II.

Obgleich heutigen Tages die Theater fast gänzlich

Unterhaltungsanstalten für die Armen im Geiste, für jenen

beträchtlichen Theil des Bürgerstandes, der nicht lesen kann oder mag,

geworden sind, bewahrt die dramatische Form nichtsdestoweniger für

Viele ihren Reiz. Es ist die bündigste, geschlossenste Form, in welcher

man ein Lebensbild, eine Handlung kennen zu lernen vermag. Wer über

zwei Stunden und nicht mehr verfügt, wird nicht nach einem Romane,

sondern nach einem Schauspiel greifen. Er weiss, alles nicht streng zur

Sache Gehörige ist hier ausgeschieden.

Auch andere Männer als eigentliche Dichter haben sich von der

Gesprächsform angezogen gefühlt. Es sind das solche, deren Gedanken

sich in Sphären bewegen, in welchen es keine unanfechtbare Wahrheit,

keine volle Sicherheit gibt, wo vielmehr verschiedene Meinungen,

Auffassungen, Ueberzeugungen zu Worte kommen können. Ausserhalb

der Mathematik und der exacten Wissenschaften gibt es wenig

unbedingt Sicheres, Vieles, worüber sich Verschiedenes für und

wider sagen lässt. Innerhalb der Geisteswissenschaften ist beinahe

Alles Gegenstand immer erneuerter Erörterung. Von diesem Gefühle

beherrscht, schrieb Plato seine Werke in Dialogform. Das gleiche

Gefühl führte in unseren Tagen Renan zu deren Anwendung. Kurz nach

der Beendigung des französisch-deutschen Krieges schrieb er erst eine

Reihe philosophischer Gespräche und brachte hierauf einige seiner

Lieblingsideen in bestimmterer dramatischer Form zum Ausdrucke. In

den Pausen zwischen seinen streng wissenschaftlichen Arbeiten hat er

vier philosophische Schauspiele und ein Paar dialogisirte Prologe

geschrieben.

Sein Ausgangspunkt als Dramatiker war Shakespeare's »Sturm«, welcher --

an und für sich höchst merkwürdig als der wahrscheinliche Schlussstein

an Shakespeare's dramatischem Bau, wie als diejenige Arbeit des

Dichters, die mehr als irgend eine andere tief und deutlich symbolisch

ist -- Renan durch das Sinnbildliche der drei Hauptpersonen: Prospero,

Caliban und Ariel, ergriff.

Caliban ist das formlose Naturwesen, der Urbewohner, halb Thier, halb

Kannibale, roh und furchtbar, niedrig und dumm, eine Station erst auf

dem Wege zum Menschthum. Prospero ist der Zukunftstypus einer höchsten

Veredlung der Menschennatur, ein Wesen, das in gleich königlicher,

genialer Weise sich die äussere Natur unterworfen und seine innere ins

Gleichgewicht gebracht hat, alle Bitterkeit über erlittenes Unrecht in

der Harmonie ertränkend, die seinem reichen Seelenleben entströmt.

Prospero beherrscht die Naturkräfte. Statt ihm aber den Zauberstab

der Ueberlieferung zu leihen, hat Shakespeare die Naturkraft selber

zu seinem dienstbaren Geist gemacht. Ariel, das ist der Geist.

Shakespeare, so scheint es, hat sich selbst als jenen Magus auf der

verzauberten Insel des Theaters darstellen wollen, dem der Lichtgeist

Diener, der Geist der Rohheit Sklave ist.

Diese Gestalt musste auf Renan nothwendig einen starken Eindruck

machen, passte sie doch ganz merkwürdig in den Ideengang hinein, zu

dem seine Lebensansicht ihn geführt hatte. Früh hatte sich ihm die

Erkenntniss aufgedrängt, dass das Werthvollste am Menschen ihn in allen

weltlichen Beziehungen des Kampfes um das Dasein in einen Zustand der

geringeren Widerstandskraft versetze. Echtes Talent, tiefinnige Güte,

vollkommener Hochsinn sind häufig Bedingungen des Unterliegens. Wer im

Spiele betrügt, wirft die meisten Augen, wer mit Schneiderhieben zur

Hand ist, verwundet seinen Gegner.

