Wir haben den Kreis von Ideen und Formen durchlaufen, in welchen dieser
Dichtergeist seinen Ausdruck gefunden hat. Wir sahen, wie Heyse zuletzt
im Roman den bewegenden Gedanken der modernen Zeit gerecht ward,
denen die Novellenform nicht Raum zu geben vermochte. Ich hob indess
eine Novelle hervor, die sich durch ihren Grundgedanken nicht weniger
auszeichnet, als »Der Salamander« durch den Stil.
Jedes Mal, wenn Heyse es versucht hat, den alten Mythen ein modernes
Interesse abzugewinnen, hat er Glück gehabt. Das kleine, reizende
Jugendgedicht »Die Furie« gehört zum Besten, was er geschrieben.
In einem kleinen Drama »Perseus« (in die gesammelten Werke nicht
aufgenommen) hat er eine neue Auslegung des Medusamythus gegeben: er
hat mit der armen, schönen Medusa Mitleid gefühlt, der das grausame
Schicksal, auf Jedermann versteinernd zu wirken, beschieden ward, und
er belehrt uns, dass nur die Eifersucht neidischer Göttinnen auf ihre
Liebe zu Perseus Schuld daran ist. Ihr Kopf fällt vor der Hand ihres
eigenen Geliebten, während sie, um ihm nicht durch den unheilvollen
Blick zu schaden, ihr Gesicht in den Sand begräbt. Heyse hat aus dem
Mythus ein originelles und trauriges Märchen gemacht.
Die Geschichte vom »Centaur« ist heiter und tiefsinnig. Man wundert
sich nicht, wenn »Im Paradiese« uns mittheilt, dass diese Novelle
den Maler Kohle zu seinen lieblichen Fresken begeistert hat. Der
Pilgergang »unserer lieben Frau von Milo«, den man als Bild vor
seinen Augen zu sehen glaubt, so lebhaft ist die Freske beschrieben,
ist als Gedicht mit »dem letzten Centaur« gar innig verwandt. Der
letzte Centaur! Das klingt fast wie der letzte Mohikaner! Was weiss
Heyse vom letzten Centauren? Wie hat er ihn in eine reguläre Novelle
einführen können? O, das geschieht mit vieler Kunst und doch auf
die natürlichste Weise. Er zieht erst, so zu sagen, zwei Kreise in
einander, dann einen dritten Kreis, und in diesem beschwört er den
Centauren herauf. Der erste Kreis ist die Welt der Lebendigen, der
zweite die Welt der Todten, der dritte schliesst leicht und natürlich
das Reich des Uebernatürlichen ein. Die Erzählung hebt, wider Heyse's
Gewohnheit, rein selbstbiographisch, also mit einem möglichst starken
Wirklichkeitselemente, an: der Verfasser kommt eines späten Abends
an einer Weinstube vorbei, wo er in seiner Jugend einmal wöchentlich
seine liebsten Freunde und Kameraden zu treffen pflegte, und jetzt
lässt er diese, welche alle gestorben sind, in der Erinnerung Revue
passiren. Dann tritt er in die Weinstube ein, fühlt sich müde, und --
plötzlich ist es ihm, als werde er aufgefordert, in dem alten Kreise
sich einzufinden, und als die Thür geöffnet wird, siehe! da sitzen
sie alle beisammen. Aber keiner von ihnen bietet dem Eintretenden die
Hand, es ist in ihren Mienen ein Zug von Fremdheit, Ernst und Kummer.
Dann und wann trinken sie einen langen Zug aus dem Weinglase, dann
glühen für einen Augenblick die bleichen Wangen und matten Augen,
aber gleich darauf sitzen sie wieder starr und stumm und stieren in's
Glas. Nur Einer von ihnen ist ungebeugt von dem Schicksal, das sie
getroffen hat, und von welchem nach stillschweigender Abrede in der
Gesellschaft nicht gesprochen wird. Es ist Genelli, der ausgezeichnete
Maler, dessen Centauren in der Schackschen Sammlung zu München alle
Reisenden bewundern. Einer von der Gesellschaft bemerkt, solch' ein
Genellisches Fabelwesen sehe so lebendig aus, dass man fast glauben
möchte, der Künstler wäre selbst dabei gewesen. Und als der Meister
ruhig die Antwort gibt: »Er ist auch dabei gewesen«, gleiten wir
unmerklich aus dem Reiche der Todten in die Fabelwelt hinüber. Er hat
den Centauren gesehen, mit eigenen Augen gesehen, wie dieser eines
schönen Sommernachmittags, ohne an etwas Böses zu denken, in ein
kleines Tyrolerdorf hineintrabte, wo Genelli bei seinem Weinglase sass.
