Ich habe einige Aeusserungen über Heyse aufgezeichnet, günstige und
ungünstige durcheinander, ächte Stimmen aus dem Publikum.
»Heyse«, sagte Einer, »Das ist der Frauenarzt, der deutsche Frauenarzt,
der das Goethe'sche Wort:
Es ist ihr ewig Weh und Ach
So tausendfach u. s. w.
gründlich verstanden hat. Dass er kein Dichter für Männer ist, das hat
Fürst Bismarck richtig gefühlt«.
»Im Gegentheil«, sagte ein Anderer, »Paul Heyse ist sehr männlich. Man
findet ihn weich, weil er anmuthig ist, weil eine vollendete Grazie
seinen Schöpfungen ihr Gepräge verliehen hat. Man ahnt nicht, wie viel
Kraft erforderlich ist, um diese Anmuth zu haben!«
»Was ist Heyse?«, sagte ein Dritter, »ein Kleinstädter, der so lange
mit Berlin, dem Weltleben und der Politik Verstecken gespielt hat,
dass er sich unserer Gegenwart entfremdet hat und sich nur unter
Troubadouren in der Provence zu Hause fühlt. Ich wittere immer aus
seinen Schriften den Provençalen und Provinzialisten heraus«.
»Dieser Heyse«, bemerkte ein Vierter, »hat trotz seiner fünfzig Jahre
und seiner dichterischen Reife die Schwäche, uns durchaus überreden zu
wollen, dass er ein unmoralischer, lüsterner Poet sei. Aber kein Mensch
glaubt es ihm. Das ist seine Strafe«.
»Ich bin in meinem Leben nie so beneidet worden«, sagte in meiner
Gegenwart eine alte Jugendfreundin Heyse's, »wie heute, als in einer
höheren Töchterschule, die ich besuchte, sich das Gerücht verbreitet
hatte, ich würde heute Abend mit ihm in einer Gesellschaft zusammen
treffen. Die Backfische haben mir einstimmig aufgetragen, ihm ihre
begeisterten Grüsse zu bringen. Wie gerne wären sie ihm sämmtlich um
den Hals gefallen! Er ist und bleibt der vergötterte Lieblingsdichter
der jungen Mädchen«.
»Man kann«, sagte ein Kritiker, »Paul Heyse als den
Mendelssohn-Bartholdy der deutschen Poesie definiren. Er erscheint wie
Mendelssohn nach den grossen Meistern. Sein Wesen ist wie dasjenige
Mendelssohns ein deutsches lyrisches und sinniges Naturell mit der
feinsten, südländischen Bildung durchdrungen. Beiden fehlt der grosse
Pathos, die durchgreifende Gewalt, der Sturm des dramatischen Elements;
aber beide haben natürliche Würde im Ernst, reizende Liebenswürdigkeit
und Anmuth im Scherz, beide sind sie durchgebildet in der Form,
Virtuosen in der Ausführung«.