Es wollte ihm scheinen, dass die Welt fast ausschliesslich von der

Rohheit, der Unwahrheit, der Marktschreierei regiert werde. Kein Wunder

also, dass Prospero aus seinem Reiche vertrieben wird.

Renan neigte zu der Ansicht, dass Alle, die da arbeiten und wirken,

von der Weltenmacht zu einem höheren Zwecke kraft dessen ausgebeutet

werden, was Hegel, der einen ungemeinen Einfluss auf Renan geübt, die

List der Idee, er selbst jedoch den Macchiavellismus der Natur nannte.

Diese Ansicht hat eine stete Ironie in Renan's Haltung zur Folge

gehabt. Er will sich zwar um Genüsse betrügen lassen, ohne Lohn

arbeiten und entsagen, da doch alle Arbeit viel Entsagung fordert,

allein er will dem All gegenüber, das er als alter Theologe gerne

personificirt, eine Haltung bewahren, die bezeugt, er wisse sich

getäuscht. Daher liegt ihm aller Pharisäismus so ferne. Er ist nicht

stolz auf seine Tugenden. Er weiss, als tugendhaft wird er geprellt.

Doch er willigt ein, sich prellen zu lassen.

Wenn Renan gleich Hegel und Schopenhauer an einen Macchiavellismus

der Natur glaubt, so kommt es daher, dass ihm die Vorstellung eines

Naturzweckes vorschwebt. Nun hat die moderne Wissenschaft diesen

Begriff bekanntlich geschleift und erst wirkliche Fortschritte

gemacht, nachdem er geschleift worden. Ueberall späht jetzt die

Wissenschaft nach wirkenden Ursachen, wo man früher ohne Nutzen nach

Zweckursachen gesucht hat. Jener grosse Theil der modernen Forschung,

der in den Darwinismus mündete, hat seine Stärke darin, die Vorstellung

von einem Zwecke in der Natur überflüssig gemacht zu haben. Was

sich den Verhältnissen und Umgebungen anpasst, überlebt das Andere.

Es nimmt sich nur aus, als entspräche es einem Zwecke, weil die

Lebensmöglichkeit von der eingetretenen Aenderung abhing.

Der Darwinismus berührt indessen durchaus nicht die höchsten Fragen,

beschäftigt sich nicht mit dem uranfänglichen Lebenstriebe, dem Streben

(_nisus_), welches das Princip der Bewegung ist.

Die Mathematik ist bekanntlich eine grosse Tautologie. Wie verwickelt

die Berechnungen und Messungen auch sein mögen, stets bleibt gleich

viel auf beiden Seiten des Gleichheitszeichens, und Alles lässt sich

auf den Identitätssatz a = a zurückführen. Aber auch das Weltall ist

eine grosse Tautologie. Das Gesetz der Erhaltung der Kraft zeigt es uns

als solche: kein Staubkorn und keine Bewegung kann verschwinden; Alles

ist blosser Umsatz; bei der grossen Verbrennung wird nichts vernichtet;

die Summe ist unabänderlich dieselbe.

Nichtsdestoweniger ist die Welt in keinem Zustande der Ruhe. Desshalb

hält Renan sich für berechtigt, ein Ziel in der Natur vorauszusetzen

und von einer Gottheit zu sprechen. Diese Gottheit ist der Lebenstrieb,

und das Ziel ist, wie Hegel sagte, Bewusstsein. Die Natur strebt nach

einem immer vollkommeneren Bewusstsein. Renan drückt dies so aus,

dass die kleine Ernte an Vernunft, Hochsinn, Schönheitswerken und

Weisheit, die jeder Planet im Laufe seiner Lebenszeit einzuheimsen

vermag, der Endzweck dieses Planets sei, wie Gummi der des Gummibaumes.

Wir glauben, es lasse sich in jedem Zeitalter ein kleiner Zuschuss an

Vernunft und Güte beobachten, und leiten davon den Glauben an einen

Fortschritt ab.

