Heyse's Dramen sind höchst verschiedenartig: bürgerliche Tragödien,
mythologische, historisch-patriotische Schauspiele von sehr
verschiedener Kunstrichtung; sein Talent ist so biegsam, dass er sich
an jede Aufgabe wagen darf. Einen starken Drang zum Historischen
hat Heyse nicht gehabt; die geschichtlichen Dramen sind alle einem
patriotischen Gefühl entsprungen und wirken am meisten durch dies
Gefühl. Die für den Dichter bezeichnendste von diesen Dramengruppen
ist die, welche antike Stoffe behandelt. Zu der Zeit, da man überall
in dem höheren Schauspiel politische moderne Action verlangte, hat
man in Deutschland über diese Beschäftigung mit altgriechischen und
römischen Stoffen unverständig lamentirt oder gespottet. Man fragte,
was in aller Welt den Dichter und uns an einem Gegenstande wie Raub der
Sabinerinnen oder Meleager oder Hadrian zu interessiren vermöchte. Für
den, welcher kritisch liest, ist es klar genug, was Heyse zu diesen
Sujets hat hinziehen können. Sie verkörpern ihm seine Lieblingsideen
über Frauenliebe und Frauenloos, sein eigenes Wesen spiegelt sich in
ihnen. Wer das heissblütige Drama »Meleager« mit Swinburne's »Atalanta
in Kalydon«, das denselben Stoff behandelt, vergleichen will, wird
zu manchen interessanten Beobachtungen über die Eigenthümlichkeit
der beiden Dichter Anlass finden. »Hadrian« hat wol am meisten die
Kritik verwirrt. Was den Dichter zu einem uns so fremdartigen, noch
dazu an die Schattenseiten des antiken Lebens erinnernden Verhältniss,
wie dem zwischen Hadrian und Antinous locken könnte, schien fast
unbegreiflich. Ich betrachte unter Heyse's Dramen »Hadrian« als eins
der besten, und zwar weil dies Stück das persönlichste und am tiefsten
empfundene ist. Es ist mir unmöglich gewesen, diese Tragödie von dem
jungen, schönen Aegypter, der, vom Weltbeherrscher so leidenschaftlich
geliebt, von aller Herrlichkeit und Pracht des Hofes umgeben, frei in
jeder Hinsicht, nur an seinen kaiserlichen Bewunderer gebunden, nach
vollständiger Freiheit schmachtet, zu lesen ohne an einen gewissen
jungen Dichter zu denken, der, schon in frühester Jugend an einen
süddeutschen Hof berufen, bald der Liebling eines liebenswürdigen und
verständigen Königs, als Günstling des Glückes beneidet ward, und doch
heimlich in manchem Augenblick sich weit weg vom Hofe wünschen und
in mancher gebundenen Stunde es fühlen musste, wie wenig selbst die
Gunst des besten Herrn die Freiheit des ganz Unbeschützten aber ganz
Unabhängigen aufwiegt.
In diesem Drama ist ausnahmsweise alles Scenische von der höchsten
Wirkung. Die eigentliche Ursache, warum Heyse bei seiner grossen
Befähigung für die Bühne doch sonst nicht entschieden durchdrungen
hat, ist vielleicht die, dass er das eigentliche deutsche Pathos,
das Schiller'sche, nicht besitzt. Erst wenn ein Pathos gebrochen,
wenn das Pathetische halb pathologisch ist, vermag er es mit voller
Ursprünglichkeit zu behandeln. Das dramatische Pathos aus voller Brust
wird bei ihm leicht unkünstlerisch-national, patriotisch und ein
bisschen alltäglich. Hierzu kommt, dass die Darstellung der eigentlich
männlichen Action nicht seine Sache ist. In wie hohem Grade er auch
in seiner Poesie über die passiven Eigenschaften des Männlichen, wie
Würde, Ernst, Ruhe, Unverzagtheit, gebietet, es fehlt doch ihm, wie
Goethe, ganz das active Moment. Ein kräftig eingreifendes Handeln,
das ein Ziel verfolgt, ist so wenig der Kern seiner Dramen wie seiner
Novellen und Romane. Kommt ab und zu eine energische Handlung vor,
so geschieht sie aus Verzweiflung oder Wuth: das Individuum ist in
eine Enge getrieben, wo es keinen andern Ausweg erblickt als den, das
Aeusserste zu wagen. (Man vergleiche die Handlung des jungen Försters
in »Mutter und Kind«, als er den Sohn seiner Geliebten raubt, oder die
Entführung in »Das Bild der Mutter«.) Im »Paradiese« ist die Scene,
wo Jansen in seiner Erbitterung über all' die Halbheiten, in denen
er sein Leben verbracht hat, die Modelle seiner Heiligen zu Scherben
schlägt, ein gutes Beispiel. Es war unmännlich von Jansen, eine
Heiligenfabrik zu unterhalten -- die ganze Idee ist als flüchtiger
Scherz amüsant, lässt sich aber nicht festhalten, ohne den Charakter zu
entstellen -- es ist indess noch unmännlicher, ja weibisch gehandelt,
seinen Zorn über die todten Gypsgestalten ausgehen zu lassen. Obwohl
nun aus dem angeführten Grund der eigentliche dramatische Nerv wohl
immer Heyse's Arbeiten fehlen wird, sind die Hindernisse, die sich dem
entscheidenden Erfolg des Dichters auf der Bühne in den Weg stellen,
nicht so bedeutend, dass er sie nicht mit der Zeit überwinden und einen
scenischen Triumph feiern könnte. Vorläufig ist er vor einigen Jahren
zur allgemeinen Verwunderung in einer Dichtungsart aufgetreten, die ihm
ganz fern zu liegen schien, in der er aber in kurzer Zeit einen grossen
Erfolg errang.
