III.

Von Renan's drei ersten Dramen dürfte das gedankenreichste und

tiefsinnigste denn doch »Der Priester in Nemi« sein.

Die Fabel knüpft an eine Erzählung vom Tempel der Diana am Ufer des

Nemi-Sees an, dessen Priester, um gesetzlich angestellt zu werden,

(nach Strabo) seinen Vorgänger erschlagen haben soll. Renan denkt sich

einen Priester im grauen Alterthum in Nemi, einen aufgeklärten Mann,

der seinen Vorgänger nicht hat tödten wollen, sondern eine veraltete,

vernunftwidrige Religion zu reformiren gedenkt, und zeigt nun, was die

Folgen davon seien, ein Fünkchen Vernunft ins Menschenleben einführen

zu wollen.

Es hat das eine doppelte Folge. Erstens fordert der Haufe, der sich nie

eher zufrieden gibt, als bis glücklich eine Unthat verübt worden, einen

regelrechten Verbrecher und Mörder zum Priester.

Zweitens kommt der freisinnige Priester sehr bald zu der Einsicht,

dass er mit seinen guten Absichten mehr Uebles als Gutes gestiftet

habe, indem er Vorurtheile antastete, auf welchen das Selbstbewusstsein

seiner Landsleute beruhte. Man greift ihn als Feind der Religion an,

er selbst aber ist religiöser als sie, die im Namen der Religion ihn

bekämpfen. In der »Marseillaise« stehen die bekannten Zeilen:

Liberté, liberté chérie,

Combat avec tes défenseurs!

Er kehrt in seiner Anrufung den Ausdruck um: Heilige Ueberlieferung der

Vorzeit! Streite an der Seite derer, die dir widersprechen!

In Wirklichkeit ist der Priester zu Nemi nur der leicht umgewandelte

Prospero. Allein er steht in einem neuen Verhältnisse zum Weibe. Sie

ist nicht mehr die strahlende Courtisane, sie ist hier die von Gott

(das heisst vom Priester) begeisterte Sibylle, die den Tempeldienst

versieht. Carmenta ist der ewigen Jungfräulichkeit geopfert worden und

leidet darunter, sie, die geschaffen, die Füsse ihres Messias zu salben

und zu küssen.

»Vater«, spricht sie zu ihm, »wenn ich bei dir bin und deine Worte

höre, so fühle ich, dass das Leben darin ist, obgleich ich dich nicht

immer verstehe. Da bin ich denn zu jedem Opfer bereit und nehme mein

Schicksal hin, so hart es ist. Doch, hält dein Blick mich nicht länger

aufrecht, so falle ich zusammen«. Antistius antwortet ihr als wahrer

Priester, dass das Weib den Mann, der Mann Gott lieben solle, und dass

die Sendboten Gottes mehr geliebt werden sollen und müssen, als sie

lieben.

Carmenta ist das den Genius des Mannes bewundernde Weib, während

Imperia und Brunissende die blos fungirende Weiblichkeit

repräsentirten, die vom Manne bewundert wird.

Nemi gehört zu Albalonga, das eine alte Kultur besitzt. Gegenüber

liegen die sieben kahlen Hügel, auf welchen sich in Kurzem das junge,

rohe kräftige Rom erheben wird. (Es wird hier auf das Verhältniss

zwischen Frankreich und Deutschland angespielt.)

Carmenta prophezeit, dass eine Zeit kommen werde, da alle Welt Latein

spricht. Sie prophezeit Rom eine ungeheure Zukunft, eine weit längere,

als sie Albalonga beschieden sei. Sie prophezeit, dass eine neue

Religion von Osten kommen und sich Europa unterwerfen werde.

Man betrachtet sie als halb verrückt und ihren Meister, der ihr solches

in den Mund lege, als einen Landesverräther. Nein, da ist Tertius ein

weit besserer Patriot. Er leugnet unbedingt, dass Rom eine Zukunft

habe, nimmt Alles, was nur ehrenvoll für Albalonga, als gegeben an

und will von nichts wissen, was nicht ursprünglich und authentisch

Albalongisch.

Die echten Patrioten seines Schlages reizen zu einem unnöthigen und

wahnwitzigen Kriege gegen Rom auf, den zu hintertreiben Antistius

vergebens Alles aufbietet. Um den Sieg zu erlangen, bringen die

Vaterlandsfreunde ihm eine Schaar junger Männer, die er auf ihren

Wunsch den Göttern opfern soll. Allein der Priester weiss, dass der

Glaube an Götter eine Lästerung Gottes, der Glaube an Gott eine

Lästerung des Göttlichen sei. Er will die Gefangenen nicht opfern.