Wie aber diesen Fortschritt sichern, diesen endlichen kleinen

Ernte-Ertrag?

Sein Schicksal kann zuweilen von einem Manne oder doch von einigen

wenigen Männern abhängen. Nur zu leicht kann die Weltentwicklung

unterbrochen werden. Der christliche Dogmatismus unterbrach sie ein

Jahrtausend lang. Sie lässt sich von Barbarei, oder Inquisition,

oder niederer Selbstsucht unterbrochen denken. Der einer allgemeinen

Entwicklung förderlichen Menschen sind nur äusserst wenige, und leicht

sind sie auszurotten oder lahmzulegen. Man bedenke nur, wie viele

die Religionen und die Despotien zu Grunde gerichtet haben, oder nur

Mächte, wie die Inquisition in Spanien, die Regierung in Russland.

Der Gedanke, die zwei Milliarden Menschen der Erde, einen um den

andern zur Vernunft zu bekehren, ist ein leerer Traum. Die Bekehrung

ist unmöglich, aber auch unnöthig. Es handelt sich nicht darum, dass

alle Menschen das Wahre erkennen, sondern darum, dass es von einigen

Wenigen erkannt, und die Ueberlieferung bewahrt werde. Abel's Theorien

sind um nichts weniger unanfechtbar, weil es auf Erden nur etwa hundert

Menschen gibt, die sie verstehen. Für die Wahrheit ist nicht nöthig,

dass alle Welt sich zu ihr bekenne; die sie nicht verstehen, sollen

sich ihr nur beugen.

Die höchste Cultur aber kann von der Menge weder verstanden noch

gewürdigt werden. Da gilt es denn, sie gegen die Menge sicherzustellen.

In alten Tagen kam die Gefahr besonders von der Kirche. In den unseren

wird die Entwicklung vornehmlich von der herrschenden Anschauung, der

Staat brauche nur das materielle Wohl der Individuen im Auge zu haben,

bedroht.

Ein Genie ist ja etwas sehr Seltenes und Kostbares. Es scheint,

dass etliche Millionen Menschen auf Eine für den Fortschritt

massgebende Persönlichkeit kommen, ja dass, um Geister ersten

Ranges hervorzubringen, Gesellschaftskörper von dreissig, vierzig

Millionen Menschen vonnöthen seien. Diese Geister aber werden von der

Mittelmässigkeit instinktiv gehasst. Sie weiss Leinwand, allenfalls

Tuch zu würdigen, nicht aber Spitzen.

Der grosse Mensch ist Renan gleichwohl kein Luxus. In Wirklichkeit

bedeutet er das vorläufige Ziel, und worauf es mit Rücksicht auf die

Ziele der Natur ankommt, ist denn, dass der grosse Mensch zur Macht

gelange. Nur so ist die Vernunftentwicklung sicherzustellen.

In der Urzeit galt der bedeutende Mann für einen Zauberer. Man zitterte

vor ihm. Die Brahmanen haben jahrhundertelang vermöge des Aberglaubens

regiert, dass ihr Blick dem Angehörigen einer niederen Kaste, auf den

er falle, tödtlich sei. Die Kirche, die einst die Culturmacht war,

hatte die Höllenstrafen als Waffe -- eine gar wirksame, so lange an

sie geglaubt wurde. Als die Königsmacht die Culturträgerin wurde,

schuf auch sie sich ihre Waffen: Heere und Kanonen, Richter und

Gefängnisse. Ein Jeder ist nur stark im Verhältnisse zu der Furcht, die

er einzuflössen vermag.

Das von Renan erträumte Ziel ist demnach, die Träger der Entwicklung,

die Culturträger mit den entscheidenden Machtmitteln auszustatten,

sie aufs neue zu einer Art von Zauberern zu machen. In ihren Händen

allein würde die Macht nicht odios, sondern wohlthätig sein. Sie

würden als die menschgewordene Vernunft erscheinen, als eine wahrhaft

unfehlbare päpstliche Macht. Mit den Schreckmitteln, welche die moderne

Wissenschaft in ihre Hand legte, würden sie einen Terrorismus der

Vernunft einführen.

