IV.

Renan ist kein wirklicher Dramatiker und hat sich auch nie dafür

ausgegeben. Seinen Schauspielen fehlt knappe, geschlossene Form,

seinem Dialoge Kraft, seinen Personen in der Regel Leben. Seine

Frauengestalten: Imperia, Brunissende, Carmenta, die Aebtissin, sind

indess interessante Grundrisse (die Courtisane -- die Sibylle --

die stolze, edle Weltdame). Nur eine Gestalt hat er jedoch, als der

Lyriker, der er ist, mit Sorgfalt und Liebe ausgeführt, seine eigene,

die Prospero-Figur, die in drei verschiedenen Schauspielen wiederkehrt,

den Seher, den höheren Menschen, in dem die Zukunft keimt und reift.

Renan's »Caliban« erinnert ein wenig an »Die gottlose Comödie« des

polnischen Dichters Krasinski, in welcher die plumpe Demokratie in

ähnlicher Weise personificirt ist. Der Geist aber, der in jener

Dichtung herrscht, ist veraltet, ist der eines halb gläubigen, halb

zweifelnden Katholicismus.

Vergleicht man Renan's Schauspiel mit dem Shakespeare's, das er nach

einem Zeitraume von dreihundert Jahren fortzusetzen versuchte, so sieht

man bei dem Vergleiche recht deutlich, wie gross die Ueberlegenheit

der Renaissance in künstlerischer, die unseres Zeitalters in

wissenschaftlicher Beziehung ist. Renan's Gestalten sind Schatten gegen

die Shakespeare's; Shakespeare's Ideen aber sind naiv gegen die Renan's.

Stellt man endlich im Geiste einen Augenblick wirklich moderne

Schauspiele wie die von Ibsen denen von Renan gegenüber, so ist der

Gegensatz nicht allein wiederum der zwischen eigentlichen Dichterwerken

und einfach Ideen entwickelnden Dialogen, sondern jener zwischen

einer bis zur Spitzfindigkeit scharfsinnigen Seelenkunde und der

Fähigkeit zu grossen Ausblicken über die Vergangenheit und Zukunft der

Menschheit. Der psychologischen Einsicht Ibsen's entspricht bei Renan

die weltüberschauende Uebersicht. Beide sehen sie schwarz, ohne deshalb

Pessimisten genannt werden zu wollen oder mit Recht genannt werden zu

können.

Bei Ibsen ist die Technik die eines Meisters; bei Renan kann kaum von

etwas wie Technik die Rede sein, so nachlässig ist das rein Dramatische

behandelt. Dafür aber auch wieder kein Einprägen eines Charakterzuges,

nie das Gehämmer auf eine und dieselbe Wendung (»die compacte

Majorität«, das »Spannende«), zu welchem sich derjenige genöthigt

sieht, der für ein Theater-Publikum schreibt. Bedarf dieses doch immer

einer groben Deutlichkeit um zu verstehen.

Es ist in diesen Schauspielen wie überhaupt bei Renan der Stil ein

vollendeter, zugleich melodisch und von Rhetorik chemisch rein. Hier

sind alle Gedanken leicht hingeworfen, wie man Seifenblasen aus einer

thönernen Pfeife bläst und sich damit vergnügt, die Sonne auf ihrer

leichten Kugel- und Erdballform spielen zu sehen.

Nichts ist hier massiv, Alles wie im Gespräche von einem geistvollen

Manne dargelegt, der mancherlei ernst, mehrerlei noch im Scherz zu

sagen versteht, es ebenso versteht, sich selbst so entgegenzutreten,

dass der Zuhörer sich dieser Mühe ganz und gar überhoben sieht. Hier

ist nichts dogmatisch, nichts vierschrötig. Nirgends ein Keulenschlag

nach dem Falter Wahrheit.

Alles löst sich in feine Uebergänge und Abschattungen auf. Kurz, eine

flüchtige und vornehme Kunst dies, Phantasmagorien einer überaus feinen

Laterna magica -- die lang die Menschheit erfreute, nun aber für immer

erloschen ist.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 45 / 110 题