Ja, Klinger ist Dichter, ein naturanbetender, unberechenbar
phantastischer Poet, der mit der Radirnadel und dem Pinsel dichtet.
Er malt z. B. eine südliche Landschaft mit heiterer Luft, im
Hintergrunde das Meer; ein Strauch voll rother Rosen zur Linken; eine
junge, nackte weibliche Gestalt mit einem Rosenkranz um die Stirn
liegt ausgestreckt auf dem feinen, weissen Sand und stützt sich auf
den Ellbogen. Von rechts nähern sich mit steifer Gravität zuerst
ein feuerrother Flamingo, dann in einiger Entfernung zwei grosse,
barocke, breitschnäblige Vögel, die der Schönheit ihre Huldigung
darzubringen scheinen. Das ebenso vorzüglich erfundene wie schlecht
gemalte Bild trägt die Aufschrift: »Deputation«. Oder er zeichnet
einen Mephistopheles, der, in Faust's Mantel gehüllt, auf den Besuch
des Studenten wartet. Nicht eine Spur von dem traditionellen
Mephisto-Typus ist zurückgeblieben. Aber wie ist dies schöne, kluge
Gesicht unter dem Barett überlegen, raffinirt, in jeder Fiber von Hohn
durchzuckt; eine vampyrische Wollust ist in diesen Zügen. Der grosse
Spötter schlägt den warmen Pelzmantel um sich, als ob er friere. Es ist
der blutlose Vampyr, der erfahrene Weltmann, der auf die vollblütige
Unbedeutendheit, die unheilige Einfalt von der Schule wie auf seine
sichere Beute wartet.
Die letzte Reihe von Radirungen, die Klinger herausgegeben, scheinen
mir den Höhepunkt dessen zu bezeichnen, was er erreicht hat; sie haben
nur ein einziges misslungenes Blatt aufzuweisen und übertreffen an
Reife alles frühere. Der Titel ist »Eva und die Zukunft«. Es sind 6
Blätter. Eva erwacht neugeschaffen in einem Paradiesgarten, der durch
die Ueppigkeit seiner Vegetation an den Garten in Zola's »La faute de
l'abbé Mouret« erinnert. Das nächste Blatt »Die Zukunft« zeigt einen
schmalen Bergpfad zwischen zwei nackten, senkrechten Klippenwänden,
der emporführt; und zu oberst, wo wir Evasöhne und Evatöchter alle
vorbei müssen, wenn wir überhaupt vorbei kommen, -- hockt, auf die
Vordertatzen gestützt, mit granitener Ruhe ein Riesentieger und wartet,
wartet wie das unvermeidliche Entsetzen, das Jedem vorbehalten ist. Das
nächste Blatt »Die Schlange« stellt Eva nackt dar, wie sie sich brüstet
und auf den Zehen erhebt, um ihr Gesicht besser im Spiegel sehen zu
können, den die Schlange vom Baume der Erkenntniss ihr entgegenhält.
Dies Blatt gefällt mir am wenigsten; aber »Die Zukunft«, die das
Seitenstück zu »Die Schlange« bildet, ist um so viel interessanter. Es
wirkt durch etwas unaussprechlich Stimmungsvolles: ein Dämon, der Dämon
aller Versuchungen, fliesst mit einer Harpune in der Hand, seltsam
lächelnd, auf dem Rücken eines Delphins an dem Beschauer vorüber. Die
beiden letzten Blätter sind in hohem Grade fesselnd. Das eine stellt
die Vertreibung Adam's und Eva's aus dem Paradiese vor und ist betitelt
»Adam«; im Hintergrund des Gartens reiche Laubbäume und der durch ein
primitives Portal von hohen, unbehauenen Steinen, doch ohne Thorbogen,
bezeichnete Ausgang. Im Vordergrund Adam, der Eva auf seinen Armen
hinausträgt in die Welt der steinernen Wirklichkeit. Man braucht nur
angesichts dieser Radirung einen Namen zu nennen wie Gustave Doré,
um die ursprüngliche Frische Klinger's recht augenfällig zu machen;
er ist ebenso echt und ursprünglich, wie der Franzose allmälig
conventionell und theatralisch geworden ist. »Die Zukunft«, die das
Gegenstück zu diesem Blatte bildet, wird Niemand, der sie sah, so
leicht vergessen! Jean Paul gebraucht irgendwo von dem Tod den Ausdruck
»der Pflasterer«. Dieser Ausdruck gab Klinger, die Idee zu einem Bilde
in mittelalterlichem Geist, auf dem man den Knochenmann erblickt, ein
Gewimmel von schreckgelähmten Häuptern, die aus der Erde ragen, unter
sich; und während sich die sonderbaren Klauen seiner Füsse in die Haare
einiger Köpfe verwickeln und er ein Geheul des Entzückens anstimmt,
schwingt er seine kräftige Pflasterersjungfrau hoch in seinen Armen und
lässt sie mit Wonne auf die Hirnschalen hinabfallen.