Er spricht, ungefähr wie Jesaia lange vor ihm: »Seid gerecht, lasst

Güte und Vernunft eure höchsten Götter sein!« Die Patrioten erwidern,

nicht dazu brauchten sie einen Priester, nicht dazu einen Tempel, um

solche Wahrheiten verkündet zu hören. Sie hassen und verachten ihn als

Gottesleugner und Schwächling.

Und des Antistius Widerstand ist fruchtlos. Andere rechtgläubige,

conservative und verschmitzte Tempeldiener werden hinter seinem Rücken

die Gefangenen dennoch ermorden, und nicht einmal diese selbst,

vorbereitet wie sie auf den Tod waren, sind ihm für ihre vorläufige

Befreiung im geringsten dankbar. Auch sie finden ihn halbverrückt und

verleugnen ihn. Selbst die, welche er befreit, wissen ihm keinen Dank.

Wohl mag er sich fragen, ob es der Mühe werth sei, sich für eine Brut

zu opfern, die so tief steht und so unabwendbar der Unwahrheit geweiht

ist. Er fühlt, dass geistige Einsamkeit das Los derer ist, die durch

Geist oder Gemüth die Menge überragen.

Schlimmer für ihn ist jedoch die Einsicht, zu der er gelangt,

dass die Anderen zum Theile Recht haben. Er begreift, dass er die

Widerstandskraft seines Vaterlandes schwächt, wenn er über Rom die

Wahrheit sagt, den Glauben an den Nationalgott zerstört und mit den

barbarischen Bräuchen bricht, an denen sein Volk noch hängt.

Ja, nicht einmal seiner eigenen geistigen Befreiung kann er so recht

froh werden. Anfangs empfand er sie als eine grosse Erleichterung, dann

aber erkannte er, dass die Menschheit enger Gedanken bedürfe. Jeder

Einzelne will seinen Gott haben, einen Gott, mit dem er schwatzen kann.

Zuletzt hält Antistius sich kaum für berechtigt, etwas zu sagen oder zu

thun, was sein Volk daran hindern könnte, zu siegen. Und doch summt es

ihm im Ohr: Wehe der siegreichen Nation: Niemand ist dem Fortschritte

feindlicher als sie. Dem Siege folgt stets die Reaction. Der Sieger ist

der schlimmste Herr von allen.

Die Mächtigen im Staate beschliessen den Untergang des Priesters;

nur über Art und Weise desselben herrscht Uneinigkeit. Man schlägt

vor, einen Mörder für Geld zu dingen. -- »Ganz unnöthig«, erklärt der

typische Edelmann des Stückes. »Er wird auch so ermordet. Wenn es

irgend ein Verbrechen oder eine Gemeinheit zu begehen gilt, findet sich

immer Jemand, der sich gratis dazu hergibt«. Und er fügt hinzu: »Man

ist im Allgemeinen der Ansicht, jede Niederträchtigkeit sei irgendwie

bezahlt oder belohnt worden: _Is fecit cui prodest._ O Himmel, welch

ein Irrthum!« Mit anderen Worten: Niemand hat einen Nutzen davon. Alle

leiden darunter. Und dennoch geschieht es.

Da kommt der Herold und verkündet: »Rom ist gegründet!« Romulus hat

seinen Bruder ermordet. Jede Stadt wird durch Brudermord errichtet.

Der Fortschritt hier auf Erden beruht auf dem Hasse feindlicher Brüder.

Alles, was Antistius vorhergesehen, wird nun in Erfüllung gehen, die

Barbarei in Rom ihre Fortsetzung finden. Das Drama aber schliesst mit

dem Ausspruche eines israelitischen Propheten (Jeremias 51, 58): »Die

Völker mühen sich für nichts; die Mühe von Nationen geht im Feuer auf«.

1886 endlich schrieb Renan seine letzte, durchaus anders geartete

dramatische Arbeit, die einzige, die kein reines Ideendrama ist,

sondern sich der Art der gewöhnlichen Schauspiele nähert: »Die

Aebtissin von Jouarre«, die ungeheures Aufsehen machte und gleich das

erste Jahr einige zwanzig Auflagen erlebte -- nicht um ihrer Vorzüge

willen, sondern in Folge des Hallohs, mit dem ein Theil der Presse sie

begrüsste und als unsittliches Werk, als eine Schande für den Autor

stempelte. Dieses Drama allein spielt zu einem bestimmten historischen

Zeitpunkte, während der Revolution, und hat eine einfache, nicht

hochfliegende Idee, das Recht der Liebe, sich in ausserordentlichen

Fällen über die von der Gesellschaft gezogenen, unter gewöhnlichen

Verhältnissen nützlichen Schranken hinwegzusetzen.