Wir erleben in unseren Tagen, wo wir das Dynamit in den Händen

der zerstörenden und die Millionenheere mit den verfeinerten

Mordwerkzeugen in der Gewalt der reactionären Elemente sehen, eine

Schreckensherrschaft der Brutalität. Renan stellt sich nun vor, dass

der Bund aller der höchsten und reinsten Begabungen unwiderstehlich

sein würde, weil er über die Existenz des Planeten selbst geböte. Er

übersieht merkwürdigerweise, dass selbst wenn dies nicht eine blosse

Phantasie wäre, sich die Drohung mit der Vernichtung des Planeten

aus dem Grunde als unbrauchbar erwiese, weil sie den Widersetzigen

gegenüber sich nicht stückweise ausführen liesse.

Zur selben Zeit, als Eduard v. Hartmann den Traum einer freiwilligen

Selbstvernichtung der Menschheit auf ähnliche Art durch einen Beschluss

der höchststehenden Menschen träumte, hat Renan von dieser Drohung als

Mittel in der Hand der höchststehenden Wesen geträumt. Wesen müssen

sie genannt werden, nicht Menschen; denn sie sind es, die später bei

Nietzsche mit dem Namen Uebermenschen belegt werden.

Ist nur einmal der Begriff der Entwicklung gesichert, wird, nach

Renan's Meinung, wie die Menschheit aus der Thierheit hervorging,

das Göttliche aus dem Menschlichen hervorgehen können. Wesen werden

entstehen können, welche die Menschen so gebrauchen, wie jetzt wir die

Thiere.

Er hat zunächst im Scherze Phantasien über eine Art Stuterei solcher

genialer Herrschergeister, eine Art Asgaard, entwickelt. Allen Ernstes

glaubt er an die Möglichkeit des Entstehens einer höheren Menschenart,

und an diesem Punkte eben ist es, wo Renan die Anknüpfung an die

Shakespeare'sche Dichtung sucht.

Prospero ist der Zukunftsmensch, der Uebermensch. Renan erblickt daher

in ihm das erste Exemplar der höheren Menschheit, den wirklichen

Zauberer.

Die Handlung des Schauspiels »Caliban« bildet Caliban's Empörung gegen

Prospero und der siegreiche Ausgang dieser Empörung.

Folgendes bildet die Voraussetzung des Stückes: Jedes Wesen ist

undankbar, alle Erziehung kehrt sich wider den Erzieher; das Erste ist

stets, die Waffen, die er die subalterne Persönlichkeit gebrauchen

lehrte, gegen ihn zu kehren. So im Verhältnisse der Klassen zu

einander, so im Verhältniss der einzelnen Persönlichkeiten im

öffentlichen Leben.

Caliban verabscheut seinen Erzieher, Wohlthäter und Zuchtmeister

Prospero. Ariel hingegen verehrt ihn, denn er erfasst Prospero's

Gedanken. Prospero glaubt, dass Gott die Vernunft ist, und arbeitet

darauf hin, dass Gott, das heisst die Vernunft, sich die Welt mehr

und mehr unterthan mache. Prospero glaubt an den Gott, der das Genie

im genialen Manne, die Güte in der zärtlichen Seele, überhaupt das

allgemeine Streben nach der Existenz dessen ist, was allein in Wahrheit

existirt.

Man verachtet den Herzog an seinem Hofe, wie man einen Regenten,

der gelehrt ist, verachtet. Man hat nur vor demjenigen Respect, der

todtschlägt, und Prospero wird von einer »Revolution der Verachtung«

bedroht.

Wir sehen hierauf Caliban den gemeinen Mann aufwiegeln. Er spiegelt

diesem vor, Prospero beute das Volk aus. Es gelte, sich seiner Bücher

und Destillirkolben zu bemächtigen. Man bittet Caliban, die allgemeine

Glückseligkeit zu decretiren. Er verspricht, es zu thun, wenn die

Zeit dazu komme: Später, später! -- Es lebe Caliban, der grosse

Bürger! -- Er empfängt Processionen, Deputationen und Gesuche, wird

Volksredner, verspricht, Alle zufrieden zu stellen: Wir sind aus euch

hervorgegangen, wir wollen für euch wirken, wir existiren durch euch.

