Selbst denen, die wenig oder nichts von Flaubert gelesen haben, ist
es bekannt, dass er im Jahre 1856 mit einem Roman »Madame Bovary«
ein ausserordentliches Aufsehen in Paris und bald darauf in Europa
machte. Ein thörichter Process -- der Staatsanwalt klagte den Verfasser
unsittlicher Tendenzen an -- und eine entschiedene Freisprechung durch
die Jury vermochte nur wenig die Aufmerksamkeit zu vermehren, die das
eigenthümliche neue Talent schon an und für sich erregte. Das Buch
erschien, wie alle neuen Anfänge in der Litteratur, sonderbar und
anstössig. Es war ein Zeichen des Widerspruchs. Man verglich es mit
den Dichtungen einer älteren Zeit und sagte sich: Ist dies Poesie? Es
erinnerte manch' Einen mehr an Chirurgie, Anatomie. Noch weit später
hiess es in litterarischen Kreisen in Paris, wo man einem früheren
Begriff von Poesie treu blieb: »Wir bedanken uns für die Skelette des
Herrn Flaubert«. Der Verfasser wurde Ultrarealist genannt, man fand
in seinem Roman nur die unbarmherzige, unerbittliche Physiologie des
Alltäglichen in dessen trauriger Hässlichkeit.
Man übersah im ersten Augenblick, dass ab und zu diesem Physiologen
ein zwar durchaus unpersönlicher, aber bildlicher, farbenreicher
Ausdruck entschlüpfte, der von einer ganz andern Welt als derjenigen
des Romans Botschaft zu bringen schien. Das halbgebildete Publikum
merkte nicht, dass diese Schilderung platter Provinzverhältnisse und
Provinzunglücksfälle, erbärmlicher Irrthümer und eines elenden Todes
in einem Stil vorlag, der zugleich klar wie eine Spiegelfläche und dem
Ohre musikalisch wohlthuend war. Es lag ein Lyriker unter dem Buche
begraben, und bisweilen schlug ein Flammenwort aus dem Grabe empor.
Es war eben der Zeitpunkt, wo die Generation, die zwischen 1820 und
1830 geboren war, sich der Herrschaft in der Litteratur bemächtigte und
ihr physiognomisches Gepräge in einer mit kalter Energie durchgeführten
Analyse des Wirklichen offenbarte. Die neue Generation wandte sich von
dem philosophischen Idealismus und der Romantik ab und schwang mit
wahrem Enthusiasmus das Seccirmesser. In demselben Jahre, wo »Madame
Bovary« erschien, anatomirte Taine in seinem Werk »Les philosophes
français du 19me siècle« die herrschende spiritualistische Lehre,
vernichtete Cousin als Denker und erklärte, ohne die Romantiker zu
bekämpfen, mit kühler Gleichgültigkeit, dass Hugo und Lamartine schon
Classiker seien, die von der Jugend eher aus Neugier, als aus Sympathie
gelesen würden, und die ihr so ferne standen, wie Shakespeare und
Racine. Sie seien »bewunderungswürdige und ehrwürdige Ueberreste eines
Zeitalters, das gross war und nicht mehr existire«. Sein Zeitgenosse
Sarcey schrieb nicht viel später im »Figaro« jenen von Banville, dem
Zögling der grossen Romantiker, vielbesungenen und vielverspotteten
Artikel, der in den Worten gipfelte: »Vorwärts, meine Freunde! Nieder
mit der Romantik! Hoch Voltaire und die Normalschule!«[25] In der
dramatischen Poesie schien die Opposition gegen die Romantik mit der
kleinen unfruchtbaren École de bon sens gescheitert; Ponsard und seine
Geistesverwandten hatten lange nicht das halten können, was man sich
von ihnen versprach. Aber neuere realistische Dramatiker schlossen sich
eben zu jenem Zeitpunkt ihnen an. Augier, der seine ersten Poesien
Ponsard gewidmet hatte und der anfangs der sentimental-bürgerlichen
Richtung desselben gefolgt war, betrat 1855 eine neue Bahn drastischer
Schilderung der unmittelbaren Gegenwart. Der kühnere, derbere Dumas
hatte ihm eben den Weg gezeigt, und bei diesem fängt trotz aller Pietät
für die Generation, der sein Vater angehörte, die directe und treffende
Verspottung der romantischen Ideale an; man sehe die Rollen de Nanjac's
in »Le Demi-monde«, de Montègre's in »L'ami des femmes«. Das Wort, das
Montègre durch die Ueberlegenheit de Ryon's in Verwirrung gebracht,
demselben erwidert: »_Vous êtes un physiologiste, Monsieur_«, war in
Wirklichkeit die einzige Antwort, welche die ältere Generation der
Kritik der jüngeren entgegenzustellen hatte.
