Renan stand im Vorsommer 1870 in Begriff, eine Reise nach Spitzbergen
in Begleitung des Prinzen Napoleon anzutreten. Kurz vor dieser Reise
sprach er eines Tages von Politik. »Sie können«, sagte er, »den Kaiser
vollständig durch seine Schriften kennen lernen.[23] Er ist ein
Journalist auf dem Thron, ein Publicist, der immer die öffentliche
Meinung ausfragt. Da seine ganze Macht auf ihr beruht, braucht er trotz
seines geringeren Gehalts mehr Kunst als Bismarck, der sich über alles
hinwegsetzen kann. Bis jetzt ist er nur körperlich, nicht geistig
geschwächt, aber er ist äusserst vorsichtig geworden (_extrêmement
cauteleux_) und hat ein Misstrauen in sich selbst, das er früher nicht
kannte«. Renan urtheilte über Napoleon ungefähr wie Sainte-Beuve in dem
bekannten nach seinem Tode herausgegebenen Fragment über »Das Leben
Cäsars«, in welchem er die Cäsaren »zweiter Classe« schildert, jene die
»im Purpur oder neben dem Purpur geboren« sind und »etwas Gequältes,
Ausgearbeitetes, Fabricirtes« an sich haben. Ollivier, den Renan schon
sehr lange kannte und der eben in jenen Tagen seine kurze Rolle als
anscheinend constitutioneller Premierminister spielte, beurtheilte er
mit Strenge. Er sagte: »Er und der Kaiser passen vorzüglich zusammen.
Sie sind geistig verstanden Verwandte, sie haben dieselbe Art von
ehrgeiziger Mystik, sind so zu sagen durch die Chimäre verschwägert«.
Schon im Jahre 1851 hatte Ollivier oft zu Renan gesagt: »Sobald ich ans
Ruder komme, sobald ich Premier-Minister werde ....«
Wenn ich nun in diesen Gesprächen mit meinem damaligen einfachen
politischen Grundgedanken, der Nothwendigkeit des Schulzwangs,
des unentgeltlichen oder doch äusserst billigen Unterrichts auch
für Frankreich, hervorrückte, einem Gedanken, den ich überall zu
vertheidigen Anlass hatte und der überall wie eine Ungereimtheit oder
eine alte längst aufgegebene Schrulle behandelt wurde, war Renan
nach meinen Vorstellungen so paradox, dass ich kaum an seinen Ernst
glauben konnte. Seine Argumente haben besonders deswegen Interesse,
weil man sie (nur in anderer Form) allenthalben in Frankreich von den
Männern des zweiten Kaiserreichs vorbringen hörte. Renan behauptete
erstens, gezwungener Unterricht sei eine Tyrannei. »Ich habe selbst«,
sagte er »ein kleines Kind, das gebrechlich ist. Wie despotisch,
es von mir zu nehmen, um es zu unterrichten!« Ich entgegnete, dass
es durch das Gesetz Ausnahme gäbe. »Dann würde Niemand die Kinder
in die Schule schicken«, antwortete er. »Sie kennen nicht unsere
französischen Bauern. Sie würden sich nie was daraus machen. Lassen
Sie sie die Erde bauen und ihre Steuern zahlen oder geben Sie ihnen
ein Gewehr in die Hand und einen Sack auf den Rücken, und sie sind
die besten Soldaten der Welt. Aber was für die eine Race passt,
passt für die andere nicht. Frankreich ist kein Land wie Schottland
oder Skandinavien; die puritanischen und germanischen Gewohnheiten
finden hier keinen Boden. Frankreich ist z. B. kein religiöses Land
und jeder Versuch, es dazu machen zu wollen, wird scheitern. Es ist
ein Land, das zwei Sachen hervorbringt; was gross und was fein ist
