IX.

Wir haben den Kreis von Ideen und Formen durchlaufen, in welchen dieser

Dichtergeist seinen Ausdruck gefunden hat. Wir sahen, wie Heyse zuletzt

im Roman den bewegenden Gedanken der modernen Zeit gerecht ward,

denen die Novellenform nicht Raum zu geben vermochte. Ich hob indess

eine Novelle hervor, die sich durch ihren Grundgedanken nicht weniger

auszeichnet, als »Der Salamander« durch den Stil.

Jedes Mal, wenn Heyse es versucht hat, den alten Mythen ein modernes

Interesse abzugewinnen, hat er Glück gehabt. Das kleine, reizende

Jugendgedicht »Die Furie« gehört zum Besten, was er geschrieben.

In einem kleinen Drama »Perseus« (in die gesammelten Werke nicht

aufgenommen) hat er eine neue Auslegung des Medusamythus gegeben: er

hat mit der armen, schönen Medusa Mitleid gefühlt, der das grausame

Schicksal, auf Jedermann versteinernd zu wirken, beschieden ward, und

er belehrt uns, dass nur die Eifersucht neidischer Göttinnen auf ihre

Liebe zu Perseus Schuld daran ist. Ihr Kopf fällt vor der Hand ihres

eigenen Geliebten, während sie, um ihm nicht durch den unheilvollen

Blick zu schaden, ihr Gesicht in den Sand begräbt. Heyse hat aus dem

Mythus ein originelles und trauriges Märchen gemacht.

Die Geschichte vom »Centaur« ist heiter und tiefsinnig. Man wundert

sich nicht, wenn »Im Paradiese« uns mittheilt, dass diese Novelle

den Maler Kohle zu seinen lieblichen Fresken begeistert hat. Der

Pilgergang »unserer lieben Frau von Milo«, den man als Bild vor

seinen Augen zu sehen glaubt, so lebhaft ist die Freske beschrieben,

ist als Gedicht mit »dem letzten Centaur« gar innig verwandt. Der

letzte Centaur! Das klingt fast wie der letzte Mohikaner! Was weiss

Heyse vom letzten Centauren? Wie hat er ihn in eine reguläre Novelle

einführen können? O, das geschieht mit vieler Kunst und doch auf

die natürlichste Weise. Er zieht erst, so zu sagen, zwei Kreise in

einander, dann einen dritten Kreis, und in diesem beschwört er den

Centauren herauf. Der erste Kreis ist die Welt der Lebendigen, der

zweite die Welt der Todten, der dritte schliesst leicht und natürlich

das Reich des Uebernatürlichen ein. Die Erzählung hebt, wider Heyse's

Gewohnheit, rein selbstbiographisch, also mit einem möglichst starken

Wirklichkeitselemente, an: der Verfasser kommt eines späten Abends

an einer Weinstube vorbei, wo er in seiner Jugend einmal wöchentlich

seine liebsten Freunde und Kameraden zu treffen pflegte, und jetzt

lässt er diese, welche alle gestorben sind, in der Erinnerung Revue

passiren. Dann tritt er in die Weinstube ein, fühlt sich müde, und --

plötzlich ist es ihm, als werde er aufgefordert, in dem alten Kreise

sich einzufinden, und als die Thür geöffnet wird, siehe! da sitzen

sie alle beisammen. Aber keiner von ihnen bietet dem Eintretenden die

Hand, es ist in ihren Mienen ein Zug von Fremdheit, Ernst und Kummer.

Dann und wann trinken sie einen langen Zug aus dem Weinglase, dann

glühen für einen Augenblick die bleichen Wangen und matten Augen,

aber gleich darauf sitzen sie wieder starr und stumm und stieren in's

Glas. Nur Einer von ihnen ist ungebeugt von dem Schicksal, das sie

getroffen hat, und von welchem nach stillschweigender Abrede in der

Gesellschaft nicht gesprochen wird. Es ist Genelli, der ausgezeichnete

Maler, dessen Centauren in der Schackschen Sammlung zu München alle

Reisenden bewundern. Einer von der Gesellschaft bemerkt, solch' ein

Genellisches Fabelwesen sehe so lebendig aus, dass man fast glauben

möchte, der Künstler wäre selbst dabei gewesen. Und als der Meister

ruhig die Antwort gibt: »Er ist auch dabei gewesen«, gleiten wir

unmerklich aus dem Reiche der Todten in die Fabelwelt hinüber. Er hat

den Centauren gesehen, mit eigenen Augen gesehen, wie dieser eines

schönen Sommernachmittags, ohne an etwas Böses zu denken, in ein

kleines Tyrolerdorf hineintrabte, wo Genelli bei seinem Weinglase sass.

