Doch um die Wirklichkeit zu erreichen, ist es vor Allem nothwendig,
dass man in Frankreich die Augen dafür offen hat, was jene Erniedrigung
bedeutete und was Deutschland in unseren Tagen ist, und dass man sich
nicht begnügt, seinen beschwerlichen Nachbarn in dem Zerrspiegel
des Hasses zu sehen. In dieser Hinsicht haben die ersten und
kenntnissreichsten Männer des Landes eine grosse Verantwortlichkeit,
Niemand eine grössere als Renan, der ohne Zweifel in den letzten
fünfzehn Jahren als der feinste Geist Frankreichs betrachtet worden
ist. Andere, wie Victor Hugo, haben einen grösseren Leserkreis, wieder
Andere, wie die Theaterdichter, eine mehr lärmende Popularität, aber
in der Elite des Volks ist schon lange Niemand so hoch angeschrieben,
so unangefochten, als Schriftsteller so bewundert wie Renan. Seine
Form galt und gilt für die vornehmste in Frankreich. Keine Prosa wird
je von den wählerischen Kennern, den Meistern des Gedankens, den
Männern der Wissenschaft und denen unter den Damen, auf deren Urtheil
man etwas giebt, in gleiche Linie mit der seinigen gestellt. Alle
Schriftsteller werden, mit ihm verglichen, für grob oder alltäglich
oder gezwungen, für farblos oder buntscheckig gehalten. Nennt man
Goncourt, heisst es: »Wie können Sie ihn neben Renan nennen; er ist
gesucht, Renan natürlich«. Spricht man von Taine, so wird man gebeten,
einen Geist, der unter Maschinendruck arbeitet, nicht mit einem zu
vergleichen, dessen Einfälle ihm ohne Anstrengung zuströmen; About ist
ein Spassmacher, Flaubert ein Leberkranker; alle sind sie entweder
manierirt oder dickhäutig, unfein, plump, neben Renan gehalten.
Eselreiter sind sie; er allein sitzt droben in der Höhe auf seinen den
Kopf so hoch tragenden morgenländischen Dromedaren mit den zierlichen
Beinen. Dies war der Eindruck, den ich noch 1879 von Gesprächen in
verschiedenen Kreisen empfing.
Schon 1870 war der Ruhm Renan's ja so hoch gestiegen, dass sich keine
Stimme gegen ihn erhob, ja nicht einmal Verwunderung geäussert wurde,
als er in seinem ersten bekannten Brief an Strauss ohne weiteres als
der Vertreter Frankreichs Deutschland gegenüber auftrat. Man gab ihm
stillschweigend den selbstgenommenen Auftrag.
Bis 1870 war er, wie schon berührt, in seinem Vaterland der Fürsprecher
deutscher Ideen, deutschen Geistes gewesen. Es konnte nicht wundern,
dass er von jenem Zeitpunkte ab damit aufhörte. Aber er that mehr,
er schlug um. In einer patriotischen Stimmung der Reue begann er, um
gleichsam sich und Andern den Ablass zu erkaufen, all seinen Schriften
einen Stachel gegen Deutschland zu geben. In den Briefen an Strauss
gab er diesem eine Lehre, die zum Theil wohl verdient war, aber in
seinem Werk »Der Antichrist« (d. h. Nero) mischte er in störender
Weise die Erinnerung an die Belagerung von Paris in die Schilderung der
Eroberung von Jerusalem unter Titus hinein; in seiner Antrittsrede in
der französischen Akademie machte er den bekannten Ausfall gegen das
deutsche Reich mit dessen »geistlosem Adel und grossen Feldherrn ohne
wohlklingende Worte« (_des grands capitaines sans des mots sonores_)
so ungeschickt, dass derselbe wie eine Selbstironie aussah. Denn
Ducrot, der das wohlklingende Wort aussprach, er werde nur als Sieger
oder als Leiche zurückkehren und der dann als _le général ni l'un ni
l'autre_ zurückkam, schien förmlich hier als der rechte Mann gegen
den phrasenlosen Moltke aufgestellt, der zwar gern schwieg, jedoch in
aller Stille jede Schlacht, die er jemals kommandirt, gewonnen hatte.