(_du grand et du fin_). Die respektable Mittelmässigkeit wird nie
hier gedeihen. In diesen zwei Worten ist das ideale Bedürfniss der
Bevölkerung ausgedrückt; im Uebrigen will sie nur eins, sich amüsiren,
durch Vergnügungen empfinden, dass sie lebt. Und endlich, glauben Sie
mir, es ist meine feste Ueberzeugung, dass der elementare Unterricht
geradezu ein Uebel ist. Was ist ein Mensch, der lesen und schreiben
kann, ich meine: ein Mensch, der nicht mehr als lesen und schreiben
kann? Ein Thier, ein dummes und _eingebildetes_ Thier. Geben Sie den
Menschen einen Unterricht von 15 bis 20 Jahren, wenn Sie es können,
sonst Nichts! Was dazwischen liegt, ist so fern davon, sie klüger zu
machen, dass es nur ihre liebenswürdige Natürlichkeit, ihren Instinkt,
ihre gesunde Vernunft verdirbt, und sie unerträglich macht. Gibt es
etwas Schlimmeres, als von Seminaristen regiert zu werden? Die einzige
Ursache, warum wir uns jetzt mit dieser Frage beschäftigen müssen, ist,
weil dieser Haufen Gassenbuben (_ce tas de gamins_) uns zu seiner Zeit
das allgemeine Stimmrecht aufzwang. Nein, seien wir darüber einig,
dass nur bei den Hochgebildeten die Bildung ein Gutes ist und dass die
Halbgebildeten nur wie unnütze und hochmüthige Affen zu betrachten
sind«. Ich sprach von Dezentralisation, davon, die Provinzialstädte,
Lyon z. B. zu heben. »Lyon«, brach er in vollem Ernste aus, »es würde
doch wohl Niemanden einfallen, die Provinzial-Hauptstädte zu geistigen
Brennpunkten zu machen, sie kämen sogleich unter die Bischöfe«. »Nein«,
fügte er mit drolliger Ueberzeugung hinzu, »in solchen Städten wird
man nie etwas anderes als Dummheiten machen«. Man wird nach diesen
Aeusserungen des Mannes in Frankreich, der mehr als irgend ein anderer
für eine Reform des höheren Unterrichtswesens gekämpft hat, vielleicht
besser verstehen, warum da zu Lande die Gleichgültigkeit der Liberalen
Hand in Hand mit dem Eifer der katholischen Geistlichkeit ging,
wenn die Rede davon war, jener Unwissenheit der niedrigeren Klassen
abzuhelfen, die sich später so gefährlich für die äussere und innere
Sicherheit des Landes zeigte. Der alte Philarète Chasles, der doch
wahrlich kein Chauvinist war, machte sich eines Abends im Mai 1870 bis
zu dem Grad über mein Vertrauen in die wirksame Kraft des gezwungenen
Unterrichts lustig, dass er ihn mein _Revalenta arabica_ nannte und
behauptete, ich hoffe, durch ihn das Menschengeschlecht für alle Zeiten
glücklich zu machen. Auch er fragte mich, ob ich nicht meinte, dass
die Bauern ohne Schulmeister hinlänglich gute Familienväter und gute
Soldaten seien. Der Krieg lehrte bald diese Männer, dass es eine bis
dahin nicht genug beachtete Stärke des Soldaten ist, dass er lesen und
schreiben kann. Merkwürdig war es aber, zu sehen, wie Ideen, von denen
man versucht war, sie ausschliesslich der katholischen Geistlichkeit
zuzuschreiben, wie z. B. diese Idee von der unbedingten Schädlichkeit
unvollständiger Kenntnisse, nach und nach eine solche Autorität in
einem von dem Katholizismus durchdrungenen Lande gewonnen hatten, dass
sie mit einer geringen Formveränderung selbst die ausgesprochensten,
entschiedensten Gegner des katholischen Glaubens beherrschten.