Es ist noch in frischer Erinnerung, welches Aufsehen die »Kinder der
Welt« in Berlin erweckten, als der Roman zuerst in der »Spener'schen
Zeitung« erschien. Man sprach einen Monat lang überall von diesem
Feuilleton. Plötzlich hatte der unschuldige, dem Weltleben entfremdete
Novellist sich als ein rein moderner Geist enthüllt, der einen
philosophischen Roman mit Hölderlin's Worten schloss:
Verlass mit Deinem Götterschilde,
Verlass o Du, der _Kühnen_ Genius,
Die Unschuld nie!
Man hatte offenbar bisher übersehen, dass durch Heyse's
einschmeichelnde Poesie ein heftiger Freiheitsdrang ging, eine völlige
Unabhängigkeit von Dogmen und conventionellen Banden. Darum wurde man
jetzt viel mehr als es sich gebührte, überrascht. Der Dichter ist
von gemischter Herkunft: von seinem germanischen Vater hat er das
Positive in seinem Wesen, die Fülle und Schönheit des Gemüthes geerbt,
von der Mutter, die Jüdin war, eine kritische Ader. Zum ersten Male
wurden beide Seiten seines Wesens dem grossen Publikum offenbart. Es
musste eine bedeutende Wirkung auf die Gemüther machen, dass dieser
Fabius Cunctator, der sich so lange von den Problemen der Zeit fern
gehalten hatte, jetzt den Augenblick gekommen fühlte, um seine Position
unter denen einzunehmen, die den Kampf der Zeit kämpften. Der Roman
ist ein würdiger und vornehmer Protest gegen die, welche noch in
unseren Tagen die Denk- und Lehrfreiheit fesseln wollen. Er hat alle
Polemik gegen die Dogmen hinter sich. Er lässt alle Hauptpersonen mit
klarem Bewusstsein in der Atmosphäre freier Ideen leben, welche die
Lebensluft der neuen Zeit ist. Es ist eins von den Werken, welche die
Innigkeit eines lange zurückgehaltenen, spät gereiften persönlichen
Bekenntnisses haben, und darum eine Lebensfähigkeit besitzen, der
keine formelle Ungeschicklichkeit, kein formeller Mangel Abbruch
thun kann. Es fehlt dem Buch als erstem Versuche Manches dazu, ein
echter Roman zu sein: es gebricht, wie zu erwarten war, dem Helden an
Entschlossenheit, an activer Manneskraft; das Buch sammelt sich nicht
um ein einzelnes, unbedingt herrschendes geistiges Interesse; die Alles
verschlingende Erotik lässt die Idee nicht klar und central, wie sie
vom Dichter gedacht ist, hervortreten. Die entscheidende Wendung des
Buches scheint hervorzustehen, wo Franzelius nach Balder's Beerdigung
auf die Denunciation Lorinser's in's Gefängniss geworfen worden ist.
Hier sagt Edwin ausdrücklich:[21] »Sie wollen den offenen Krieg, sie
fordern ihn selbst heraus, und es wird nicht eher Frieden geben, bis
man ihn ehrlich durchgefochten hat«. Aber der _offene Krieg_ bleibt
aus, Edwin und die ganze kleine Schaar der Hauptpersonen begnügen sich
mit der Defensive, und als Edwin endlich mit seinem epochemachenden
Werke fertig wird, ist der Roman zu Ende. -- In nahem Zusammenhang
mit diesem Mangel steht die zu grosse Weichheit der Gefühle in den
Partien, die von Balder handeln. Das strenge Beobachten von Mass und
Grenze, das Heyse's Novellen auszeichnet, wird hier vermisst. Aber
wie wäre es möglich, dass grosse Vorzüge bei einer so umfangreichen
Arbeit nicht durch einige Mängel erkauft würden! Nicht allein haben die
feinen Frauengestalten hier dieselben Vorzüge, wie in den Novellen: der
Dichter hat hier noch dazu sein Gebiet in hohem Grade erweitert; eben
die am wenigsten idealen Figuren: Christiane, Mohr, Marquard, sind am
besten gelungen. Und welche Strömung echter allseitiger Bildung enthält
er! Es ist nicht nur ein muthvolles, es ist ein erbauliches Buch.