Augier ist 1820, Dumas 1824, Sarcey und Taine sind 1828 geboren. Der
Dichter Madame Bovary's, der 1821 das Licht der Welt erblickte, hatte
augenscheinlich unter seinen nächsten Zeitgenossen Verwandte. Er war
von ihnen durch seine geheime unerschütterliche Treue gegen die Ideale
des vorigen Geschlechts verschieden. Aber er machte den Angriff auf
die Karikaturen jener Ideale so rücksichtslos mit, dass man ihn ohne
Weiteres zu der Gruppe der Antiromantiker rechnete.
Und doch erinnert er durch seine Härte und Kälte fast noch mehr an
den in der vorigen Generation alleinstehenden Mérimée, ja er schien
Vielen nur ein schwererer, breiterer Mérimée. Denn was an ihm zuerst
auffiel, das war der kaltblütige Dichter, und diese zwei Bestimmungen:
kaltblütig und Dichter, die sich bisher ausgeschlossen hatten, waren
nur bei Mérimée vereint erschienen.
Ein näheres Studium würde doch erwiesen haben, dass die Kaltblütigkeit
Mérimée's ganz andersartig war als diejenige Flaubert's. Mérimée
behandelte romantische Stoffe in einem unromantischen, trockenen und
knappen Stil. Sein Ton und sein Stil stimmten überein, denn der Ton war
ironisch und der Stil bildlos und kalt. Mit Stil und Ton stand aber
die Wildheit, die barbarische Leidenschaftlichkeit der Gegenstände in
Widerspruch.
Bei Flaubert dagegen stimmte der Stoff und der Ton überein; denn er
stellte mit unendlich überlegener Ironie das Leere und Thörichte dar.
Aber mit dem Stoff und dem Ton stand der Stil in Widerspruch. Derselbe
war nicht wie bei Mérimée rationell und mager; er war farbenstrahlend
und harmonisch. Der Dichter breitete den goldgewirkten Schleier dieses
Stils über all' das Platte und Traurige aus, das er erzählte. Wenn
man das Buch laut vorlas, erstaunte man über die Musik dieser Prosa.
Der Stil enthielt tausend melodische Geheimnisse; er ironisirte über
die menschliche Schwäche, das ohnmächtige Sehnen und Trachten, den
Selbstbetrug und die Selbstzufriedenheit mit einem Accompagnement von
Orgelmusik. Während der Chirurg im Texte, ohne Theilnahme an den Tag
zu legen, zerfleischte und zerriss, schluchzte ein schönheitsliebender
Lyriker in der Begleitung. Schlug man eine solche Seite auf, in der ein
Dorfapotheker sein halbwissenschaftliches Geplauder vortrug, in der
eine Diligencetour geschildert oder eine alte Mütze beschrieben wurde,
so war sie, stilistisch betrachtet, durch die Frische der Ausdrücke und
durch den soliden Satzbau farbig und dauerhaft wie ein Mosaik-Gemälde.
So fest war jeder Absatz zusammengeschrieben, dass Flaubert selbst die
Empfindung hatte, man könne nirgends zwei Worte wegnehmen, ohne dass,
rhythmisch gesprochen, die ganze Seite zusammenfalle. Die sichere
Feinheit der Bilder, der Erzklang der Wortverbindungen, die rollende
Breite der Prosarhythmen gaben der Erzählungsweise eine erstaunliche,
bald malerische, bald komische Kraft.
Es lag augenscheinlich in seinem Naturell etwas eigenthümlich
Doppeltes. Sein Wesen bestand aus zwei Elementen, die sich
vervollständigten: ein brennender Hass gegen Dummheit und eine
unbegrenzte Liebe zur Kunst.
