Den Schriftstellern, die, wie Spielhagen z. B., am häufigsten bei
den Kämpfen des Bewusstseins und des Willens verweilen, und die am
liebsten die grossen socialen und politischen Conflicte schildern,
werden selbstverständlich die Männerfiguren besser gelingen als die der
Frauen. Ein Mannescharakter wie Leo in dem Romane »In Reih' und Glied«
sucht seines Gleichen, aber eine ebenso vorzügliche Frauengestalt
hat Spielhagen nicht gezeichnet. Der dagegen, dessen Geist den
Adel und die Anmuth des unmittelbar Natürlichen, die sichtbare und
seelische Schönheit sucht, wird selbstverständlich lieber und besser
Frauen schildern, als Männer. Hierin ist Heyse seinem Meister Goethe
ähnlich. In fast allen seinen Productionen steht der Frauencharakter
im Vordergrunde, und die männlichen Gestalten dienen hauptsächlich
dazu, ihn hervorzuheben oder zu entwickeln. Da die Frauennatur in der
Liebe ihr verborgenes Wesen entfaltet und die schönste Blüthe treibt,
da in der Liebe die Natur als Natur durch tausend Illusionen zum Geist
geadelt wird, so verherrlicht Heyse vorzugsweise die Liebe des Weibes.
Er feiert die Liebe und er feiert das Weib, aber es ist seine höchste
Freude, diese beiden Grossmächte im Kampfe mit einander darzustellen.
Denn wenn die Liebe siegt, wenn sie als die Macht erscheint, deren
Gebot das Frauenherz nicht Trotz zu bieten vermag, strahlt sie, den
Widerstand überwältigend, wie eine Allmacht, und indem sie die Wirkung
hat, dass das Weib unter ihrem Einflusse, im Trotz gegen sie, im Kampf
wider sie, von ihr beseelt, sich im ganzen Stolz ihres Geschlechtes
zusammenrafft, verleiht die Liebe ihr jene aristokratische Schönheit,
welche Heyse am besten darstellt.
Der angeborene Mädchenstolz ist für Heyse das Schönste in der
Natur. Eine ganze Gruppe seiner Novellen könnte die Ueberschrift
»Mädchenstolz« führen. Kierkegaard nennt irgendwo das Wesen des
Weibes _eine Hingebung, deren Form Widerstand ist_. Dies ist wie aus
Heyse's Herzen gesprochen, und dieser Widerstand ist es, der als
Merkmal der adeligen Natur ihn interessirt und bezaubert. Es ist
das ewig Festungsartige im weiblichen Gemüth, das ihn fesselt, das
Sphinxartige, dessen Räthsel er immer wieder errathen muss. Der süsse
Kern ist doppelt süss in seiner harten Schale, der feurige Champagner
doppelt heiss in seiner Umwallung von Eis. Es liegt um die weibliche
Natur, wie Heyse sie schildert (von L'Arrabbiata bis Julie und Irene
im »Paradies«) ein Eispanzer, der verbirgt, abweist, irre führt,
zerbricht und schmilzt. Die Frau behauptet ihren Adel, indem sie so
lange wie möglich sich weigert, ihr Ich aus den Händen zu geben,
indem sie den Schatz ihrer Liebe aufspart und aufbewahrt. Sie erhält
sich ihren Adel, indem sie ihr Ich ausschliesslich in die Hände eines
Einzigen legt und der übrigen Welt gegenüber abweisend dasteht. Sie ist
keiner blinden Macht unterworfen. Ist der Mädchenstolz gebrochen und
besiegt, so findet sie sich selbst auf der anderen Seite des Schlundes,
und gibt sich frei, naturfrei möchte ich sagen. Nie kommt bei Heyse
eine Verführung vor; wird eine solche ein einziges Mal als vergangenes
Ereigniss erwähnt (»Mutter und Kind«), so dient sie nur dazu, die
stolze Selbstbehauptung und die ebenso stolze, bewusste Selbsthingebung
in das schärfste Licht zu stellen.