Abends legt er sich in Prospero's Bett zur Ruhe. Er grübelt: Ich war

ungerecht gegen Prospero. Welche Begehrlichkeit nach Genuss! Welches

Umsturzverlangen! Eine Regierung muss Widerstand leisten. Ich will

Widerstand leisten.

Schon ist er hoch conservativ, sieht ein, dass Schlösser, Hoffeste,

fürstliche Pracht die Zierde des Lebens seien.

Da Künstler und Schriftsteller die Ehre eines Reiches sind, will er

Kunst und Literatur heben und fördern. Doch der Mittelpunkt aller

seiner Gedanken bildet Imperia, die reizende Courtisane -- wohl bekannt

aus Balzac's »_Contes drôlatiques_« -- die kürzlich bei einem Feste in

Prospero's Palaste, bei welchem verschiedene Lebensanschauungen zur

Erörterung gekommen, die Sache der Liebe verfocht. Er will ihre nähere

Bekanntschaft machen.

Es bleibt Prospero nicht lange unbekannt, dass Caliban, sein Thier,

sein Ablöser geworden. Ariel's Phantasmagorien haben sich den Schaaren

Caliban's gegenüber als unwirksam erwiesen; Niemand unter diesen

Schaaren glaubt mehr an Zauber, und die Aufrührer haben Prospero's

Pulver und Kriegsmaschinen in Gebrauch genommen. Bei der nun folgenden

Berathung über die zu ergreifenden Massregeln äussert sich Renan über

den geringen Nutzen, welchen er sich von dem Elementar-Unterrichte

verspricht, indem er »Simplicon« die Replik in den Mund legt,

»allgemeiner obligatorischer Schulunterricht würde allen Uebeln

abhelfen«. Der gemässigte Bonaccorso aber spricht das erlösende Wort,

die neue Regierung scheine wohlgesinnt; Caliban sei bereits der

Mittelpunkt der gemässigten Partei.

Die Inquisition tritt auf. Caliban beschützt Prospero. Er ist nicht nur

massvoll, er ist anti-clerical, hat also eine gute Eigenschaft mehr.

Allmälig beschützt er Alles und Alle: den Papst, die Künstler, die

Wissenschaften und Prospero gegen den päpstlichen Legaten: »Ich will

ihn nicht ausliefern, sondern ausnützen«.

Prospero resignirt, und die Moral des Stückes wird vom Prior des

Karthäuser-Klosters ausgesprochen: »Ist er nur ordentlich gekämmt und

gewaschen, so wird Caliban sehr präsentabel«.

Es liegt eine Verachtung, deren Tiefe sich schwer ermessen lässt,

in dieser Huldigung der einst revolutionären, jetzt moderaten oder

conservativen Demokratie. Und ebenso birgt sich eine tiefe Ueberzeugung

von der Nichtigkeit des Weltlebens hinter dem leichten Spiel der

Handlung.

