ERNEST RENAN.

(1880.)

Ich hatte nicht die Absicht, Renan aufzusuchen, als ich die Monate

April bis September 1870 in Paris verbrachte; ich habe immer einen

wahren Schrecken davor gehabt, unter dem Vorwand der Bewunderung

berühmten Männern ihre Zeit zu rauben. Als aber Taine, der nächste

Freund Renan's, mich wiederholt aufforderte, »seinen Freund, den

Philologen« zu besuchen, fasste ich mir ein Herz und fand mich, mit

einem Empfehlungsschreiben von Taine versehen, eines Tages in dem Hause

Rue de Vannes ein, wo Renan drei Treppen hoch wohnte. Seine Wohnung

war einfach. Seit ihm der hebräische Lehrstuhl im Collége de France

genommen wurde, war er ohne jegliche feste Einnahme, und nur seine

erste populäre Schrift war sehr einträglich gewesen.

Nach den Werken und den Portraits Renan's hatte ich ihn mir ungefähr

als einen feineren Jules Simon vorgestellt, philanthropisch, milde, den

Kopf ein bischen schräg; ich fand ihn bestimmt, kurz und kühn in seinen

Aeusserungen, entschieden in seinen Meinungen; er hatte Etwas von der

Verschämtheit des Gelehrten, aber noch mehr von der Sicherheit und

Ueberlegenheit des Weltmannes. Renan war damals 47 Jahre alt. Ich sah

an dem Arbeitstisch einen kleinen, breitschulterigen, etwas gebeugten

Mann mit einem schweren grossen Kopf. Das glattrasirte Gesicht mahnte

daran, dass Renan ursprünglich zum Geistlichen bestimmt gewesen; grobe

Züge, die Haut unrein, tiefblickende, blaue Augen, die sich nur ab und

zu auf einen richteten, und ein kluger, auch im Schweigen beredter

Mund. Das unschöne aber anziehende Gesicht mit dem Ausdruck des hohen

Verstandes und des angestrengten Fleisses war von langen braunen, an

den Schläfen in's Weisse übergehenden Haaren eingefasst. Seine Person

erinnerte mich an einen Satz von ihm selbst: _La science est roturière_.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 36 / 110 题