Diese Selbstbehauptung, diese Widerstandskraft (Rabbia) wird in der
Schilderung auf's mannigfaltigste variirt: Atalante in dem Drama
»Meleager« hat die ganze frische Wildheit des Amazonentypus; sie zieht
das Leben und das Spielen in der freien Natur, Wettlauf, Speerkampf und
das Geschäft des Waidwerks weichlicher Zärtlichkeit und schmeichelnder
Liebkosung, den Siegeskranz dem Brautkranze vor. In Syritha wird
die erste Schamhaftigkeit geschildert, die aufgescheucht von der
Hochzeit entflieht; in L'Arrabbiata der Mädchenstolz, der es weiss,
wie nahe bei der schüchternen Bitte in der Seele des Mannes das rohe
Verlangen liegt; im Mädchen von Treppi die instinctive Weigerung der
Jungfräulichkeit; in Marianne (»Mutter und Kind«) der Frauenstolz,
der bei dem sogenannten gefallenen Weibe sich unter dem Gefühl der
unverschuldeten Schmach verdoppelt; in Madeleine (»Die Reise nach
dem Glück«) das Pflichtgefühl gegen den von Kindheit an eingeprägten
Sittlichkeitsbegriff; in Lore (»Lorenz und Lore«) das Schamgefühl
des jungen Mädchens, dem Angesichts des Todes das Liebesgeständniss
entschlüpft ist; in Lottka die melancholische Verschlossenheit im
Gefühl angeerbter Erniedrigung; im schönen Käthchen der verzweifelte
Unwille darüber, Allen zu gefallen, welcher alle Bewunderer und die
eigene Schönheit zum Kukuk wünscht; in Lea die Scheu des entwickelten
und reservirten Weibes, ihre Schwäche ahnen zu lassen; in Toinette
der Abscheu des eingefrorenen Herzens, eine Leidenschaft zu heucheln,
die es noch nicht fühlt; in Irene die Sittenstrenge einer kleinen
Prinzessin; in Julie die Kälte einer Cordelia-Natur -- bis der
Augenblick kommt, da alle diese Bande gesprengt werden, da alle diese
Herzen flammen, da der Männerhass der Amazone und die Schüchternheit
des Mädchens und die Schamhaftigkeit der Jungfrau und der Stolz der
Frau und die Pflicht der Strengerzogenen und die Schwermuth der
Erniedrigten und die Hülle der Schneekönigin, Alles, Alles als Holz
eines einzigen ungeheuren Scheiterhaufens in süssem Rauch auf dem
Altare des Liebesgottes aufgeht.
Denn nicht im Widerstande, der nur Form und Schleier ist, sondern in
der Hingebung sieht Heyse das Wesen des Weibes und ihre wahre Natur;
und Naturanbeter, wie er ist, preist er Eros als den Unwiderstehlichen,
der alle Schranken durchbricht. Das Weib bereut es nie, sich seiner
Macht unterworfen zu haben, aber es kann seinen Trotz bereuen. Bettina
sagt irgendwo in ihren Briefen ungefähr so: »Die Erdbeeren, die ich
pflückte, hab' ich vergessen, aber die, welche ich stehen liess,
brennen mir noch auf der Seele«. Heyse hat mehr als eine Variation
dieses Themas gegeben: nachdem das Mädchen von Treppi sieben Jahre
hindurch ihre jugendliche Sprödigkeit bereut hat, überwindet sie, als
der Geliebte durch einen Zufall wieder in ihr Dorf kommt, kraft einer
begeisterten und abergläubischen Ueberzeugung von der Macht und dem
Recht ihrer Liebe, alle äusseren und inneren Hindernisse, die sich
ihrem Glücke in den Weg stellen, sogar die Gleichgültigkeit und die
Kälte des Zurückgekehrten. Madeleine in der »Reise nach dem Glück«
hat, wie oben erwähnt, in einer Nacht ihren Geliebten von ihrer Thür
fortgewiesen, und da er in der Finsterniss wegreisen muss, ist er
mit dem Pferde gestürzt und auf der Stelle gestorben. Die Reue über
ihren Trotz gegen die Liebe lässt ihr keine Ruhe: »Was half mir
