VII.

Indessen, so willfährig ich bin, die Bedeutung jenes scharfen Profils

als individuelles Merkmal der Heyse'schen Novelle und die Bedeutung

desselben für die Novelle als Kunstart anzuerkennen, so schwer fällt es

mir, dasselbe als entscheidende Norm für die Schätzung der einzelnen

Erzählung gelten zu lassen.

Die Novelle ist ja, wie jedes Kunstwerk, ein Organismus, in welchem

schöne, von einander relativ unabhängige Verhältnisse höchst

verschiedener Art zum Totaleindrucke beitragen. Wir verweilten bei

den Charakteren und der Handlung; der Stil ist das dritte Element.

Nach meiner Ueberzeugung sind diese drei Elemente einander nicht

untergeordnet, sondern nebengeordnet, und jedes von ihnen bereitet,

wenn es zur Meisterschaft entwickelt ist, dem Leser einen gleich

vollkommenen Genuss.

Zwar kann, wie Heyse hervorhebt, die einseitige Entwicklung des

Vortrags zu geistreichen Capriccio's ohne Thema führen; wer aber

allzugrosses Gewicht auf »die Geschichte« legt, kann ja auf der anderen

Seite der blossen Unterhaltungslitteratur verfallen.

»Frühlingsfluthen« von Turgenjew ist eine Novelle, deren Handlung

unbefriedigend verläuft -- den Stil im engeren Sinne kann ich nicht

beurtheilen, da ich die Erzählung nicht in der Originalsprache kenne

-- aber bedeutet dieser Mangel viel bei einem solchen Meisterwerk

individueller Charakterzeichnung? Wiegt die Schilderung der

italienischen Familie nicht an und für sich jede Unvollkommenheit in

der Motivirung der Begebenheiten auf? Was thut es, dass der Leser

vielleicht sich den Schluss lieber anders vorstellt und nicht zum

zweiten Mal lesen mag, wenn er drei viertel der Novelle mit dem

gleichen Genuss immer wieder liest?

Blicher's »Tagebuch eines Dorfküsters« ist eine Novelle, in welcher

die Handlung wenig zu bedeuten hat und die meisten Charaktere durch

ihre Rohheit abstossend wirken; aber sie ist deshalb doch ein Werk

von höchstem Kunstwerthe; ihre Hauptstärke liegt im Stile, in der

meisterhaft durchgeführten, fast zweihundert Jahre alten Sprachweise

des braven Küsters. Diese Sprachweise ist uns eine Bürgschaft für die

schneidende Wahrheit der Erzählung, eine Wahrheit, zu der man nicht auf

dem Wege des Idealismus gelangt, und die darum von Heyse weder gesucht,

noch erreicht wird, ich meine jene Wahrheit, die von den Franzosen als

_la vérité vraie_ bezeichnet wird.

Und könnte man nicht Heyse mit seinen eigenen Waffen schlagen? Ich

glaube es. Er will mit seiner Betonung dessen, was die Novelle in

der Novelle ist, zugleich gegen die Ueberschätzung des Stils und des

ideellen Gehalts Front machen. Aber von allen seinen versificirten

Novellen scheint mir »Der Salamander« am höchsten zu stehen, von seinen

Prosanovellen ist »Der letzte Centaur« mir eine der liebsten, und

jene scheint mir wegen des Vortrags, diese wegen der Idee den Preis

davonzutragen.

Man gebe sich keine Mühe damit, im »Salamander« nach einem »Falken«

zu suchen: Handlung gibt es da nicht, die Charaktere entwickeln sich

so gut wie gar nicht, und doch wird jeder empfängliche Leser unter

dem Einflüsse des Zaubers dieser Terzinen einen so lebhaften Genuss

empfinden, dass es ihm vorkommt, als hätte das Gedicht ausser seinen

eigenen Vorzügen noch alle die, die ihm abgehen. Von der epischen Ruhe,

von dem objectiven Stil, der Heyse's eigentliches Ideal im Novellenfach

ist, wird man hier nicht viel finden. Diese epische Ruhe passt

vielleicht überhaupt weniger für den unruhigen Geist unserer Zeit.

