Ich hielt mich zur Zeit der deutsch-französischen Kriegserklärung in
London auf und da ich das Glück hatte, dort mit einigen unparteiischen
Männern von grosser politischer Einsicht zu verkehren, ahnte ich früher
als meine französischen Bekannten all' das Missgeschick, das der
Krieg über Frankreich bringen würde. Bei meiner Rückkehr nach Paris
war man dort voller Hoffnung und Zuversicht, ja man legte bekanntlich
sogar einen Uebermuth an den Tag, der jeden Fremden unheimlich
berühren musste. Dieser Uebermuth wurde jedoch nicht von den Männern
der Wissenschaft getheilt. Noch war es zu keiner Schlacht gekommen;
aber schon die Nachricht von dem Selbstmord Prévost-Paradol's in
Nordamerika hatte einen Jeden, der ihn kannte und es wusste, wie genau
die Vorbereitungen und Hilfsquellen Frankreichs dem Verfasser von
»La France nouvelle« bekannt seien, mit den peinlichsten Vorgefühlen
erfüllt. Denn Niemand bezweifelte, dass er, wenn auch nach einem
Fieberanfall, so doch mit vollem Bewusstsein und vollem Vorsatz Hand
an sich gelegt habe. Dass er nicht einfach sein Abschiedsgesuch als
Gesandter eingab, hatte -- so schien es -- darin seinen Grund, dass
er allzu stolz war, um überhaupt jemals einen Irrthum einzuräumen;
er that es nicht einmal in einem Wortwechsel; und jetzt hatte
er den dreifachen Irrthum begangen: an die Aufrichtigkeit der
konstitutionellen Bestrebungen des Kaisers zu glauben, den Posten
als Gesandter in Washington zu suchen und endlich diesen Posten
nicht sogleich aufzugeben, als die hässliche Komödie der allgemeinen
Abstimmung im Mai bewies, was die konstitutionellen Velleitäten des
Kaisers zu bedeuten hatten. Jetzt kam die Kriegserklärung, die ihm
mit dem Untergang Frankreichs gleichbedeutend vorkam, und er zog den
Tod einer Stellung vor, in der er nicht verbleiben konnte, und aus
welcher er sich nicht ohne eine Demüthigung, die ihm schlimmer als
der Tod war, zu ziehen vermochte. Aber dieser einsame Pistolenschuss,
der über den Ocean als ein Signalschuss der vielen Hunderttausende
schrecklicher Salven ertönte, erschütterte alle die Jugendfreunde
und Genossen Prévost-Paradol's. Taine, der eine kurze Reise nach
Deutschland gemacht hatte um Materialien für einen Aufsatz über
Schiller zu sammeln, der durch den Krieg vereitelt wurde, war durch
den Gedanken an das Bevorstehende schmerzlich bewegt. »Ich komme eben
aus Deutschland«, sagte er, »und habe mit so vielen arbeitsamen,
zum Theil ausgezeichneten Männern gesprochen. Wenn ich bedenke, wie
viel Mühe es kostet, ein Menschenkind zu gebären, es zu pflegen, zu
erziehen, zu unterrichten und auszustatten, wenn ich ferner bedenke,
wie viele Kämpfe und Beschwerden es selbst aushalten muss, um sich für
das Leben vorzubereiten, und dann erwäge, wie alles dieses jetzt als
ein Haufe blutigen Fleisches in eine Gruft geworfen werden soll, wie
kann ich dann anders als trauern! Mit zwei Regenten von der Art Louis
Philippe's hätten wir dem Krieg entgehen können; mit zwei _Capitaines_,
wie Bismarck und Louis Napoleon, war er nothwendig«. Er war damals der
erste Franzose, den ich die Möglichkeit der deutschen Ueberlegenheit in
Betracht ziehen hörte.
