IV.

Ja, Klinger ist Dichter, ein naturanbetender, unberechenbar

phantastischer Poet, der mit der Radirnadel und dem Pinsel dichtet.

Er malt z. B. eine südliche Landschaft mit heiterer Luft, im

Hintergrunde das Meer; ein Strauch voll rother Rosen zur Linken; eine

junge, nackte weibliche Gestalt mit einem Rosenkranz um die Stirn

liegt ausgestreckt auf dem feinen, weissen Sand und stützt sich auf

den Ellbogen. Von rechts nähern sich mit steifer Gravität zuerst

ein feuerrother Flamingo, dann in einiger Entfernung zwei grosse,

barocke, breitschnäblige Vögel, die der Schönheit ihre Huldigung

darzubringen scheinen. Das ebenso vorzüglich erfundene wie schlecht

gemalte Bild trägt die Aufschrift: »Deputation«. Oder er zeichnet

einen Mephistopheles, der, in Faust's Mantel gehüllt, auf den Besuch

des Studenten wartet. Nicht eine Spur von dem traditionellen

Mephisto-Typus ist zurückgeblieben. Aber wie ist dies schöne, kluge

Gesicht unter dem Barett überlegen, raffinirt, in jeder Fiber von Hohn

durchzuckt; eine vampyrische Wollust ist in diesen Zügen. Der grosse

Spötter schlägt den warmen Pelzmantel um sich, als ob er friere. Es ist

der blutlose Vampyr, der erfahrene Weltmann, der auf die vollblütige

Unbedeutendheit, die unheilige Einfalt von der Schule wie auf seine

sichere Beute wartet.

Die letzte Reihe von Radirungen, die Klinger herausgegeben, scheinen

mir den Höhepunkt dessen zu bezeichnen, was er erreicht hat; sie haben

nur ein einziges misslungenes Blatt aufzuweisen und übertreffen an

Reife alles frühere. Der Titel ist »Eva und die Zukunft«. Es sind 6

Blätter. Eva erwacht neugeschaffen in einem Paradiesgarten, der durch

die Ueppigkeit seiner Vegetation an den Garten in Zola's »La faute de

l'abbé Mouret« erinnert. Das nächste Blatt »Die Zukunft« zeigt einen

schmalen Bergpfad zwischen zwei nackten, senkrechten Klippenwänden,

der emporführt; und zu oberst, wo wir Evasöhne und Evatöchter alle

vorbei müssen, wenn wir überhaupt vorbei kommen, -- hockt, auf die

Vordertatzen gestützt, mit granitener Ruhe ein Riesentieger und wartet,

wartet wie das unvermeidliche Entsetzen, das Jedem vorbehalten ist. Das

nächste Blatt »Die Schlange« stellt Eva nackt dar, wie sie sich brüstet

und auf den Zehen erhebt, um ihr Gesicht besser im Spiegel sehen zu

können, den die Schlange vom Baume der Erkenntniss ihr entgegenhält.

Dies Blatt gefällt mir am wenigsten; aber »Die Zukunft«, die das

Seitenstück zu »Die Schlange« bildet, ist um so viel interessanter. Es

wirkt durch etwas unaussprechlich Stimmungsvolles: ein Dämon, der Dämon

aller Versuchungen, fliesst mit einer Harpune in der Hand, seltsam

lächelnd, auf dem Rücken eines Delphins an dem Beschauer vorüber. Die

beiden letzten Blätter sind in hohem Grade fesselnd. Das eine stellt

die Vertreibung Adam's und Eva's aus dem Paradiese vor und ist betitelt

»Adam«; im Hintergrund des Gartens reiche Laubbäume und der durch ein

primitives Portal von hohen, unbehauenen Steinen, doch ohne Thorbogen,

bezeichnete Ausgang. Im Vordergrund Adam, der Eva auf seinen Armen

hinausträgt in die Welt der steinernen Wirklichkeit. Man braucht nur

angesichts dieser Radirung einen Namen zu nennen wie Gustave Doré,

um die ursprüngliche Frische Klinger's recht augenfällig zu machen;

er ist ebenso echt und ursprünglich, wie der Franzose allmälig

conventionell und theatralisch geworden ist. »Die Zukunft«, die das

Gegenstück zu diesem Blatte bildet, wird Niemand, der sie sah, so

leicht vergessen! Jean Paul gebraucht irgendwo von dem Tod den Ausdruck

»der Pflasterer«. Dieser Ausdruck gab Klinger, die Idee zu einem Bilde

in mittelalterlichem Geist, auf dem man den Knochenmann erblickt, ein

Gewimmel von schreckgelähmten Häuptern, die aus der Erde ragen, unter

sich; und während sich die sonderbaren Klauen seiner Füsse in die Haare

einiger Köpfe verwickeln und er ein Geheul des Entzückens anstimmt,

schwingt er seine kräftige Pflasterersjungfrau hoch in seinen Armen und

lässt sie mit Wonne auf die Hirnschalen hinabfallen.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 34 / 110 题