I.

In ganz jungen Jahren hatte ich mich von Renan's Werken zurückgestossen

gefühlt; er ist überhaupt kein Schriftsteller für die Jugend. Sein

»Leben Jesu«, das mir zuerst in die Hände fiel, ist ausserdem wohl

sein schwächstes Werk; seine Sentimentalität, eine hier bisweilen

störend hervortretende Salbung, dieser letzte Rest einer priesterlichen

Erziehung, alles das, was einem Jüngling entweder weichlich oder

unecht erscheinen musste, liess mich nicht zur gerechten Würdigung

seiner grossen schriftstellerischen Eigenschaften kommen. Jener erste

Eindruck hatte sich später verloren; die schöne Sammlung »Études

d'histoire religieuse« hatte meine Augen für das fast weibliche

Feingefühl geöffnet, das nur einem jugendlichen, noch spröden Geist

wie dem meinen, oder einer revolutionären, ungeduldigen Jugend wie der

des heutigen Italien, als etwas Unmännliches erscheinen kann, und ich

fand es ganz natürlich, dass er, den man mit Recht »den Furchtsamsten

unter den Kühnen« genannt hat, sich nicht ohne Wehmuth über seine

Ausnahmestellung aussprach: »Die schlimmste Qual, durch welche der

Mann, der sich zu einem Leben im Gedanken durchgekämpft hat, für seine

Ausnahme-Stellung büsst, ist die, aus der grossen religiösen Familie,

der die besten Seelen der Erde gehören, sich ausgeschlossen zu sehen,

und von den Wesen, mit denen er am liebsten in geistiger Vereinigung

leben möchte, als ein verderbter Mensch betrachtet zu werden. Man muss

seiner selbst sehr sicher sein, um nicht erschüttert zu werden, wenn

die Frauen und die Kinder die Hände falten und einem sagen: O glaube

wie wir!«

Ich hatte mich jedoch in der Annahme geirrt, dass etwas von diesem

elegischen Ton in Renan's alltäglicher Redeweise durchklänge. Der

Grundzug seiner Unterhaltung war eine vollständige geistige Freiheit,

die grossartige Flottheit des genialen Weltkindes. Der Nerv seiner

Worte war eine so unbegrenzte Verachtung der Menge und des Haufens,

wie ich sie nie früher bei Jemanden getroffen hatte, der weder

Menschenhass noch Bitterkeit spüren liess. Schon das erste Mal, da

ich ihn sah, führte er das Gespräch auf die menschliche Dummheit; er

sagte, augenscheinlich um dem jüngeren Commilitonen Gemüthsruhe in

den kommenden Stürmen des Lebens einzuflössen: »Die meisten Menschen

sind gar nicht Menschen, sondern Affen«, aber er sagte es ohne Zorn.

Géruzez's Wort fiel mir ein: _L'âge mûr méprise avec tolérance_. Man

spürt diese ruhige Verachtung in seinen Vorreden; sie erhielt viele

Jahre später einen dichterischen Ausdruck in seiner Fortsetzung von

Shakespeare's »Der Sturm«; aber in seinem Aufsatze über Lamennais hat

er sie fast definirt. Er schreibt hier: »Es findet sich bei Lamennais

allzu viel Zorn und nicht genug Verachtung. Die literarischen Folgen

dieses Fehlers sind sehr ernst. Der Zorn hat Declamation, Plumpheit,

oft grobe Injurien zur Folge, die Verachtung dagegen bringt fast

immer einen feinen und würdigen Stil hervor. Der Zorn hat das

Bedürfniss, sich getheilt zu fühlen. Die Verachtung ist eine feine und

durchdringende Wollust, die der Theilnahme Anderer nicht bedarf; sie

ist diskret, sich selbst genug«.

