Mit wechselnden Gefühlen hat Renan der Entwickelung des
republikanischen Frankreichs zugeschaut. Obwohl die Republikaner
ihm fast sogleich seinen Lehrstuhl zurückgaben, zeigten sie sich
doch Renan, wie den übrigen Freunden des Prinzen Napoleon gegenüber,
ziemlich kühl und reservirt. Durch und durch aristokratischer Gesinnung
wie er ist, gab er in »Caliban« der Demokratie die glatte Lage, sagte
jedoch nichts desto weniger kurz nachher in dem seine Antrittsrede in
die französische Akademie erklärenden Brief an einen deutschen Freund:
»Wenn nun, während Eure Staatsmänner in dieses undankbare Geschäft
(der Ahndung) vertieft sind, der französische Bauer mit seinem groben
Verstande, seiner unübertünchten Politik, seiner Arbeit und seinen
Ersparnissen glücklich eine ordnungsliebende und dauerhafte Republik
gründete! Das wäre spasshaft! Nicht wahr?« Renan ist Skeptiker genug
um immer den Zweifel bereit zu haben und sich häufig zu widersprechen,
Patriot und Philosoph genug, um sich zuletzt mit jeglicher Staatsform
zu befreunden, welche die Mehrzahl seiner Landsleute befriedigt und
ihrem geistigen Standpunkt entspricht.
Renan ist, wie schon erwähnt, Bretagner und hat die Eigenschaften
seiner Race. Die Bretagner in der neueren französischen Literatur
haben einen gemeinschaftlichen Zug. Wie Chateaubriand und Lamennais,
hasst Renan das Alltägliche, das Gutmüthig-Frivole, und hat,
während er eine Beute des Zweifels ist, das heisseste Bedürfniss
nach einem Glauben und einem Ideal. Desshalb hat er, der grosse
Wundervertreiber, irgendwo einen Sehnsuchtsseufzer nach jener Zeit
ausstossen können, da die Könige von Frankreich Wunder thaten, durch
Handauflegung Kehlkopfs-Entzündungen heilten. Desshalb schwärmt er
für den heiligen Franciscus von Assisi, während er den nüchternen
Amerikaner Channing geringschätzt. Er hegt für sein engeres Vaterland
eine tiefe Anhänglichkeit. Hat er doch sogar in einem hoffnungslosen
Augenblick seinen Stamm mit den Worten apostrophirt: »O du einfacher
Clan von Ackerbauern und Seeleuten, dem ich es verdanke, in einem
erloschenen Land die Kraft meiner Seele bewahrt zu haben!« Man darf
gewiss diesen Stimmungsausbruch nicht buchstäblich nehmen. Niemand
empfindet ja tiefer als Renan, wie weit jenes Frankreich, von dem er an
Strauss schrieb, es sei »als bleibender Protest gegen Pedanterie und
Dogmatismus« für Europa nothwendig, davon entfernt ist, erloschen zu
sein. Aber das Wort ist für den zugleich hartnäckigen und unruhigen,
schwärmerischen und skeptischen Bretagner bezeichnend. Gibt er seinen
Glauben (wie hier den Glauben an Frankreich) an einem Punkte auf, so
ist es nur, um anderswo mit um so wärmerer Begeisterung sich an ein
Ideal anzuschliessen. Auch in der Religion hat er ein Bretagne, an
welches er glaubt.
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Ernest Renan als Dramatiker.
(1893.)