Renan ist kein wirklicher Dramatiker und hat sich auch nie dafür
ausgegeben. Seinen Schauspielen fehlt knappe, geschlossene Form,
seinem Dialoge Kraft, seinen Personen in der Regel Leben. Seine
Frauengestalten: Imperia, Brunissende, Carmenta, die Aebtissin, sind
indess interessante Grundrisse (die Courtisane -- die Sibylle --
die stolze, edle Weltdame). Nur eine Gestalt hat er jedoch, als der
Lyriker, der er ist, mit Sorgfalt und Liebe ausgeführt, seine eigene,
die Prospero-Figur, die in drei verschiedenen Schauspielen wiederkehrt,
den Seher, den höheren Menschen, in dem die Zukunft keimt und reift.
Renan's »Caliban« erinnert ein wenig an »Die gottlose Comödie« des
polnischen Dichters Krasinski, in welcher die plumpe Demokratie in
ähnlicher Weise personificirt ist. Der Geist aber, der in jener
Dichtung herrscht, ist veraltet, ist der eines halb gläubigen, halb
zweifelnden Katholicismus.
Vergleicht man Renan's Schauspiel mit dem Shakespeare's, das er nach
einem Zeitraume von dreihundert Jahren fortzusetzen versuchte, so sieht
man bei dem Vergleiche recht deutlich, wie gross die Ueberlegenheit
der Renaissance in künstlerischer, die unseres Zeitalters in
wissenschaftlicher Beziehung ist. Renan's Gestalten sind Schatten gegen
die Shakespeare's; Shakespeare's Ideen aber sind naiv gegen die Renan's.
Stellt man endlich im Geiste einen Augenblick wirklich moderne
Schauspiele wie die von Ibsen denen von Renan gegenüber, so ist der
Gegensatz nicht allein wiederum der zwischen eigentlichen Dichterwerken
und einfach Ideen entwickelnden Dialogen, sondern jener zwischen
einer bis zur Spitzfindigkeit scharfsinnigen Seelenkunde und der
Fähigkeit zu grossen Ausblicken über die Vergangenheit und Zukunft der
Menschheit. Der psychologischen Einsicht Ibsen's entspricht bei Renan
die weltüberschauende Uebersicht. Beide sehen sie schwarz, ohne deshalb
Pessimisten genannt werden zu wollen oder mit Recht genannt werden zu
können.
Bei Ibsen ist die Technik die eines Meisters; bei Renan kann kaum von
etwas wie Technik die Rede sein, so nachlässig ist das rein Dramatische
behandelt. Dafür aber auch wieder kein Einprägen eines Charakterzuges,
nie das Gehämmer auf eine und dieselbe Wendung (»die compacte
Majorität«, das »Spannende«), zu welchem sich derjenige genöthigt
sieht, der für ein Theater-Publikum schreibt. Bedarf dieses doch immer
einer groben Deutlichkeit um zu verstehen.
Es ist in diesen Schauspielen wie überhaupt bei Renan der Stil ein
vollendeter, zugleich melodisch und von Rhetorik chemisch rein. Hier
sind alle Gedanken leicht hingeworfen, wie man Seifenblasen aus einer
thönernen Pfeife bläst und sich damit vergnügt, die Sonne auf ihrer
leichten Kugel- und Erdballform spielen zu sehen.
Nichts ist hier massiv, Alles wie im Gespräche von einem geistvollen
Manne dargelegt, der mancherlei ernst, mehrerlei noch im Scherz zu
sagen versteht, es ebenso versteht, sich selbst so entgegenzutreten,
dass der Zuhörer sich dieser Mühe ganz und gar überhoben sieht. Hier
ist nichts dogmatisch, nichts vierschrötig. Nirgends ein Keulenschlag
nach dem Falter Wahrheit.
Alles löst sich in feine Uebergänge und Abschattungen auf. Kurz, eine
flüchtige und vornehme Kunst dies, Phantasmagorien einer überaus feinen
Laterna magica -- die lang die Menschheit erfreute, nun aber für immer
erloschen ist.