III.

Aus dieser Stimmung heraus war es, dass Flaubert im reifern Mannesalter

sich endlich entschloss, als Schriftsteller aufzutreten und »Madame

Bovary« schrieb. Es schlug eine eisige Kälte aus diesem Buche heraus;

es war, als hätte der Verfasser endlich einmal die Wahrheit aus dem

tiefen, kalten Brunnen, in welchem sie gelegen hatte, heraufgewunden

und als stände sie jetzt auf ihrem Fussgestell frierend da und

brächte das ganze kalte Schaudern des Abgrundes mit sich herauf. Ein

sonderbares Buch, ohne irgend eine Art von Zärtlichkeit für seinen

Gegenstand geschrieben. Andere hatten das Stillleben des Landes und

der Provinz mit Wehmuth, mit Humor oder doch mit dem Idealisiren

geschildert, das eine Betrachtung aus der Entfernung mit sich zu

führen pflegt. Er sah es ohne Mitgefühl, stellte es so geistlos dar,

wie es war. Seine Landschaften waren ohne sogenannte Poesie, nur kurz

und vollständig geschildert. Er begnügte sich in seiner strengen

Meisterschaft damit, die Hauptlinien und Hauptfarben zu geben, aber

diese zeichneten und malten die Landschaft ganz. Und er hatte eben

so wenig ein zärtliches Gefühl für seine Hauptperson -- eine seltene

Erscheinung bei einem Dichter, wenn diese Hauptperson wie hier eine

junge und schöne sinnlich-reizende Frau ist, die in Sehnen, Schmachten

und sinnlich-geistigen Begierden lebt, fehlt, und enttäuscht wird,

verdirbt und zu Grunde geht, ohne eigentlich jemals unter das Niveau

ihrer Umgebungen zu sinken. Aber jeder Traum, jede Hoffnung, jedes

Blendwerk, jede naive und ungesunde Begierde, die durch ihr Gehirn

ging, war untersucht und an das Licht gezogen, ohne Gemüthserregung,

ja mit überschwebender Ironie. Es gab kaum eine Phase ihres Daseins,

wo sie nicht lächerlich oder moralisch widerwärtig erschien, und erst,

wo sie einen grässlichen Tod stirbt, trat die gedämpfte Ironie ganz

zurück, und sie verschied zwar nicht als ein Gegenstand des Mitleids,

aber doch auch nicht als ein Gegenstand der Verachtung.

Anscheinend war der Dichter sogar bei der Schilderung des Schreckens

ihrer Todesstunde völlig kalt gewesen. Dass dieser Schein täuschte,

beweist ein Brief von ihm, der sich in dem Werke »De l'intelligence«

von Taine (I, 94) findet: »Als ich die Vergiftung Emma Bovary's

schrieb, hatte ich so ganz den Arsenikgeschmack im Munde, war so

vollständig selbst vergiftet, dass ich zwei Tage nach einander nichts

verdauen konnte, ja nach dem Mittagessen mich übergab«. Das seelische

und körperliche Ergriffensein des Verfassers wurde im Roman durch die

vollendete Selbstbeherrschung während der Ausführung verdeckt.

Es kam in dem ganzen Buch keine Persönlichkeit vor, mit welcher der

Dichter etwas gemein hatte, keine, die er gedacht werden konnte in noch

so geringem Grad zu sein oder sein zu wollen; die Personen waren alle

ohne Ausnahme gewöhnlich, unschön, lasterhaft oder bedauernswürdig. Und

er hielt sie auf diesem Punkte fest. Die junge Frau hat z. B. trotz

ihrer gefährlichen Instincte in ihrer Sehnsucht nach dem Schönen,

ihrem Bedürfniss des Idealen und ihrem lange anhaltenden Glauben

an die Romantik der Liebe Eigenschaften, die -- ein wenig anders

oder doch schonender dargestellt -- sie selbst in ihren Verirrungen

hätten adeln können; was hätte George Sand nicht aus ihr gemacht!