In alten Zeiten war der Centaur Landarzt von Profession gewesen, hatte,
während eines Ritts in seiner Praxis über die Berge ermüdet, sich in
einer Gletscherhöhle schlafen gelegt, war dann eingefroren -- und jetzt
erst, nach Verlauf von Jahrtausenden, ist das Eis um ihn geschmolzen,
und er kann mit verwunderten Augen sich in der verwandelten Welt
umsehen. Es ist Sonntag und eben Kirchweih, da er mit seinem mächtigen
Körper -- oben ein farnesischer Herkules, unten ein prachtvoller
heroischer Streithengst -- mit wehender Mähne und lang nachschleppendem
Rossschweif, einen kleinen Rosenzweig im dichten Haar hinter dem Ohre,
durch die leeren Strassen trabt, nur ab und zu ein altes Weib, das
mit Geschrei vor der Erscheinung flüchtet, erschreckend. Er sieht die
Kirchenthür offen, das Gebäude voll Menschen und eine wunderschöne
Frau mit einem Kind auf dem Arme über dem Altare gemalt. Neugierig,
nichts Arges denkend, trabt er durch das Portal und schnurstraks über
die Steinfliessen, die von seinem mächtigen Hufschlag dröhnen, auf den
Altar zu. Man begreift, welcher Lärm über dies geradewegs der Hölle
entstiegene Ungeheuer entsteht. Der Pfarrer schreit laut, schwingt,
was er Geweihtes in der Hand hat, gegen ihn und ruft: »Apage! Apage!«
(was der Centaur versteht, weil es Griechisch ist). Die Gemeinde
schlägt ein Kreuz über das andere; verwundert trabt das Fabelthier
dann zur Kirche hinaus, und von allen alten Weibern und allen Kindern
des Dorfes begleitet, die natürlich sehr erschrocken sind, »den hohen
Reisenden so leicht gekleidet zu sehen«, bewegt es sich nach dem
Dorfkruge hin, wo Genelli auf dem Altane sitzt. Der Meister belehrt
dann den Centauren, dass dieser ein Paar hundert Jahre zu spät oder
zu früh wieder zum Leben erwacht ist. Zur Zeit der Renaissance würde
man ihn vermuthlich wohl empfangen haben. »Aber heutzutage und unter
dieser engbrüstigen, breitstirnigen, verschneiderten und verschnittenen
Lumpenbagage, die sich die moderne Welt nennt!« Genelli wagt es nicht,
ihm ein heiteres Horoskop zu stellen. »Wo Ihr Euch sehen lasst, in
Städten oder in Dörfern, werden Euch die Gassenbuben nachlaufen und
mit faulen Aepfeln bewerfen, die alten Weiber werden Zeter schreien
und die Pfaffen Euch für den Gottseibeiuns ausgeben u. s. w.« Und es
geht, wie er geweissagt hat. Während der biedere Centaur gutmüthig, wie
der Starke ist, vom Publikum sich anglotzen, sein sammetweiches Fell
befühlen lässt, während er gemüthlich eine Flasche Wein nach der andern
leert und über die Brüstung der Laube sie dem hübschen Schenkmädchen,
dem er sofort seine Rose geschenkt hat, zurückreicht, lauern Hass und
Neid auf sein Verderben. Eine ganze Verschwörung hat sich gegen ihn
gebildet. »An der Spitze stand natürlich die hochwürdige Geistlichkeit,
die es für das Seelenheil ihrer Pfarrkinder sehr nachtheilig fand,
sich mit einem gewiss ungetauften, völlig nackten und wahrscheinlich
sehr unsittlichen Thiermenschen näher einzulassen«. Ebenso aufgebracht
zeigte sich ein Italiener, der auf dem Markte ein ausgestopftes Kalb
mit zwei Köpfen und fünf Beinen vorwies. Den Rossmenschen sah man
gratis, er war lebendig und trank und schwatzte, und wer wusste, ob er
sich nicht noch bewegen liess, einige Kunstreiterstückchen zum Besten
zu geben. Das Kalb dagegen war ein ruhiges Genie und machte zu solchen
Extravaganzen durchaus keine Miene. In die Concurrenz kann sich der
Italiener nicht finden. »Es sei ein Unterschied«, setzt er dem Pfarrer
auseinander, »zwischen einem zünftigen, von der Polizei approbirten
Naturspiel und einer ganz unwahrscheinlichen nie dagewesenen
Missgeburt, die ohne Pass und Gewerbeschein das Land unsicher machte
und ehrlichen fünfbeinigen Kälbern das Brot vor dem Maule wegstehle«.
