I.

In der Berliner permanenten Kunstausstellung erregten im Frühling

1878 eine Reihe Federzeichnungen Aufmerksamkeit. Sie waren betitelt:

»Phantasien über einen gefundenen Handschuh, der Dame, die ihn

verlor, gewidmet«. Ihre Originalität war so tief und so barock, sie

waren so unähnlich Allem, was man früher in dieser Art gesehen,

dass kein Besucher gleichgiltig daran vorbeiging. Der gewöhnliche

Berliner war allerdings nicht ganz klar darüber, ob dies Genialität

oder Wahnwitz sei; ein und der andere Siebengescheidte murmelte

»Fliegende Blätter-Illustrationen« zwischen den Zähnen; aber mehrere

von den Künstlern und Kritikern, deren Kunstsinn nicht durch das

Althergebrachte bestimmt wird, stutzten, vertieften sich in die Bilder

und bewunderten das Talent, das in diesem ersten Aufleuchten sich fast

blendend offenbarte. Der Name des Künstlers war Max Klinger, und er war

erst 21 Jahre alt.

Diese Blätter sind voriges Jahr erschienen in einem Cyclus meisterhaft

ausgeführter Radierungen »Ein Handschuh. Rad. Op. VI« ausnahmsweise im

Selbstverlag des Künstlers, da er kein grosses allgemeines Interesse

an einer Arbeit von so persönlichem Charakter erwarten konnte. Hier

eine kurze Beschreibung davon.

1. und 2. Berlins Skating-Rink, die Gesellschaft, die damals diesen

Sport betrieb, genau porträtirt -- darunter der Künstler selbst, hoch,

von militärischer Haltung, mit seinen dichten, gekrausten Haaren, die

den Kopf wie eine Pelzmütze bedecken -- und eine junge ausgezeichnet

schöne Dame, eine Brasilianerin, die in jener Zeit durch ihre Schönheit

und ihr graziöses Laufen das Interesse der Zuschauer auf sich lenkte.

Die junge Dame verliert beim Dahinsausen einen langen weissen Handschuh

mit sechs Knöpfen; der junge Künstler bückt sich im Laufen und hebt ihn

auf, vermuthlich, um ihn in der Tasche zu bergen, die dem Herzen am

nächsten ist.

3. Ein niedlicher kleiner Cupido sitzt halb abgewandt neben einem

Rosenbusch, von welchem schwere, grosse Rosen herabhängen. In ihrem

Schatten ruht der feine, schmale Damenhandschuh. Cupido bewacht den

weichen, duftigen Fund, Rosenblätter fallen darauf herab.

4. Max Klinger in seinem Bett; er wirft sich im Schlaf unruhig auf

seinem schmalem Lager herum. Auf dem Nachttisch liegt der Handschuh,

aber über dem Haupte des Schlafenden schwebt er wieder, vom Traum zu

einer ungeheuren Hand ausgedehnt, die nach dem Monde greift und droht,

ihn vom Himmel herunterzureissen. Und sieh! links vor dem Bette beginnt

das offene Meer; und draussen auf seiner Flut erheben sich mit wildem

Geschrei und Geberden schwimmende, ertrinkende Gestalten, darunter

Meerungeheuer, und noch weiter draussen nähern sich grosse, gekrümmte,

angsteinflössende Handschuhhände. Kein Wunder, dass der Schlafende vor

Schreck in dem Bette die Beine unter sich hinaufzieht.

5. Das Erwachen. Der Handschuh liegt ruhig auf dem Bett, aber der

Künstler ist zusammengekauert, das Gesicht in die Hände gesenkt, und

träumt wachend weiter: Eine weitgestreckte Landschaft mit Bergen im

Hintergrund offenbart sich; im Vordergrund erheben sich über dem

Handschuh phantastische, ganz mit Blumen bedeckte Traumbäume auf hohen,

dünnen Stengeln. Unterhalb derselben, doch fern, fern auf einem Weg und

nicht grösser als dass eine Fliege die Gestalt decken könnte, indessen

an der charakteristischen Haltung leicht wieder erkennbar -- die schöne

Dame vom Skating-Rink.

6. Sturm auf dem Meere. Mitten auf der Flut ein Segelboot, vom Winde

stark auf die Seite geworfen; aus dem Boote beugt sich die Gestalt des

jungen Künstlers, mit einem ungeheuer langen Enterhaken versehen. Der

Handschuh ist über Bord gefallen, es gilt, ihn aufzufischen. Wir sehen

ihn sinken, fühlen die verzweifelte Anstrengung, ihn mit dem spitzen

Eisen wieder zu erhaschen.

7. Wieder Wasser, doch wie verschieden! in grossen, sichern

Rundungen und Voluten stilisirt, wie ein griechisches Basrelief. Ein

Gespann Meerpferde im strengsten hellenischen Stil zieht langsam

und majestätisch einen niedrigen Triumphwagen über die Wogen; den

Sitzkasten bildet eine Muschel, die sich öffnet wie ein schwarzer,

leuchtender Blumenkelch, und in ihr ruht blendend weiss -- der

Handschuh, der die Zügel hält und das Gespann lenkt.

8. Was ist dies? Zwei verzweiflungsvolle nackte Mannesarme, die sich

durch eine Fensterscheibe Bahn gebrochen haben, dass sie in Scherben zu

Boden fällt; die Hände greifen nach einem fortflatternden Gegenstand,

der sich im nächtlichen Dunkel verliert. Ach, es ist wieder der

Handschuh! Durchs Fenster ist er geflogen; eine hässliche unnatürlich

grosse Fledermaus hat ihn in der Schnauze und schwebt mit ihm davon.

Und vergeblich streckt der Phantasirende seine blutenden zerschnittenen

Hände danach zum Fenster hinaus.

9. Da ist er wieder. Und diesmal besser verwahrt. Jetzt wird er nicht

so leicht mehr entwischen. Ein geräumiger Saal. An allen Wänden

hängende Tapeten; doch genauer betrachtet, sind diese Tapeten lauter

vielfach vergrösserte, paarweis verbundene 6knöpfige Damenhandschuhe,

die von der Decke bis zum Boden reichen. Mitten in diesem Saal ein

kokettes Tischchen, das als Altar dient. Und auf dem Altar liegt

der Schatz selber in natürlicher Grösse, fein, schmal, von allen

Seiten sichtbar. Doch in einer Ecke des Gemaches ist die Tapete etwas

unregelmässig; denn ein wildes Thierhaupt mit flammenden Augen hebt

einige von den grossen Handschuhfingern in die Höhe und glotzt herein;

es ist der Drache mit seinen hässlichen Klauen und dem geschlängelten

Schweif, der das Heiligthum bewacht und den Schatz hütet.

10. Wieder eine flache, sandige Küste. Am Strande brennen zwei feine,

antike Lampen auf hohen Stativen. Zwischen ihnen liegt auf einem Kissen

der gefundene Handschuh und das Meer leckt zu ihm empor, ohne sich

ihm jedoch mit der Dreistigkeit zu nähern, mit der es einst Knud des

Grossen Fuss berührte. Im Gegentheil! der Ocean huldigt diesem Kleinod

des Liebenden: all' die steigenden Wogenkämme spülen Rosen an den

Strand, schleudern Rosen nach dem Handschuh; in allen Wellenfurchen

fliessen sie; all' der gischende Wogenschaum löst sich in Rosen auf.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 31 / 110 题