Indessen, so willfährig ich bin, die Bedeutung jenes scharfen Profils
als individuelles Merkmal der Heyse'schen Novelle und die Bedeutung
desselben für die Novelle als Kunstart anzuerkennen, so schwer fällt es
mir, dasselbe als entscheidende Norm für die Schätzung der einzelnen
Erzählung gelten zu lassen.
Die Novelle ist ja, wie jedes Kunstwerk, ein Organismus, in welchem
schöne, von einander relativ unabhängige Verhältnisse höchst
verschiedener Art zum Totaleindrucke beitragen. Wir verweilten bei
den Charakteren und der Handlung; der Stil ist das dritte Element.
Nach meiner Ueberzeugung sind diese drei Elemente einander nicht
untergeordnet, sondern nebengeordnet, und jedes von ihnen bereitet,
wenn es zur Meisterschaft entwickelt ist, dem Leser einen gleich
vollkommenen Genuss.
Zwar kann, wie Heyse hervorhebt, die einseitige Entwicklung des
Vortrags zu geistreichen Capriccio's ohne Thema führen; wer aber
allzugrosses Gewicht auf »die Geschichte« legt, kann ja auf der anderen
Seite der blossen Unterhaltungslitteratur verfallen.
»Frühlingsfluthen« von Turgenjew ist eine Novelle, deren Handlung
unbefriedigend verläuft -- den Stil im engeren Sinne kann ich nicht
beurtheilen, da ich die Erzählung nicht in der Originalsprache kenne
-- aber bedeutet dieser Mangel viel bei einem solchen Meisterwerk
individueller Charakterzeichnung? Wiegt die Schilderung der
italienischen Familie nicht an und für sich jede Unvollkommenheit in
der Motivirung der Begebenheiten auf? Was thut es, dass der Leser
vielleicht sich den Schluss lieber anders vorstellt und nicht zum
zweiten Mal lesen mag, wenn er drei viertel der Novelle mit dem
gleichen Genuss immer wieder liest?
Blicher's »Tagebuch eines Dorfküsters« ist eine Novelle, in welcher
die Handlung wenig zu bedeuten hat und die meisten Charaktere durch
ihre Rohheit abstossend wirken; aber sie ist deshalb doch ein Werk
von höchstem Kunstwerthe; ihre Hauptstärke liegt im Stile, in der
meisterhaft durchgeführten, fast zweihundert Jahre alten Sprachweise
des braven Küsters. Diese Sprachweise ist uns eine Bürgschaft für die
schneidende Wahrheit der Erzählung, eine Wahrheit, zu der man nicht auf
dem Wege des Idealismus gelangt, und die darum von Heyse weder gesucht,
noch erreicht wird, ich meine jene Wahrheit, die von den Franzosen als
_la vérité vraie_ bezeichnet wird.
Und könnte man nicht Heyse mit seinen eigenen Waffen schlagen? Ich
glaube es. Er will mit seiner Betonung dessen, was die Novelle in
der Novelle ist, zugleich gegen die Ueberschätzung des Stils und des
ideellen Gehalts Front machen. Aber von allen seinen versificirten
Novellen scheint mir »Der Salamander« am höchsten zu stehen, von seinen
Prosanovellen ist »Der letzte Centaur« mir eine der liebsten, und
jene scheint mir wegen des Vortrags, diese wegen der Idee den Preis
davonzutragen.
Man gebe sich keine Mühe damit, im »Salamander« nach einem »Falken«
zu suchen: Handlung gibt es da nicht, die Charaktere entwickeln sich
so gut wie gar nicht, und doch wird jeder empfängliche Leser unter
dem Einflüsse des Zaubers dieser Terzinen einen so lebhaften Genuss
empfinden, dass es ihm vorkommt, als hätte das Gedicht ausser seinen
eigenen Vorzügen noch alle die, die ihm abgehen. Von der epischen Ruhe,
von dem objectiven Stil, der Heyse's eigentliches Ideal im Novellenfach
ist, wird man hier nicht viel finden. Diese epische Ruhe passt
vielleicht überhaupt weniger für den unruhigen Geist unserer Zeit.