Aber Flaubert will eben nicht in die alten Spuren zurückfallen, und

er beraubt geflissentlich die sogenannten schönen oder süssen Sünden

jeglicher Poesie. Der betrogene Ehemann hat ebenfalls, trotz seiner

Unfähigkeit als Arzt und seiner Plumpheit als Mensch, durch seine Güte,

seine Geduld, seine Ehrenhaftigkeit und seine treue Bewunderung für

Emma Elemente in sich, die unter anderen Umständen rührend gewirkt

hätten; und er entfaltet bei ihrem Tode Eigenschaften, eine innige

Anhänglichkeit, ein Selbstvergessen, die durch einen kleinen Druck von

dem Finger des Dichters sich bedeutend oder doch Achtung gebietend

hätten ausnehmen können. Aber der Dichter will dem Thon diesen kleinen

Druck nicht geben, er hält aus Wahrheitsliebe die Gestalt beständig

innerhalb der Grenze, die ihm die richtige scheint, lässt Bovary von

Anfang bis zum Schluss ein gutmüthiger und würdeloser, unfähiger und

unappetitlicher armer Teufel sein.

Es findet sich im Roman eine einzige, einigermassen sympathische

Person, der kleine Apothekerjunge Justin, der aus der Entfernung Emma

anbetet; und es gibt einen Augenblick nach ihrem Tode, wo der Dichter

ihn fast idealisiren zu wollen scheint. Als alle fort sind, kommt er zu

ihrem Grabe und es heisst:

»Auf dem Grabe zwischen den Tannen kniete ein weinendes Kind und seine

Brust, die vor Schluchzen zu brechen drohte, stöhnte in dem Schatten

unter dem Druck eines unermesslichen Schmerzes, der milder als der Mond

und unergründlicher als die Nacht war«.

Man wundert sich, dass diese Zeilen Flaubert zum Verfasser haben. Aber

dann wird fortgefahren: »Plötzlich knackte das Gitterthor. Es war der

Todtengräber Lestiboudois; er kam um sein Grabscheit zu suchen, das er

vorhin vergessen hatte. Er erkannte Justin, als dieser über die Mauer

zurückkletterte und wusste jetzt, wer der Uebelthäter war, der ihm

seine Kartoffeln stahl«.

Dieser Satz war der einzige, der aus der ersten Lectüre »Madame

Bovary's« nach zehn Jahren in meinem Gedächtniss geblieben war, und es

ist ein bewunderungswürdiger Satz; er ist nicht willkürlich ironisch in

Heine's Art; die Ironie ist hier Tiefsinn, das Werk eines allseitigen

Geistes. Es ist natürlich, dass Justin beim Tode der angebeteten Dame

innig und poetisch fühlt und es ist nicht minder natürlich, dass er

früher Kartoffeln gestohlen hat und dass der Todtengräber durch geniale

Intuition in dem Umstand, dass er über die Kirchhofsmauer steigt, ein

Indicium seines Kartoffeldiebstahls sieht. Aber dass Flaubert zugleich

diese beide Sachen, diese beiden Seiten des Lebens vor Augen hat, das

ist ein Zeugniss seiner geistigen Stärke und einer Ueberlegenheit über

den Stoff, die mir bewusst nie früher in dieser Form hervorgetreten ist.

Die künstlerische Ironie ist hier auch ganz anders unpersönlich,

unzufällig und wahr, als bei Mérimée. Sie ist nur eine stereoskopische

Anschauungsweise, die der Wirklichkeit Relief gibt, sie rund und frei

hinstellt.

Es ist kein Wunder, dass man in dem Werke zuerst nichts anderes

als diese Betrachtungsart und die Wirklichkeitstreue, die ihr

Erzeugniss war, entdeckte. Wenn man von der kurzen Zeit absieht, wo

die ganz einfältige Auffassung von Flaubert als einem unsittlichen

Schriftsteller sich breit machte, so war die Vorstellung von ihm, die

durchdrang, die: er sei, was man einen Realisten nannte. Er copire

das Unbedeutende und das Wichtige mit derselben Gewissenhaftigkeit,

nur mit einer Vorliebe für das Gewöhnliche und sittlich Abstossende;

Alles stehe bei ihm in _einem_ Plan, kräftig aber hart. Die Bewunderer

des Buches fanden den Vortrag desselben merkwürdig; die Unwilligen

meinten, die Art Flaubert's sei photographisch, nicht künstlerisch. Man

erwartete oder fürchtete von seiner Hand neue _Madame Bovary's_.

Aber man wartete vergeblich; denn er liess nichts von sich hören.

