I.

Das vornehmste Kennzeichen Renan's ist die mit den Jahren wachsende

Originalität.

Es gibt Geister, die bei ihrem ersten Auftreten sich selbständig

zeigen, kräftig und vieleckig wie Sonderlinge dastehen, deren Ecken der

Lauf der Welt, der Einfluss der Umgebung jedoch allmälig abschleift.

Interessanter sind immerhin diejenigen, welchen nur die Anlage zur

Ursprünglichkeit angeboren ist, die aber das Verhältniss zur umgebenden

Welt, die äusseren Einflüsse so bereichern, so selbständig machen,

dass ihre Eigenart am klarsten in ihrer Todesstunde zu Tage tritt.

Ernest Renan war solch ein Geist, dessen Eigenthümlichkeit sich erst

so recht im letzten Zeitabschnitte seines Lebens enthüllte. In seiner

abschliessenden Periode offenbart er sich als eine Persönlichkeit, die

allmälig durchaus originell geworden war.

Er ward es in folgender Weise: Aus der Bretagne stammend, der

Abkömmling einer langen Reihe schlichter Ackerbauer und Seeleute, wurde

er frühzeitig zum Priester erzogen. Als Erbe hatte er einen gesunden,

aber schweren, plumpen Körper mitbekommen, einen Geist, der ernst,

subtil, schwärmerisch, je mehr er sich verweltlichte, um so mehr Witz

zu entfalten vermochte. Er empfand stark und tief und lebte in sich

zurückgezogen, verschlossen, nach Aussen hin verschämt, scheinbar

furchtsam, sein inneres Leben mit der Energie der Innigkeit. Bei

aller Lernbegier einer reich ausgestatteten Intelligenz wartete er in

den Tiefen des Gemüthes mancher schönen Traumblüthe, erhob sich auch

nicht selten zum Fluge auf den Fittigen einer keltischen sagenfrohen

Einbildungskraft.

Er schien dazu geboren, ein gläubiger, einflussreicher Geistlicher

zu werden. Katholische Hymnen lagen ihm auf der Zunge, ein Duft von

Weihrauch breitete sich über sein Gefühlsleben, und Salbung war in

seinem Pathos.

Indessen brachten das Studium der semitischen Sprachen, das

philologische Verhältniss zur Bibel seinen Jugendglauben ins Schwanken.

Er lernte deutsche Literatur und Philosophie kennen, ward von Herder

ergriffen, von Hegel mit fortgerissen. Bald war sein religiöser Glaube

aus allen Verschanzungen geworfen. Ein Rausch von intellectueller

Begeisterung überwältigte ihn. Sein Bretagner Christenthum schien im

ersten Augenblicke von der deutschen Vernunft gänzlich ausgerodet.

Jene ältere französische Verstandescultur, welche die Voraussetzung

der deutschen Wissenschaft war, hatte ihm keinen Abbruch gethan; denn

die französische Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts erregte in

ihrer Dürftigkeit und Trockenheit nur seine heftige Missachtung. Das

Deutschland der Jahrhundertwende schien ihm das ideale Land. Ein Land,

in dem der Denker ohne Pietätlosigkeit kritisirte, ohne Frivolität

leugnete, ein Land, in dem man ohne Aberglauben religiös war, und

freidenkerisch ohne Spott. Hier war der Zweifel nicht Zweifel, sondern

Wissenschaft, die, niemals schwankend, Vorurtheile niederriss, und

niemals schwindelnd, Gedankensysteme, hoch wie Kathedralen, aufbaute.

Er fühlte sich von der deutschen Pedanterie nicht abgestossen, weil

sie in seinen Augen der französischen Leichtfertigkeit unendlich

vorzuziehen war.

Ein Glaube an die Wissenschaft, so feurig, wie es nur sein Glaube an

die Religion gewesen, bemächtigte sich seiner. Seine Jugendschrift,

das schwere Buch »L'avenir de la science«, ist ein flammendes

Glaubensbekenntniss, naiv, kühn, herausfordernd, Programm und Fanfare

eines Neubekehrten. Eine Wahrheit nur gibt es: die Wissenschaft, Ein

Vorurtheil: den Glauben an das Uebernatürliche. Wie in ein Leichentuch

hüllt er diesen Glauben in die Kutte, die er abgeworfen, und begräbt

ihn für alle Zeiten. Sein Lebensziel ist, ein Pfleger der Wissenschaft

zu sein. Vorläufig ist er der Verkünder ihrer Zukunft; ihr gehört das

Reich, die Macht und die Herrlichkeit.