Jener Hass fühlte sich, wie oft der Hass, unwiderstehlich von seinem
Gegenstand angezogen. Die Dummheit in all' ihren Formen als Thorheit,
Albernheit, Aberglaube, Dünkel, Spiessbürgerlichkeit zog ihn magnetisch
an, reizte und inspirirte ihn. Er musste sie Zug für Zug malen,
fand sie an und für sich unterhaltend, selbst wo Andere sie nicht
interessant oder komisch finden konnten. Er legte förmliche Sammlungen
von Dummheiten an, bewahrte sinnlose Processeinlagen, abgeschmackte
Illustrationen haufenweise auf, besass eine Sammlung schlechter Verse,
die nur von Aerzten geschrieben waren; jedes Zeugniss der menschlichen
Dummheit als solches war ihm von Werth. Er hat in seinen Werken
auch nichts anderes gethan, als mit Meisterhand der menschlichen
Beschränktheit und Verblendung, unserm Unglück, insofern es auf unserer
Dummheit beruht, Denkmäler zu setzen. Ich fürchte fast, dass die
Weltgeschichte ihm die Geschichte der menschlichen Dummheit war. Sein
Glaube an den Fortschritt des Geschlechts war äusserst schwankend. Der
Haufe, sogar das lesende Publikum war ihm »der ewige Dummkopf, der
_man_ genannt wird.« Wollte man eine Bezeichnung dieser Seite seines
Wesens haben und ihn absolut mit einem jener so beliebten, ihm so
verhassten Worte auf »ist« stempeln, so wäre er nicht mit vollem Recht
Pessimist, nicht einmal Nihilist zu nennen; Imbecillist würde das Wort
sein.
Dieser unablässigen Verfolgung der Dummheit, deren erbitterter
Charakter sich hinter seiner unpersönlichen Form verbarg, entsprach
nun, wie gesagt, eine leidenschaftliche Liebe zur Litteratur, die
ihm die Schönheit und die Harmonie bedeutete, die ihm die höchste
Kunst vertrat und die er mit einem Streben nach Vollkommenheit
pflegte, das ihn erst lange stumm, dann spät zum Meister und dann
wieder früh unfruchtbar machte. Er litt, wenn er das Alltägliche
vorführte, selbst am meisten darunter, suchte deswegen durch die
Kunst der Behandlung den Stoff zu heben, und da ihm die wichtigste
Eigenschaft des Schriftstellers die Plastik war, strebte er vor allem
nach Anschaulichkeit. Er hat es gelegentlich selbst gesagt, und man
empfindet es, wenn man ihn durch seinen Stil studirt.
Schon in seinem ersten Werk traten alle Vorzüge dieses Stils hervor.
Man lese die Stelle nach, wo in »Madame Bovary« Emma, noch
unverheirathet, Bovary nach seinem ärztlichen Besuch bei ihrem Vater
zur Thür hinaus folgt: »Sie begleitete ihn immer bis zur ersten Stufe
der Freitreppe. Wenn sein Pferd noch nicht vorgeführt war, blieb sie
da. Man hatte sich Adieu gesagt, man sprach nicht mehr; die frische
Luft umgab sie, hob die flaumweichen Haare ihres Nackens oder schlug
die Bänder ihrer Schürze, die sich wie Fähnlein wickelten und wanden,
um ihre Hüften. Ein Mal, als es Thauwetter war, sickerte das Wasser
von der Rinde der Bäume im Hof und der Schnee schmolz auf den Dächern
der Gebäude. Sie stand auf der Schwelle; sie ging zurück, ihren
Sonnenschirm zu holen, spannte ihn auf. Der Schirm, der von grünblauer
Seide war und durch den die Sonne schien, erhellte mit beweglichen
Reflexen die weisse Haut ihres Gesichts. Sie lächelte unter ihm, von
den lauen Lüften umspielt; und man hörte die Regentropfen, einen nach
dem andern, auf das gespannte Zeug fallen«.