meine Tugend?« sagt sie; »sie war heil und ganz, und durchaus nicht
fadenscheinig, und doch fror mich darin bis in's innerste Herz«.[13]
Doch nicht genug damit, dass sie es bereut, der herkömmlichen Moral
gefolgt zu sein: das Bild des Todten verfolgt sie Jahr aus Jahr
ein; eifersüchtig scheint er über sie zu wachen. Jedes Mal in ihrem
Leben, wenn sie glaubt, das Geschehene vergessen und das Glück auf's
neue finden zu können, hört sie den Finger des Todten an die Thür
klopfen, wie er klopfte in der Nacht, als er abgewiesen wurde. Streng
straft Eros den, der nicht auf seinem Altare opfert. Und Heyse führt
in anderen Dichtungen diesen Gedanken noch weiter aus. Hier hat der
abgewiesene Liebhaber den Tod doch nur als zufällige Folge der Strenge
gefunden, welche die Heissbegehrte gegen ihn erwiesen hat. Lasst
uns den Fall setzen, dass er sich nicht als Bittender, sondern als
Gewaltthäter nähert, und dass der Widerstand des stolzen Weibes statt
auf einem Pflichtgefühl zu beruhen, das die Versuchung besiegt, nur
Nothwehr gegen eine gefürchtete Ueberrumpelung ist, was dann? Auch dann
straft Eros wie ein eifriger Gott. Das Drama »Die Sabinerinnen« hat
Heyse augenscheinlich um einer einzigen Gestalt willen geschrieben.
Wie konnte er sonst darauf verfallen, diesen für die Tragödie so wenig
geeigneten, rein burlesken Stoff sich zu tragischer Behandlung zu
wählen! Jene Gestalt ist Tullia, die sabinische Königstochter. Von
einem römischen Krieger geraubt, in seinem Hause eingeschlossen, tödtet
sie ihn, da er in der Brautnacht es wagt, sich ihr zu nähern. Wenn
ein tragisches Leid jetzt als Rache der Römer die Tollkühne träfe,
würde sich Niemand darob wundern; aber die psychologische Pointe ist
in Uebereinstimmung mit der ganzen Erotik Heyse's die, dass sie durch
Ermordung ihres Gatten die erwachenden Triebe ihres eigenen Herzens zu
tödten versucht und sich dadurch irreligiös gegen Eros empört hat.
Er neigte
Sein Angesicht herab zu meiner Stirn,
Dass mich des Athems Hauch umrieselte,
Und seine leise Stimme mir wie Gift
Schleichend durch alle Adern rann.
Jetzt schaudert sie mit zersplitterter Seele über ihre so echt
weibliche, so tief berechtigte That. Die Erscheinung des Todten
verfolgt sie überall, aber noch mehr als der Anblick seiner Leiche die
Erinnerung an seine Liebkosungen. Nur Tag und Nacht, sagt sie, ist's
her, dass jene That vollbracht wurde, und doch liegt's hinter mir, wie
tausend Jahre und tausend Tode. Eins nur ist gegenwärtig und ich werd'
es immer empfinden: sein Kuss auf meiner Wimper, seine Hand in meiner.
Gegen den Schluss spricht sie dann zu ihrer Schwester die Grundidee des
Stückes in diesen Worten aus:
Flieh' vor der Liebe nicht,
Sie holt dich dennoch ein. Geh' ihr entgegen
Und beuge dich vor ihr. Denn tödtlich zürnt sie
Dem der ihr trotzt, und saugt das Blut ihm aus.
Hat nicht der grimme Gott die Jungfrau'n alle
Sich unterworfen? Ich allein, o Schwester,
Entgelt' es, dass ich frei mich aufgelehnt.[14]
Selbst den Gewaltthäter kann die Jungfrau nicht hassen. Er brach
den Frieden; aber was thut Liebe anders? Er überlistete; aber die
Liebe ist listig. Er höhnte: aber spottet nicht die Liebe selbst des
Gewaltigsten und Freiesten? Mit andern Worten: ist nicht Eros selbst
ein Gewaltthäter ohne Scheu und Scham, ein Verbrecher, der alle
herkömmlichen Gesetze sprengt?
