III.

Ich hielt mich zur Zeit der deutsch-französischen Kriegserklärung in

London auf und da ich das Glück hatte, dort mit einigen unparteiischen

Männern von grosser politischer Einsicht zu verkehren, ahnte ich früher

als meine französischen Bekannten all' das Missgeschick, das der

Krieg über Frankreich bringen würde. Bei meiner Rückkehr nach Paris

war man dort voller Hoffnung und Zuversicht, ja man legte bekanntlich

sogar einen Uebermuth an den Tag, der jeden Fremden unheimlich

berühren musste. Dieser Uebermuth wurde jedoch nicht von den Männern

der Wissenschaft getheilt. Noch war es zu keiner Schlacht gekommen;

aber schon die Nachricht von dem Selbstmord Prévost-Paradol's in

Nordamerika hatte einen Jeden, der ihn kannte und es wusste, wie genau

die Vorbereitungen und Hilfsquellen Frankreichs dem Verfasser von

»La France nouvelle« bekannt seien, mit den peinlichsten Vorgefühlen

erfüllt. Denn Niemand bezweifelte, dass er, wenn auch nach einem

Fieberanfall, so doch mit vollem Bewusstsein und vollem Vorsatz Hand

an sich gelegt habe. Dass er nicht einfach sein Abschiedsgesuch als

Gesandter eingab, hatte -- so schien es -- darin seinen Grund, dass

er allzu stolz war, um überhaupt jemals einen Irrthum einzuräumen;

er that es nicht einmal in einem Wortwechsel; und jetzt hatte

er den dreifachen Irrthum begangen: an die Aufrichtigkeit der

konstitutionellen Bestrebungen des Kaisers zu glauben, den Posten

als Gesandter in Washington zu suchen und endlich diesen Posten

nicht sogleich aufzugeben, als die hässliche Komödie der allgemeinen

Abstimmung im Mai bewies, was die konstitutionellen Velleitäten des

Kaisers zu bedeuten hatten. Jetzt kam die Kriegserklärung, die ihm

mit dem Untergang Frankreichs gleichbedeutend vorkam, und er zog den

Tod einer Stellung vor, in der er nicht verbleiben konnte, und aus

welcher er sich nicht ohne eine Demüthigung, die ihm schlimmer als

der Tod war, zu ziehen vermochte. Aber dieser einsame Pistolenschuss,

der über den Ocean als ein Signalschuss der vielen Hunderttausende

schrecklicher Salven ertönte, erschütterte alle die Jugendfreunde

und Genossen Prévost-Paradol's. Taine, der eine kurze Reise nach

Deutschland gemacht hatte um Materialien für einen Aufsatz über

Schiller zu sammeln, der durch den Krieg vereitelt wurde, war durch

den Gedanken an das Bevorstehende schmerzlich bewegt. »Ich komme eben

aus Deutschland«, sagte er, »und habe mit so vielen arbeitsamen,

zum Theil ausgezeichneten Männern gesprochen. Wenn ich bedenke, wie

viel Mühe es kostet, ein Menschenkind zu gebären, es zu pflegen, zu

erziehen, zu unterrichten und auszustatten, wenn ich ferner bedenke,

wie viele Kämpfe und Beschwerden es selbst aushalten muss, um sich für

das Leben vorzubereiten, und dann erwäge, wie alles dieses jetzt als

ein Haufe blutigen Fleisches in eine Gruft geworfen werden soll, wie

kann ich dann anders als trauern! Mit zwei Regenten von der Art Louis

Philippe's hätten wir dem Krieg entgehen können; mit zwei _Capitaines_,

wie Bismarck und Louis Napoleon, war er nothwendig«. Er war damals der

erste Franzose, den ich die Möglichkeit der deutschen Ueberlegenheit in

Betracht ziehen hörte.

