II.

Wie war er so geworden, wie wir ihn in seinem ersten Roman kennen

lernen?

Sein Vater war ein bekannter Chirurg in Rouen, ein streng

rechtschaffener, gutherziger Mann, der den Sohn gut und frei erzog.

Dass sein erstes Heim das Haus eines Arztes war, das empfindet man in

seinen Büchern. Er studirte selbst eine Zeit lang Medicin, später die

Rechtswissenschaft, warf sich aber schon in der Schule mit Leidenschaft

auf die Litteratur und begegnete sich in dieser Schwärmerei mit seinem

Halbbruder, dem Dichter Louis Bouilhet. Es finden sich ohne Zweifel

selbstbiographische Elemente in der Schilderung der Freundschaft

zwischen Frédéric und Deslauriers in seinem Roman »L'éducation

sentimentale«. Flaubert kam wie Frédéric, neunzehn Jahre alt, nach

Paris, um zu studiren. Sein Vater kaufte das Landhaus Croisset bei

Rouen, das er später erbte; er verbrachte sein Leben abwechselnd in

Rouen und Paris, ein Leben, in welchem nur zwei äussere Begebenheiten

vorkommen, eine Reise nach dem Orient, die er dreissig Jahre alt

unternahm und eine spätere nach Nordafrika, die der Ausführung

»Salammbô's« voranging. In Rouen schloss er sich gern Monate lang

ein, um zu studiren und zu schreiben; in Paris suchte er vorzugsweise

Zerstreuung. Er war in seiner Jugend ausdauernd in seiner Arbeit und

gewaltsam in seinen Vergnügungen.

Er hatte das Temperament, das seinem Aeussern entsprach. Ich habe ihn

nur flüchtig gesehen. Aber man vergisst nicht diesen grossäugigen,

blauäugigen Herkules mit der röthlichen Gesichtsfarbe, der hohen,

kahlen Stirn und dem langen Schnurrbart, der den grossen Mund,

die mächtigen Kiefer bedeckte. Er trug den Kopf hoch, ein wenig

zurückgeworfen, der Bauch trat etwas hervor; er ging zwar ungern, aber

liebte sonst heftige Bewegungen und schlug mit den Armen aus, wenn er

ungeheure Paradoxen mit donnernder Stimme herausschleuderte. Er war

wie alle polternden Riesen gutmüthig. Sein Zorn -- sagt einer seiner

Freunde -- kochte über und fiel wie Milch.

Er war ja zu der Zeit aufgewachsen, da die französische Romantik in

ihrem Flor stand, er hatte sein erstes Gepräge in der romantischen

Schule empfangen und er behielt Spuren davon, nicht nur in seinem

Stil und in seiner an Théophile Gautier's »truculente« Redeweise

erinnernden Art gegen die _Bourgeois_ zu schimpfen; sondern sogar in

seiner Manier sich anzuziehen. Er trug gern grosse breitschattige Hüte,

grosscarrirte Beinkleider und Röcke, die eng an die Taille schlossen,

ging im Sommer in seiner Wohnung in weiten, weiss- und rothgestreiften

Hosen und in einer Art Jacke, die ihm Aehnlichkeit mit einem Türken

gab. Es ging unter seinen Freunden das Gerücht, dass Bürgersleute in

Rouen, die Sonntags Landpartien machten, ihren Kindern das Versprechen

gaben: »Wenn Ihr artig seid, sollt Ihr Herrn Flaubert in seinem Garten

zu sehen bekommen«.

Ich sagte, dass einige Reisen die Hauptbegebenheiten seines Lebens

waren. Die Frauen haben weniger Platz darin eingenommen, als in dem

Leben der meisten Andern. Er hatte, als er zwanzig Jahre alt war, sie

als Troubadour geliebt. Damals ging er wiederholt zwei Meilen, um einen

Neufundländer, den eine Dame zu liebkosen pflegte, an der Schnauze

zu küssen. Später gewöhnte er sich an eine derbere Anschauungsweise

und Praxis in Sachen der Erotik. Er war ein Freund von Anekdoten

und Geschichten in Rabelais' Manier und erfasste in seinen Büchern

mit vollständig so harten Händen die erotische Illusion wie alle

die andern. Nichts desto weniger gab es in diesem Punkt, wie in so

vielen andern in dem Wesen Flaubert's, eine bleibende Zweiheit. Er,

der alte Junggeselle, der leidenschaftliche Tabakraucher, der nur mit

Männern vertraut verkehrte und in keiner andern Frauengesellschaft,

als derjenigen hübscher und nicht strenger Damen sich wohl befand,

hatte, augenscheinlich sowohl in Folge persönlicher Erfahrung wie

kraft einer allgemeinen Ueberzeugung, dass alles Wesentliche dem

Menschen misslingt, den Glauben, dass es das Natürliche, so zu sagen,

Regelmässige für den Mann sei, eine einzige grosse Liebesleidenschaft,

die nie befriedigt werde, sein Leben hindurch zu hegen. In guter

Uebereinstimmung hiermit heisst es in einem Brief aus Flaubert's

letzten Lebensjahren, scherzhaft aber zugleich wehmüthig wahr: »Wir

armen Arbeiter der Litteratur! warum verweigert man uns, was man so

bereitwillig allen Spiessbürgern einräumt? Sie haben Herz! aber wir,

nie und nimmer! So wiederhole ich Ihnen denn nochmals, dass ich eine

unverstandene Seele bin, die letzte Grisette, der einzig Ueberlebende

aus der alten Race der Troubadoure«.

Trotz alledem pflegte diese »unverstandene Seele« sich nicht an die

Frauen zu wenden, um Verständniss zu suchen. Er fürchtete die Liebe wie

eine Gefahr und Last. Nur die Freundschaft war ihm eine Religion und

unter seinen Freunden stand ihm Niemand so nahe, wie jener erste und

bleibende Freund Bouilhet.

Ich weiss nicht recht, ob es Zeiten gegeben hat, die unabhängigen

Geistern günstig gesinnt waren. Aber so viel ist gewiss, dass diese

zwei jungen Männer, die in das Leben hinaustraten, als die Bourgeoisie

unter Ludwig Philipp die Herrschaft errungen und ihren poetischen

Ausdruck theils in der schwächlichen und rechtschaffenen _École du bon

sens_, theils in den Lustspielen Scribe's erhalten hatte, die Zeit, die

zu erleben sie das Schicksal hatten, die schlimmste von allen fanden.

Die Romantik hatte sich überlebt und ihr eigenes Zerrbild geliefert.

Ueberall war es guter Ton, den gesunden Verstand zu preisen und die

Poesie zu verspotten. Begeisterung und Leidenschaft waren alte Moden

und als solche lächerlich. Alles, was nicht mittelmässig war, wurde

langweilig befunden. Die zwei Jünglinge fassten ihr Zeitalter als das

der _Mediokratie_, der Mittelmässigkeitsherrschaft auf; sie sahen die

siegreiche Mittelmässigkeit wie eine ungeheure, schwarze Wasserhose

alles an sich saugen und mit sich fortwirbeln.

Das gab ihnen beiden einen Fond von Trübsinn und tiefem Ernst, eine

Unterströmung von Menschenverachtung, eine Empfindung geistiger

Isolirtheit und dadurch einen Hang zur Production unpersönlicher,

untheilnehmender Art.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 48 / 110 题