Alle? Das ist zu viel gesagt. Heyse hat wohl bisweilen, wie in
den angeführten Fällen, eine an Kleist erinnernde Neigung zu rein
pathologischen erotischen Problemen, aber er ist allzu harmonisch
angelegt, allzu reif und allzu deutsch-national, um ohne weiteres die
Leidenschaft als Ordnung und Gesetz der Gesellschaft durchbrechend zu
schildern. Er ist entwickelt genug um einzusehen, dass die Gesetze
der Leidenschaft und die Gesetze der Gesellschaft zwei höchst
ungleichartige Dinge sind, die sehr wenig mit einander gemein haben;
aber er bezeigt letzteren die Verehrung, die sie verdienen, d. h.
eine bedingte. Seit seiner frühesten Jugend hat es ihn gereizt und
gelockt, die nur relative Wahrheit und den nur bedingten Werth dieser
Gesetze darzustellen, Fälle zu erdichten, wo sie auf solche Weise
übertreten werden, dass die Ausnahme gegen die Regel Recht zu haben
scheint, und sogar der verhärtetste Spiessbürger sich bedenken wird,
hier zu verurtheilen. In seiner Besorgniss, der Ausnahme volles,
unumstössliches Recht zu geben, hat Heyse bisweilen -- wie in seinem
ersten, in die gesammelten Werke nicht aufgenommenen Drama »Francesca
von Rimini« -- völlig barocke Ausnahmen aufgesucht; aber durchgehends
ist es sein Bestreben, den Fall so mit Pallisaden zu umzäunen, dass
kein Sturmlauf der gewöhnlichen Moral diese Schutzwehr umstürzen
könne. Wenn Goethe Egmont und Clärchen zusammenführt, stellt er das
Verhältniss nicht dar, als ob es einer Entschuldigung bedürfe; das
Verhältniss wird durch seine Schönheit vertheidigt. Heyse, der minder
grossartige, ebenso vorsichtige als kühne Dichter, hat immer ein Auge
auf die conventionelle Moral geheftet und bestrebt sich stets, sie
zu versöhnen, entweder dadurch, dass er ihr so zu sagen Recht gibt
in allen andern Fällen als eben diesem einen, wo ihre Uebertretung
unvermeidlich war, oder dadurch, dass er das Vergehen wider die
Sittenlehre sühnt, indem die Persönlichkeit mit Wissen und Willen das
verbotene Glück um einen so hohen Preis erkauft, dass es, so theuer
bezahlt, keinen Philister locken würde.
In »Francesca von Rimini« liegt der Fall so: Lanciotto ist hässlich,
roh und verderbt, sein Bruder Paolo edel und schön. Lanciotto entbrennt
leidenschaftlich für Francesca. Durch Bruderliebe zu dem durchaus
unwürdigen Lanciotto verleitet, hat sich Paolo dazu missbrauchen
lassen, nicht nur als Liebeswerber, sondern sogar auf dem Hochzeitstage
als Bräutigam verkleidet, den Bruder zu vertreten, welcher befürchtet,
dass seine Hässlichkeit nie das Jawort des Mädchens erringen könne.
Erst im Dunkel des Brautgemachs wagt Lanciotto sich seiner Braut zu
nähern. Aber auch Paolo liebt Francesca, wie sie ihn wieder liebt. Es
ist also kein Wunder, dass die junge Frau, als sie den plumpen Betrug
entdeckt, dessen Beute sie geworden, sich durch die Liebkosungen ihres
Gatten entehrt fühlt, und weit entfernt davon, ihre Liebe zu Paolo als
Sünde zu betrachten, sie als berechtigt und heilig ansieht:
Der Kuss von Deinem Munde war die Hostie
Die den entehrten Mund mir neu gereinigt.
