Max Klinger ist in Leipzig am 18. Februar 1857 geboren. Er ist der
Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. Er studirte die Malerei in
Carlsruhe und Berlin unter dem durch seinen energischen Realismus
bekannten Maler Carl Gussow, aber ohne das lernen zu können, worin
dieser Lehrer seine besondere Stärke hat: die genaue Wiedergabe des
Modells. Er lernte niemals die äussere Wirklichkeit copiren: dafür
war seine innere Welt zu eigenthümlich und zu reich. Sein Gedächtniss
war so treu, dass es von Formen und Eindrücken überfüllt war, seine
gnostisch sinnliche, ideen- und bildersprudelnde Einbildungskraft
war felsenfest von ihrer innern Logik überzeugt. Wie bizarr sie sich
auch im Schaffen äusserte und wie tollkühn sie auch mit einer Aufgabe
tummelte, machte sie dennoch etwas in künstlerischem Sinne Vernünftiges
daraus, und sein Stimmungsleben war so vollständig, so vielstimmig
bewegt, dass jede seiner Schöpfungen auf die Nerven wirkte wie Musik,
Stimmung in sich hatte und Stimmung mit sich brachte.
Der Stamm, aus dem diese fruchtbare Phantasie ihre Blüthen trieb, war
ein fester, entschlossener und hartnäckiger Charakter, beharrlich in
seinem Streben und in seinen Entschlüssen und bereit, Zeit, Kräfte,
unbedingt Alles dafür zu opfern; er war ferner ein äusserst nervöses,
bis zum Uebermass sensibles Temperament, eines jener Temperamente,
welche die Leidenschaften bis auf den Grund erschüttern, doch nicht
wie verheerende Stürme, sondern wie tropische Gewitter, nach denen das
Erdreich doppelt üppig wuchert.
Im Frühling 1878 stellte Klinger eine Reihe von 8 Zeichnungen aus,
welche die Geschichte Christi illustrirten. Obgleich diese Zeichnungen
nicht zu Klinger's besten Arbeiten gehören, wohl zunächst deshalb, weil
das Historische nicht sein Fach ist und weil die Aufgabe überhaupt
zu gross für seine Jugend war, so wurden sie doch beachtet. Der
damalige Kritiker der »Gegenwart«, einer von den Wenigen, die wirklich
Kunstverständniss hatten, schrieb: Von der Ausstellung 1878 wird man
in Zukunft sagen: »Hier stellte Max Klinger zum ersten Male aus«; und
nicht lange danach wurden die Zeichnungen von der Nationalgalerie
angekauft. Ihr Verdienst lag hauptsächlich in dem vollständigen,
entschiedenen Bruch des Künstlers mit allen abgedroschenen
Ueberlieferungen in der Behandlung der ursprünglich christlichen Typen.
Mit jugendlichem Ernst suchte er seinen eigenen Weg.
Der Christustypus ist bei ihm unklar, verschieden in den verschiedenen
Zeichnungen, weil er selbst über seine Grundauffassung noch unklar
ist. Doch die Begebenheiten sind dem Beschauer nahe gerückt. Z.
B. Die Jünger klimmen mühsam den Hügel empor, wo die Bergpredigt
gehalten werden soll; ihnen folgen neugierige, schreiende Knaben,
hinkende alte Weiber, Gichtbrüchige, Pharisäer und Soldaten. Alle
wenden uns den Rücken; einer von den Aposteln dreht sich um und will
einen Knaben ohrfeigen, wird aber von einem andern daran gehindert.