Die Gesprächsweise Renan's hatte einen gewissen Schwung, etwas

Lebhaftes und Ueberströmendes, ohne welches Niemand bei den Franzosen

zu dem Lobe kommt, das in Paris immer Renan ertheilt wird, in Verkehr

und Gespräch »charmant« zu sein. Von dem Feierlichen, das sein Stil

oft hat, war in seiner mündlichen Form nichts übrig. Er hatte gar

nichts Priesterartiges und gar nichts von dem Pathos eines Märtyrers

des freien Gedankens. Er leitete gern eine Einwendung mit seinem

Lieblingsausruf _Diable!_ ein, und war so weit entfernt, bittere

und elegische Töne anzuschlagen, dass sein Gleichgewicht eher etwas

olympisch Heiteres hatte. Wer die kindisch gehässigen Angriffe kannte,

denen er täglich von orthodoxer Seite ausgesetzt war, und wer wie

ich in dem Journalistenkreise Veuillot's Zeuge gewesen war, wie man

dazwischen schwankte, ob das Aufgeknüpft- oder das Erschossenwerden

die gerechte Strafe für seine Ketzerei sei, dem lag es nahe, zu

fragen, ob Renan nicht recht viel für seine Ueberzeugung ausgestanden

habe. »Ich«, lautete die Antwort, »nicht das Geringste. Ich verkehre

nicht mit Katholiken, ich kenne nur einen; wir haben nämlich einen

in der _Académie des inscriptions_, und wir sind sehr gute Freunde.

Die Predigten, die gegen mich gehalten werden, höre ich nicht; die

Broschüren, die gegen mich geschrieben werden, lese ich nicht. Welchen

Schaden sollten sie mir denn zufügen?« Nach Renan's Ansicht würden die

gläubigen Katholiken Frankreichs ungefähr ein Fünftel der Bevölkerung

ausmachen und diese seien weit fanatischer als die katholischen

Orthodoxen anderswo, weil der Katholizismus in Spanien und Italien fast

als Gewohnheitssache zu betrachten sei, während er in Frankreich durch

die intelligente Opposition gereizt werde.

Ich fand Renan im Juni 1870 durch die Begebenheiten in Rom sehr

erheitert. »Man sollte Pius IX. eine Statue errichten«, sagte er, »er

ist ein ausserordentlicher Mann. Seit Luther hat Niemand der religiösen

Freiheit so grosse Dienste geleistet wie er. Er hat die Sachen um

dreihundert Jahre gefördert. Ohne ihn hätte der Katholizismus wie in

einem geschlossenen Raum mit seinem Spinngewebe und seinem dicken

Staub sich sehr gut noch dreihundert Jahre unverändert erhalten

können. Jetzt lüften wir aus, und Jedermann sieht, dass der Raum leer

ist, und nichts darin steckt«. Er hatte die Furcht gehegt, dass man

während der Verhandlungen über die Unfehlbarkeit des Papstes noch im

letzten Augenblick irgend ein Kompromiss abschliessen würde, durch

welches Alles faktisch so bliebe, wie es sei; diese Möglichkeit war

aber eben in jenen Tagen verschwunden, und es liess sich voraussehen,

dass man keine Konsequenz scheuen werde, nicht einmal die von Renan

angenommene, dass man eine ähnliche Zersplitterung innerhalb des

Katholizismus hervorbringe wie die, in welcher der Protestantismus

sich befindet. Es hat sich gezeigt, dass die Politik der katholischen

Kirche richtiger war, als ihre Gegner im ersten Augenblick meinten.

Die eingetretene Spaltung ist weder tief noch bedeutend gewesen und

zu einer Zersplitterung, die sich nur annähernd mit dem Sektenwesen

des Protestantismus vergleichen liesse, ist nicht die geringste

Aussicht vorhanden. Renan, der am meisten an Frankreich dachte, hoffte

aber besonders, dass der französische Bürgerstand, der seit der

Februarrevolution sich ganz in die Arme der Kirche geworfen hatte, und

mit unruhigen Blicken dem kulturfeindlichen Auftreten der päpstlichen

Macht zuschaute, endlich die Augen aufmachen werde.