In alten Zeiten war der Centaur Landarzt von Profession gewesen, hatte,

während eines Ritts in seiner Praxis über die Berge ermüdet, sich in

einer Gletscherhöhle schlafen gelegt, war dann eingefroren -- und jetzt

erst, nach Verlauf von Jahrtausenden, ist das Eis um ihn geschmolzen,

und er kann mit verwunderten Augen sich in der verwandelten Welt

umsehen. Es ist Sonntag und eben Kirchweih, da er mit seinem mächtigen

Körper -- oben ein farnesischer Herkules, unten ein prachtvoller

heroischer Streithengst -- mit wehender Mähne und lang nachschleppendem

Rossschweif, einen kleinen Rosenzweig im dichten Haar hinter dem Ohre,

durch die leeren Strassen trabt, nur ab und zu ein altes Weib, das

mit Geschrei vor der Erscheinung flüchtet, erschreckend. Er sieht die

Kirchenthür offen, das Gebäude voll Menschen und eine wunderschöne

Frau mit einem Kind auf dem Arme über dem Altare gemalt. Neugierig,

nichts Arges denkend, trabt er durch das Portal und schnurstraks über

die Steinfliessen, die von seinem mächtigen Hufschlag dröhnen, auf den

Altar zu. Man begreift, welcher Lärm über dies geradewegs der Hölle

entstiegene Ungeheuer entsteht. Der Pfarrer schreit laut, schwingt,

was er Geweihtes in der Hand hat, gegen ihn und ruft: »Apage! Apage!«

(was der Centaur versteht, weil es Griechisch ist). Die Gemeinde

schlägt ein Kreuz über das andere; verwundert trabt das Fabelthier

dann zur Kirche hinaus, und von allen alten Weibern und allen Kindern

des Dorfes begleitet, die natürlich sehr erschrocken sind, »den hohen

Reisenden so leicht gekleidet zu sehen«, bewegt es sich nach dem

Dorfkruge hin, wo Genelli auf dem Altane sitzt. Der Meister belehrt

dann den Centauren, dass dieser ein Paar hundert Jahre zu spät oder

zu früh wieder zum Leben erwacht ist. Zur Zeit der Renaissance würde

man ihn vermuthlich wohl empfangen haben. »Aber heutzutage und unter

dieser engbrüstigen, breitstirnigen, verschneiderten und verschnittenen

Lumpenbagage, die sich die moderne Welt nennt!« Genelli wagt es nicht,

ihm ein heiteres Horoskop zu stellen. »Wo Ihr Euch sehen lasst, in

Städten oder in Dörfern, werden Euch die Gassenbuben nachlaufen und

mit faulen Aepfeln bewerfen, die alten Weiber werden Zeter schreien

und die Pfaffen Euch für den Gottseibeiuns ausgeben u. s. w.« Und es

geht, wie er geweissagt hat. Während der biedere Centaur gutmüthig, wie

der Starke ist, vom Publikum sich anglotzen, sein sammetweiches Fell

befühlen lässt, während er gemüthlich eine Flasche Wein nach der andern

leert und über die Brüstung der Laube sie dem hübschen Schenkmädchen,

dem er sofort seine Rose geschenkt hat, zurückreicht, lauern Hass und

Neid auf sein Verderben. Eine ganze Verschwörung hat sich gegen ihn

gebildet. »An der Spitze stand natürlich die hochwürdige Geistlichkeit,

die es für das Seelenheil ihrer Pfarrkinder sehr nachtheilig fand,

sich mit einem gewiss ungetauften, völlig nackten und wahrscheinlich

sehr unsittlichen Thiermenschen näher einzulassen«. Ebenso aufgebracht

zeigte sich ein Italiener, der auf dem Markte ein ausgestopftes Kalb

mit zwei Köpfen und fünf Beinen vorwies. Den Rossmenschen sah man

gratis, er war lebendig und trank und schwatzte, und wer wusste, ob er

sich nicht noch bewegen liess, einige Kunstreiterstückchen zum Besten

zu geben. Das Kalb dagegen war ein ruhiges Genie und machte zu solchen

Extravaganzen durchaus keine Miene. In die Concurrenz kann sich der

Italiener nicht finden. »Es sei ein Unterschied«, setzt er dem Pfarrer

auseinander, »zwischen einem zünftigen, von der Polizei approbirten

Naturspiel und einer ganz unwahrscheinlichen nie dagewesenen

Missgeburt, die ohne Pass und Gewerbeschein das Land unsicher machte

und ehrlichen fünfbeinigen Kälbern das Brot vor dem Maule wegstehle«.

