VIII.

Heyse's Dramen sind höchst verschiedenartig: bürgerliche Tragödien,

mythologische, historisch-patriotische Schauspiele von sehr

verschiedener Kunstrichtung; sein Talent ist so biegsam, dass er sich

an jede Aufgabe wagen darf. Einen starken Drang zum Historischen

hat Heyse nicht gehabt; die geschichtlichen Dramen sind alle einem

patriotischen Gefühl entsprungen und wirken am meisten durch dies

Gefühl. Die für den Dichter bezeichnendste von diesen Dramengruppen

ist die, welche antike Stoffe behandelt. Zu der Zeit, da man überall

in dem höheren Schauspiel politische moderne Action verlangte, hat

man in Deutschland über diese Beschäftigung mit altgriechischen und

römischen Stoffen unverständig lamentirt oder gespottet. Man fragte,

was in aller Welt den Dichter und uns an einem Gegenstande wie Raub der

Sabinerinnen oder Meleager oder Hadrian zu interessiren vermöchte. Für

den, welcher kritisch liest, ist es klar genug, was Heyse zu diesen

Sujets hat hinziehen können. Sie verkörpern ihm seine Lieblingsideen

über Frauenliebe und Frauenloos, sein eigenes Wesen spiegelt sich in

ihnen. Wer das heissblütige Drama »Meleager« mit Swinburne's »Atalanta

in Kalydon«, das denselben Stoff behandelt, vergleichen will, wird

zu manchen interessanten Beobachtungen über die Eigenthümlichkeit

der beiden Dichter Anlass finden. »Hadrian« hat wol am meisten die

Kritik verwirrt. Was den Dichter zu einem uns so fremdartigen, noch

dazu an die Schattenseiten des antiken Lebens erinnernden Verhältniss,

wie dem zwischen Hadrian und Antinous locken könnte, schien fast

unbegreiflich. Ich betrachte unter Heyse's Dramen »Hadrian« als eins

der besten, und zwar weil dies Stück das persönlichste und am tiefsten

empfundene ist. Es ist mir unmöglich gewesen, diese Tragödie von dem

jungen, schönen Aegypter, der, vom Weltbeherrscher so leidenschaftlich

geliebt, von aller Herrlichkeit und Pracht des Hofes umgeben, frei in

jeder Hinsicht, nur an seinen kaiserlichen Bewunderer gebunden, nach

vollständiger Freiheit schmachtet, zu lesen ohne an einen gewissen

jungen Dichter zu denken, der, schon in frühester Jugend an einen

süddeutschen Hof berufen, bald der Liebling eines liebenswürdigen und

verständigen Königs, als Günstling des Glückes beneidet ward, und doch

heimlich in manchem Augenblick sich weit weg vom Hofe wünschen und

in mancher gebundenen Stunde es fühlen musste, wie wenig selbst die

Gunst des besten Herrn die Freiheit des ganz Unbeschützten aber ganz

Unabhängigen aufwiegt.