In dem schönen, gediegenen Roman »Ladislaus Bolski« hat Victor

Cherbuliez einen milden Spott mit gewissen Lieblingstheorien Renan's

getrieben, indem er dem gutmüthigen aber zum Handeln ganz unfähigen

Mentor des Helden die Renan'schen Lehren von der zarten Natur der

Wahrheit und von der daraus fliessenden Nothwendigkeit, nur mit der

äussersten Vorsicht und Umsicht sich ihr zu nähern, in den Mund

gelegt hat. George Richardet glaubt wie Renan, dass es überall auf

die Nuance ankommt, dass die Wahrheit nicht einfach weiss oder

schwarz, sondern eine Schattirung ist, und scheitert daran, dass

man nicht in Schattirungen handeln kann. George Richardet will im

Leben die Idee verwirklichen, die Renan an einer Stelle unter vielen

so ausgedrückt hat: »Man könnte ebenso gut ein geflügeltes Insekt

mit einer Keule zu treffen versuchen, als mit den groben Klauen des

Syllogismus die Wahrheit in einer Geisteswissenschaft fassen wollen.

Die Logik ergreift die Nuancen nicht, aber die moralischen Wahrheiten

beruhen ganz und völlig auf Nuancen. Es nützt deswegen nichts mit der

plumpen Gewaltsamkeit eines wilden Schweines sich auf die Wahrheit

loszustürzen; die flüchtige und leichte Wahrheit entschlüpft und

man verliert nur seine Mühe«. Wer mit Renan's schriftstellerischer

Wirksamkeit vertraut ist, weiss, wie vollständig dieser Gedanke ihm

gegenwärtig ist, wenn er schreibt. Wenn er aber spricht, wo sind

dann seine lieben Nuancen! Während Taine, der in seinen Schriften

so derb ist, im Gespräch unaufhörlich moderirt und dämpft, sich

nur von den strengsten Gerechtigkeits- und Billigkeitsrücksichten

leiten lässt, geht Renan, wenn er spricht, zum äussersten und ist

durchaus nicht der Ritter der Nuance. Nur in einem Punkte waren sie

beide gleich entschieden in ihren Ausdrücken. Das war, wenn das

Gespräch auf jene spiritualistische Philosophie Frankreichs kam,

die ihre Stärke in ihrer Allianz mit der Kirche und ihrer Erhebung

zur officiellen Staatsphilosophie gesucht hat, die ursprünglich das

Herz der Familienväter dadurch gewann, dass sie Dogmen und Tugend in

ihrem Schilde führte und die statt der Entdeckung neuer Wahrheiten

die Versehung des ganzen Landes mit guten Sitten als Frucht ihrer

wissenschaftlichen Fortschritte versprach. Sie hatte ja damals noch

alle Lehrstühle Frankreichs inne. In der Sorbonne war sie von Janet und

Caro vertreten, von welchen Janet als der feinere und geschmackvollere

Geist die Gegner zu verstehen und ihnen gerecht zu sein bestrebt war,

während Caro (Bellac in Pailleron's »_Le monde, où l'on s'ennuie_«)