Es war im Jahre 1848. Renan ward Optimist und Socialist. In kürzester

Frist erwartete er die Verjüngung der Menschheit, die Erneuerung aller

Zustände.

Diese Gaukelbilder zerstieben nur zu rasch. Der junge Mann erhielt

einen Eindruck der Wirklichkeit. In Frankreich wurden Freiheit und

Republik durch einen Staatsstreich abgeschafft, und das Volk hiess ihn

gut. Zu jener Zeit fiel das erste Samenkorn des Pessimismus in Renan's

hoffnungsfreudige Seele.

Allein nicht lange, und die alten Jugendgefühle mögen in seinem

neuen Gedankenleben wieder aufgetaucht sein. Seine Empfindungs- und

Denkweise durchdrangen und neutralisirten nicht einander, wie es im

Protestantismus geschehen, wo das Gefühl bis zu einem gewissen Grade

rationalisirt, der Gedanke hingegen theologisch angesteckt ist. Nein,

ein durchaus katholisches Gefühl, weich, sentimental, ja zuweilen

verzärtelt, erhielt sich in seiner ganzen Frische, unbeeinflusst von

einem Gedankenleben, das bei aller Sanftheit kühn war bis zu einer

durch nichts zu schreckenden Verwegenheit. Renan gehört zu jener

grossen Gruppe von Romantikern, die ihr Leben damit verbringen, die

Romantik zu bekämpfen.

Im Uebrigen blieb er als Mensch im Privatleben unweltlich, von sanfter

Stätigkeit, Idealist ohne Unklugheit. Er kam in den letzten zwanzig

Jahren mit jeder französischen Regierung gut aus.

Renan führt selbst mit voller Billigung die Aeusserung eines Freundes

an: er denke wie ein Mann, fühle wie ein Weib und handle wie ein Kind.

Er fühlte zwar stark, doch wie jene Frauen, mit denen das Herz nie

durchgeht, er handelte unweltmännisch, doch wie jene Kinder, deren

Unbekanntschaft mit dem Leben eine gewisse instinktive Klugheit nicht

ausschliesst.

Seine Empfindungsweise machte sein Denken geschmeidig, geschmeidiger,

als man es vielleicht je gesehen, wenn nicht bei so grossen Geistern

wie Goethe oder so feinen wie Sainte-Beuve. Seine Stärke bestand

darin, das Zusammengesetzte, Reichabgestufte zu erfassen. Während

sein Freund und Zeitgenosse Taine, der ebenso entschieden wie er dazu

veranlagt war, zu verstehen, überall nach den Grundlinien suchte, nach

dem Festen und Bleibenden in der Mannigfaltigkeit und Wandelbarkeit

der Erscheinungen, dem Knochenbau, dem Granit, den Höhenzügen, den

Wasserscheiden, von denen aus man die Lebensfluthen sich theilen und

nach verschiedenen Seiten strömen sieht, verfolgte Renan den Lauf

dieser Flüsse in allen seinen Krümmungen und Windungen. Er scheute

das Grelle, Ausgesprochene. Andere sahen und sehen die Wahrheit in

klaren kräftigen Farben, sehen sie roth oder blau oder glänzend weiss.

Dass sie sich in so umfangreiche Worte einfangen liesse, schien

ihm nimmermehr glaublich. Er erblickte sie in den Nuancen, in den

unmerklichen Uebergängen von der einen Farbe zu der andern. Und wenn er

im Handeln ein Kind war, so lag der Grund darin, dass man, wie schon

oben gesagt, in Nuancen nicht zu handeln vermag.

Doch aufzufassen vermag man sie, und der feinste Geist ist jener,

der sie am sichersten auffasst. Renan war dazu veranlagt, lauter

Schattirungen zu sehen, mit Takt die richtige herauszufinden und sie

bei ihrem schwer bestimmbaren Namen zu nennen.

Der Einfalt seiner Kindheit war bei ihm die unendlich vielfältige

Empfänglichkeit des modernen Kritikers gefolgt.