Zwei zum Tode Verurtheilte begegnen sich im Gefängnisse des Collége

Plessis, ein Edelmann und eine sehr vornehme Dame, die Aebtissin von

Jouarre. Er liebte sie schon lange, sie aber war, wiewohl sie die Ideen

des Zeitalters völlig theilt, durch ihr geistliches Gelübde gebunden.

Nun überredet er sie, ihm anzugehören. Sie verbringen miteinander

die letzte Nacht, die sie noch zu leben haben. Der Aussicht auf den

nahen Tod gegenüber gelten die Bande, durch die sie gebunden wären,

nicht mehr. Er allein aber wird hingerichtet. Ein junger Offizier, der

sie in ihrer stolzen Schönheit vor dem Revolutions-Tribunal gesehen,

setzt es durch, dass ihr Name aus der Liste der zum Tode Verurtheilten

gestrichen wird, und am nächsten Morgen holt der Karren nur ihren

Freund ab. In ihrer Verzweiflung fleht sie um den Tod, ja macht sogar

einen fruchtlosen Selbstmordversuch.

Diese drei ersten Acte, die von der grossen italienischen

Schauspielerin Eleonora Duse aufgeführt worden sind, bilden den

eigentlichen Inhalt des Stückes. Daran schliessen sich noch zwei

weitere, in welchen Julie, ihre sogenannte Schande mit Stolz tragend,

einsam mit dem kleinen Mädchen lebt, das sie zur Welt gebracht hat,

sich übrigens allseits mit Wohlwollen begegnet, von ihrem Bruder

hochgehalten und bewundert sieht. Nach Jahren heirathet sie den

Offizier, der ihr seinerzeit das Leben rettete und nun einer der

Generale Bonaparte's ist. Das Stück schliesst mit der Einführung des

Concordats, das sie ihres geistlichen Gelübdes entbindet.

An der Handlung selbst ist, wie man sieht, wenig oder nichts, das

Anstoss geben könnte. Die Personen sind ohne Ausnahme höhere Menschen,

hocherhaben über alle gewöhnlichen Standpunkte oder Triebe. In der

Vorrede aber stand ein kühner Satz: »Ich denke mir oft, wenn die

Menschheit die sichere Gewahr dafür erhielte, dass die Welt in zwei,

drei Tagen zu Grunde gehen werde, so würde die Liebe von allen Seiten

mit einer Art von Raserei losbrechen. Alles wäre dann gestattet. Nichts

hätte Folgen. Da wollte die Welt einen Liebestrank trinken, dass sie

stürbe in einem Wonnerausch«.

Daraus war allerdings deutlich zu ersehen, dass Renan auf die Entsagung

um ihrer selbst willen keinerlei Gewicht legte. Journalisten, die

vorher seine Anschauungen über das Verhältniss der beiden Geschlechter

nicht beachtet hatten, wurde nun sein Grundgedanke klar, dass eines

Jeden Pflichten und Tugenden durch die Forderungen bestimmt werden,

die in seiner Natur liegen. Sie fanden den Gedanken haarsträubend oder

stellten sich so.

Und doch ist dieser Gedanke so einfach, so ganz danach angethan,

Billigung zu finden.

Es war für den heiligen Franciscus keine Pflicht, ein Denker zu sein.

Es wäre kein Gewinn gewesen, wenn Raffael ein ehrbares Leben geführt

hätte.

Es war für Goethe eine Pflicht, der Rücksicht auf seine Kunst jede

andere zu opfern.

Mit anderen Worten: Die das Gesetz übertretende Unregelmässigkeit des

Künstlers kann höhere Moral sein. Die selbstsüchtige Bedachtnahme

des Genies, Alles, was nur in seiner Macht liegt, auszurichten, kann

höchste Pflicht sein. Die sittliche Ueberlegenheit des Heiligen ist in

ihrer Art Genie.

Ausschlaggebend ist nur, dass ein Franciscus, ein Raffael, ein Goethe

hervorgebracht werden. Der grosse Mensch ist vorläufig das Ziel

der Natur und des Menschenlebens, weil durch die grossen Menschen

Existenz und Herrschaft des höchsten Wesens, das, was man in alten

Tagen »das Reich Gottes« nannte, vorbereitet wird. Wenn dereinst die

wissenschaftliche Allmacht in den Händen guter und gerechter Wesen

vereinigt sein wird, dann endlich wird Gott allmächtig und allgütig

geworden sein.

Bis dahin müssen die Menschen sich gleichsam in einer Hierarchie

fühlen. Der geringere Geist muss das Leben des höheren mitleben. Wie

die Gefährten Alexanders des Grossen von Alexander lebten, so muss

die grosse Menge stets durch Stellvertreter denken und zum Theil auch

geniessen. Sie ist darum nicht unglücklich. Eine Stufenleiter ist es.

Der höhere Geist lebt das Leben der höchsten Geister.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 44 / 110 题