Vergeblich suchte Renan diese Unbesonnenheiten in seinem grossen »Brief
an einen deutschen Freund« wegzuerklären, der ja übrigens wie Alles,
was er geschrieben hat, vor Geist leuchtet und mit all den Facetten der
vornehmen Ueberlegenheit glänzt.
Sein Drama »Caliban« machte Aufsehen. Der Eindruck war: ein Mann, der
seiner eigenen Ansicht nach sich ganz gut damit begnügen könne seine
Weltverachtung für sich zu behalten, der doch aber nichts dagegen habe
-- ganz fein, indirect, durch das Summen einer Melodie, die andere,
plumpere Sänger halbwegs zu Ende gesungen hätten, -- den Zeitgenossen
wissen zu lassen, wie grenzenlos er sie geringschätze.
Man konnte in das Schauspiel »Der Jungbrunnen«, die als Fortsetzung
des »Caliban« erschien, ziemlich weit hinein lesen, und die vielen
olympischen Gedanken geniessen, für welche nur Renan Ausdruck hat, ohne
viel mehr daraus zu verstehen, als dass der Verfasser jetzt ernstlich
die Demokratie mit sich und sich mit der Demokratie versöhnen wolle;
aber das Vergnügen hörte plötzlich auf, wo im vierten Act der deutsche
Gesandte hereintritt. Denn hier hat sich Renan herabgelassen, die
alte, abgedroschene Karikatur des deutschen Wesens vorzuführen, welche
die Franzosen hundertmal gezeichnet haben.
Jedermann, der in französischer Literatur ein wenig belesen ist,
weiss, wie unmittelbar auf eine Epoche, in welcher kindliche Güte,
Wahrhaftigkeit, Unweltlichkeit, blauäugige Unschuld und Herzlichkeit
in französischen Büchern regelmässig durch einen Deutschen vertreten
wurden, eine andere gefolgt ist, in welcher die besten Schriftsteller,
wie Cherbuliez, wie Dumas und viele andere ein Vergnügen daran gefunden
haben, die kalte, kluge Grausamkeit, die Falschheit, die herzlose
Brutalität, französisch mit deutscher Betonung sprechen zu lassen.
Nachdem man fünfzig Jahre hindurch nach dem Beispiel Frau von Staëls
in Deutschland nichts anderes als das gutmüthige Idyllenland gesehen
hatte, in welchem weissgekleidete, blonde Pfarrerstöchter Klopstock und
Schiller mit bleichen und linkischen Kandidaten lasen, fing man auf
einmal an, in den jungen Mädchen Deutschlands schlaue und doch grobe
Speculantinnen in reichen Ehen zu sehen und die Männer als Spione aus
Lust zum Handwerk und als Raubmörder aus Ueberzeugung aufzufassen.
Was den Aberglauben an die Spionage betrifft, die ja die Niederlagen
erklären und entschuldigen sollte, scheint das französische Volk, ja
sogar die gute Gesellschaft in Frankreich sich noch nicht nach den
Zeiten des Krieges erholt zu haben. Man bildet sich in vollem Ernste
ein, dass Bismarck äusserst neugierig gewesen zu erfahren, was sich
Herr Durand und Frau Duval in einer Abendgesellschaft sagten; man
glaubt, dass er preussische Generalstabsofficiere, die sich willig dazu
hergaben, für Lakaien ausgab und in guten Häusern Dienst verschaffte;
man meint, wie ich 1879 in Paris es von vorzüglichen Gelehrten hörte,
dass der hochbegabte deutsche Schriftsteller Karl Hillebrand, der
ohne Vergleich kenntnissreichste Beobachter Frankreichs ausserhalb
Frankreichs, Späherdienste in den Salons von Paris geleistet habe.