So entwickelt und ausgestattet, fand er den Stoff, der sein ganzes

Leben hindurch den Gegenstand seiner Forschung und einen der

Hauptgegenstände seiner Darstellungskunst bilden sollte. Die in solcher

Weise ausgerüstete jugendliche Persönlichkeit stand von Angesicht zu

Angesicht dem Geiste Israels gegenüber. Er, der junge, freigelassene

Katholik aus der Bretagne, vertiefte sich in die Betrachtung und das

Studium des Genius, der ihm aus dem alten Palästina entgegentrat.

Der hellenische Geist war ihm damals noch ziemlich fremd, und noch gar

manches Jahr verging, ehe er das Gebet niederschrieb, welches er mit

einer Mischung von Dichtung und Wahrheit auf der Akropolis zu Athene

gebetet zu haben behauptet. Dieser israelitische Genius aber mit seiner

eigenartigen Männlichkeit und dem Feuer seiner religiösen Begeisterung

rief ein gewaltiges, fruchtbares Staunen in ihm hervor. Alle Fangarme

seines Wesens reckte er aus, um ihn zu greifen, zu begreifen.

Das Griechenvolk hat unsere Cultur, unsere Kunst und Wissenschaft

geschaffen, hat Europa politische Ideen gegeben, ihn aber fesselte

es weniger als das israelitische. Es war nicht so in unserem Leben

gegenwärtig. Noch heutigentags sind Europas Feste jüdische, nicht

griechische, Europas Gott jüdisch, nicht griechisch. Das Buch, das die

civilisirte Welt als heilig betrachtet, ist eine Sammlung jüdischer

Literatur; die Begriffe der Massen von Pflicht und Glauben, vom Leben

dies- und jenseits stammen aus Syrien. Das Ideal Europas wurde in

Nazareth geboren.

Alles, was weiblich war in Renan, fühlte sich von dem Geiste Israels

angezogen, von Ehrfurcht davor erfüllt.

Worüber er stutzte, war dies: ein kleiner Volksstamm, anfangs aus

Nomaden, sodann aus Ackerbauern bestehend, äusserst kriegerisch durch

den Zwang der Verhältnisse -- ohne Schifffahrt, da er vom Meere

abgesperrt war, ohne Handel, der in den Händen anderer Stämme lag, ohne

Bau- oder Bildnerkunst, gänzlich ohne Wissenschaft -- hatte nur Eine

geistige That vollbracht, nur Eine Schöpfung hinterlassen: Religion

oder richtiger zwei Religionen, die ihrem Wesen nach eine einzige war;

wiederholte das ursprüngliche Christenthum doch nur auf gemeinfassliche

Weise, was jüdische Propheten 750 Jahre früher gesagt hatten. Die

Griechen hatten uns Staatsformen, wissenschaftliche Grundanschauungen,

Denkmale und Kunstwerke hinterlassen, die nie der Vergessenheit

anheimfallen konnten. Die Israeliten hatten nur Eines hervorgebracht.

Sie hatten einen so energischen, so leidenschaftlichen Schrei nach

Gerechtigkeit ausgestossen, dass er noch nach Verlauf von beinahe 3000

Jahren uns in den Ohren tönte.

Dies sprach seinen Idealismus an, und dass Alles in der Zeit so weit

zurücklag, bildete nur einen Reiz mehr für ihn. Es gibt Historiker,

die sich nur wohl fühlen, wenn sie sicheren Grund und Boden unter

den Füssen haben. Sie lieben das Anschauliche, Handgreifliche. Renan

hingegen sah gut, sah gerne im Dunkeln, spähte am liebsten in ferne

Zeiten und fühlte mit Befriedigung ihre Zustände und Empfindungen sich

zu Leben vor seinem inneren Sinn gestalten. Ob es gerade das Leben

war, wie es in jenen alten Zeiten gelebt worden -- wer vermag es zu

entscheiden? Doch leitete ihn eine glückliche Gabe, aus dem Wenigen,

das wir wissen, Weiteres zu ahnen und zu errathen. Alle seine Kräfte

wendete er auf, um die Gefühls- und Denkweise eines Jahrtausends aus

jener längst entschwundenen Vorzeit wieder aufleben zu lassen. Dazu

gibt es nur Ein Mittel, die Geistesentwicklung, Kritik genannt, die

kein früheres Jahrhundert gekannt hat.

Die Astronomie hat das Sehrohr. Die historische Kritik ist das Sehrohr,

das uns ferne Zeiten nahe rückt. Die Physiologie hat das Mikroskop.