Dann kamen Schlag auf Schlag die ersten Nachrichten von grossen
Niederlagen, nur gleich nach der Botschaft von der Schlacht bei
Weissenburg durch falsche Siegesgerüchte unterbrochen. Düster und
traurig war die Stimmung der Stadt an den Tagen, als die Proklamationen
an den Strassenecken von geschlagenen Heeren und verlorenen Schlachten
erzählten, aber fürchterlicher noch war die Stimmung in Paris an jenem
6. August, da die erste Hälfte des Tages in tollem Siegesrausche, die
andere Hälfte in verschämter Abspannung verging -- wie gross würde
erst die Beschämung gewesen sein, wenn man von der in derselben Stunde
gelieferten Schlacht bei Wörth etwas geahnt hätte! Als sich am frühen
Morgen die Nachricht von einem grossen gewonnenen Siege verbreitete,
bedeckte ganz Paris sich mit Fahnen; alle Leute gingen mit kleinen
Flaggen an dem Hut; alle Pferde hatten kleine Flaggen an der Stirn. Ich
sass vor einem Café dem Hôtel de Ville gegenüber und betrachtete die
mit Hunderten von Fahnen geschmückten Häuser des Platzes, als plötzlich
durch das Fenster eines mir nahen Hauses eine Hand sich zeigte, die
eine herausgestellte Fahne zurückzog. Ich werde nie diese Hand und
diese Bewegung vergessen. So gering der Vorgang war, er machte mich
stutzig, denn diese Hand hatte etwas so trauriges, so enttäuschtes
in ihrer Bewegung, dass mir augenblicklich der Gedanke kam: Die
Siegesnachricht muss falsch sein! ... Bald zeigten sich ringsum in den
Fenstern Hände, die Fahnen hereinzogen, und in einer Viertelstunde war
der ganze Flaggenschmuck wie weggeweht: Wie nackt die Häuser aussahen!
Eine Proklamation der Regierung hatte eben erklärt, »dass heute
durchaus nichts vom Kriegsschauplatz verlaute und dass die Polizei auf
den Spuren der Verbreiter falscher Nachrichten sei, um sie strengstens
zu bestrafen«. Die Verbreiter falscher Nachrichten! Als ob nicht die
hungernde Phantasie und die schmachtende Sehnsucht der grossen Stadt
die einzigen Schuldigen wären!
Ungefähr eine Woche später, am 12. August, traf ich Renan, der vor der
festgesetzten Zeit vom hohen Norden zurückgekommen war. Er fasste meine
Hand und drückte sie mit beiden Händen. Ich habe ihn nie so bewegt
gesehen. Drauf nahm er meinen Arm und ging eine volle Stunde mit mir
Strasse auf Strasse ab. Er war verzweifelt, dies triviale Wort ist
das einzig passende. Er war ausser sich vor Erbitterung. »Nie«, sagte
er, »wurde ein unglückliches Volk so wie das unsrige von Dummköpfen
regiert. Man sollte glauben, dass der Kaiser einen Anfall von Wahnsinn
gehabt hätte. Aber er ist von den verächtlichsten Schmeichlern
umringt; ich kenne hohe Offiziere, die es sehr wohl wussten, dass die
preussischen Kanonen unsere gepriesenen Mitrailleusen übertreffen,
die es aber dem Kaiser zu sagen nicht wagten, weil er sich mit diesen
Sachen selbst beschäftigt, ein bischen an den Entwürfen gezeichnet
hat, was in der offiziellen Sprache so ausgedrückt wird, dass er der
Erfinder des Geschützes ist. Nie war so wenig Kopf (_si peu de tête_)
in einem Ministerium des Kaisers; er hat es selbst eingesehen; ich
kenne Jemand, dem er es gesagt hat, und dann führt er Krieg mit solch
einem Ministerium. Hat man jemals solche Tollheit gesehen, ist es
nicht herzzerreissend? Wir sind ein Volk, das für lange Zeiten aus dem
Sattel geworfen ist. Und nun zu denken, dass alles, was wir Männer
der Wissenschaft in fünfzig Jahren aufzubauen bestrebt waren, mit
einem Schlage zusammengestürzt ist, die Sympathien zwischen Volk und
Volk, das gegenseitige Verständniss, das fruchtbare Zusammenarbeiten.