In diesem Drama ist ausnahmsweise alles Scenische von der höchsten

Wirkung. Die eigentliche Ursache, warum Heyse bei seiner grossen

Befähigung für die Bühne doch sonst nicht entschieden durchdrungen

hat, ist vielleicht die, dass er das eigentliche deutsche Pathos,

das Schiller'sche, nicht besitzt. Erst wenn ein Pathos gebrochen,

wenn das Pathetische halb pathologisch ist, vermag er es mit voller

Ursprünglichkeit zu behandeln. Das dramatische Pathos aus voller Brust

wird bei ihm leicht unkünstlerisch-national, patriotisch und ein

bisschen alltäglich. Hierzu kommt, dass die Darstellung der eigentlich

männlichen Action nicht seine Sache ist. In wie hohem Grade er auch

in seiner Poesie über die passiven Eigenschaften des Männlichen, wie

Würde, Ernst, Ruhe, Unverzagtheit, gebietet, es fehlt doch ihm, wie

Goethe, ganz das active Moment. Ein kräftig eingreifendes Handeln,

das ein Ziel verfolgt, ist so wenig der Kern seiner Dramen wie seiner

Novellen und Romane. Kommt ab und zu eine energische Handlung vor,

so geschieht sie aus Verzweiflung oder Wuth: das Individuum ist in

eine Enge getrieben, wo es keinen andern Ausweg erblickt als den, das

Aeusserste zu wagen. (Man vergleiche die Handlung des jungen Försters

in »Mutter und Kind«, als er den Sohn seiner Geliebten raubt, oder die

Entführung in »Das Bild der Mutter«.) Im »Paradiese« ist die Scene,

wo Jansen in seiner Erbitterung über all' die Halbheiten, in denen

er sein Leben verbracht hat, die Modelle seiner Heiligen zu Scherben

schlägt, ein gutes Beispiel. Es war unmännlich von Jansen, eine

Heiligenfabrik zu unterhalten -- die ganze Idee ist als flüchtiger

Scherz amüsant, lässt sich aber nicht festhalten, ohne den Charakter zu

entstellen -- es ist indess noch unmännlicher, ja weibisch gehandelt,

seinen Zorn über die todten Gypsgestalten ausgehen zu lassen. Obwohl

nun aus dem angeführten Grund der eigentliche dramatische Nerv wohl

immer Heyse's Arbeiten fehlen wird, sind die Hindernisse, die sich dem

entscheidenden Erfolg des Dichters auf der Bühne in den Weg stellen,

nicht so bedeutend, dass er sie nicht mit der Zeit überwinden und einen

scenischen Triumph feiern könnte. Vorläufig ist er vor einigen Jahren

zur allgemeinen Verwunderung in einer Dichtungsart aufgetreten, die ihm

ganz fern zu liegen schien, in der er aber in kurzer Zeit einen grossen

Erfolg errang.

Es ist noch in frischer Erinnerung, welches Aufsehen die »Kinder der

Welt« in Berlin erweckten, als der Roman zuerst in der »Spener'schen

Zeitung« erschien. Man sprach einen Monat lang überall von diesem

Feuilleton. Plötzlich hatte der unschuldige, dem Weltleben entfremdete

Novellist sich als ein rein moderner Geist enthüllt, der einen

philosophischen Roman mit Hölderlin's Worten schloss:

Verlass mit Deinem Götterschilde,

Verlass o Du, der _Kühnen_ Genius,

Die Unschuld nie!

Man hatte offenbar bisher übersehen, dass durch Heyse's

einschmeichelnde Poesie ein heftiger Freiheitsdrang ging, eine völlige

Unabhängigkeit von Dogmen und conventionellen Banden. Darum wurde man

jetzt viel mehr als es sich gebührte, überrascht. Der Dichter ist

von gemischter Herkunft: von seinem germanischen Vater hat er das

Positive in seinem Wesen, die Fülle und Schönheit des Gemüthes geerbt,

von der Mutter, die Jüdin war, eine kritische Ader. Zum ersten Male

wurden beide Seiten seines Wesens dem grossen Publikum offenbart. Es

musste eine bedeutende Wirkung auf die Gemüther machen, dass dieser

Fabius Cunctator, der sich so lange von den Problemen der Zeit fern

gehalten hatte, jetzt den Augenblick gekommen fühlte, um seine Position

unter denen einzunehmen, die den Kampf der Zeit kämpften. Der Roman

ist ein würdiger und vornehmer Protest gegen die, welche noch in

unseren Tagen die Denk- und Lehrfreiheit fesseln wollen. Er hat alle

Polemik gegen die Dogmen hinter sich. Er lässt alle Hauptpersonen mit

klarem Bewusstsein in der Atmosphäre freier Ideen leben, welche die

Lebensluft der neuen Zeit ist. Es ist eins von den Werken, welche die

Innigkeit eines lange zurückgehaltenen, spät gereiften persönlichen

Bekenntnisses haben, und darum eine Lebensfähigkeit besitzen, der

keine formelle Ungeschicklichkeit, kein formeller Mangel Abbruch

thun kann. Es fehlt dem Buch als erstem Versuche Manches dazu, ein

echter Roman zu sein: es gebricht, wie zu erwarten war, dem Helden an

Entschlossenheit, an activer Manneskraft; das Buch sammelt sich nicht

um ein einzelnes, unbedingt herrschendes geistiges Interesse; die Alles

verschlingende Erotik lässt die Idee nicht klar und central, wie sie

vom Dichter gedacht ist, hervortreten. Die entscheidende Wendung des

Buches scheint hervorzustehen, wo Franzelius nach Balder's Beerdigung

auf die Denunciation Lorinser's in's Gefängniss geworfen worden ist.

Hier sagt Edwin ausdrücklich:[21] »Sie wollen den offenen Krieg, sie

fordern ihn selbst heraus, und es wird nicht eher Frieden geben, bis

man ihn ehrlich durchgefochten hat«. Aber der _offene Krieg_ bleibt

aus, Edwin und die ganze kleine Schaar der Hauptpersonen begnügen sich

mit der Defensive, und als Edwin endlich mit seinem epochemachenden

Werke fertig wird, ist der Roman zu Ende. -- In nahem Zusammenhang

mit diesem Mangel steht die zu grosse Weichheit der Gefühle in den

Partien, die von Balder handeln. Das strenge Beobachten von Mass und

Grenze, das Heyse's Novellen auszeichnet, wird hier vermisst. Aber

wie wäre es möglich, dass grosse Vorzüge bei einer so umfangreichen

Arbeit nicht durch einige Mängel erkauft würden! Nicht allein haben die

feinen Frauengestalten hier dieselben Vorzüge, wie in den Novellen: der

Dichter hat hier noch dazu sein Gebiet in hohem Grade erweitert; eben

die am wenigsten idealen Figuren: Christiane, Mohr, Marquard, sind am

besten gelungen. Und welche Strömung echter allseitiger Bildung enthält

er! Es ist nicht nur ein muthvolles, es ist ein erbauliches Buch.