als ächte Mittelmässigkeit mit priesterlichen Armbewegungen und

kräftigen Schlägen gegen seinen breiten Brustkasten, durch Appelliren

an die Freiheit des Willens und den Glauben an Gott, den Beifall der

Zuhörer errang. Für Renan, der doch in einem so eleganten Essay Cousin

als Redner und Schriftsteller gelobt hat, war die ganze eklektische

Philosophie mündlich nur »offizielle Suppe«, »Kinderbrei«, »Produkt

der Mittelmässigkeiten, für die Mittelmässigkeit berechnet«. Ja, so

hartnäckig war er in diesem Punkte, dass er, der Fürsprecher der

Nuancen, sich niemals ausreden lassen wollte, dass der Spiritualismus

unbedingt falsch sei. Für Taine dagegen hegte er eine Bewunderung, die

fast leidenschaftlich war. _Taine, c'est l'homme du vrai, l'amour de la

vérité même._ Trotz der so in's Auge springenden Verschiedenheit ihrer

Naturen -- Taine's Stil hat die Kraft eines Springbrunnens, Renan's

Stil fliesst aus der Quelle wie der Vers Lamartine's -- erklärte Renan

sich mit dem Freund in allen Hauptfragen einig. Und als ich eines

Tages einen in Paris oft erörterten Gegenstand zur Sprache brachte,

die Frage, wie weit die allgemeine Stimmung Recht habe, die immer über

Frankreichs geistigen Niedergang klagte, kam Renan wieder auf Taine

zurück: »Niedergang! was heisst das? Alles ist relativ. Ist Taine z. B.

nicht bedeutender als Cousin und Villemain zusammen? Es ist noch viel

Geist in Frankreich«, und er wiederholte mehrmals diese Worte: _Il y a

beaucoup d'esprit en France._

Wie die meisten gebildeten Franzosen war Renan ein fast

ehrfurchtsvoller Bewunderer George Sand's. Diese ausgezeichnete

Frau hatte vermocht, ihre Herrschaft über die jüngeren Generationen

Frankreichs auszudehnen, ohne deswegen ihren Jugendidealen untreu zu

werden. Einen Idealisten wie Renan gewann sie durch ihren Idealismus,

einen Naturalisten wie Taine durch die geheimnissvolle Naturmacht

ihres Wesens, der jüngere Dumas, von dem man glauben sollte, dass die

Helden und Heldinnen George Sand's, über die seine Dramen manchmal

eine bittere Kritik üben, ihm ganz besonders zuwider seien, war

vielleicht derjenige unter den nachromantischen Schriftstellern, der

ihr persönlich am nächsten stand. Dumas' Begeisterung für George Sand

war nur eine Folge seiner literarischen Empfänglichkeit überhaupt, der

Enthusiasmus Renan's war von tieferer Art. Ebenso stark wie er Béranger

hassen muss, in dem er eine Personifikation all' des Leichtfertigen

und Prosaischen in dem französischen Volkscharakter sieht, und

dessen philisterhafter _Dieu des bonnes gens_ dem Herder'schen,

pantheistischen Denker und Träumer ein Dorn im Auge ist, ebenso

lebhafte Sympathien musste er naturgemäss für die Verfasserin von

»Lélia«, »Spiridion« und so vieler anderen schwärmerischen Schriften

haben.

Trotz seines weiten Blicks ist Renan jedoch in seinen literarischen

Sympathien nicht ohne nationale Beschränkung. Er hatte in einem

Gespräche über England durchaus nichts Gutes über Dickens zu sagen;

nicht einmal für Billigkeit war er gestimmt. »Der anspruchsvolle Stil

von Dickens« sagte er, »macht auf mich denselben Eindruck, wie der Stil

einer Provinzial-Zeitung«. Sein bekannter ungerechter Artikel über

Feuerbach setzt Einen weniger in Erstaunen, wenn man hört, in welchem

Grade er über die Mängel bei Dickens dessen Vorzüge übersieht. Er ist

derselbe bis zum Krankhaften entwickelte Sinn für eine klassische

und temperirte Ausdrucksweise, der Renan die humoristischen, an die

Shakespearischen Clowns gemahnenden Sonderbarkeiten in Dickens' Stil

und die leidenschaftliche Form bei Feuerbach antipathisch macht; die

geniale Manierirtheit des Engländers kommt ihm provinziell vor, die

Gewaltsamkeit des Deutschen scheint ihm einen so zu sagen tabaksartigen

Beigeschmack von der Pedanterie des studentischen Atheismus zu haben.

Er ist in seinem literarischen Geschmack Romane und Pariser, classisch

und gedämpft.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 37 / 110 题