Bei den einzelnen schmutzigen Angriffen, die es seinem Verfasser
zugezogen hat, will ich nicht verweilen. Die Denunciationen in ein paar
deutschen Winkelblättern interessiren mich nur, weil der norwegische
Uebersetzer von Goethe's »Faust« einen dieser Schmähartikel, der den
Inhalt des Buches so wiedergab, als handle es sich darin um lauter
roheste Sinnlichkeit, mit einer Einleitung abdrucken liess, die alle
norwegischen Familienväter warnte, das Buch über ihre Schwelle kommen
zu lassen[22].
Auf einen kleinen Hieb von Frankreich aus musste Heyse füglich gefasst
sein. Er käme nicht unverdient: denn die in seinem Roman vorkommenden
Aeusserungen über französische Literatur und Geistesrichtung sind
ganz im Stil der üblichen deutschen Anschauung gehalten; aber der
Hieb hätte ritterlicher und geschickter ausfallen sollen als der, vom
Nationalhasse und Selbsterhaltungstriebe dictirte, sehr unedle und
beschränkte Artikel von Albert Réville in der »Revue des deux mondes«.
Die Freiheit des Gedankens war die Grundidee der »Kinder der Welt«. Die
Sittenfreiheit ist der Grundgedanke des Romans »Im Paradiese«, doch
nicht so, dass er unbedingt als Vertheidigungs-Eingabe zu betrachten
sei; denn wenn die Gedankenfreiheit als unbedingt behauptet werden
muss, so ist die Freiheit der Sitten doch nur relativ, und der Dichter
hat ihnen nicht mehr als eine relative Freiheit behaupten wollen.
»Im Paradiese« ist aber auch ein Werk von ganz anderer Art als der
erstere Roman. Schon der Umstand, dass jener im verstandesscharfen
Berlin, dieser im heiteren und sinnlichen München vorgeht, deutet
den Unterschied an. Während »Kinder der Welt« ein philosophischer
Roman genannt werden konnte, ist »Im Paradiese« eine Art _roman
comique_, leicht, graziös und voll mit Ernst gemischten Scherzes. Er
hat vielleicht seinen grössten Werth als Psychologie einer ganzen
bedeutenden Stadt und als Porträt ihrer gesellschaftlichen und
künstlerischen Zustände. Ganz München ist in diesem Buche enthalten,
und den Hauptplatz nimmt selbstverständlich das Künstlerleben der
Kunststadt ein. Die Gespräche und Reflexionen über Kunst haben hier
nicht das müssige und abstracte Gepräge wie in den gewöhnlichen
Künstlerromanen; man fühlt, dass es kein Theoretiker sondern ein Kenner
ist, der spricht, und ein wahrer Ateliergeruch ist über alle diese
Partien des Buches verbreitet. Die ganze Aesthetik des Verfassers lässt
sich in Ingres' alter Definition zusammenfassen: _l'art c'est le nu_.
Was die Schlingung und Composition der Handlung betrifft, bezeichnet
»Im Paradiese« einen unzweifelhaften Fortschritt. Das Interesse wird
hier überall erhalten, und, was mehr ist, es ist immer im Steigen;
ein Lob, das man »Kinder der Welt« nicht spenden konnte. Ab und zu
sind zwar noch die Mittel, die die Handlung vorwärts bringen, ein
wenig ungeschickt benutzt. So ist besonders die ganze Rolle, die der
Hund Homo als _deus ex machina_ spielt, etwas stark übertrieben.
Er erinnert mit seinem übermenschlichen Scharfblick an jene Löwen,
welche die Sculptur der Zopfkunst mit menschlichen und majestätischen
Gesichtern darstellte, von Mähnen umrahmt, die in Wirklichkeit
Allongenperrücken allzu ähnlich sahen. Doch in deutschen Romanen ist
nicht die Handlung, sondern die Charakteristik die Hauptsache, und in
fast allen Nebenfiguren offenbart dieses Buch eine ganz neue Seite von
Heyse's Talent. Gestalten wie Angelica, Rosenbusch, Kohle, Schnetz,
haben ein spielendes, mannigfaltiges Leben, das von Heyse's Stilart
sonst fast ausgeschlossen war. Heyse's Geist hat mit einem Wort Humor
gewonnen, den Humor des reifen Mannesalters, der vierziger Jahre
kann man vielleicht sagen; aber einen feinen, stillen Humor, der die
Begabung des Dichters vervollständigt und seinen Farben den ächten
Schmelz verleiht.