Aber der leidenschaftlichste Gegner des Centauren ist doch der kleine,
schiefbeinige Dorfschneider, der Bräutigam des hübschen Schenkmädchens.
Auch der Schneider klagt dem Pfarrer seine Noth, die neue Mode die der
Unbekannte eingeführt, müsse das ganze Schneiderhandwerk ruiniren und
überdies alle Begriffe von Anstand und guter Sitte über den Haufen
werfen.
Während nun der Centaur in seiner heiteren Stimmung eben in dem
Hofe des Wirthshauses die schöne Nanni auf seinem Rücken tragend
die Umstehenden mit einem höchst graziösen und eigenthümlichen Tanz
unterhält, kommen alle die Verschworenen mit berittenen Gensdarmen,
um ihn zu fangen. Ohne sie der geringsten Aufmerksamkeit zu würdigen,
führt er seinen Tanz fort, und die Hände des Mädchens sanft an seine
Brust drückend, setzt er mit einem prachtvollen Sprung über die Köpfe
der Bauern weg. Pistolenkugeln knallen um ihn, ohne ihn zu treffen,
und bald steht er frei auf dem nächsten Bergabhang. Da lässt er,
von dem kläglichen Flehen des Mädchens gerührt, sie sacht zur Erde
niedergleiten. »So sehr ihr die ritterliche Huldigung des Fremden
geschmeichelt hatte und eine so traurige Figur ihr Schatz neben ihm
spielte -- eine solide Versorgung konnte sie von diesem reitenden
Ausländer nicht erwarten«. Ihre praktische Natur trägt den Sieg davon,
und wie eine gejagte Gemse springt sie von Stein zu Stein, ihrem
Schneider in die Arme. Ein Ausdruck göttlichen Hohnes gleitet über
die Mienen des Centauren hin, man sieht ihn sich entfernen, und bald
nachher verschwindet er den nachstarrenden Blicken.
Hier schweigt Genelli, der kleine Kreis bricht auf, und der Dichter
erwacht in der Vorstube des Weinhändlers.
Alle Eigenschaften, die das Lesen eines Dichterwerkes zu einem Genusse
machen, scheinen mir in diesem Märchen vereint: ein hoher Humor, der
einen milden Schimmer über alle Einzelheiten wirft, die zartesten
Halbtöne und das feinste Helldunkel das die Handlung vom Lichte des
Tages in einen Traum von lauter Verstorbenen hinübergleiten lässt, um
dann wieder das Zwielicht der Schattenwelt von einem Sonnenstrahl des
alten Hellas erhellen zu lassen. Hierzu kommt eine tiefe, für ihren
Dichter ganz eigenthümliche Idee. Denn dieser Scherz ist ja in vollem
Ernste ein Hymnus auf die Freiheit in der Kunst wie im Leben, und auf
die Freiheit, wie Heyse sie immer aufgefasst hat. Für ihn besteht die
Freiheit nicht (wie z. B. für Henrik Ibsen) im Kampfe für die Freiheit,
sondern sie ist auf dem religiösen Gebiete der Protest der Natur gegen
das Dogma, auf dem gesellschaftlichen und sittlichen Gebiete der
Protest der Natur gegen die Convenienz. Durch Natur zur Freiheit! das
ist sein Weg und seine Losung. So wird der Centaur als halb Naturwesen,
halb Gottheit seiner Phantasie ein theures Sinnbild. Wie schön ist der
Centaur in seiner stolzen Kraft durch den Rest altgriechischen Blutes,
das er in seinen Adern bewahrt hat! Was muss er nicht Alles ertragen,
der Arme, für den Rest Heidenthum, das in ihm wiedererstanden ist,
das einige tausend Jahre eingefroren war, aber in unseren Tagen, da
die Gletscher zu schmelzen beginnen, aufs Neue erwacht ist und sich
an's Tageslicht hinaus wagt! Viel lehrreicher, viel gesetzter und
moralischer findet die ganze civilisirte Umgebung seine interessanten
Rivalen, die ausgestopften Kälber mit zwei Zungen und fünf durchaus
nicht zum Fortschreiten bestimmten, höchst conservativen und ihren
Platz conservirenden Beinen. _Diese_ »Merkwürdigkeiten« übertreten nie
eine bürgerliche Sitte, lassen sich nur mit Erlaubniss der Obrigkeit
und Geistlichkeit sehen, und sind darum nicht minder ungewöhnlich. Sie
werden ewig die Rivalen des Centauren bleiben, von Einigen als ihm
ebenbürtig, von Vielen als ihn weit überstrahlend betrachtet.
Und ist der Dichter auf seinem Flügelrosse in dieser kleinlichen
modernen Gesellschaft nicht leibhaftig »der letzte Centaur«?