Die literarische Kritik ist das Mikroskop, das den verborgenen

seelischen Zug gross und deutlich macht. Der Physiker hat seine feinen

Instrumente, Luftdruck und Wärme damit zu messen. Der Kritiker hat in

seiner angeborenen Empfänglichkeit, in der mannigfachen Sensibilität,

die er allmälig in sich ausbildet, den Barometer, womit er die

Atmosphäre ferner Zeit, den Thermometer, mit dem er die Hitze der

Leidenschaften misst. Der Chemiker hat das kostbare Geräth, die Wage.

Der Kritiker besitzt in seiner Gabe, das Gelesene zu prüfen, eine

feinere Wage, als es in der äusseren Welt eine gibt.

Die Vorarbeit, die Renan von deutschen und holländischen Männern der

Wissenschaft gethan fand, war, was Gelehrsamkeit und Scharfsinn

anbelangt, bewunderungswürdig. Man hatte (um ein Gleichniss zu

gebrauchen, dessen sich Renan einmal bedient) die Bibel ungefähr

in dem Zustande vorgefunden, in welchem sich die in Herculanum

ausgegrabenen Buchrollen befanden. Tausende von Schriftzeichen in

wirrem Durcheinander, die Blätter zu einer Masse zusammengeklebt, des

einen Blattes Text in den des andern hineingerathen. Eine Arbeit von

der Art, hier Blatt von Blatt zu scheiden, war genial eingeleitet und

im vollen Zuge, als Renan seine Alterthumsstudien begann.

Er war als Kritiker weniger ein sondernder, zergliedernder, als ein

zusammenfügender Geist. Er zog Linien zwischen den festen Punkten,

welche die Arbeiten der germanischen Gelehrten ihm an die Hand gaben.

Er kannte die Menschenseele so gut, dass er in der Regel das jedesmal

Mögliche erschaute, zwischen zwei Möglichkeiten die wahrscheinliche

herausfand und unter den wahrscheinlichen Erklärungen die festhielt,

die innere Wahrheit hatte. So hat er in zwölf grossen Bänden Israels

Geschichte und den Ursprung des Christenthums erzählt.

Er ging zuvörderst gerade auf das los, das ihn am meisten fesselte, die

Persönlichkeit Jesu. Um sich ihr jedoch zu nähern, unternahm er einen

Schritt, wie ihn vor ihm noch Niemand, der das Leben Jesu schildern

wollte, unternommen. Er reiste nach Palästina und erfüllte Auge und

Sinn mit den Eindrücken der Stätten und Gegenden, woselbst Jesus gelebt

und gewallt.

Die Formen der Berge und Thäler, der Lauf der Flüsse, das Bett der

Seen, sie bleiben durch Jahrtausende dieselben. Im Morgenlande haben

überdies die Formen der Zelte und Häuser, der Schnitt der Trachten, die

Art der Beschäftigungen, die durch das Klima bestimmte Lebensweise sich

Jahrtausende lang unverändert erhalten, so dass Renan wie zur Weihe

eine lebendige Vorstellung davon einsog, wie die Naturverhältnisse

und die Umgebungen beschaffen gewesen, unter welchen die religiösen

Grundbegriffe der civilisirten Welt entstanden.

Sein Jesus ist geistreich aufgefasst, zart ausgeführt, eine Statuette

aus Elfenbein. Dem Stile fehlte es an Sicherheit und Grösse, nicht an

Feinheit.

Renan's Unentschiedenheit, seine Lust, zugleich Ja und Nein zu sagen,

war ihm hier ab und zu ein Hinderniss. Voltaire hatte Nein, die

Theologen hatten Ja gesagt. Uneinig mit beiden, wie er war, bestätigte

und verwarf er zuweilen in einem Athemzuge. Sein ursprünglich allzu

grosser Respect für die Ueberlieferung gereichte besonders den

ältesten Ausgaben zum Nachtheile. Man kann ihn hier wie sonst nicht

davon freisprechen, eine allzu nachlässige Quellen-Kritik betrieben

zu haben. Indem er das vierte Evangelium als Quelle aus dem ersten

christlichen Jahrhundert annimmt, gelangt er dahin, den Charakter Jesu

auf unhistorische Weise anzuschwärzen. Sein Blick ist durch die Nebel

der Zeiten hindurchgedrungen, und hat manchen Zug erschaut, welcher der

grossen Gestalt wesentlich zuzugehören scheint. Zuweilen jedoch lebt er

sich zu persönlich in sie ein, modernisirt sie unwillkürlich und legt

ihr seine Lieblingseigenschaften bei, so zum Beispiel, wenn er Jesus

den Gründer »der grossen Lehre von der transscendenten Geringschätzung«

nennt. Man kann sich manchmal des peinlichen Eindruckes nicht erwehren,

er sei selbst Modell gestanden.