Das Gespräch der Hofleute im zweiten Acte erörtert die Frage nach einem

festen Halt im Leben. Die Familie, schlägt der Eine vor. -- Da müsste

man überzeugt sein, die eigene Familie sei die beste, und sich sogar

davon nicht beirren lassen, dass alle Anderen der gleichen Ueberzeugung

sind. Das ist denn also Vorurtheil, Eitelkeit. Und was von der Familie

gilt, gilt auch vom Vaterlande. Man geht nur darin auf, so lange

man an dessen besondere Vortrefflichkeit glaubt. -- Nein, sagt ein

Zweiter, auserlesene Genüsse, das ist das einzig Solide. -- Gut, wenn

nun aber Alle geniessen wollen? -- So halten wir sie mit gewappneter

Hand nieder. -- Wie aber, wenn die Waffe sich gegen den kehrt, der sie

gebrauchen will? Nein, besser doch, sich auf die Nation zu stützen. --

Was wir unter Nation verstehen, entspricht nur den Interessen einer

Minderzahl. Wie soll man in der Zukunft die Vielen dazu bringen, ihr

Leben für die Interessen der Wenigen aufs Spiel zu setzen? -- Dadurch,

dass man sie aufklärt? -- Keineswegs, gerade im Gegentheile. Sich

für eine Sache todtschlagen zu lassen, ist eine grosse Naivetät, die

grösste Naivetät, da sie nicht wieder gut zu machen ist. Bedenken Sie,

dass Millionen sich todtschlagen liessen für collective Wesen, wie

der Staat, die Kirche! -- Gleichviel. Nun wären sie dennoch todt. --

Wenn Türken und Christen sich schlagen, so glauben sie ins Paradies

zu kommen, wofern sie in dem heiligen Kriege fallen. Gibt es aber das

Paradies der Einen, so gibt es das der Anderen nicht. Noch denken sie

nicht, dass es also wahrscheinlich keines der beiden Paradiese gebe.

Eitelkeit! -- Sehen Sie die Türken! Man treibt sie mit Hilfe falscher

Wechsel auf das ewige Leben in die Schlacht. -- Solche falsche Wechsel

sollten verboten werden. Sie führen eine Inferiorität der civilisirten

Völkerschaften, die nicht daran glauben, herbei. Der Roheste bleibt

Sieger und wird als Sieger noch roher. -- Mit anderen Worten: Die

Aufklärung vernichtet die Widerstandskraft der Völker. Alles ist eitel.

Die Philosophie, welche die Vorurtheile zerstört, zerstört damit das

Fundament des Lebens selbst.

Nur die Schönheit tritt während dieser Niedermetzlung anerkannter

Mächte, in der Gestalt Imperia's verkörpert, als eine bewunderte

Wirklichkeit hervor. Wie zum Trotze, doch nicht aus Trotz hat Renan

in seinem Schauspiele die grosse Courtisane zur Vertreterin der

Schönheit und Liebe gemacht. Sie personificirt die Welt der Schönheit,

wie Prospero die des Gedankens. Balzac hatte sie mit künstlerischer

Begeisterung gemalt; Renan erkennt sie als vollberechtigte Lebensmacht

an und verhandelt mit ihr wie von Macht zu Macht.

Er lässt sie die Unvergänglichkeit der Schönheit und der Liebe

verkünden. Alles ist flüchtig, doch das Flüchtige ist zuweilen

göttlich. Seht den Schmetterling. Nur innerhalb eines ganz kurzen

Abschnittes im Leben des Wurmes existirt er, wie im Dasein der Pflanze

nur wenige Augenblicke die Blume ist. Die Liebe aber thut das Wunder,

dass das plumpe kriechende Insect beflügelt und ideal wird. Das Leben

des Falters ist während einiger Stunden das Höchste: blühen, lieben,

sterben.

Imperia kommt aufs neue als Brunissende, die Liebhaberin des Papstes,

im Schauspiele »Der Jungbrunnen« vor, hier leichtfertiger, doch in den

Augen Renan's deshalb nicht minder sympathisch. Sie ist hier tiefer

weiblich, ist eitel Stärke und Schmachten. Sie hat jede Schwäche und

nimmt dennoch die Welt in Besitz. Sie vertheilt alle Einnahmen des

päpstlichen Stuhles nach Lust und Laune. Um so besser! heisst es. Des

Weibes Schönheit ist ein Gut von höchstem Range, von gleich hohem Range

wie Vernunft und edle Gesinnung: »Alle geistlichen Einnahmen sollten zu

Toiletten-Ausgaben für schöne Frauen und zu Jahrgeldern für geistvolle

Männer verwendet werden«.

»Der Born der Jugend« ist trotz seiner Mängel ein von Geist

sprudelndes Stück. Es spielt am päpstlichen Hofe in Avignon und hat

eine ganz schwache Localfärbung, auch keine stark historische, die sie

sogar ausdrücklich vermeiden will.