Vollständig ist die Verwirklichung dieses Ideals Heyse wohl eigentlich

auch nur gelungen in den wenigen Prosanovellen, die das moderne

Culturleben gar nicht berühren, wie in den genialen Pastichen aus der

Vorzeit: »Die Stickerin von Treviso« und »Geoffroy und Garcinde«, wo

der edel einfältige Stil der altitalienischen oder provencalischen

Erzählungen idealisirt ist, oder bei denjenigen Stoffen, die dem Leben

des Volkes in Italien oder Tyrol entnommen sind; denn das Volk scheint

ihm in jenen Ländern selbst ein naives und aus _einem_ Guss geformtes

Stück Mittelalter. Eine Erzählung wie das kleine Juwel »L'Arrabbiata«,

das Heyse's Ruhm begründete, kommt erst durch ihre schlichte, strenge

Einfassung zu ihrem Rechte; mit stilistischen Verzierungen oder mit

psychologisch zugeschliffenen Facetten ausgestutzt, würde sie ihre

ganze Schönheit verlieren, wenn nicht unmöglich sein. Ebenso ist »Die

Stickerin von Treviso«, die wohl nach der eben genannten Novelle den

grössten Beifall geerntet hat, in ihrer rührenden Einfachheit und

Grösse auf solche Weise eins mit ihrer Chronikform, dass sie ohne diese

gar nicht denkbar ist. Aber wo ganz moderne Eigenschaften und Scenen

dargestellt werden, da kann der Stil kaum zu individuell und nervös

sein. Heyse selbst kann es nicht unterlassen, sich in dieser Hinsicht

nach seinem Stoffe zu richten; wie fieberhaft ist die Darstellung in

der hübschen Krankengeschichte in Briefen »Unheilbar«! Indess lässt

er sich augenscheinlich nur widerstrebend oder unfreiwillig zu einem

so leidenschaftlich wogenden und zitternden Stil wie im »Salamander«

hinreissen. Diese Novelle ist lauter Vortrag, ihre Schönheit beruht

ganz und gar auf der bestrickenden Anmuth der metrischen Diction und

doch findet sich hier kein Wort, das nicht zur Sache gehört. Alles

ist hier lebendiges Leben, jede stilistische Wendung tiefgefühlt und

durchsichtig; die kämpfende Seele des Schreibenden liegt offen vor

dem Leser. Die Situationen sind unbedeutend und alltäglich; keine

bengalische Beleuchtung, nicht einmal in einem Schlusstableau. Aber

diese merkwürdigen, unglaublich schönen, naturwidrig leichten, nervös

leidenschaftlichen Terzinen verleihen mit ihrem Fragen und Antworten,

Scherzen, Singen und Klagen der theatralisch natürlichen, beherrscht

verliebten, blasirt koketten Heldin und der Leidenschaft, die sie

einflösst, einen solchen Reiz, dass keine spannende Geschichte mit

Angel- und Wendepunkt fesselnder sein könnte. Zum Abschluss tönen diese

seltenen Terzinen, welche durch die Behandlung ein ganz neues Versmass

geworden sind, ebenso überraschend wie genial und kühn, in die Accorde

dreier naturfrischer Ritornelle aus. Allen Theorien zum Trotz behauptet

eine Dichtung wie diese ihren Platz.

Es will mich überhaupt bedünken, als mache Heyse sich einen unrichtigen

Begriff von der Bedeutung des poetischen Stils. Theoretisch fürchtet

er dessen selbständige Entwickelung und mag keine Werke, die »lauter

Vortrag und Stil« sind. Nichtsdestoweniger hat er in Gedichten wie »Das

Feenkind« und noch mehr in einem Gedichte wie »Frauenemancipation«

selbst solche Productionen geliefert. Das erste von diesen Gedichten

ist fein und graziös, aber der Scherz dauert reichlich lange -- von

Schlagsahne isst man nicht gern allzu viel; das andere, dessen Tendenz

übrigens die beste ist, leidet an einer Plauderhaftigkeit ohne Salz.