Eine so geringfügige Sache wie dies gewöhnliche Abschiednehmen wird
durch die liebevolle Sorgfalt der Schilderung interessant, und der
reguläre Abschied erhält individuelles Leben durch die Hervorhebung
eines einzelnen Tages, an dem übrigens nichts passirt. Die Genauigkeit,
mit welcher die alltägliche Situation dargestellt ist, verwandelt sie
zu einem Gemälde hohen Ranges, das zugleich das Sichtbare und das
Hörbare, zugleich das Tableau und die Bewegung wiedergibt.
Oder man erinnere sich der Stelle, wo Emma nach ihrer Verheirathung zum
ersten Mal verliebt wird:
»Emma wurde mager, ihre Wangen bleich; ihr Gesicht verlängerte sich.
Mit ihrem schwarzen, in breiten, glatten Streifen gescheitelten Haar,
ihren grossen Augen, ihrer geraden Nase, ihrem Vogelgang und immer
schweigsam, wie sie war, schien sie das Dasein zu durchschreiten fast
ohne es zu berühren und an der Stirn das undeutliche Gepräge irgend
einer erhabenen Vorherbestimmung zu tragen. Sie war so traurig und
so ruhig, zugleich so milde und so zurückhaltend, dass man sich in
ihrer Nähe von einem eisigen Zauber ergriffen fühlte, wie man in
Kirchen zittert, wo der Duft der Blumen sich mit der Kälte des Marmors
vermischt«.
Das Gleichniss ist neu, ist treffend und kurz. Man spürt hier den
Dichter in dem Erzähler.
Man spürt ihn noch deutlicher, wenn fortgefahren wird:
»Die Damen der Stadt bewunderten ihren wirthschaftlichen Sinn, die
Patienten ihre Höflichkeit, die Armen ihre Wohlthätigkeit. Aber sie war
voll Begierden, voll Wuth und Hass. Dies Kleid mit den geraden Falten
verbarg ein verwirrtes Herz und diese so keuschen Lippen erzählten
nicht seine Qual. Sie war in Léon verliebt ... Sie erkundigte sich nach
jedem seiner Schritte; sie spähte sein Gesicht aus; sie erfand eine
ganze Geschichte, um zu einem Besuch seines Zimmers einen Vorwand zu
haben. Sie schätzte die Frau des Apothekers glücklich, weil sie unter
Einem Dach mit ihm schlief; und ihre Gedanken schlugen immerfort auf
das Haus nieder wie die Tauben des »Goldenen Löwen«, die stetig dahin
flogen, um in dem Wasser der Dachrinnen ihre rosigen Füsse und weissen
Flügel zu netzen«.
Dies ist nicht ein schlagendes Gleichniss im allgemeinen, sondern ein
Gleichniss, das einem Umstand in dem Dorf, das Emma bewohnt, entlehnt
ist. So lebhaft steht dieses Dorf dem Erzähler vor Augen.
Bisweilen sammelt er eine ganze Beschreibung in einem dichterischen
Machtwort. So an der Stelle, wo die alte Dienstmagd auftritt, die in
der Versammlung des landwirthschaftlichen Vereins aufgerufen wird, um
für den treuen Dienst von 54 Jahren in Einem Hof eine silberne Medaille
im Werth von 25 Francs zu empfangen.
Katharina Niçaise Elisabeth Leroux, ein kleines altes Weib, das in
ihren armen Kleidern zusammenzuschrumpfen scheint, erzeigt sich auf
der Erhöhung. Man sieht ihr hageres, in Runzeln zusammengefaltetes
Gesicht in der Haube und ihre langen Hände mit knotigen Gelenken,
welche der Staub der Scheunen, das Wollenfett und die Potasche der
Wäschereien mit einer solchen Kruste überzogen haben, dass sie, obwohl
mit klarem Wasser abgespült, schmutzig scheinen und nicht mehr ganz
geschlossen werden können, sondern gleichsam um Zeugniss so vieler
erlittener Strapazen zu tragen, offen verbleiben. Wir sehen die
nonnenartige Steifheit ihres Ausdrucks, die thierische Stummheit ihres
blassen Blicks, ihre Unbeweglichkeit aus Verwirrung über das ungewohnte
Schauspiel der Fahnen, der Trommeln und der decorirten Herren im
schwarzen Frack. Dann fasst Flaubert das Bild in diese Worte zusammen:
»So stand vor diesen behäbigen Spiessbürgern dies halbe Jahrhundert der
Sclaverei«.