Bei den einzelnen schmutzigen Angriffen, die es seinem Verfasser

zugezogen hat, will ich nicht verweilen. Die Denunciationen in ein paar

deutschen Winkelblättern interessiren mich nur, weil der norwegische

Uebersetzer von Goethe's »Faust« einen dieser Schmähartikel, der den

Inhalt des Buches so wiedergab, als handle es sich darin um lauter

roheste Sinnlichkeit, mit einer Einleitung abdrucken liess, die alle

norwegischen Familienväter warnte, das Buch über ihre Schwelle kommen

zu lassen[22].

Auf einen kleinen Hieb von Frankreich aus musste Heyse füglich gefasst

sein. Er käme nicht unverdient: denn die in seinem Roman vorkommenden

Aeusserungen über französische Literatur und Geistesrichtung sind

ganz im Stil der üblichen deutschen Anschauung gehalten; aber der

Hieb hätte ritterlicher und geschickter ausfallen sollen als der, vom

Nationalhasse und Selbsterhaltungstriebe dictirte, sehr unedle und

beschränkte Artikel von Albert Réville in der »Revue des deux mondes«.

Die Freiheit des Gedankens war die Grundidee der »Kinder der Welt«. Die

Sittenfreiheit ist der Grundgedanke des Romans »Im Paradiese«, doch

nicht so, dass er unbedingt als Vertheidigungs-Eingabe zu betrachten

sei; denn wenn die Gedankenfreiheit als unbedingt behauptet werden

muss, so ist die Freiheit der Sitten doch nur relativ, und der Dichter

hat ihnen nicht mehr als eine relative Freiheit behaupten wollen.

»Im Paradiese« ist aber auch ein Werk von ganz anderer Art als der

erstere Roman. Schon der Umstand, dass jener im verstandesscharfen

Berlin, dieser im heiteren und sinnlichen München vorgeht, deutet

den Unterschied an. Während »Kinder der Welt« ein philosophischer

Roman genannt werden konnte, ist »Im Paradiese« eine Art _roman

comique_, leicht, graziös und voll mit Ernst gemischten Scherzes. Er

hat vielleicht seinen grössten Werth als Psychologie einer ganzen

bedeutenden Stadt und als Porträt ihrer gesellschaftlichen und

künstlerischen Zustände. Ganz München ist in diesem Buche enthalten,

und den Hauptplatz nimmt selbstverständlich das Künstlerleben der

Kunststadt ein. Die Gespräche und Reflexionen über Kunst haben hier

nicht das müssige und abstracte Gepräge wie in den gewöhnlichen

Künstlerromanen; man fühlt, dass es kein Theoretiker sondern ein Kenner

ist, der spricht, und ein wahrer Ateliergeruch ist über alle diese

Partien des Buches verbreitet. Die ganze Aesthetik des Verfassers lässt

sich in Ingres' alter Definition zusammenfassen: _l'art c'est le nu_.

Was die Schlingung und Composition der Handlung betrifft, bezeichnet

»Im Paradiese« einen unzweifelhaften Fortschritt. Das Interesse wird

hier überall erhalten, und, was mehr ist, es ist immer im Steigen;

ein Lob, das man »Kinder der Welt« nicht spenden konnte. Ab und zu

sind zwar noch die Mittel, die die Handlung vorwärts bringen, ein

wenig ungeschickt benutzt. So ist besonders die ganze Rolle, die der

Hund Homo als _deus ex machina_ spielt, etwas stark übertrieben.

Er erinnert mit seinem übermenschlichen Scharfblick an jene Löwen,

welche die Sculptur der Zopfkunst mit menschlichen und majestätischen

Gesichtern darstellte, von Mähnen umrahmt, die in Wirklichkeit

Allongenperrücken allzu ähnlich sahen. Doch in deutschen Romanen ist

nicht die Handlung, sondern die Charakteristik die Hauptsache, und in

fast allen Nebenfiguren offenbart dieses Buch eine ganz neue Seite von

Heyse's Talent. Gestalten wie Angelica, Rosenbusch, Kohle, Schnetz,

haben ein spielendes, mannigfaltiges Leben, das von Heyse's Stilart

sonst fast ausgeschlossen war. Heyse's Geist hat mit einem Wort Humor

gewonnen, den Humor des reifen Mannesalters, der vierziger Jahre

kann man vielleicht sagen; aber einen feinen, stillen Humor, der die

Begabung des Dichters vervollständigt und seinen Farben den ächten

Schmelz verleiht.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 27 / 110 题