Eine andere, ebenso interessante Anwendung der Renan'schen Lehre:
dass, was in Deutschland oder im Norden gut sei, nicht desshalb für
Frankreich tauge, hörte ich eines Tages -- Renan selbst war nicht
zugegen -- in seinem Landhaus in Sèvres. Das Gespräch fiel auf die
französische Convenienzehe. Seine Gattin, eine geborene Deutsche,
die Tochter des Malers Henri Scheffer, die jedoch ganz von seinen
Ideen durchdrungen war, vertheidigte die französische Weise, auf eine
Verabredung zwischen dem Freiwerber und den Eltern hin, nach ganz
wenigen pflichtschuldigen Besuchen die Hochzeit zu halten. »Diese Weise
die Ehen zu schliessen«, sagte sie, »würde nicht existiren, wenn sie
nicht ihren guten Grund hätte. Obwohl in Frankreich erzogen, habe ich,
die ich deutsch geboren bin, mich nicht so verheirathet. So oft man
mir vorschlug, einen Freier in Augenschein zu nehmen, erklärte ich ihn
nicht sehen zu wollen; schon dass er als Freier kam, war genug, um ihn
in meinen Augen abscheulich zu machen. Ich habe meinen Mann viele Jahre
vor unserer Verheirathung gekannt. Wer kann aber etwas einwenden, wenn
man sieht, wie ich es bei so vielen unserer Freunde gesehen habe --
sie nannte diesen und jenen -- dass man eine Woche vor der Hochzeit
einander vorgestellt worden, und dass eine solche Ehe sich glücklich
und befriedigend für beide Parteien gestaltet hat!«
Während ich in diesen Worten halbwegs eine Ausflucht sah, um
nicht die Verhältnisse naher Freunde beurtheilen zu müssen,
halbwegs ein Anzeichen der französischen Eigenschaft, jede
Nationaleigenthümlichkeit, wie unglücklich sie auch sei, als
unabänderliches Racenmerkmal darstellen zu wollen, legte ein
Anwesender, einer der vorurtheilsfreiesten französischen Schriftsteller
seine Hand auf den Kopf seiner kleinen Tochter, eines Kindes von zwei
Jahren und sagte: »Sie meinen also, ich sollte mein kleines Mädchen
dem ersten besten Manne geben, der, ohne sich an uns, ihre Eltern zu
wenden, sich ihr Herz erschleichen könnte. Erinnern Sie sich doch, wie
gross die Unerfahrenheit eines jungen Mädchens ist, vergessen Sie doch
nicht die Beschaffenheit der wirklichen Welt, nicht, welche Schufte es
gibt, nicht, welche Vorzeit, welche Krankheiten, welche bestialischen
Neigungen ein junger Mann haben kann, Eigenschaften, die das Auge eines
Vaters ahnt, deren Anwesenheit aber das unschuldige Gemüth eines jungen
Mädchens nicht für denkbar halten kann oder darf. Die Welt ist ein
Feind. Sollte ich denn nicht nach Kräften meine kleine Tochter gegen
den Feind vertheidigen? Wenn einmal in fünfzehn Jahren sich Freiwerber
für sie anmelden, so wollen wir, wenn wir bis dahin am Leben sind,
uns solcherweise betragen: wir werden die aussondern, die nicht in
Betracht kommen können entweder wegen ihrer bürgerlichen Stellung oder
wegen moralischer oder körperlicher Schwächen, wir werden eine Auslese
(triage) unternehmen, und erlauben dann im Uebrigen, wie alle Eltern,
dem jungen Mädchen, zu wählen, wie es will«. Als Voraussetzung dieser
Betrachtungsweise muss man sich der abgesperrten Erziehung der Töchter
in dem Kloster oder in der Pension erinnern. Mit dieser -- selbst
wenn jede Rücksicht auf die grössere Feurigkeit und Sinnlichkeit der
romanischen Nationen genommen wird -- ungereimten Voraussetzung vor
Augen, wird die gezogene Folgerung vielleicht vernünftig.