Dann kamen Schlag auf Schlag die ersten Nachrichten von grossen

Niederlagen, nur gleich nach der Botschaft von der Schlacht bei

Weissenburg durch falsche Siegesgerüchte unterbrochen. Düster und

traurig war die Stimmung der Stadt an den Tagen, als die Proklamationen

an den Strassenecken von geschlagenen Heeren und verlorenen Schlachten

erzählten, aber fürchterlicher noch war die Stimmung in Paris an jenem

6. August, da die erste Hälfte des Tages in tollem Siegesrausche, die

andere Hälfte in verschämter Abspannung verging -- wie gross würde

erst die Beschämung gewesen sein, wenn man von der in derselben Stunde

gelieferten Schlacht bei Wörth etwas geahnt hätte! Als sich am frühen

Morgen die Nachricht von einem grossen gewonnenen Siege verbreitete,

bedeckte ganz Paris sich mit Fahnen; alle Leute gingen mit kleinen

Flaggen an dem Hut; alle Pferde hatten kleine Flaggen an der Stirn. Ich

sass vor einem Café dem Hôtel de Ville gegenüber und betrachtete die

mit Hunderten von Fahnen geschmückten Häuser des Platzes, als plötzlich

durch das Fenster eines mir nahen Hauses eine Hand sich zeigte, die

eine herausgestellte Fahne zurückzog. Ich werde nie diese Hand und

diese Bewegung vergessen. So gering der Vorgang war, er machte mich

stutzig, denn diese Hand hatte etwas so trauriges, so enttäuschtes

in ihrer Bewegung, dass mir augenblicklich der Gedanke kam: Die

Siegesnachricht muss falsch sein! ... Bald zeigten sich ringsum in den

Fenstern Hände, die Fahnen hereinzogen, und in einer Viertelstunde war

der ganze Flaggenschmuck wie weggeweht: Wie nackt die Häuser aussahen!

Eine Proklamation der Regierung hatte eben erklärt, »dass heute

durchaus nichts vom Kriegsschauplatz verlaute und dass die Polizei auf

den Spuren der Verbreiter falscher Nachrichten sei, um sie strengstens

zu bestrafen«. Die Verbreiter falscher Nachrichten! Als ob nicht die

hungernde Phantasie und die schmachtende Sehnsucht der grossen Stadt

die einzigen Schuldigen wären!

Ungefähr eine Woche später, am 12. August, traf ich Renan, der vor der

festgesetzten Zeit vom hohen Norden zurückgekommen war. Er fasste meine

Hand und drückte sie mit beiden Händen. Ich habe ihn nie so bewegt

gesehen. Drauf nahm er meinen Arm und ging eine volle Stunde mit mir

Strasse auf Strasse ab. Er war verzweifelt, dies triviale Wort ist

das einzig passende. Er war ausser sich vor Erbitterung. »Nie«, sagte

er, »wurde ein unglückliches Volk so wie das unsrige von Dummköpfen

regiert. Man sollte glauben, dass der Kaiser einen Anfall von Wahnsinn

gehabt hätte. Aber er ist von den verächtlichsten Schmeichlern

umringt; ich kenne hohe Offiziere, die es sehr wohl wussten, dass die

preussischen Kanonen unsere gepriesenen Mitrailleusen übertreffen,

die es aber dem Kaiser zu sagen nicht wagten, weil er sich mit diesen

Sachen selbst beschäftigt, ein bischen an den Entwürfen gezeichnet

hat, was in der offiziellen Sprache so ausgedrückt wird, dass er der

Erfinder des Geschützes ist. Nie war so wenig Kopf (_si peu de tête_)

in einem Ministerium des Kaisers; er hat es selbst eingesehen; ich

kenne Jemand, dem er es gesagt hat, und dann führt er Krieg mit solch

einem Ministerium. Hat man jemals solche Tollheit gesehen, ist es

nicht herzzerreissend? Wir sind ein Volk, das für lange Zeiten aus dem

Sattel geworfen ist. Und nun zu denken, dass alles, was wir Männer

der Wissenschaft in fünfzig Jahren aufzubauen bestrebt waren, mit

einem Schlage zusammengestürzt ist, die Sympathien zwischen Volk und

Volk, das gegenseitige Verständniss, das fruchtbare Zusammenarbeiten.