Aber ein ausgeprägter Stil ist ja auch nicht dasselbe wie die formelle

Virtuosität des Vortrags. Dass ein Sprachkünstler wie Heyse, der

Uebersetzer Guisti's, der Troubadours, der italienischen und spanischen

Volkslieder, diese im vollsten Masse besitzt, versteht sich von selbst.

Allein der in Wahrheit künstlerische Stil ist nicht die formelle

Anmuth, die sich gleichmässig über alles verbreitet: Stil im höchsten

Sinne des Wortes ist Durchführung, in allen Punkten durchgeführte

Form. Wo Sprachfarbe, Ausdruck, Diction, persönlicher Accent noch

eine gewisse abstracte Gleichartigkeit haben, wo es nicht gelungen

ist, in jedem Moment die Seele sich in allen diesen äusseren Formen

prägen zu lassen, da hängt die sprachliche Draperie, aus wie leichtem

Gewebe sie auch bestehen mag, steif und todt um die Persönlichkeit des

Sprechenden. Der vollkommene moderne Stil dagegen umschliesst diese,

wie das Gewand den griechischen Redner, die Haltung des Körpers und

jede Bewegung hervorhebend. Der virtuosenhafte Vortrag kann, selbst

wenn er »glänzend« ist, herkömmlich und alltäglich sein; der echte Stil

ist das nie. An der Erzählungsweise in Heyse's Novellen habe ich nicht

viel auszusetzen; seine dramatische Diction spricht mich nicht so an.

Mancher wird vielleicht meinen, wenn einige der historischen Dramen

Heyse's nicht die Anerkennung, wie seine Novellen, gewonnen haben, so

liege es daran, dass sie zu wenig Handlung und zu viel Stil besitzen.

Wenn das Wort Stil aber verstanden wird, wie ich es hier bestimme, so

muss man gewiss eher sagen, dass ihre Jambenform abgetragen war und

dass sie nicht Stil genug haben. Die Diction in »Elisabeth Charlotte«

z. B. trägt weder hinlänglich die Farbe des Zeitalters, noch der

Person, welche spricht. Man vergleiche nur die hinterlassenen derben

Memoiren der Prinzessin. Der Dichter hat bei seiner fabelhaften

Fertigkeit, sich in jedes poetische Genre hinein zu finden, ein Drama

ebenso leicht zu Stande zu bringen, wie er eine Geschichte erzählt,

sich die Arbeit etwas zu bequem gemacht. Die kleine Tragödie »Maria

Moroni«, die unter den Schauspielen den Novellen am nächsten steht,

könnte sowohl durch Plan wie durch Charakterzeichnung den italienischen

Dramen Alfred de Musset's, an die es erinnert, würdig zur Seite stehen,

wenn sie in der Sprachfarbe nicht so viel trockener wäre. Der Dialog

Musset's funkelt nicht nur von Witz, sondern lodert zugleich von

Innigkeit und Leben. Heyse ist in seinen Dramen nicht so persönlich mit

seiner ganzen Seele an jedem Punkte zugegen gewesen. Aber dies: »an

jedem Punkte« ist der Stil.

Wie ich also wegen der Vorzüglichkeit des Vortrags den »Salamander«

unter den versificirten Novellen am höchsten schätze, so würde ich um

der Idee willen unter den Prosaerzählungen dem »Letzten Centaur« einen

hohen Platz geben, obwohl diese Novelle ebenfalls zu denen gehört,

die der Definition am fernsten stehen. Es handelt sich in ihr nämlich

nicht um eine Begebenheit oder einen Conflict in einem bestimmten

Lebenskreise, nicht um einen besonderen psychologischen Fall, überhaupt

nicht um ein Stück Leben, sondern um das Leben selbst; sie lässt

gleichsam das ganze moderne Leben innerhalb eines engen Rahmens sich

abspiegeln. Ein Schuss in das Centrum ist so erquickend. Warum es

leugnen? Der peripherische Charakter einzelner anderen Arbeiten Heyse's

ist Schuld daran, dass sie weniger interessiren. Wenn man eine lange

Reihe Novellen durchgelesen hat, kann man nicht wohl umhin, sich nach

Kunstformen zu sehnen, die bedeutungsvollere, allgemeingültigere Ideen

und Probleme in poetische Form fassen.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 26 / 110 题