V.

Mit wechselnden Gefühlen hat Renan der Entwickelung des

republikanischen Frankreichs zugeschaut. Obwohl die Republikaner

ihm fast sogleich seinen Lehrstuhl zurückgaben, zeigten sie sich

doch Renan, wie den übrigen Freunden des Prinzen Napoleon gegenüber,

ziemlich kühl und reservirt. Durch und durch aristokratischer Gesinnung

wie er ist, gab er in »Caliban« der Demokratie die glatte Lage, sagte

jedoch nichts desto weniger kurz nachher in dem seine Antrittsrede in

die französische Akademie erklärenden Brief an einen deutschen Freund:

»Wenn nun, während Eure Staatsmänner in dieses undankbare Geschäft

(der Ahndung) vertieft sind, der französische Bauer mit seinem groben

Verstande, seiner unübertünchten Politik, seiner Arbeit und seinen

Ersparnissen glücklich eine ordnungsliebende und dauerhafte Republik

gründete! Das wäre spasshaft! Nicht wahr?« Renan ist Skeptiker genug

um immer den Zweifel bereit zu haben und sich häufig zu widersprechen,

Patriot und Philosoph genug, um sich zuletzt mit jeglicher Staatsform

zu befreunden, welche die Mehrzahl seiner Landsleute befriedigt und

ihrem geistigen Standpunkt entspricht.

Renan ist, wie schon erwähnt, Bretagner und hat die Eigenschaften

seiner Race. Die Bretagner in der neueren französischen Literatur

haben einen gemeinschaftlichen Zug. Wie Chateaubriand und Lamennais,

hasst Renan das Alltägliche, das Gutmüthig-Frivole, und hat,

während er eine Beute des Zweifels ist, das heisseste Bedürfniss

nach einem Glauben und einem Ideal. Desshalb hat er, der grosse

Wundervertreiber, irgendwo einen Sehnsuchtsseufzer nach jener Zeit

ausstossen können, da die Könige von Frankreich Wunder thaten, durch

Handauflegung Kehlkopfs-Entzündungen heilten. Desshalb schwärmt er

für den heiligen Franciscus von Assisi, während er den nüchternen

Amerikaner Channing geringschätzt. Er hegt für sein engeres Vaterland

eine tiefe Anhänglichkeit. Hat er doch sogar in einem hoffnungslosen

Augenblick seinen Stamm mit den Worten apostrophirt: »O du einfacher

Clan von Ackerbauern und Seeleuten, dem ich es verdanke, in einem

erloschenen Land die Kraft meiner Seele bewahrt zu haben!« Man darf

gewiss diesen Stimmungsausbruch nicht buchstäblich nehmen. Niemand

empfindet ja tiefer als Renan, wie weit jenes Frankreich, von dem er an

Strauss schrieb, es sei »als bleibender Protest gegen Pedanterie und

Dogmatismus« für Europa nothwendig, davon entfernt ist, erloschen zu

sein. Aber das Wort ist für den zugleich hartnäckigen und unruhigen,

schwärmerischen und skeptischen Bretagner bezeichnend. Gibt er seinen

Glauben (wie hier den Glauben an Frankreich) an einem Punkte auf, so

ist es nur, um anderswo mit um so wärmerer Begeisterung sich an ein

Ideal anzuschliessen. Auch in der Religion hat er ein Bretagne, an

welches er glaubt.

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Ernest Renan als Dramatiker.

(1893.)

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 41 / 110 题