Flaubert hat persönlich der Oeffentlichkeit nie das Geringste über
sich selbst erzählt. Er hat über seine künstlerischen Principien
dasselbe Schweigen wie über seine Privaterlebnisse bewahrt. Unter
diesen Umständen muss man alle Wege, die offen stehen und die in sein
Innerstes hineinführen können, prüfen, und als einer der nächsten und
besten bietet sich das genaue Studium der Werke seines brüderlichen
Freundes und Kampfgenossen Louis Bouilhet's dar. Die beiden Männer
scheinen, oberflächlich betrachtet, sehr ungleich angelegt, wie
ungleich begabt. Flaubert machte in der französischen Litteratur
Epoche, Bouilhet war und blieb ein Dichter zweiten oder dritten
Ranges; Flaubert war ein Romanschriftsteller, Bouilhet ein Lyriker und
Dramatiker; aber diese Ungleichheit geht das Wesen der Halbbrüder wenig
an. Sie hatten sich lieb, weil sie geistig nah verwandt waren; nicht
ohne gültigen Grund hatte Flaubert Bouilhet sein erstes Buch und dieser
jenem alle seine vorzüglichsten Productionen gewidmet. Ein aufmerksamer
Vergleich zeigt so starke Analogien zwischen den Poesien Bouilhet's
und den Prosawerken Flaubert's, dass er das Auge schärft für die mehr
zurückgedrängten Eigenthümlichkeiten des grösseren der Brüder.
Eines der merkwürdigsten Gedichte Bouilhet's ist »Les fossiles«, das
mit einem grossartigen Gemälde der vorsündfluthlichen Landschaften und
des Thierlebens der Vorwelt beginnt, danach zugleich in poetischer Form
und in wissenschaftlichem Geist die Entwicklungsgeschichte der Erde
bis zum Auftreten des ersten Menschenpaares verfolgt und mit einer
begeisterten Vision der Menschheit der Zukunft endet.
Man findet diese Vorliebe für das Colossale und wunderlich Ungeheure
bei dem Dichter »Salammbô's« wieder; man spürt in Flaubert's Ausgraben
verschwundener Völkerschaften und Religionen denselben Hang zum
Fossilen wie bei Bouilhet, und endlich zeigt sich deutlich bei Flaubert
die hier und sonst überall bei dem Bruder sich offenbarende Neigung,
Wissenschaft und Poesie zu einem Ganzen zu verschmelzen.
Wie Flaubert in classische und semitische Litteraturen sich vertiefte,
studirte Bouilhet chinesisch und behandelte chinesische Motive und
Stoffe in einer langen Reihe von Gedichten. Beide wollten durch diese
Forschungen und die poetischen Versuche, die aus ihnen hervorgingen,
einem Zeitalter, das ihnen zuwider war, entschlüpfen, und beide folgten
unbewusst dem Beispiel Goethes. Aber beide befriedigten ausserdem
hierdurch denselben Antrieb: ihrem Leser die Relativität aller
Lebensformen zu zeigen, ihm den Hochmuth darüber, »wie herrlich weit
wir es gebracht«, auszutreiben und ihm eine Ahnung beizubringen, dass
unsere Cultur, nach Jahrtausenden ausgegraben und geschildert, sich
wenig vernünftiger als die alte oder ferne ausnehmen würde.
Beide wollten die Vorwelt in ihrer historischen oder vorhistorischen
Reinheit ohne störende moderne Zusätze hervortreten lassen, und
scheuten vor keiner Schwierigkeit zurück. Als sei es an und für sich
nicht schwer genug, die antediluvianische Welt mit ihrer sonderbaren
Vegetation und formlos grossartigen Thiergestalten zu malen, hat
Bouilhet sich jedes Ausdrucks beraubt, der an die modernen Ideen
erinnern müsste. Er beschreibt die Pterodactylen, die Ichthyosauren
und Plesiosauren, die Mammuths und Mastodonten ohne sie zu nennen; man
kennt sie nur an ihrer Form, ihrer Gangart, ihrem Benehmen wieder. Ganz
ähnlich hat Flaubert sich in »Salammbô« jeder noch so fernen Anspielung
auf die moderne Welt enthalten; der Dichter scheint dieselbe nicht zu
kennen oder vergessen zu haben, dass sie existirt. Die künstlerische
Objectivität fällt hier mit der wissenschaftlichen zusammen.
