V.

Es ist wahrscheinlich, dass ein Künstler, der bis zu seinem 24. Jahre

schon so viel hervorbrachte, im Laufe der Zeit einen weitverbreiteten

Ruf erlangen wird. Ich glaube nicht, dass es ihm gelingt, sich eine

ebenso grosse Herrschaft über die Mittel der Malerkunst zu erwerben,

wie über die der Radirkunst. Seine verschiedenartigen Versuche

bisher waren versprechend, doch nicht entscheidend. Als das, was er

vorläufig ist, d. h. als Maler-Radirer, ist er ein grosser Componist

und ein wahrer Dichter in seiner Kunst. Er scheint mir besonders darum

interessant, weil er, zu dessen Glaubensbekenntniss es gehört, kein

Nationalgefühl zu haben, er, der von dem Spanier Goya und dem Deutschen

Böcklin fast gleich tief beeinflusst ist, der mit Ausnahme von Gussow

und Menzel nur französische Malerkunst schätzt und selten ein modernes

deutsches Buch zur Hand nimmt, sondern entweder den Simplicissimus

oder moderne französische Schriftsteller wie Zola oder noch lieber

die Brüder Goncourt liest, -- dass er trotz alledem so tief national

ist. Es steckt etwas Urdeutsches in ihm, etwas von der metaphysischen

Phantastik Jean Paul's und E. Th. A. Hoffmann's (von welch' Ersterem

er ein grosser Bewunderer ist), etwas von der Innigkeit und dem tiefen

Schönheitssinn Franz Schubert's, den er spielt und liebt; und dabei

hat er doch sein eignes, weit mehr modernes Element, neue Formen für

eine neue Innigkeit, neue Ausdrücke für Sehnsucht, Wollust, Humor,

Selbstironie und das grosse melancholische Pathos. Wenn jeder Stoff,

den er berührt, sich verjüngt, wenn er Amor, den man doch Grund hatte,

lediglich als Zopf zu betrachten, von neuem lebendig und möglich

machte, so beruht dies auf der persönlichen, nervösen Art, mit der er

den Stoff anpackt; und diese Form von Nervosität kommt erst in der

letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor.

Klinger ist ein ausgezeichneter Beobachter, der treu nach der

Wirklichkeit studirt, der Mann vollendeter Beobachtung. Man sehe z. B.,

wie er in seinen schlafenden Gestalten den Schlaf studirt hat; man sehe

die Haltung und Bewegung seiner Vögel; man sehe die Geberde, mit der

Amor's und Psyche's kleiner Sohn dem Jupiter in die Stirnhaare greift.

Klinger ist sogar unbarmherzig in seiner Treue gegen die Wirklichkeit;

er erspart den Nerven des Betrachters nicht die volle Pein des

Eindrucks: oft scheint es, dass er sich gleichsam über die hergebrachte

Geziertheit und Zurückhaltung in der Darstellung des Natürlichen lustig

mache; so stark fühlt er es, dass der Künstler, wenn er sich den Normen

der guten Gesellschaft anbequemt, sowohl komischer als ernst wirkender

Effecte verlustig geht, dass ganze Stösse von seinen Zeichnungen --

darunter verschiedene, welche die Nationalgallerie in Berlin gekauft

hat -- der Oeffentlichkeit nicht vorgelegt werden können. Man muss zu

Huysmanns und Guy de Maupassant gehen, um literarische Seitenstücke zu

finden. Insofern ist er Naturalist bis in die Fingerspitzen.

Aber im Herzen ist er Pantheist. Seine Phantasie bohrt sich gleichsam

in den Mittelpunkt, von dem die schwellende Fülle des Lebens ausgeht,

schafft mit, schafft um, bildet neue Organismen, neue Fabelthiere, neue

Ausdrücke für Gefühle, neue oder erneute Sinnbilder für Glückseligkeit,

Entbehren, Schrecken und Vernichtung. Er wäre der Mann, der durch

geistvolle Illustrationen Gustave Flaubert's »Versuchung des heiligen

Antonius« zu einem anziehenden Werk machen könnte. Er hat an der Quelle

gestanden, welcher die ältesten Phantasien über die Natur entströmten,

und er hat von dieser Quelle getrunken.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 35 / 110 题