Aber der leidenschaftlichste Gegner des Centauren ist doch der kleine,

schiefbeinige Dorfschneider, der Bräutigam des hübschen Schenkmädchens.

Auch der Schneider klagt dem Pfarrer seine Noth, die neue Mode die der

Unbekannte eingeführt, müsse das ganze Schneiderhandwerk ruiniren und

überdies alle Begriffe von Anstand und guter Sitte über den Haufen

werfen.

Während nun der Centaur in seiner heiteren Stimmung eben in dem

Hofe des Wirthshauses die schöne Nanni auf seinem Rücken tragend

die Umstehenden mit einem höchst graziösen und eigenthümlichen Tanz

unterhält, kommen alle die Verschworenen mit berittenen Gensdarmen,

um ihn zu fangen. Ohne sie der geringsten Aufmerksamkeit zu würdigen,

führt er seinen Tanz fort, und die Hände des Mädchens sanft an seine

Brust drückend, setzt er mit einem prachtvollen Sprung über die Köpfe

der Bauern weg. Pistolenkugeln knallen um ihn, ohne ihn zu treffen,

und bald steht er frei auf dem nächsten Bergabhang. Da lässt er,

von dem kläglichen Flehen des Mädchens gerührt, sie sacht zur Erde

niedergleiten. »So sehr ihr die ritterliche Huldigung des Fremden

geschmeichelt hatte und eine so traurige Figur ihr Schatz neben ihm

spielte -- eine solide Versorgung konnte sie von diesem reitenden

Ausländer nicht erwarten«. Ihre praktische Natur trägt den Sieg davon,

und wie eine gejagte Gemse springt sie von Stein zu Stein, ihrem

Schneider in die Arme. Ein Ausdruck göttlichen Hohnes gleitet über

die Mienen des Centauren hin, man sieht ihn sich entfernen, und bald

nachher verschwindet er den nachstarrenden Blicken.

Hier schweigt Genelli, der kleine Kreis bricht auf, und der Dichter

erwacht in der Vorstube des Weinhändlers.

Alle Eigenschaften, die das Lesen eines Dichterwerkes zu einem Genusse

machen, scheinen mir in diesem Märchen vereint: ein hoher Humor, der

einen milden Schimmer über alle Einzelheiten wirft, die zartesten

Halbtöne und das feinste Helldunkel das die Handlung vom Lichte des

Tages in einen Traum von lauter Verstorbenen hinübergleiten lässt, um

dann wieder das Zwielicht der Schattenwelt von einem Sonnenstrahl des

alten Hellas erhellen zu lassen. Hierzu kommt eine tiefe, für ihren

Dichter ganz eigenthümliche Idee. Denn dieser Scherz ist ja in vollem

Ernste ein Hymnus auf die Freiheit in der Kunst wie im Leben, und auf

die Freiheit, wie Heyse sie immer aufgefasst hat. Für ihn besteht die

Freiheit nicht (wie z. B. für Henrik Ibsen) im Kampfe für die Freiheit,

sondern sie ist auf dem religiösen Gebiete der Protest der Natur gegen

das Dogma, auf dem gesellschaftlichen und sittlichen Gebiete der

Protest der Natur gegen die Convenienz. Durch Natur zur Freiheit! das

ist sein Weg und seine Losung. So wird der Centaur als halb Naturwesen,

halb Gottheit seiner Phantasie ein theures Sinnbild. Wie schön ist der

Centaur in seiner stolzen Kraft durch den Rest altgriechischen Blutes,

das er in seinen Adern bewahrt hat! Was muss er nicht Alles ertragen,

der Arme, für den Rest Heidenthum, das in ihm wiedererstanden ist,

das einige tausend Jahre eingefroren war, aber in unseren Tagen, da

die Gletscher zu schmelzen beginnen, aufs Neue erwacht ist und sich

an's Tageslicht hinaus wagt! Viel lehrreicher, viel gesetzter und

moralischer findet die ganze civilisirte Umgebung seine interessanten

Rivalen, die ausgestopften Kälber mit zwei Zungen und fünf durchaus

nicht zum Fortschreiten bestimmten, höchst conservativen und ihren

Platz conservirenden Beinen. _Diese_ »Merkwürdigkeiten« übertreten nie

eine bürgerliche Sitte, lassen sich nur mit Erlaubniss der Obrigkeit

und Geistlichkeit sehen, und sind darum nicht minder ungewöhnlich. Sie

werden ewig die Rivalen des Centauren bleiben, von Einigen als ihm

ebenbürtig, von Vielen als ihn weit überstrahlend betrachtet.

Und ist der Dichter auf seinem Flügelrosse in dieser kleinlichen

modernen Gesellschaft nicht leibhaftig »der letzte Centaur«?

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 28 / 110 题