So kleinlich genau die Beschreibung ist, so gross und stilvoll ist
der sammelnde Ausdruck. Man fühlt es recht wohl, dass für diesen
Schriftsteller die Kunst zu schreiben die höchste von allen war.
Nicht allein, dass ihm selbst das Schreiben sein unbedingter und
einziger Beruf war; man begeht auch keine grosse Uebertreibung, wenn
man sagt, dass seine Weltanschauung auf den Gedanken hinauslief: Die
Welt ist da, um beschrieben zu werden.
Er hat einmal dieser seiner Ansicht in einer absolut bezeichnenden
Wendung Ausdruck gegeben. Er richtet, an die Freundschaft anspielend,
die ihn mit Louis Bouilhet verband, in der Vorrede zu den
hinterlassenen Gedichten desselben, an die Jugend folgende Worte:
»Und da man bei jeder Gelegenheit eine Moral verlangt, so ist hier die
meine:
Gibt es noch irgendwo zwei junge Leute, die ihre Sonntage damit
verbringen, in Gemeinschaft die Dichter zu lesen; die sich gegenseitig
ihre Versuche, ihre Pläne, Gleichnisse, die ihnen eingefallen sind,
einen Satz, ein gelungenes Wort mittheilen und die, obwohl sonst
gegen das Urtheil der Anderen gleichgültig, diese Leidenschaft mit
jungfräulicher Schamhaftigkeit verbergen, so gebe ich ihnen den
folgenden Rath:
Geht Schulter an Schulter in den Wäldern, sagt einander Verse
vor, nehmt in Eure Seele den Saft der Bäume und die Ewigkeit der
Meisterwerke auf, verliert Euch in weltgeschichtliche Träume, gebt
Euch dem Eindruck des Erhabenen hin ..., wenn Ihr dann so weit
gekommen seid, dass Ihr in den Begebenheiten der Welt, so bald Ihr
sie wahrnehmt, _nur eine Illusion seht, die zu beschreiben ist_, und
das so unbedingt, dass Alles, Eure eigene Existenz mit einbegriffen,
Euch keinen andern Nutzen zu haben scheint, und Ihr um dieses Berufes
willen zu jeglichem Opfer entschlossen seid, so tretet auf, gebt Bücher
heraus!«
Selten hat ein Schriftsteller, ohne es direct zu wollen, seine
Eigenthümlichkeit schärfer gezeichnet. Er hat sein Leben der Bestimmung
gewidmet, Illusionen zu beschreiben. Ich weiss sehr wohl, dass seine
Meinung nur die ist, für den wahren Schriftsteller sei alles, was
geschehe, _Bild_, bloss durch die Kunst festzuhaltendes Trugbild.
Man kann aber zwanglos seinen Worten den weiteren Sinn geben, dass
das Leben überhaupt am wahrsten unter dem Gesichtspunkte einander
ablösender Trugbilder aufzufassen sei, und dann passt der Satz genau
auf ihn selbst. Man gehe in Gedanken seine Stoffe durch, von den
ersten unweltlichen und weltlichen Träumen, durch welche Emma Bovary
aus der Leere der Provinz und der Plattheit ihrer Ehe sich zu erheben
strebt, bis zu den einander jagenden Wüstenhallucinationen des heiligen
Antonius -- was sind sie ihm anders gewesen, als _Illusionen zum
Beschreiben_!
Die Illusion hat das doppelte Wesen in sich, das dem Naturell
Flaubert's entspricht. Das Trugbild ist, von seiner Eigenschaft als
Blendwerk abgesehen, schön, es hat Farbe und Duft, es erfüllt das
Gemüth und theilt ihm ein potenzirtes Leben mit. So beschaffen reizte
es den Schönheitsanbeter in Flaubert. Aber die Illusion ist ferner hohl
und leer, oft thöricht, nicht selten geradezu lächerlich; so aufgefasst
fesselte sie den Realisten in Flaubert, den Mann, dessen Blick das
Seelenleben durchschaute, der die Wirklichkeit in ihre einfachsten
Elementen aufzulösen eine Befriedigung fand und dessen mächtige Hand
die Luftschlösser zu Dunst zusammenpresste.