Vollständig ist die Verwirklichung dieses Ideals Heyse wohl eigentlich
auch nur gelungen in den wenigen Prosanovellen, die das moderne
Culturleben gar nicht berühren, wie in den genialen Pastichen aus der
Vorzeit: »Die Stickerin von Treviso« und »Geoffroy und Garcinde«, wo
der edel einfältige Stil der altitalienischen oder provencalischen
Erzählungen idealisirt ist, oder bei denjenigen Stoffen, die dem Leben
des Volkes in Italien oder Tyrol entnommen sind; denn das Volk scheint
ihm in jenen Ländern selbst ein naives und aus _einem_ Guss geformtes
Stück Mittelalter. Eine Erzählung wie das kleine Juwel »L'Arrabbiata«,
das Heyse's Ruhm begründete, kommt erst durch ihre schlichte, strenge
Einfassung zu ihrem Rechte; mit stilistischen Verzierungen oder mit
psychologisch zugeschliffenen Facetten ausgestutzt, würde sie ihre
ganze Schönheit verlieren, wenn nicht unmöglich sein. Ebenso ist »Die
Stickerin von Treviso«, die wohl nach der eben genannten Novelle den
grössten Beifall geerntet hat, in ihrer rührenden Einfachheit und
Grösse auf solche Weise eins mit ihrer Chronikform, dass sie ohne diese
gar nicht denkbar ist. Aber wo ganz moderne Eigenschaften und Scenen
dargestellt werden, da kann der Stil kaum zu individuell und nervös
sein. Heyse selbst kann es nicht unterlassen, sich in dieser Hinsicht
nach seinem Stoffe zu richten; wie fieberhaft ist die Darstellung in
der hübschen Krankengeschichte in Briefen »Unheilbar«! Indess lässt
er sich augenscheinlich nur widerstrebend oder unfreiwillig zu einem
so leidenschaftlich wogenden und zitternden Stil wie im »Salamander«
hinreissen. Diese Novelle ist lauter Vortrag, ihre Schönheit beruht
ganz und gar auf der bestrickenden Anmuth der metrischen Diction und
doch findet sich hier kein Wort, das nicht zur Sache gehört. Alles
ist hier lebendiges Leben, jede stilistische Wendung tiefgefühlt und
durchsichtig; die kämpfende Seele des Schreibenden liegt offen vor
dem Leser. Die Situationen sind unbedeutend und alltäglich; keine
bengalische Beleuchtung, nicht einmal in einem Schlusstableau. Aber
diese merkwürdigen, unglaublich schönen, naturwidrig leichten, nervös
leidenschaftlichen Terzinen verleihen mit ihrem Fragen und Antworten,
Scherzen, Singen und Klagen der theatralisch natürlichen, beherrscht
verliebten, blasirt koketten Heldin und der Leidenschaft, die sie
einflösst, einen solchen Reiz, dass keine spannende Geschichte mit
Angel- und Wendepunkt fesselnder sein könnte. Zum Abschluss tönen diese
seltenen Terzinen, welche durch die Behandlung ein ganz neues Versmass
geworden sind, ebenso überraschend wie genial und kühn, in die Accorde
dreier naturfrischer Ritornelle aus. Allen Theorien zum Trotz behauptet
eine Dichtung wie diese ihren Platz.
Es will mich überhaupt bedünken, als mache Heyse sich einen unrichtigen
Begriff von der Bedeutung des poetischen Stils. Theoretisch fürchtet
er dessen selbständige Entwickelung und mag keine Werke, die »lauter
Vortrag und Stil« sind. Nichtsdestoweniger hat er in Gedichten wie »Das
Feenkind« und noch mehr in einem Gedichte wie »Frauenemancipation«
selbst solche Productionen geliefert. Das erste von diesen Gedichten
ist fein und graziös, aber der Scherz dauert reichlich lange -- von
Schlagsahne isst man nicht gern allzu viel; das andere, dessen Tendenz
übrigens die beste ist, leidet an einer Plauderhaftigkeit ohne Salz.