Wie tödtet ein solcher Krieg die Wahrheitsliebe! Welche Lüge, welche

Verläumdung des einen Volkes wird nun nicht auf's neue in den nächsten

fünfzig Jahren mit Begierde von dem andern geglaubt werden und sie für

unüberschauliche Zeiten von einander trennen! Welche Verzögerung des

europäischen Fortschritts! In hundert Jahren werden wir nicht wieder

aufführen können, was diese Menschen an einem Tage heruntergerissen

haben«. Mehr als irgend einen andern musste die Spaltung der beiden

grossen Nachbarn Renan schmerzen, der in Frankreich so lange als

Vertreter der deutschen Bildung gestanden hatte. Niemand konnte sich

auch mit grösserer Dankbarkeit über die deutsche Kultur aussprechen als

Renan. Einer seiner Lieblingswendungen war: »Es gibt nichts, das so

viel bergen kann, wie ein deutscher Kopf«. Er stellte in Abrede, dass

die Deutschen als Volk von irgend einer Rechtsidee beseelt seien, er

schien sie persönlich wenig zu mögen, aber von ihrer hohen Intelligenz

sprach er immer mit Achtung. Nur schrieb er den Süddeutschen in jeder

anderen Richtung als der administrativen, eine weit höhere Begabung

als den Norddeutschen zu, eine Auffassung, die von der Mehrheit der

gebildeten Franzosen getheilt wird. Das Verhältniss erscheint ihnen

analog dem, welches zwischen den Piemontesen und den übrigen Italienern

besteht.

Bekanntlich hat man des öfteren behauptet, Renan hätte alles den

Deutschen, vornehmlich Strauss zu verdanken. Wer mit dem letzteren nur

einigermassen vertraut ist, wird die Unrichtigkeit dieser Behauptung

erkennen. Ist doch er es vielmehr, der in seiner späteren Zeit sich

in Bezug auf Form und Charakter der Darstellung stark von Renan

beeinflussen liess. Die zweite Auflage von Strauss »Leben Jesu« hat

offenbar an dem entsprechenden Werke Renans ihr Vorbild.