Und dieses ist bei beiden Dichtern die Hauptsache. Sie gehorchten,
bewusst oder unbewusst, einer neuen Idee von dem Verhältniss der Poesie
zur Wissenschaft. Sie haben das Ihrige beitragen wollen, eine Poesie zu
schaffen, die ganz und gar auf wissenschaftlicher Grundlage aufgeführt
sei.
Der höchste Ehrgeiz Bouilhet's war eingestandenermassen der,
ein Gedicht zu schreiben, das die Resultate der modernen
Wissenschaft zusammenfasse und für unsere Zeit sein könne, was das
bewunderungswürdige Poem des Lucretius »De rerum natura« für das
Alterthum war. Flaubert hatte augenscheinlich einen ganz ähnlichen
Traum. Aber der Wunsch wurde bei ihm durch seinen Hass gegen die
menschliche Dummheit bestimmter ausgeprägt. Er verwirklichte ihn auf
negative Weise und in zwei verschiedenen Formen, in seinem Werke: »Die
Versuchung des heiligen Antonius«, in welchem er alle die religiösen
und moralischen Systeme der Menschheit als wahnwitzige Hallucinationen
des Einsiedlers Revue passiren liess, und in seiner letzten Erzählung
»Bouvard und Pécuchet«, in welcher die zahllosen Irrthümer und
Fehlgriffe zweier armer Dummköpfe dem Dichter Vorwand geben, eine Art
Encyclopädie von all' den Gebieten des menschlichen Wissens zu liefern,
an denen sie sich vergreifen. In der »Versuchung des heiligen Antonius«
gab er die Tragödie des Menschengeistes; der menschliche Geist
offenbart sich hier in grossartig wüthender und klagender Tollheit, ein
König Lear auf der Erdenhaide. In »Bouvard und Pécuchet« zeichnete er
die Caricatur, die naive Unwissenheit, die dilettantische Pfuscherei
auf allen wissenschaftlichen und technischen Gebieten, in zwei alten
lächerlichen Gesellen personificirt, denen er mit wilder Selbstironie
manch einen Zug beilegte, der sein eigenes Zusammenleben mit Bouilhet
characterisirte. Das Werk ist posthum und nur der erste Theil liegt vor
(nur in annähernd vollendeter Gestalt); für Flaubert im höchsten Grade
bezeichnend ist aber seine Absicht -- um das Bild der universellen
Dummheit vollständig zu machen -- diesen Theil durch einen zweiten zu
vervollständigen, in welchem die zwei armen Käuze, die als Schreiber
ihre Carrière beginnen und beenden, den Einfall ausführen, die Eseleien
all' der bekanntesten Schriftsteller (des Herrn Flaubert inclusive)
abzuschreiben und in einem Band zu sammeln.
Sowohl Flaubert wie Bouilhet wurden also in ihrem Arbeiten von dem
mächtigen Trieb angespornt, in der einen oder der anderen, positiven
oder negativen Form Resultate moderner Wissenschaft in ihre Werke
niederzulegen; von ihnen beiden gilt, was Flaubert über Bouilhet gesagt
hat, dass der Grundgedanke, das geniale Element seines Geistes eine
Art Naturalismus war, der an die Renaissance erinnert. Aber während
Bouilhet in mittelmässigen und traditionell romantischen Dramen
seine beste Kraft verpuffte, hat Flaubert in keiner einzigen Arbeit
der Ueberlieferung gehuldigt, vielmehr immer ein wissenschaftliches
Studium als Vorbereitung zu seiner Dichtung gemacht und nur bei ihm ist
deswegen das Verhältniss zwischen Wissenschaft und Poesie der Nerv und
das Hauptinteresse der Werke.