Schauspiele, wie _Dora_ von Sardou oder wie _La femme de Claude_
von Dumas oder Romane wie _La grande Iza_, in dem man Briefe mit
dem Poststempel _Varzin_ in den Schubladen eines leichtfertigen
Frauenzimmers findet, endlich der Prozess gegen Frau Kaulla und die
übrigen verwandten Prozesse zeigen, dass der Schaden, den Frankreich
durch die Demüthigungen an seinem Gehirn litt, noch nicht geheilt
worden ist.
In dem Drama Renan's ist die deutsche Brutalität der Gegenstand, auf
den besonders gezielt wird. Das Stück, das in Avignon um das Jahr 1310
unter dem babylonischen Exil der Päpste vor sich geht, dreht sich um
einen Lebenselixir, den Prospero, der vertriebene Herzog von Mailand,
ein ausgezeichneter Philosoph und Alchymist, erfunden hat. Kaum ist
die Erfindung bekannt geworden, als der Kaiser von Deutschland einen
Legaten schickt, um Prospero zu einem Besuch bei ihm zu überreden,
damit er durch List oder Gewalt sich in den Besitz des wunderthätigen
Getränkes setzen könne. Dieser Gesandte sagt bei seinem ersten
Auftreten auf die Bühne unter anderem:
»Fürchte unsererseits keine Lächerlichkeiten, keine Spur von
Sentimentalität. (Er bricht in Lachen aus.) Ich bin in alten Tagen
Idealist und Träumer gewesen; jetzt aber sehe ich ein, wie lächerlich
die Grossmuth ist; sei ruhig, ich bin ein positiver Mann, ein ernster
Mann. Meine Collegen, die Diplomaten, sind alle zusammt Dummerjahns.
Jeder von ihnen ist der Dümmste in Europa. (Er lacht). Ich bin witzig,
nicht wahr? ......
Seine Majestät, der Kaiser, mein Herr, handelt nie anders als nach
den strengsten Principien der Gesetzlichkeit. Aber die politische
Nothwendigkeit hat ihre Forderungen. Das Schloss Kniphausen ist ihm
für seine Souveränität nothwendig. Du begreifst, dass wir uns nicht
von den Kleinlichkeiten aufhalten lassen, die sentimentale Menschen
zurückhalten würden«.
Die Franzosen, die jetzt so lebhaft gegen deutsche Heuchelei losziehen,
müssen sich bald vorsehen, dass man nicht gezwungen wird, den Spiess
gegen sie zu drehen und sie selbst Heuchler zu nennen wegen dieses
ewigen Appells an das Gefühl auf einem Gebiete, wo sie selbst noch
niemals von anderen Rücksichten als rein politischen sich haben
leiten lassen. Das Volk, das Ludwig dem Vierzehnten und Napoleon
dem Ersten folgte, das die Pfalz brandschatzte und die drei Viertel
Europas eroberte, sollte sich über dies Fürsprechen der Gefühlspolitik
schämen. Die sentimentalen Rücksichten, die Napoleon von irgend einem
Unternehmen zurückhielten, das seinem wirklichen oder vermeintlichen
Interesse entsprach, sucht der Historiker noch immer vergebens.
Als Gegenstück zu dem deutschen Gesandten wird Léolin, das ideale
Selbstbild Renan's eingeführt, ein wandernder Ritter und Troubadour,
von der Geburtsgegend des Verfassers, Bretagne. Der, welcher von dem
Zauberwasser trinkt, sieht im Traum den Gegenstand seiner Sehnsucht
und erreicht das Ziel seiner Begierde; als Léolin einige Tropfen
trinkt, sucht und umarmt er deshalb mit Entzücken die verklärte Gestalt
seiner verstorbenen Schwester. (Bekanntlich verlor Renan während eines
Aufenthalts in Palästina seine einzige hochgeliebte Schwester, deren
Andenken er »Das Leben Jesu« gewidmet hat.)