Die Jahre gingen hin und er war stumm. Endlich nach Verlauf von

sieben Jahren trat er aufs neue mit einem Roman auf und die Lesewelt

gab laut ihr Erstaunen kund. Man fand sich hier weit entfernt von

den Dörfern der Normandie und dem neunzehnten Jahrhundert. Man fand

den verschwundenen Verfasser »Madame Bovary's« auf den Ruinen des

alten Karthago wieder. Er stellte in »Salammbô« nicht anderes und

geringeres als Karthago zur Zeit Hamilcar's dar; eine Stadt und eine

Civilisation, von der man fast nichts Zuverlässiges wusste, einen Krieg

zwischen Karthago und den Miethstruppen der Stadt, der nicht einmal

ein weltgeschichtliches oder sogenannt ideelles Interesse darbot.

Einen Pariser Ehebruchsroman hatte man erwartet und erhielt jetzt

statt seiner altpunische Cultur, Tanitscultus und Molochsanbetung,

Belagerungen und Kämpfe, Schrecken ohne Zahl und Mass, den Hungertod

eines ganzen Heeres und das langsame Martyrium eines gefangenen

Libyschen Häuptlings.

Und das Sonderbarste war, dass all' dieses, über welches Niemand

etwas wusste und das Niemand controlliren konnte, diese ganze

ausgestorbene, wild barbarische Welt mit einer Anschaulichkeit und

kleinlicher Genauigkeit hervortrat, die in nichts hinter derjenigen

»Madame Bovary's« zurückstand. Man entdeckte, dass die Methode, von der

Beschaffenheit des Stoffes unabhängig, diesem colossalen und fremden,

wie dem früheren alltäglichen Gegenstand gegenüber dieselbe war. Er

hatte dem Publikum einen Possen gespielt, ihm auf durchschlagende

Weise gezeigt, wie wenig es ihn verstanden hatte. Wenn Jemand ihn für

einen an die Scholle gebundenen Realisten gehalten hatte, so konnte

er jetzt lernen, wie Flaubert sich in den Sonnenländern zu Hause

fühlte. Wenn Jemand gemeint hatte, dass ein kleinbürgerliches Leben

in seiner Hässlichkeit und seiner Komik ihn zu fesseln vermöge, dass

sein Talent holländischer Natur sei, so musste er jetzt entdecken,

dass Flaubert die Schwärmereien seiner Jugend mit den Männern von

1830 getheilt hatte und dass er, ganz wie sie, sich von primitiven

Leidenschaften und barbarischen Sitten angezogen fühlte. Doch bis zu

welchem Grade Flaubert in Wirklichkeit die Sympathien und Naivetäten

der Erzromantiker theilte, ahnten selbst nach »Salammbô« die wenigsten.

Die Sonne Afrika's und das Leben des Morgenlandes waren ihm durch Byron

und Victor Hugo geheiligt und seine persönlichen Eindrücke hatten die

poetischen nur befestigt. Der Kaffeegeruch gab ihm Hallucinationen von

wandernden Karawanen und er verzehrte die abscheulichsten Gerichte mit

einer religiösen Empfindung, wenn sie einen exotischen Namen hatten.

Flaubert hatte sein Aeusserstes gethan, um etwas hervorzubringen, das

dem alten Karthago ähnlich sei. Er war aber Künstler genug um zu

wissen, dass es nicht auf die äussere Wahrheit, sondern auf die innere,

die man Wahrscheinlichkeit nennt, ankäme. Seine Schilderung kam Vielen

unbedingt überzeugend vor; ein Zweifel an ihrer Uebereinstimmung mit

der längst entschwundenen Wirklichkeit wurde von dem ersten Kritiker

Frankreichs einmal in meiner Gegenwart mit einem einfachen »Ich glaube,

dass sie wahr ist« beantwortet. Aber den Zweiflern trat Flaubert offen

und kühn in seiner Zurückweisung eines Angriffs von Sainte-Beuve mit

den Worten entgegen: »Es handelt sich hier nicht um die Wahrheit.

Ich kehre mich den Teufel um die Archäologie. Wenn die Farbe nicht

Eine ist, wenn die Einzelheiten nicht übereinstimmen, wenn die Sitten

nicht aus der Religion und die Begebenheiten sich nicht aus den

Leidenschaften herleiten lassen, wenn die Charaktere nicht gehalten

sind, wenn die Costüme nicht den Gewohnheiten und die Gebäude nicht

dem Klima entsprechen, so ist mein Buch allerdings unwahr. Wenn nicht,

nicht«.

