IV.

Flaubert hat persönlich der Oeffentlichkeit nie das Geringste über

sich selbst erzählt. Er hat über seine künstlerischen Principien

dasselbe Schweigen wie über seine Privaterlebnisse bewahrt. Unter

diesen Umständen muss man alle Wege, die offen stehen und die in sein

Innerstes hineinführen können, prüfen, und als einer der nächsten und

besten bietet sich das genaue Studium der Werke seines brüderlichen

Freundes und Kampfgenossen Louis Bouilhet's dar. Die beiden Männer

scheinen, oberflächlich betrachtet, sehr ungleich angelegt, wie

ungleich begabt. Flaubert machte in der französischen Litteratur

Epoche, Bouilhet war und blieb ein Dichter zweiten oder dritten

Ranges; Flaubert war ein Romanschriftsteller, Bouilhet ein Lyriker und

Dramatiker; aber diese Ungleichheit geht das Wesen der Halbbrüder wenig

an. Sie hatten sich lieb, weil sie geistig nah verwandt waren; nicht

ohne gültigen Grund hatte Flaubert Bouilhet sein erstes Buch und dieser

jenem alle seine vorzüglichsten Productionen gewidmet. Ein aufmerksamer

Vergleich zeigt so starke Analogien zwischen den Poesien Bouilhet's

und den Prosawerken Flaubert's, dass er das Auge schärft für die mehr

zurückgedrängten Eigenthümlichkeiten des grösseren der Brüder.

Eines der merkwürdigsten Gedichte Bouilhet's ist »Les fossiles«, das

mit einem grossartigen Gemälde der vorsündfluthlichen Landschaften und

des Thierlebens der Vorwelt beginnt, danach zugleich in poetischer Form

und in wissenschaftlichem Geist die Entwicklungsgeschichte der Erde

bis zum Auftreten des ersten Menschenpaares verfolgt und mit einer

begeisterten Vision der Menschheit der Zukunft endet.

Man findet diese Vorliebe für das Colossale und wunderlich Ungeheure

bei dem Dichter »Salammbô's« wieder; man spürt in Flaubert's Ausgraben

verschwundener Völkerschaften und Religionen denselben Hang zum

Fossilen wie bei Bouilhet, und endlich zeigt sich deutlich bei Flaubert

die hier und sonst überall bei dem Bruder sich offenbarende Neigung,

Wissenschaft und Poesie zu einem Ganzen zu verschmelzen.

Wie Flaubert in classische und semitische Litteraturen sich vertiefte,

studirte Bouilhet chinesisch und behandelte chinesische Motive und

Stoffe in einer langen Reihe von Gedichten. Beide wollten durch diese

Forschungen und die poetischen Versuche, die aus ihnen hervorgingen,

einem Zeitalter, das ihnen zuwider war, entschlüpfen, und beide folgten

unbewusst dem Beispiel Goethes. Aber beide befriedigten ausserdem

hierdurch denselben Antrieb: ihrem Leser die Relativität aller

Lebensformen zu zeigen, ihm den Hochmuth darüber, »wie herrlich weit

wir es gebracht«, auszutreiben und ihm eine Ahnung beizubringen, dass

unsere Cultur, nach Jahrtausenden ausgegraben und geschildert, sich

wenig vernünftiger als die alte oder ferne ausnehmen würde.

Beide wollten die Vorwelt in ihrer historischen oder vorhistorischen

Reinheit ohne störende moderne Zusätze hervortreten lassen, und

scheuten vor keiner Schwierigkeit zurück. Als sei es an und für sich

nicht schwer genug, die antediluvianische Welt mit ihrer sonderbaren

Vegetation und formlos grossartigen Thiergestalten zu malen, hat

Bouilhet sich jedes Ausdrucks beraubt, der an die modernen Ideen

erinnern müsste. Er beschreibt die Pterodactylen, die Ichthyosauren

und Plesiosauren, die Mammuths und Mastodonten ohne sie zu nennen; man

kennt sie nur an ihrer Form, ihrer Gangart, ihrem Benehmen wieder. Ganz

ähnlich hat Flaubert sich in »Salammbô« jeder noch so fernen Anspielung

auf die moderne Welt enthalten; der Dichter scheint dieselbe nicht zu

kennen oder vergessen zu haben, dass sie existirt. Die künstlerische

Objectivität fällt hier mit der wissenschaftlichen zusammen.