Nun ist die Reihe an dem Deutschen zu trinken. Mit thierischer Gier
reisst er den Becher an sich und schlürft den starken Trank bis zur
Neige, dass er sogleich wie vom Blitz getroffen zum Boden stürzt, dann
schnarcht, und endlich zu träumen anfängt. Was glaubt man, dass er
jetzt sagt?
»Sieg! Sieg! hängt, brennt, erschiesst! Wir sind die Herren, Alles ist
uns erlaubt um sie zum Unterschreiben von Allem, was wir wollen, zu
bewegen. Grossmuth! Sentimentalität! lauter Dummheiten!
Wie ärgerlich! Die Truppen sind allzu milde; unsere Leute verstehen
wohl todtzuschlagen, aber nicht hinzurichten. Man sollte alle Dörfer
verbrennen, alle Mannspersonen aufhängen. So geben sie es wohl auf,
sich zu vertheidigen. (Er lacht.) Gefangene! .... Unbegreiflich, dass
man Leute, die sich vertheidigen, gefangen nimmt. Man sollte sie
erschiessen ... Man sollte höflich gegen sie sein bis zur obersten
Stufe des Schaffots (er lacht vor Vergnügen); aber man sollte sie
aufhängen .... Man muss den Krieg so grausam wie möglich führen.
Sentimentalität! welch lächerliches Ding! Man soll erschiessen, man
soll hängen, man soll verbrennen ... ah! welch ein angenehmer Geruch!
es riecht wie gebratene Zwiebel; es sind Bauern, die man in ihren
Häusern verbrennt. Von 160 sind 120 mit Säbeln niedergehauen worden.
Ihr Schufte! Warum habt Ihr die übrigen geschont? Wisset Ihr nicht,
dass Sentimentalität lächerlich ist? ... Wesshalb beginnt man nicht das
Bombardement? Man kann leicht das psychologische Moment versäumen«.
Und so noch weiter, Seite auf, Seite ab. Ist dies nicht sonderbar
direct und nuancenlos? Welch ein Keulenschlag nach dem Schmetterling
der Wahrheit! Welch ein Uebermass polemischer Leidenschaft! Ich
will bei der künstlerischen Versündigung gar nicht verweilen, diese
vermeintliche Bismarckiade in das Jahr 1310 zu verlegen und mit
Ausdrücken wie das »psychologische Moment« aus dem Ton zu fallen.
Wie ist aber all' dies krankhaft bitter! Glaubt Renan wirklich, dass
es die Denkart war, die sich hier geltend macht, die in dem grossen
Schreckensjahr Frankreich besiegte? Ahnt er wirklich noch nicht, dass
die Genialität und das Wissen der Führer, Mannszucht, Pflichtgefühl und
Heldenmuth der Geführten das war, was den Ausschlag gab?
Das Unglück ist: Renan kennt Deutschland nicht mehr, kennt es noch
weniger als Cherbuliez. Die beiden Männer zehren jetzt an den
Eindrücken von Büchern und Zeitungen, lesen mit feindlichen Blicken
und machen sich dann Luft in Karikaturen wie Renan oder in witzigen
Anzüglichkeiten wie Cherbuliez, und da sie in gar keiner directen
persönlichen Beziehung zu Deutschland stehen, nicht mit ihren Augen
sehen, nicht mit ihren Ohren hören, so verlieren sie nach und nach
die Auffassungsgabe und beurtheilen Deutschland, wie der ungebildete
Deutsche Frankreich beurtheilt, wenn er über die französische
Unsittlichkeit und desgleichen lamentirt. Aber Renan, der schon 1870
die gegenseitige Verleumdung der Völker als die verhängnissvollste
Folge des Krieges voraussah, hätte mehr als irgend ein Anderer auf
seiner Hut dagegen sein sollen, besonders seitdem der grosse Krieg
bewiesen hat, wie theuer jedes Volk für solche Irrthümer büsst.