Aber ein ausgeprägter Stil ist ja auch nicht dasselbe wie die formelle
Virtuosität des Vortrags. Dass ein Sprachkünstler wie Heyse, der
Uebersetzer Guisti's, der Troubadours, der italienischen und spanischen
Volkslieder, diese im vollsten Masse besitzt, versteht sich von selbst.
Allein der in Wahrheit künstlerische Stil ist nicht die formelle
Anmuth, die sich gleichmässig über alles verbreitet: Stil im höchsten
Sinne des Wortes ist Durchführung, in allen Punkten durchgeführte
Form. Wo Sprachfarbe, Ausdruck, Diction, persönlicher Accent noch
eine gewisse abstracte Gleichartigkeit haben, wo es nicht gelungen
ist, in jedem Moment die Seele sich in allen diesen äusseren Formen
prägen zu lassen, da hängt die sprachliche Draperie, aus wie leichtem
Gewebe sie auch bestehen mag, steif und todt um die Persönlichkeit des
Sprechenden. Der vollkommene moderne Stil dagegen umschliesst diese,
wie das Gewand den griechischen Redner, die Haltung des Körpers und
jede Bewegung hervorhebend. Der virtuosenhafte Vortrag kann, selbst
wenn er »glänzend« ist, herkömmlich und alltäglich sein; der echte Stil
ist das nie. An der Erzählungsweise in Heyse's Novellen habe ich nicht
viel auszusetzen; seine dramatische Diction spricht mich nicht so an.
Mancher wird vielleicht meinen, wenn einige der historischen Dramen
Heyse's nicht die Anerkennung, wie seine Novellen, gewonnen haben, so
liege es daran, dass sie zu wenig Handlung und zu viel Stil besitzen.
Wenn das Wort Stil aber verstanden wird, wie ich es hier bestimme, so
muss man gewiss eher sagen, dass ihre Jambenform abgetragen war und
dass sie nicht Stil genug haben. Die Diction in »Elisabeth Charlotte«
z. B. trägt weder hinlänglich die Farbe des Zeitalters, noch der
Person, welche spricht. Man vergleiche nur die hinterlassenen derben
Memoiren der Prinzessin. Der Dichter hat bei seiner fabelhaften
Fertigkeit, sich in jedes poetische Genre hinein zu finden, ein Drama
ebenso leicht zu Stande zu bringen, wie er eine Geschichte erzählt,
sich die Arbeit etwas zu bequem gemacht. Die kleine Tragödie »Maria
Moroni«, die unter den Schauspielen den Novellen am nächsten steht,
könnte sowohl durch Plan wie durch Charakterzeichnung den italienischen
Dramen Alfred de Musset's, an die es erinnert, würdig zur Seite stehen,
wenn sie in der Sprachfarbe nicht so viel trockener wäre. Der Dialog
Musset's funkelt nicht nur von Witz, sondern lodert zugleich von
Innigkeit und Leben. Heyse ist in seinen Dramen nicht so persönlich mit
seiner ganzen Seele an jedem Punkte zugegen gewesen. Aber dies: »an
jedem Punkte« ist der Stil.
Wie ich also wegen der Vorzüglichkeit des Vortrags den »Salamander«
unter den versificirten Novellen am höchsten schätze, so würde ich um
der Idee willen unter den Prosaerzählungen dem »Letzten Centaur« einen
hohen Platz geben, obwohl diese Novelle ebenfalls zu denen gehört,
die der Definition am fernsten stehen. Es handelt sich in ihr nämlich
nicht um eine Begebenheit oder einen Conflict in einem bestimmten
Lebenskreise, nicht um einen besonderen psychologischen Fall, überhaupt
nicht um ein Stück Leben, sondern um das Leben selbst; sie lässt
gleichsam das ganze moderne Leben innerhalb eines engen Rahmens sich
abspiegeln. Ein Schuss in das Centrum ist so erquickend. Warum es
leugnen? Der peripherische Charakter einzelner anderen Arbeiten Heyse's
ist Schuld daran, dass sie weniger interessiren. Wenn man eine lange
Reihe Novellen durchgelesen hat, kann man nicht wohl umhin, sich nach
Kunstformen zu sehnen, die bedeutungsvollere, allgemeingültigere Ideen
und Probleme in poetische Form fassen.