Und dieses ist bei beiden Dichtern die Hauptsache. Sie gehorchten,

bewusst oder unbewusst, einer neuen Idee von dem Verhältniss der Poesie

zur Wissenschaft. Sie haben das Ihrige beitragen wollen, eine Poesie zu

schaffen, die ganz und gar auf wissenschaftlicher Grundlage aufgeführt

sei.

Der höchste Ehrgeiz Bouilhet's war eingestandenermassen der,

ein Gedicht zu schreiben, das die Resultate der modernen

Wissenschaft zusammenfasse und für unsere Zeit sein könne, was das

bewunderungswürdige Poem des Lucretius »De rerum natura« für das

Alterthum war. Flaubert hatte augenscheinlich einen ganz ähnlichen

Traum. Aber der Wunsch wurde bei ihm durch seinen Hass gegen die

menschliche Dummheit bestimmter ausgeprägt. Er verwirklichte ihn auf

negative Weise und in zwei verschiedenen Formen, in seinem Werke: »Die

Versuchung des heiligen Antonius«, in welchem er alle die religiösen

und moralischen Systeme der Menschheit als wahnwitzige Hallucinationen

des Einsiedlers Revue passiren liess, und in seiner letzten Erzählung

»Bouvard und Pécuchet«, in welcher die zahllosen Irrthümer und

Fehlgriffe zweier armer Dummköpfe dem Dichter Vorwand geben, eine Art

Encyclopädie von all' den Gebieten des menschlichen Wissens zu liefern,

an denen sie sich vergreifen. In der »Versuchung des heiligen Antonius«

gab er die Tragödie des Menschengeistes; der menschliche Geist

offenbart sich hier in grossartig wüthender und klagender Tollheit, ein

König Lear auf der Erdenhaide. In »Bouvard und Pécuchet« zeichnete er

die Caricatur, die naive Unwissenheit, die dilettantische Pfuscherei

auf allen wissenschaftlichen und technischen Gebieten, in zwei alten

lächerlichen Gesellen personificirt, denen er mit wilder Selbstironie

manch einen Zug beilegte, der sein eigenes Zusammenleben mit Bouilhet

characterisirte. Das Werk ist posthum und nur der erste Theil liegt vor

(nur in annähernd vollendeter Gestalt); für Flaubert im höchsten Grade

bezeichnend ist aber seine Absicht -- um das Bild der universellen

Dummheit vollständig zu machen -- diesen Theil durch einen zweiten zu

vervollständigen, in welchem die zwei armen Käuze, die als Schreiber

ihre Carrière beginnen und beenden, den Einfall ausführen, die Eseleien

all' der bekanntesten Schriftsteller (des Herrn Flaubert inclusive)

abzuschreiben und in einem Band zu sammeln.

Sowohl Flaubert wie Bouilhet wurden also in ihrem Arbeiten von dem

mächtigen Trieb angespornt, in der einen oder der anderen, positiven

oder negativen Form Resultate moderner Wissenschaft in ihre Werke

niederzulegen; von ihnen beiden gilt, was Flaubert über Bouilhet gesagt

hat, dass der Grundgedanke, das geniale Element seines Geistes eine

Art Naturalismus war, der an die Renaissance erinnert. Aber während

Bouilhet in mittelmässigen und traditionell romantischen Dramen

seine beste Kraft verpuffte, hat Flaubert in keiner einzigen Arbeit

der Ueberlieferung gehuldigt, vielmehr immer ein wissenschaftliches

Studium als Vorbereitung zu seiner Dichtung gemacht und nur bei ihm ist

deswegen das Verhältniss zwischen Wissenschaft und Poesie der Nerv und

das Hauptinteresse der Werke.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 50 / 110 题