Im Winter vor jener Frühlingsausstellung lernte ich in Berlin einen
kleinen Kreis junger Künstler kennen. Sie wohnten, oder versammelten
sich in einem Atelier, das sich im 5. Stock eines Hauses der
aristokratischen Hohenzollernstrasse befand. Es war ein Eckhaus mit
schöner freier Aussicht über das Schöneberger Ufer, aber diese Aussicht
war auch das prächtigste an der ganzen Wohnung. Ein und derselbe
grosse Raum diente als Atelier und Schlafzimmer. Die Möbel waren ein
zerrissenes Sopha und ein mächtiger, mit losen Skizzenblättern, Mappen
und Kaffeebereitungs-Requisiten bedeckter Tisch, dessen Grösse und
Solidität ich eben im Begriffe stand zu beneiden, als ich entdeckte,
dass es gar kein Tisch war und dass man nur über ein paar Holzblöcke
Bretter gelegt hatte. An allen Wänden Studienköpfe, unter Gussow's
Leitung ausgeführt, auch viele originelle Versuche.
Der Portier, der auf den wohlklingenden Namen Piefke hörte, sorgte für
die Insassen des Ateliers wie eine Mutter. Selbst wider ihren Willen
nahm er sich ihres Wohles an. Einer von ihnen hatte eine Reise vor
und vermisste längere Zeit vorher seine schönsten Hemden. Herr Piefke
war's, der sie bei Seite geräumt hatte, damit sie zu der Reise frisch
gewaschen seien und sein Schützling sich unter den Fremden sehen lassen
könne. Eigenthümlich genug wurde er zuletzt von der künstlerischen
Atmosphäre im 5. Stock so angesteckt, dass er drunten in seinem
Kellergelass selbst zu malen anfing, und das Gelungenste war, dass er
wirklich etwas Talent besass, »mehr als manche Berühmtheit«, sagten die
Maler. Ja, einer von ihnen hielt ein Gemälde von Herrn Piefke für das
eines Kameraden, als er es eines Tages im Atelier aufgestellt fand.
Ich selbst sah zwei Marinebilder von Herrn Piefke, Schiffe im Sturm
darstellend, deren Interesse dadurch erhöht wurde, dass der Künstler
niemals das Meer gesehen hatte, so dass die Phantasie um so grösseren
Spielraum fand.
Einer von den jungen Malern ersuchte mich, ihm zu sitzen; dadurch
lernte ich die Gesellschaft kennen. Es waren -- selbstverständlich
-- lauter eifrige Nihilisten, Socialisten, Atheisten, Naturalisten,
Materialisten und Egoisten. Sie docirten einstimmig Ansichten, die
für die Gesellschaftsordnung und den Frieden des Nächsten höchst
gefährlich waren. Sie huldigten der Politik der Pariser Commune;
Jeden, der behauptete, dass er selbst, oder überhaupt Jemand, sich
von einem andern Motiv als dem rücksichtslosesten Egoismus leiten
lasse, verachteten sie als einen Heuchler, der sie zum Besten haben
wollte. Sie waren, nachdem sie mich kennen gelernt, sehr überrascht
über meine Zahmheit. Sie hatten sich etwas ganz andres erwartet.
Sie fühlten Ekel (Verachtung ist ein zu schwaches Wort dafür) vor
der ganzen anerkannten deutschen Kunst, vor der Akademie, ihren
Mitschülern, den berühmten Namen (mit Ausnahme von Böcklin, Menzel und
Gussow). Sie hatten das Leben durchschaut. Sie liessen Alles gehen,
wie es wollte. Es gab nichts zu wirken und nichts zu hoffen. Es galt,
so schmerzlos als möglich die Zeit todtzuschlagen; sie waren zu alt,
um Leidenschaften zu hegen -- darüber waren sie hinaus -- zu blasirt,
um Illusionen nachzujagen, zu kunstverständig, um sich selbst Genie
zuzutrauen, zu stolz, um sich um Lob oder Ruhm zu kümmern; es galt,
den einen Tag hinzubringen wie den andern: ein wenig zu malen, eine
Partie Tarok zu spielen, recht lange zu schlafen. Kurzum sie waren
jung, jung! im Beginn der Zwanzig, genusssüchtig, ehrgeizig, fanatisch
für die Kunst begeistert, weissglühend vor Verachtung der Heuchelei,
so leidenschaftslos, dass der eifrigste Anbeter der Indolenz unter
ihnen erst vor Kurzem von den Folgen eines Selbstmordversuches, den
er aus unglücklicher Liebe machte, geheilt worden war und so eifrig,
das Evangelium des Egoismus zu predigen, dass sie in vollständigem
Communismus lebten, einander halfen, für einander hungerten und
einander liebten.
Sie waren Alle begabt; doch sobald man mit Einem von ihnen allein
war, erzählte er sofort mit einem Gemisch von Zärtlichkeit und
Ehrfurcht, dass Einer unter ihnen ein Genie sei. Er war ihr Stolz,
ihre Bewunderung. Sie setzten ihre egoistische Freude darein, sein
Lob nach allen Seiten auszuposaunen, überall und mit Jedem von seinen
Arbeiten zu sprechen, ohne eine Silbe von ihren eignen zu sagen; fragte
man nach diesen, so antworteten sie, das sei nur Broderwerb. Sie
trugen ihren Benjamin auf den Händen und schworen, dass er den Ruhm
aller jetzt lebenden deutschen Künstler in Schatten stellen werde.
Mittlerweile ging er gross und schlank mit seinen dicht wachsenden,
gekrausten, rothen Haaren still und verschlossen unter ihnen, stimmte
mit einem Nicken, doch ohne sich weiter auszulassen, in ihre Theorien
ein, im Voraus überzeugt, dass nur die extremste Anschauung die wahre
sein könne und im Uebrigen so verloren in sein inneres Walten, so
in Anspruch genommen von seinen fruchtbaren Träumen, so unablässig,
fabelhaft productiv, dass er nur wenig Zeit zum Philosophiren fand.