Der Eindruck ist humoristisch. An einer andern Zeichnung, wo sie den
Berg hinabschreiten, ist Alles feierlich. Die Sonne brennt auf den
heissen Sand. Einer hinter dem andern gesenkten Hauptes folgen die
Apostel ihrem Meister. Dieser nähert sich den Zuschauern. Das edle,
feine Gesicht mit dem weichen schwarzen Haar und Bart blickt starr zu
Boden. Er sieht trotz seiner Jugend so ehrfurchtgebietend aus, dass
der römische Centurio, der hergesandt ist, um ihn zu beobachten,
unwillkürlich Front macht; steif und unbeweglich, entblössten Hauptes
steht er da, als Christus an ihm vorbeischreitet. In diesen Zeichnungen
ist ein tapferer, wahrheitsliebender Kampf gegen das Hergebrachte. Auf
dem Blatte wo Christus mit der Dornenkrone dem Volke gezeigt wird,
ist z. B. der Ausrufer nicht das gewöhnliche brutale Ungeheuer, das
in Vergnügen über seine eigene Gemeinheit schwelgt; wir sehen ein
schläfriges arabisches Profil, dessen Besitzer mit eintöniger Stimme
ganz mechanisch eine Reihe Worte ausschreit, die er auswendig gelernt
hat, weil herzuplappern sein Beruf ist.
Auf derselben Ausstellung befand sich auch ein kleines Gemälde von
Klinger, »Spaziergänger« betitelt, interessant durch sein spannendes
Thema. Die Scene ist ein ödes Feld nächst der Hasenhaide bei Berlin,
bekannt als unsichere Gegend. Eine lange, unendlich lange und
melancholische Friedhofmauer zieht sich in das Bild hinein. Daran lehnt
ein junger Mann. Er hat einen Revolver aus der Tasche gezogen und
hält ihn mit ruhigem beobachtenden Blick vor sich hin; denn von drei
Seiten nähern sich unheimliche, zerlumpte Gestalten mit dicken Knüppeln
in den Händen. Sie sind stehen geblieben, augenscheinlich ungewiss,
was sie zunächst beginnen sollen, da sie merken, der Andere sei
vorbereitet. Einer dieser Vorstadt-Proletarier bückt sich, ungeduldig
über das Warten, und hebt einen grossen Stein auf. Ueber dem Bilde
blauer Himmel, Sonnenschein und Sommerluft. -- Der Kritiker Ludwig
Pietsch besprach dieses Bild, ebenso wie die Handschuh-Radirungen, voll
Bewunderung.
So grosses Aufsehen machten diese ersten Versuche, dass der Neid rege
wurde. Der Kritiker der »Gegenwart« wurde in seinem eigenen Blatte
angegriffen und der Artikel von der Redaction desavouirt. »Es sei
Sünde«, hiess es allgemein, »einem jungen Künstler durch Lob den Kopf
zu verdrehen«, besonders fügte man gerne hinzu, »da wahrscheinlich
nichts aus ihm werde«; und als kurz danach Klinger's Kunst zu
stocken schien, da er für zwei ganze Jahre aus Berlin verschwand und
sehr zurückgezogen zuerst in Brüssel, dann in München lebte, eine
langwierige erschöpfende Krankheit durchmachte, hatte es wirklich eine
Zeit lang den Anschein, als ob die ungünstigen Prophezeiungen Recht
behalten sollten.
Doch zu Anfang 1880 kamen in Brüssel »13 _Eaux-fortes_«, Randglossen
zu Ovid, heraus, die einen grossen Fortschritt in der Entwicklung
des Künstlers verriethen. Es waren Illustrationen, oder richtiger
begleitende Phantasien zu den Erzählungen der Metamorphosen von Apollo
und Daphne, Pyramus und Thisbe, vermischt mit Intermezzo's pathetischer
oder humoristischer Natur. Das einleitende Blatt ist in grossem,
prachtvollen Stil ausgeführt. Eine schöne gebirgige Küstenlandschaft.
Zur Linken, mit einer mächtigen Bergwand im Hintergrund, erblickt man
eine griechische Colossalbüste, wie in einem Nest von Rosen angebracht.