Diese Aeusserung trifft den Nagel auf den Kopf; man fühlt das gute

Gewissen des Meisters und die Autorität, die es ihm verleiht,

in diesen Worten. Sein Werk war nicht, wie so viele späteren

archäologischen Romane, eine Maskerade, bei der moderne Empfindungen

und Lebensansichten in antiken Anzügen auftreten; nein, alles war

hier aus einem Stück, hatte dasselbe wilde und fürchterliche Gepräge.

Liebe, Schlauheit, Rachsucht, Religiosität, Charakterstärke, alles war

unmodern.

Die Wahrheitsliebe des Dichters war hier augenscheinlich eben so innig

und heftig wie in dem ersten Roman. Nur wurde es lächerlich, diesem

Sieg über Tod und Vergangenheit gegenüber wider das Photographiren

Flaubert's zu reden. Es liess sich also von diesem Buche aus ein

richtigerer Gesichtspunkt für den _Realismus_ des vorigen gewinnen.

Dass Flaubert nicht zu den Copisten des zufällig Wirklichen gehörte,

wurde klar. Man sah, dass seine Genauigkeit der Beschreibungen und

Angaben in einer eigenthümlichen Präcision der Einbildungskraft

wurzelte. Er hatte augenscheinlich in gleich hohem Grade die beiden

Elemente, die das Wesen des Künstlers ausmachen, die Beobachtungsgabe

und die Gestaltungskraft. Er hatte den Hang und die Fähigkeit zum

Naturstudium und zum historischen Studium, das forschende Auge, dem

kein Verhältniss zwischen den Einzelnheiten entschlüpft. Hier vom

Photographiren zu sprechen, war unmöglich. Denn Studium ist etwas

Actives, Feuriges, ist Blick für das Wesentliche; Photographiren

dagegen ist etwas Passives, Maschinenartiges, und gleichgültig gegen

den Unterschied zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem. Und Flaubert

hatte ferner das Temperament des Künstlers, jene Gemüthsstimmung,

die all das durch Beobachtung und Studium Gewonnene durchglüht und

ausmünzt, und sich in diesem Prägen als Stil offenbart. Denn was ist

Stil anders als der sinnliche Ausschlag des Temperaments, als das

Mittel, durch welches der Schriftsteller das Auge des Lesers zwingt,

so zu sehen, wie er gesehen hat! Der Stil macht den Unterschied

aus zwischen der künstlerisch wahrheitsgetreuen Zeichnung und der

gelungenen Photographie, und der Stil war allgegenwärtig bei Flaubert.

Kaum hatte er für irgend ein Werk seine Beobachtungen, seine

Vorstudien gesammelt, als sie auch schon aufhörten, ihn als solche zu

interessiren. Jetzt galt es, dies Buch in einer vollendeten Sprache zu

schreiben. Und die Sprache wurde Alles und die Aufzeichnungen zum Buch

schwanden zum Gleichgültigen, unbedingt Untergeordneten hin. Dass er

genau und zuverlässig sei, pflegte er zu sagen, das sei kein Verdienst,

nur einfache Rechtschaffenheit, die der Autor dem Publikum schulde,

aber an und für sich habe die Wahrhaftigkeit nichts mit der Kunst

zu thun; nein, donnerte er und schlug mit dem Arm aus, die einzige

wichtige und ewige Sache unter der Sonne sei ein wohlgeformter Satz,

ein Satz, der Hand und Fuss habe, der mit dem vorhergehenden und dem

nachfolgenden zusammenhänge und der das Ohr erfreue, wenn man sich

selbst ihn vorlese. So schrieb er ein kleines Stück jeden Tag, oft nur

ein Paar Zeilen, wog jedes Wort, um Wiederholungen, Reimen, Härten

zu entgehen, verfolgte ein wiederholtes Wort in einer Entfernung von

dreissig, vierzig Zeilen, ja vertrug nicht einmal die Wiederholung

derselben Silbe in _einem_ Satz. Oft ärgerte ihn ein Buchstabe; er

suchte Worte, wo dieser sich nicht fand, bisweilen ging er auf Jagd

nach »r's«, wenn er einen rollenden Laut brauchte. Dann las er sich das

Geschriebene laut vor, sang es mit seiner Stentorstimme hinaus, dass

die Leute auf dem Wege vor seinem Hause stille standen. Viele nannten

ihn den Advokaten, und glaubten, dass er sich auf Gerichtsreden einübe.

