X.

Ich habe einige Aeusserungen über Heyse aufgezeichnet, günstige und

ungünstige durcheinander, ächte Stimmen aus dem Publikum.

»Heyse«, sagte Einer, »Das ist der Frauenarzt, der deutsche Frauenarzt,

der das Goethe'sche Wort:

Es ist ihr ewig Weh und Ach

So tausendfach u. s. w.

gründlich verstanden hat. Dass er kein Dichter für Männer ist, das hat

Fürst Bismarck richtig gefühlt«.

»Im Gegentheil«, sagte ein Anderer, »Paul Heyse ist sehr männlich. Man

findet ihn weich, weil er anmuthig ist, weil eine vollendete Grazie

seinen Schöpfungen ihr Gepräge verliehen hat. Man ahnt nicht, wie viel

Kraft erforderlich ist, um diese Anmuth zu haben!«

»Was ist Heyse?«, sagte ein Dritter, »ein Kleinstädter, der so lange

mit Berlin, dem Weltleben und der Politik Verstecken gespielt hat,

dass er sich unserer Gegenwart entfremdet hat und sich nur unter

Troubadouren in der Provence zu Hause fühlt. Ich wittere immer aus

seinen Schriften den Provençalen und Provinzialisten heraus«.

»Dieser Heyse«, bemerkte ein Vierter, »hat trotz seiner fünfzig Jahre

und seiner dichterischen Reife die Schwäche, uns durchaus überreden zu

wollen, dass er ein unmoralischer, lüsterner Poet sei. Aber kein Mensch

glaubt es ihm. Das ist seine Strafe«.

»Ich bin in meinem Leben nie so beneidet worden«, sagte in meiner

Gegenwart eine alte Jugendfreundin Heyse's, »wie heute, als in einer

höheren Töchterschule, die ich besuchte, sich das Gerücht verbreitet

hatte, ich würde heute Abend mit ihm in einer Gesellschaft zusammen

treffen. Die Backfische haben mir einstimmig aufgetragen, ihm ihre

begeisterten Grüsse zu bringen. Wie gerne wären sie ihm sämmtlich um

den Hals gefallen! Er ist und bleibt der vergötterte Lieblingsdichter

der jungen Mädchen«.

»Man kann«, sagte ein Kritiker, »Paul Heyse als den

Mendelssohn-Bartholdy der deutschen Poesie definiren. Er erscheint wie

Mendelssohn nach den grossen Meistern. Sein Wesen ist wie dasjenige

Mendelssohns ein deutsches lyrisches und sinniges Naturell mit der

feinsten, südländischen Bildung durchdrungen. Beiden fehlt der grosse

Pathos, die durchgreifende Gewalt, der Sturm des dramatischen Elements;

aber beide haben natürliche Würde im Ernst, reizende Liebenswürdigkeit

und Anmuth im Scherz, beide sind sie durchgebildet in der Form,

Virtuosen in der Ausführung«.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 29 / 110 题