Wie war er so geworden, wie wir ihn in seinem ersten Roman kennen
lernen?
Sein Vater war ein bekannter Chirurg in Rouen, ein streng
rechtschaffener, gutherziger Mann, der den Sohn gut und frei erzog.
Dass sein erstes Heim das Haus eines Arztes war, das empfindet man in
seinen Büchern. Er studirte selbst eine Zeit lang Medicin, später die
Rechtswissenschaft, warf sich aber schon in der Schule mit Leidenschaft
auf die Litteratur und begegnete sich in dieser Schwärmerei mit seinem
Halbbruder, dem Dichter Louis Bouilhet. Es finden sich ohne Zweifel
selbstbiographische Elemente in der Schilderung der Freundschaft
zwischen Frédéric und Deslauriers in seinem Roman »L'éducation
sentimentale«. Flaubert kam wie Frédéric, neunzehn Jahre alt, nach
Paris, um zu studiren. Sein Vater kaufte das Landhaus Croisset bei
Rouen, das er später erbte; er verbrachte sein Leben abwechselnd in
Rouen und Paris, ein Leben, in welchem nur zwei äussere Begebenheiten
vorkommen, eine Reise nach dem Orient, die er dreissig Jahre alt
unternahm und eine spätere nach Nordafrika, die der Ausführung
»Salammbô's« voranging. In Rouen schloss er sich gern Monate lang
ein, um zu studiren und zu schreiben; in Paris suchte er vorzugsweise
Zerstreuung. Er war in seiner Jugend ausdauernd in seiner Arbeit und
gewaltsam in seinen Vergnügungen.
Er hatte das Temperament, das seinem Aeussern entsprach. Ich habe ihn
nur flüchtig gesehen. Aber man vergisst nicht diesen grossäugigen,
blauäugigen Herkules mit der röthlichen Gesichtsfarbe, der hohen,
kahlen Stirn und dem langen Schnurrbart, der den grossen Mund,
die mächtigen Kiefer bedeckte. Er trug den Kopf hoch, ein wenig
zurückgeworfen, der Bauch trat etwas hervor; er ging zwar ungern, aber
liebte sonst heftige Bewegungen und schlug mit den Armen aus, wenn er
ungeheure Paradoxen mit donnernder Stimme herausschleuderte. Er war
wie alle polternden Riesen gutmüthig. Sein Zorn -- sagt einer seiner
Freunde -- kochte über und fiel wie Milch.
Er war ja zu der Zeit aufgewachsen, da die französische Romantik in
ihrem Flor stand, er hatte sein erstes Gepräge in der romantischen
Schule empfangen und er behielt Spuren davon, nicht nur in seinem
Stil und in seiner an Théophile Gautier's »truculente« Redeweise
erinnernden Art gegen die _Bourgeois_ zu schimpfen; sondern sogar in
seiner Manier sich anzuziehen. Er trug gern grosse breitschattige Hüte,
grosscarrirte Beinkleider und Röcke, die eng an die Taille schlossen,
ging im Sommer in seiner Wohnung in weiten, weiss- und rothgestreiften
Hosen und in einer Art Jacke, die ihm Aehnlichkeit mit einem Türken
gab. Es ging unter seinen Freunden das Gerücht, dass Bürgersleute in
Rouen, die Sonntags Landpartien machten, ihren Kindern das Versprechen
gaben: »Wenn Ihr artig seid, sollt Ihr Herrn Flaubert in seinem Garten
zu sehen bekommen«.
Ich sagte, dass einige Reisen die Hauptbegebenheiten seines Lebens
waren. Die Frauen haben weniger Platz darin eingenommen, als in dem
Leben der meisten Andern. Er hatte, als er zwanzig Jahre alt war, sie
als Troubadour geliebt. Damals ging er wiederholt zwei Meilen, um einen
Neufundländer, den eine Dame zu liebkosen pflegte, an der Schnauze
zu küssen. Später gewöhnte er sich an eine derbere Anschauungsweise
und Praxis in Sachen der Erotik. Er war ein Freund von Anekdoten
und Geschichten in Rabelais' Manier und erfasste in seinen Büchern
mit vollständig so harten Händen die erotische Illusion wie alle
die andern. Nichts desto weniger gab es in diesem Punkt, wie in so
vielen andern in dem Wesen Flaubert's, eine bleibende Zweiheit. Er,
der alte Junggeselle, der leidenschaftliche Tabakraucher, der nur mit
Männern vertraut verkehrte und in keiner andern Frauengesellschaft,
als derjenigen hübscher und nicht strenger Damen sich wohl befand,
hatte, augenscheinlich sowohl in Folge persönlicher Erfahrung wie
kraft einer allgemeinen Ueberzeugung, dass alles Wesentliche dem
Menschen misslingt, den Glauben, dass es das Natürliche, so zu sagen,
Regelmässige für den Mann sei, eine einzige grosse Liebesleidenschaft,
die nie befriedigt werde, sein Leben hindurch zu hegen. In guter
Uebereinstimmung hiermit heisst es in einem Brief aus Flaubert's
letzten Lebensjahren, scherzhaft aber zugleich wehmüthig wahr: »Wir
armen Arbeiter der Litteratur! warum verweigert man uns, was man so
bereitwillig allen Spiessbürgern einräumt? Sie haben Herz! aber wir,
nie und nimmer! So wiederhole ich Ihnen denn nochmals, dass ich eine
unverstandene Seele bin, die letzte Grisette, der einzig Ueberlebende
aus der alten Race der Troubadoure«.
Trotz alledem pflegte diese »unverstandene Seele« sich nicht an die
Frauen zu wenden, um Verständniss zu suchen. Er fürchtete die Liebe wie
eine Gefahr und Last. Nur die Freundschaft war ihm eine Religion und
unter seinen Freunden stand ihm Niemand so nahe, wie jener erste und
bleibende Freund Bouilhet.
Ich weiss nicht recht, ob es Zeiten gegeben hat, die unabhängigen
Geistern günstig gesinnt waren. Aber so viel ist gewiss, dass diese
zwei jungen Männer, die in das Leben hinaustraten, als die Bourgeoisie
unter Ludwig Philipp die Herrschaft errungen und ihren poetischen
Ausdruck theils in der schwächlichen und rechtschaffenen _École du bon
sens_, theils in den Lustspielen Scribe's erhalten hatte, die Zeit, die
zu erleben sie das Schicksal hatten, die schlimmste von allen fanden.
Die Romantik hatte sich überlebt und ihr eigenes Zerrbild geliefert.
Ueberall war es guter Ton, den gesunden Verstand zu preisen und die
Poesie zu verspotten. Begeisterung und Leidenschaft waren alte Moden
und als solche lächerlich. Alles, was nicht mittelmässig war, wurde
langweilig befunden. Die zwei Jünglinge fassten ihr Zeitalter als das
der _Mediokratie_, der Mittelmässigkeitsherrschaft auf; sie sahen die
siegreiche Mittelmässigkeit wie eine ungeheure, schwarze Wasserhose
alles an sich saugen und mit sich fortwirbeln.
Das gab ihnen beiden einen Fond von Trübsinn und tiefem Ernst, eine
Unterströmung von Menschenverachtung, eine Empfindung geistiger
Isolirtheit und dadurch einen Hang zur Production unpersönlicher,
untheilnehmender Art.