Er erlitt Qualen während dieses seines Strebens nach Vollkommenheit.

Es waren die Geburtsqualen, die jeder Schriftsteller kennt, aber die

seinigen waren so schmerzlich, dass er aufspringen und schreien, sich

Dummkopf! Idiot! schelten konnte; denn kaum war ein Zweifel überwunden,

als auch schon ein anderer erstand. An seinem Schreibtisch sass er wie

magnetisirt, in stille Erwägung vertieft und versunken. Turgenjew, sein

treuer und naher Freund, der ihn oft sah, erklärte, dass es rührend

sei, ihn, den ungeduldigsten, so geduldig in dem Kampf mit der Sprache

zu sehen. Er hatte einen Tag ununterbrochen an einer einzigen Seite

seines letzten Romans gearbeitet, ging aus um zu essen, wollte, Abends

zurückgekehrt, sich in seinem Bett an der Lektüre seiner Seite erbauen,

fand sie aber schlecht, sprang -- ein hoher Fünfziger wie er war -- aus

dem Bette heraus, fing in blossem Hemd an, die Seite umzuschreiben und

schrieb sie die ganze Nacht hindurch um und wieder um, theils an seinem

Tisch, theils, wenn die Kälte ihn davon vertrieb, im Bett.

Wie hat er seine Sprache geliebt und verflucht! Ist es nicht

bezeichnend, dass er in »Madame Bovary« nur an einer einzigen Stelle

sich vergisst und in seinem eigenen Namen spricht, und das zwar,

wo er in Folge der blasirten Gleichgültigkeit Raoul's gegen die

Liebeserklärungen Emma's, die gewöhnlich lauteten und doch einer

echten Leidenschaft entsprangen, fast entrüstet ausruft: »Als ob nicht

das Vollgefühl der Seele bisweilen sich in den leersten Gleichnissen

ergiesse, als ob Jemand das genaue Mass seiner Bedürfnisse, seiner

Vorstellungen oder seiner Leiden anzugeben vermöge, da doch die

menschliche Sprache nur ein geborstener Kessel ist, an dem wir Melodien

hämmern, die so lauten, als spielten wir auf zu einem Bärentanz, wenn

es unser Wunsch ist, durch sie die Sterne zu rühren«.

Eine solche Klage in einem solchen Mund ist dennoch, was sie dem

menschlichen Worte zu sein abspricht, ein Mass für das schmerzliche

Streben des grossen Stilisten nach künstlerischer Vollendung.

Wenn ein solches Streben sich einmal in einer Kunst gezeigt hat, kann

es nicht aussterben. Kein in der Kunst Eingeweihter, der nach Flaubert

geschrieben hat und der sein schriftstellerisches Ideal verstand, hat

mit gutem Gewissen bedeutend oder wesentlich geringere Ansprüche an

sich selbst stellen können als die seinigen waren. Deshalb sind die

Freunde, die Geistesverwandten, die Schüler Flaubert's die strengsten

und originellsten Stilisten unseres Jahrhunderts.

Nicht dass Flaubert selbst der Originalität des Stils theoretisch

günstig war. Er glaubte naiv an einen einzigen idealen, unbedingt

richtigen Stil. Er nannte diesen Stil, den er zu verwirklichen suchte,

den ganz unpersönlichen, weil derselbe nichts war als ein Ausdruck

seiner eigenen Persönlichkeit, die ihm in dem Geschriebenen nicht

auffiel.

Guy de Maupassant hat witzig gesagt, dass das abgedroschene Wort:

»Der Stil ist der Mann«, von ihm sich umkehren liesse: »Er war jener

Mann, welcher der Stil war«. Er war so zu sagen der personificirte

Stil. Es ist keine unwesentliche oder gleichgültige Sache, dass der

Schriftsteller, der vor allen andern die moderne Richtung und die

moderne Formel der französischen Litteratur vertritt, weit davon

entfernt, ein Nachahmer des zufälligen Wirklichen oder (wie der Vorwurf

gewöhnlich lautet) ein Photograph zu sein, umgekehrt der Künstler ohne

Tadel war.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 49 / 110 题