Renan hat hier seinen Prospero wieder aufgenommen und ihn als die

überlegene Intelligenz erscheinen lassen, die zur Zeit ihrer Autorität

über die Menschheit verlustig geworden ist. Seine magischen Mittel

haben ihre Kraft verloren. Doch ob schwach und entwaffnet, er

verfolgt gleichwohl sein Problem: die Erlangung der Macht mittelst

der Wissenschaft. Er hat verschiedene wunderbare Essenzen erfunden,

darunter ein Lebenselixir, das verjüngende Kraft besitzt. Der Papst,

der nach einer etwas übermässig angestrengten Jugend sehr mitgenommen

ist, behält ihn in seiner Nähe, um von den Resultaten seiner

wissenschaftlichen Versuche Nutzen zu ziehen. Doch hat er grosse Mühe,

ihn vor den Nachstellungen der Inquisition zu schützen.

Man glaubt, dass Prospero Gold machen könne. Er hegt gar nicht diesen

Wunsch. Wozu auch? Könnte man doch, wenn es möglich wäre, ebensogut

Blei machen wollen. Er zieht es vor, Licht aus Koth, Geist aus Stoff zu

erschaffen. Und er zweifelt nicht, dass es einst gelingen werde, denn

langsam sickert Vernunft in die Welt; vielleicht, dass zuletzt sogar

ein wenig Gerechtigkeit in sie dringt. (Renan's ganze Skepsis äussert

sich in diesem Satze.)

Prospero ist der Ueberzeugung, dass die Welt beinahe gänzlich von

Brutalität regiert werde. Die unabhängigen Bauern der Schweiz, sagt

er mit feiner Ironie, sind nicht viel aufgeklärter als die Herren.

(Man erwartete die umgekehrte Wendung.) Ungerechtigkeit ist demzufolge

das eigentliche Princip im Laufe der Welt. Allen Wohlthätern der

Menschheit ergeht es übel. Man verbrennt sie auf dem Scheiterhaufen

ihrer Entdeckung, und Andere nützen aus, was sie gefunden haben.

Ein Grundgedanke wird im Zusammenhange damit ausgesprochen, der

sicherlich schon Manchem gekommen ist, ehe er ihn bei Renan fand.

Prospero, der sich collegial mit Papst Clemens unterredet, sagt diesem

offen, dass ihn der Papst enttäuscht habe. Er spricht (schon um das

Jahr 1310) das gewichtige Wort: »Ich hatte von einer Papstmacht

geträumt, die an der Spitze der Renaissance schritt«. -- Der Papst:

»Also das Christenthum durch das Papstthum zerstört?« -- Prospero:

»Ja!«.

Renan berührt hier eine für den denkenden Betrachter der Geschichte

fesselnde Frage, die Nietzsche so stark beschäftigende, ob die

lutherische Reformation die Renaissance nicht abgebrochen und vereitelt

habe, ob nicht die Deutschen aus Mangel an Verständniss für das, was

damals in Europa vorging, sie vergeudet.

Was sah Luther in Rom? Sehr wenig. Nicht einmal Michelangelo. Er

beobachtete mit Entsetzen die schlechten Sitten der Geistlichen, sah,

dass ihnen weder Dogmen noch evangelische Vorschriften am Herzen lagen.

Das war so ungefähr Alles. Die Renaissance hatte alle Bedingungen

wie auch den Willen, von oben her, mittelst der päpstlichen Macht

die Menschheit zu befreien. Einzelne Päpste hatten -- gleichwie die

grössten Kaiser des frühen Mittelalters (Friedrich II., der Hohenstaufe

zum Beispiel) -- sich an die Spitze einer Bewegung für Wiedereinführung

der tausend Jahre brach gelegenen Cultur gestellt. Da kam Luther,

zwang den Katholicismus in die Gegen-Reformation hinein und machte das

Papstthum reactionär.