Den untersten Theil des Blattes nimmt die Platte an dem Arbeitstisch
des Künstlers nebst Leuchtern und Zeichnengeräthschaften ein; rechts
unten strecken zwei gefaltete Hände sich betend empor. Sie rufen den
Geist der Antike an. Man muss die reine Hoheit in dem Ausdrucke des
Colossalhauptes und die zitternde, nervöse Inbrunst in den gefalteten
Händen, endlich die Landschaft mit dem kleinen, rauchenden Altar
und einem Opfernden davor gesehen haben, um die ergreifende Wirkung
zu verstehen. Die Landschaften insbesondere sind in diesem Cyclus
bezaubernd; überhaupt besitzt Klinger eine gleichmässigere Stärke
in der Landschaft als in den Figuren, deren Zeichnung nicht selten
verfehlt ist, und bei denen sich das Barocke und Hässliche zuweilen
störend neben vielem Reizenden und Genialen offenbart. Die Landschaften
hier, mythologische Landschaften, die etwas Paradiesisches und doch
gar nichts Akademisches an sich haben, erinnern in ihrem Stil an
Böcklin, der überhaupt der Maler sein dürfte, der den tiefsten
Eindruck auf Klinger gemacht hat. Diejenigen unter meinen Lesern,
die solche Bilder von Böcklin gesehen, verstanden und gefühlt haben,
wie die beiden in der Schack'schen Gallerie zu München, welche den
Namen »Die Villa« führen und dieselbe altgriechische Landschaft, bei
Tag und Nacht gesehen, vorstellen, können sich einen Begriff von der
tiefen, ergreifenden Poesie in Klinger's bald überüppigen, bald durch
ihre wilde Unfruchtbarkeit melancholischen Landschaften machen. Es
sind keine Landschaften, die sich für die civilisirte Menschheit der
Gegenwart eignen. Sie passen zum Aufenthaltsort für langhaarige Faune,
für flötenspielende, ziegenfüssige Satyre, für das erste liebende
Menschenpaar der Urzeit. Und doch ist der Künstler der Modernste unter
den Modernen, der Freieste unter den Freien -- antik nur desshalb,
weil er ursprünglich ist, mythologisch nur, weil etwas von dem
Urmenschlichen, das in den Mythen seinen Ausdruck fand, in ihm ist.
Er spielt mit Ovid so frei, wie Ovid mit dem Glauben einer älteren
Zeit spielte, aber mit tieferem Sinne für das Seelische darin, mit
kühnerer Phantasie und mit dem Hang des innerlich Einsamen, Gedanken
und Räthsel in sein Werk niederzulegen. Welch' ein Blatt das, welches
uns Apollo und den Künstler zeigt, die sich in der fremden Welt
entgegengehen, jener mit der vielfach vergrösserten Feder, dieser mit
der vergrösserten Radiernadel in der Hand. Welche stolz-bescheidene
Haltung der ernsten Gestalt im antiken Gewande!
Wie in sein Zimmer eingemauert, ohne mit einem einzigen Menschen zu
verkehren, ohne im Verlauf von fünf Monaten nur ein einziges Mal
seinen Fuss in die Pinakothek zu setzen, die er nie gesehen hatte,
lebte Klinger in München, ausschliesslich der Ausarbeitung seines
grossen Werkes »Amor und Psyche«. Es ist Apuleius' alte Legende,
verschwenderisch mit Holzschnitten und Radirungen illustrirt. Mit
wahrer dichterischer Erfindungsgabe hat Klinger in den Vignetten die
Grundzüge der Mythe motivirt; und jeder empfängliche Beschauer wird
sich der Feinheit und des Humors in der Vignettenreihe, wo Amor die 12
Herkules-Arbeiten ausführt, freuen und die vollendete Schönheit und
Pracht bewundern, wie am Schlusse Venus vor den Göttern auf dem Olymp
tanzt. Die grossen Bilder und Figuren stehen durchgehends dahinter
zurück. Klinger ist noch kein Meister in der eigentlichen Zeichnung,
und es ist zweifelhaft, ob er es jemals wird. Denn obschon in manchem
Punkt das, was er hervorbringt, nicht besser gemacht werden kann, so
muss man in andern Punkten fürchten, dass er unverbesserlich ist. Er
gehört nicht zu denen, die schrittweise lernen; er geht im Sprung
voran oder er behält seine Fehler. Jedoch die kleinen Bilder sind
unvergleichlich anmuthig. Eines ist darunter, das Psyche einsam in
Amor's Palast darstellt, wie sie von der Musik der Geister getröstet
wird; es ist hingehaucht und ideal schön wie ein Gedicht von Shelley.