Wie tödtet ein solcher Krieg die Wahrheitsliebe! Welche Lüge, welche
Verläumdung des einen Volkes wird nun nicht auf's neue in den nächsten
fünfzig Jahren mit Begierde von dem andern geglaubt werden und sie für
unüberschauliche Zeiten von einander trennen! Welche Verzögerung des
europäischen Fortschritts! In hundert Jahren werden wir nicht wieder
aufführen können, was diese Menschen an einem Tage heruntergerissen
haben«. Mehr als irgend einen andern musste die Spaltung der beiden
grossen Nachbarn Renan schmerzen, der in Frankreich so lange als
Vertreter der deutschen Bildung gestanden hatte. Niemand konnte sich
auch mit grösserer Dankbarkeit über die deutsche Kultur aussprechen als
Renan. Einer seiner Lieblingswendungen war: »Es gibt nichts, das so
viel bergen kann, wie ein deutscher Kopf«. Er stellte in Abrede, dass
die Deutschen als Volk von irgend einer Rechtsidee beseelt seien, er
schien sie persönlich wenig zu mögen, aber von ihrer hohen Intelligenz
sprach er immer mit Achtung. Nur schrieb er den Süddeutschen in jeder
anderen Richtung als der administrativen, eine weit höhere Begabung
als den Norddeutschen zu, eine Auffassung, die von der Mehrheit der
gebildeten Franzosen getheilt wird. Das Verhältniss erscheint ihnen
analog dem, welches zwischen den Piemontesen und den übrigen Italienern
besteht.
Bekanntlich hat man des öfteren behauptet, Renan hätte alles den
Deutschen, vornehmlich Strauss zu verdanken. Wer mit dem letzteren nur
einigermassen vertraut ist, wird die Unrichtigkeit dieser Behauptung
erkennen. Ist doch er es vielmehr, der in seiner späteren Zeit sich
in Bezug auf Form und Charakter der Darstellung stark von Renan
beeinflussen liess. Die zweite Auflage von Strauss »Leben Jesu« hat
offenbar an dem entsprechenden Werke Renans ihr Vorbild.
Renan erzählte von seiner Reise. »Wir waren in Bergen, als die erste
zweideutige Nachricht über den drohenden Krieg uns von Frankreich
zukam. Keiner von uns wollte die Sache für möglich halten. Der Prinz
und ich sahen einander an. Er, der einen so seltenen und scharfen
Verstand hat, sagte nur: »Das können sie nicht!« und gab Befehl, dass
wir weiter reisen sollten. Wir segelten nach Tromsöe. Als wir dahin
kamen, lagen da zwei Depeschen an den Prinzen, eine von seinem Sekretär
in Paris und eine andere von Emile Ollivier mit diesen Worten: _Guerre
inévitable!_ Wir hielten einen kurzen Rath, aber so unsinnig kam uns
die Sache vor, nachdem Leopold von Hohenzollern seine Kandidatur
zurückgezogen hatte, so unmöglich schien uns dieser Vorwand, der ganz
Europa und besonders ganz Deutschland gegen uns aufhetzen musste, und
endlich -- so grosse Lust hatten wir, nach Spitzbergen zu segeln und
'das grosse Eis' zu sehen, dass wir uns entschlossen, am nächsten
Morgen aufzubrechen. Wir gingen zu Bett. Mein Zimmer lag neben dem des
Adjutanten des Prinzen. Am frühen Morgen höre ich den Kammerdiener
mit einer Depesche den Adjutanten wecken. Ich stand auf, wir gingen
an Bord, das Schiff setzte sich in Bewegung, und Sie können sich mein
Erstaunen denken, als ich sah, dass es gegen Süden ging. Der Prinz sass
verzweifelt und stierte vor sich hin. Die ersten Worte, die er sagte,