Renan liebt Jesus, wie er die grossen Sanften und Weisen liebt. Genau

so liebt er Marcus Aurelius. Dagegen hat er eine lebhafte Antipathie

gegen die Gewaltthätigen, die Fanatiker, die Männer der That in der

Welt der Religion. Paulus ist ihm zuwider, gleichwie Luther.

Renan wuchs während der Behandlung seines grossen Gegenstandes.

Je weiter die Arbeit gedieh, in desto höherem Grade wurde er ihr

gewachsen. Je mehr er den Stoff unter seinen Händen sich formen sah, um

so voller bemächtigte sich auch seiner das beruhigende Gefühl geistiger

Ueberlegenheit. Der steigenden Ueberlegenheit aber gesellte sich

steigende Gleichgiltigkeit gegen das Urtheil der Welt über ihn.

Es entwickelte sich bei ihm eine Menschenverachtung, so gross, dass sie

gutmüthig erschien, es in der That auch war.

Sein immer weiterer, freierer Blick offenbarte sich in der

zunehmenden Herrschaft über seinen Stoff. Deutschland besitzt

verschiedene Fachmänner von dem Range Renan's, ja nicht wenige,

die ihn an Gelehrsamkeit, sowie an streng wissenschaftlichem Geist

überragen. Allein sie vertiefen sich so sehr in ihren Stoff, dass

ihre Persönlichkeit sich ganz darin verliert. Sie schweben nicht

über demselben. Sie sind Bücher- nicht Weltmenschen; Kritiker, nicht

Baumeister; Forscher und Denker, nicht zugleich freie Geister und

Künstler. Ein freigewordener Geist aber, der, über seinem Stoffe

schwebend, diesen kraft seiner Lebenserfahrung behandelt -- eben dies

war Renan.

Diese spielende Herrschaft über die von ihm behandelten Gegenstände

verdankte er jedoch dem seine Originalität zuletzt bestimmenden grossen

Factor -- Paris.

Paris gab ihm den tiefen Ekel vor der Pedanterie ein, lieh ihm

überhaupt erst die letzte, volle Ueberlegenheit. Sie gestaltete sich

zum Schlusse auch zur Ueberlegenheit über Paris; aber das Entscheidende

war, dass allmälig der Bretagner zum Pariser, der Jünger Herder's

zum Franzosen der Hauptstadt geworden war. Bis 1870 noch ein halber

Deutscher, wurde er nach dem Kriege und dem Friedensschlusse ein ganzer

Pariser und erhielt im Alter erst seine rechte Jugend. Das aber, was

in den geistig massgebenden Pariser Kreisen dem guten Ton sein Gepräge

gibt, ist _formvolle Rücksichtslosigkeit_.

Er hat viel von einzelnen Persönlichkeiten, viel von Berthelot als

Denker, viel von George Sand als Schriftsteller gelernt (seine

Landschaften erinnern an die ihren). Am meisten aber lernte er von

Paris, und zuletzt war er ganz Pariser, wenn anders Jemand, der sechs-

oder siebenerlei Culturen beherrscht, ja für sich allein eine kleine

Culturwelt genannt werden kann, also zu heissen ist.

Anfangs hegte er gegen Béranger, um dessen gutmüthiger Flachheit

willen, wie wegen des Gallisch-Populären in ihm, eine lebhafte

Abneigung. Er endete damit, in einer Béranger verwandten Weise, wenn

auch in weit höherer Potenz, als es dieser gewesen, gallisch populär,

väterlich scherzhaft zu werden.

Er war zuletzt wie eine Quintessenz des französischen Geistes, ein

Kraftauszug des feinsten, das dieser enthält. Mit dem eintretenden

Greisenalter verklärte sich die Ueberlegenheit zu einer Art Serenitas,

zu wolkenloser Heiterkeit und Klarheit.

Davon gibt die kleine Reihe philosophischer Schauspiele, die Renan in

den Jahren 1878 bis 1886 herausgab, beredtes Zeugniss.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 42 / 110 题