er in ihrem Bewusstsein
den Platz des heiligen Geistes aus. Der Vogel stirbt und sie lässt ihn
ausstopfen. Aber in ihrer Todesstunde sieht sie ihn riesengross mit
ausgebreiteten Flügeln sie empfangen und in das Paradies hinauftragen.
Dies ist die tief-wehmüthige Parodie des Schlusses der Legende. Hier
wie dort Vision und Illusion; bei der Schwäche unseres Wesens, der
Fähigkeit des Getäuschtwerdens und dem Bedürfniss des Trostes, ist --
scheint Flaubert sagen zu wollen -- uns im Versinken der eine Strohhalm
so gut wie der andere.
Die drei Erzählungen hatten keinen Erfolg. In ihnen hatte das Studium
noch einen Schritt vorwärts auf Kosten des Lebens gemacht. Hier waren
erstens fast keine Gespräche, keine Repliken mehr, die Erzählungen
waren eher Inhaltsangaben als Novellen; man fühlte, dass der Dichter
begonnen hatte, die eigentlich poetische Gestaltung zu verschmähen.
Ferner breitete sich die Gelehrsamkeit zu sehr aus. Ein erstaunliches
Studium war z. B. in die Legende niedergelegt. Man ahnt, wie viele
Legenden Flaubert gelesen hat, um den Charakter so genau wiedererzeugen
zu können. Aber kein Versuch ist gemacht, die Resultate dieser
Gelehrsamkeit in Perspective vor die Augen des modernen Lesers zu
stellen. Es sind weder Wege noch Stege in den Urwald der Legendenwelt
gehauen; er steht da festgewachsen und sperrt dem Blick die freie Bahn.
Die Erzählung scheint nicht auf gewöhnliche moderne Leser, sondern auf
solche des dreizehnten Jahrhunderts oder auf verfeinerte Kenner des
unsrigen berechnet.