waren: '_Voilá leur dernière folie, ils n'en feront pas d'autres_'. Er
ist Prophet gewesen, es wird ihre letzte Tollheit sein. »Ich selbst«,
fügte Renan hinzu, »war derselben Ansicht. Ich wusste, wie schlecht
wir vorbereitet waren, aber dass es so schnell gehen würde, wer hätte
das geahnt! Sagen Sie nicht, dass wir noch siegen können. Wir werden
nie mehr siegen, wir haben nie unter diesem Kaiser auf entschiedene
Weise Völkerschaften besiegt, deren Ueberwindung als eine glückliche
Vorbedeutung gelten kann, wenn von Preussen die Rede ist. Die Araber
sind die schlechtesten Taktiker der Erde«. Mehr als ein Mal brach er
aus: »Hat man jemals so etwas gehört! Armer Prinz! Armes Frankreich!«
Er war so heftig, dass er sich in Flüchen über alle die leitenden
Männer erschöpfte, die nach seiner diesmal sehr wenig _nuancirten_
Auffassung alle zusammen Schwachköpfe oder Schufte seien: »Was ist
dieser Palikao? ein Dieb, ein erklärter Dieb, dem alle guten Häuser
verschlossen sind, und weiss nicht alle Welt von Jérôme David, dass er
ein Verbrecher, ein Mörder ist, der nur durch Flucht in's Ausland sich
einer Strafe wegen Todschlags entzogen hat! Und in den Händen solcher
Menschen liegt unser Schicksal!«
Ich sah Thränen in seinen Augen und sagte ihm Lebewohl. Ich habe ihn
seit dem Tage nicht wiedergesehen. Er gewann schnell seine Ruhe und
seine Herrschaft über den Schmerz zurück. Aber in jenen Augenblicken
war Renan ein anderer, als da er schrieb: »Der Gelehrte ist Zuschauer
im Weltall. Er weiss, dass die Welt ihm nur als Studiengegenstand
gehört, und selbst wenn er sie bessern könnte, würde er sie vielleicht
so anziehend finden, wie sie ist, dass er die Lust dazu verlöre«.
Vollständig ernst hat Renan wohl nie diese kühlen und theilnahmlosen
Worte gemeint; wenn aber doch, so durchlebte er im Jahre 1870
Gemüthsbewegungen, während derer sie für ihn keinen Sinn mehr hatten.
In einem alten Buche »Die französische Aesthetik unserer Tage« habe ich
zu schildern versucht, welchen demoralisirenden Einfluss während des
zweiten Kaiserthums das Leben unter der Herrschaft und dem Druck des
_fait accompli_ auf die französischen Gelehrten ausübte. Eine Neigung
zum Quietismus und Fatalismus, zum Gutheissen alles einmal Vollbrachten
kennzeichnet unter Napoleon III. die französische Geisteswissenschaft
überhaupt. Spuren dieses Einflusses merkte man überall im geselligen
Leben, in den Gesprächen. Die völlige Freiheit von Enthusiasmus war
mit Bildung und Reife fast synonym geworden. Ein junger Fremder
hatte täglich Gelegenheit, über die Zurückhaltung und die Passivität
selbst der Besten sich zu wundern, sobald die Rede auf irgend ein
praktisches Ziel kam, und ich erinnere mich, dass ich eines Abends im
Mai 1870, missmuthig nach Hause gekommen, in mein Notizbuch schrieb:
»Es gab einmal ein anderes Frankreich«. Es hatte doch einmal ein
waches, begeistertes, poetisches, für die ganze Menschheit fühlendes
Frankreich gegeben. Es scheint, dass ein solches Frankreich nach und
nach wieder aus der Erniedrigung hervorgehen wird, die, wenn sie auch
nichts anderes gutes mit sich führte, wenigstens allen edel strebenden
Geistern aufs neue die Richtung nach der Wirklichkeit hin gegeben hat.