Renan erzählte von seiner Reise. »Wir waren in Bergen, als die erste

zweideutige Nachricht über den drohenden Krieg uns von Frankreich

zukam. Keiner von uns wollte die Sache für möglich halten. Der Prinz

und ich sahen einander an. Er, der einen so seltenen und scharfen

Verstand hat, sagte nur: »Das können sie nicht!« und gab Befehl, dass

wir weiter reisen sollten. Wir segelten nach Tromsöe. Als wir dahin

kamen, lagen da zwei Depeschen an den Prinzen, eine von seinem Sekretär

in Paris und eine andere von Emile Ollivier mit diesen Worten: _Guerre

inévitable!_ Wir hielten einen kurzen Rath, aber so unsinnig kam uns

die Sache vor, nachdem Leopold von Hohenzollern seine Kandidatur

zurückgezogen hatte, so unmöglich schien uns dieser Vorwand, der ganz

Europa und besonders ganz Deutschland gegen uns aufhetzen musste, und

endlich -- so grosse Lust hatten wir, nach Spitzbergen zu segeln und

'das grosse Eis' zu sehen, dass wir uns entschlossen, am nächsten

Morgen aufzubrechen. Wir gingen zu Bett. Mein Zimmer lag neben dem des

Adjutanten des Prinzen. Am frühen Morgen höre ich den Kammerdiener

mit einer Depesche den Adjutanten wecken. Ich stand auf, wir gingen

an Bord, das Schiff setzte sich in Bewegung, und Sie können sich mein

Erstaunen denken, als ich sah, dass es gegen Süden ging. Der Prinz sass

verzweifelt und stierte vor sich hin. Die ersten Worte, die er sagte,

waren: '_Voilá leur dernière folie, ils n'en feront pas d'autres_'. Er

ist Prophet gewesen, es wird ihre letzte Tollheit sein. »Ich selbst«,

fügte Renan hinzu, »war derselben Ansicht. Ich wusste, wie schlecht

wir vorbereitet waren, aber dass es so schnell gehen würde, wer hätte

das geahnt! Sagen Sie nicht, dass wir noch siegen können. Wir werden

nie mehr siegen, wir haben nie unter diesem Kaiser auf entschiedene

Weise Völkerschaften besiegt, deren Ueberwindung als eine glückliche

Vorbedeutung gelten kann, wenn von Preussen die Rede ist. Die Araber

sind die schlechtesten Taktiker der Erde«. Mehr als ein Mal brach er

aus: »Hat man jemals so etwas gehört! Armer Prinz! Armes Frankreich!«

Er war so heftig, dass er sich in Flüchen über alle die leitenden

Männer erschöpfte, die nach seiner diesmal sehr wenig _nuancirten_

Auffassung alle zusammen Schwachköpfe oder Schufte seien: »Was ist

dieser Palikao? ein Dieb, ein erklärter Dieb, dem alle guten Häuser

verschlossen sind, und weiss nicht alle Welt von Jérôme David, dass er

ein Verbrecher, ein Mörder ist, der nur durch Flucht in's Ausland sich

einer Strafe wegen Todschlags entzogen hat! Und in den Händen solcher

Menschen liegt unser Schicksal!«

Ich sah Thränen in seinen Augen und sagte ihm Lebewohl. Ich habe ihn

seit dem Tage nicht wiedergesehen. Er gewann schnell seine Ruhe und

seine Herrschaft über den Schmerz zurück. Aber in jenen Augenblicken

war Renan ein anderer, als da er schrieb: »Der Gelehrte ist Zuschauer

im Weltall. Er weiss, dass die Welt ihm nur als Studiengegenstand

gehört, und selbst wenn er sie bessern könnte, würde er sie vielleicht

so anziehend finden, wie sie ist, dass er die Lust dazu verlöre«.

Vollständig ernst hat Renan wohl nie diese kühlen und theilnahmlosen

Worte gemeint; wenn aber doch, so durchlebte er im Jahre 1870

Gemüthsbewegungen, während derer sie für ihn keinen Sinn mehr hatten.

In einem alten Buche »Die französische Aesthetik unserer Tage« habe ich

zu schildern versucht, welchen demoralisirenden Einfluss während des

zweiten Kaiserthums das Leben unter der Herrschaft und dem Druck des

_fait accompli_ auf die französischen Gelehrten ausübte. Eine Neigung

zum Quietismus und Fatalismus, zum Gutheissen alles einmal Vollbrachten

kennzeichnet unter Napoleon III. die französische Geisteswissenschaft

überhaupt. Spuren dieses Einflusses merkte man überall im geselligen

Leben, in den Gesprächen. Die völlige Freiheit von Enthusiasmus war

mit Bildung und Reife fast synonym geworden. Ein junger Fremder

hatte täglich Gelegenheit, über die Zurückhaltung und die Passivität

selbst der Besten sich zu wundern, sobald die Rede auf irgend ein

praktisches Ziel kam, und ich erinnere mich, dass ich eines Abends im

Mai 1870, missmuthig nach Hause gekommen, in mein Notizbuch schrieb:

»Es gab einmal ein anderes Frankreich«. Es hatte doch einmal ein

waches, begeistertes, poetisches, für die ganze Menschheit fühlendes

Frankreich gegeben. Es scheint, dass ein solches Frankreich nach und

nach wieder aus der Erniedrigung hervorgehen wird, die, wenn sie auch

nichts anderes gutes mit sich führte, wenigstens allen edel strebenden

Geistern aufs neue die Richtung nach der Wirklichkeit hin gegeben hat.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 39 / 110 题