Prospero hat das richtige Gefühl, dass das allmächtige Papstthum,

geschirmt von der Ehrfurcht, die es einflösste, fast all den

Aberglauben und die Irrthümer, deren Haupt es war, zu unterdrücken

vermöchte. Doch stattet Renan seinen Helden mit der prophetischen

Furcht aus, das Papstthum werde, erschreckt von seiner eigenen

Kühnheit, die Segel reffen und die Bewegung, die es selbst begünstigt

habe, ins Stocken zu bringen suchen. Mit anderen Worten, er lässt

Prospero vorhersagen, was wirklich eintraf. Er lässt auch Brunissende

mit Prospero sympathisiren: »Wir Frauen sind von den gleichen

Gedanken erfüllt wie du. Der Aberglaube hat das Leben verringert.

Wir wollen es aus dem Vollen leben«. Und sie fragt Prospero: »Willst

du nicht uns Frauen ein Buch schreiben?« Renan erwidert durch seinen

Wortführer: »Andere werden dies thun, schöne Brunissende. Ich bin zu

alt, mein Ende ist nahe«. Wohl nie zuvor hat Renan sich auf so directe

Selbstschilderung eingelassen.

Der Papst fragt ihn: »Wie kommt es, dass die anderen Doctoren mir alle

mit einander nicht so viel zu schaffen machen, wie du allein?« --

»Weil sie mit Abstractionen arbeiten, während ich mit Wirklichkeiten

hantiere«. -- »Doch nicht einmal die Doctoren mögen deine Ideen

theilen, und der Haufe wird sie nicht verstehen. Du erlangst weder

über die Kirche noch über die Schule Macht«. Man hört Renan's eigenen

Schmerz aus dieser Aeusserung heraus.

Persönlich ist auch die folgende Wendung, gelegentlich einer von der

Inquisition vorgenommenen Durchsuchung seiner Schriften, bei der man

ihm räth, dies und das zu widerrufen. -- »Es nützt nichts. Alles an

mir ist dennoch Ketzerei«. -- »Eben, das schadet weit weniger«. -- Mit

anderen Worten, es ist allein die geistlos isolirte Einzelheit, welche

die Ketzerverfolger verstehen.

Ungeachtet aller Widerwärtigkeiten, Verfolgungen, Enttäuschungen

verliert Prospero seine Zukunftshoffnung nicht. Dies sein Gedanke: Der

Fall des Würfels, der tief unten an den Lebensquellen geworfen wird

und entscheidet, ob ein Hirn begabt oder unbegabt, ein Weib schön oder

unschön sei, findet so häufig statt, dass die Zukunft des Wahren, des

Guten, des Schönen gesichert ist. Die Natur hat unendliche Zeit vor

sich. Was liegt daran, ob hunderttausendmal der Schuss fehlgehe, wenn

unzählige Male geschossen wird und nur Eine Kugel ins Centrum trifft.

-- Prospero selbst ist mit seinem Lose zufrieden: »Ich war eine seltene

Quarterne in der grossen Lotterie. Der Kelch des Lebens ist herrlich.

Es ist thöricht, zu klagen, weil man ihm auf den Grund schaut«. --

Er hat nur einen Wunsch: »Lasst mich kein betrübtes Antlitz sehen,

keinen Seufzer hören, wenn ich nun sterbe!« Und er verscheidet, von

Brunissende zum Abschiede geküsst.

Die Cardinäle bemächtigen sich seines Leichnams, lassen ihn in ein Boot

legen, auf die Rhône hinausrudern und ins Wasser werfen. »Findet man

seine Leiche auf, so sagen wir der Bevölkerung, er hätte sich ertränkt;

findet sie sich nicht, so sagen wir, der Teufel habe ihn geholt«.

Es liegt echt Renan'sche Ironie in der Perspective, die sich hiemit

für Prospero's Andenken eröffnet. Im selben Geiste bespricht er in der

Vorrede zu seinem letzten Buche die gegen ihn gerichtete Beschuldigung,

er hätte von Rothschild eine Million dafür bekommen, »Die Geschichte

Israel's« zu schreiben. Seine Feinde behaupten, seine Freunde

bestreiten es. Die unparteiische Geschichtsschreibung der Zukunft wird,

meint er, einen Mittelweg einschlagen und feststellen, dass er 500,000

Francs empfangen habe.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 43 / 110 题