Um seine Verschanzung recht tüchtig zu bauen, hat also der Dichter
in dieser naiven Jugendarbeit sich den unmöglichsten, an den Haaren
herbeigezogenen Fall construirt; denn was kann ungereimter sein,
als dass Paolo aus purer einfältiger Gutmüthigkeit gegen einen
verächtlichen Bruder, seine Geliebte dem gemeinsten Betruge preisgibt,
der noch dazu sein eigenes Lebensglück vernichtet. Aber man findet
in diesem grellen Beispiel den Typus, nach welchem in Heyse's so
zahlreichen späteren tactvollen und feinen Arbeiten die moralische
Collision construirt wird. Ich greife auf's Gerathewohl einige
Beispiele heraus: in »Beatrice« ist die gesetzliche Ehe, welche die
Liebesgeschichte durchbricht, eine Zwangsehe, ebenso unheilig, wie
die Ehe Francesca's, obschon besser motivirt. In »Cleopatra« wehrt
der junge Deutsche sich so hartnäckig gegen die Liebe der schönen
Aegypterin, wie Graf Wetter von Strahl bei Kleist sich gegen die
Leidenschaft des Käthchens von Heilbronn. Erst als die Sehnsucht
nach ihm, Cleopatra dem Tode nahe bringt, entsteht zwischen ihnen
das Liebesverhältniss. Die stolze Gabriele, in der Novelle »Im
Grafenschlosse« lässt sich erst dann zu ihrer »Gewissensehe« mit dem
Grafen überreden, als er sein Leben ihretwillen aufs Spiel gesetzt
hat. Die junge Frau in »Rafael« erkauft sich einige Stunden des
Zusammenseins mit dem Geliebten für lebenslängliche Einsperrung im
Kloster: die Hingebung Garcinde's und Lottka's wird geadelt, indem das
nach aussen gebundene, aber innerlich freie Ich sich eine Hingebung,
welche die Verhältnisse verbieten, unter keiner anderen Bedingung
denken kann, als unter der, dass sie den Tod zur Folge hat. Das Anrecht
zum Glücke eines flüchtigen Augenblicks wird durch Selbstmord erworben.
Den Glücksbecher, den diese Persönlichkeiten leeren, hat ihr Schicksal
mit Gift gewürzt. Heyse behauptet mithin für diese _heroischen_
Seelen das Recht, einen Streit der Pflichten anders zu lösen, als
»der ängstliche, von kleinen Gewohnheiten und Rücksichten eingeengte
Mittelschlag der Philister« es zu thun pflegt, und in der Einleitung
zu seiner »Beatrice«[15] hat er selbst seine ethische Ketzerei mit
diesen Worten theoretisch formulirt: »Geniale Naturen, die auf sich
selbst beruhen, erweitern durch ihre Handlungen, indem sie das Maass
ihrer innern Kraft und Grösse als ein Beispiel vorleuchten lassen,
eben so sehr die Grenzen des sittlichen Gebiets, wie geniale Künstler
die hergebrachten Schranken ihrer Kunst durchbrechen und weiter
hinausrücken. Und was an Uebermass und Uebermuth des Selbstgefühls in
jenen heroischen Seelen sich rühren mag, wird es nicht eben durch den
tragischen Untergang geläutert und gebüsst?«
Nicht weniger als durch diese immer nahe liegende Association mit
Untergang und Tod adelt Heyse die Liebe, legitim oder illegitim, wie
oben berührt, durch die Art der Hingebung. Sie ist immer bewusst. Diese
Weiber lassen sich nie hinreissen, sie verschenken sich als eine freie
Gabe -- wenn sie sich überhaupt verschenken. So schon in Arbeiten aus
Heyse's früher Jugend, wie »Der Kreisrichter«,[16] so in »Rafael«,
in »Lottka« und so vielen andern Novellen in Prosa und Versen.
Ueberall ist die Selbstherrlichkeit und das Selbstbestimmungsrecht
des Individuums gewahrt. Frei gibt das Weib sich dem Geliebten hin,
frei geht es der Vernichtung entgegen oder gibt sich mit eigener
Hand den Tod, und wo das Liebesglück nicht geadelt wird, durch den
Preis, den es kostet, da wird es wenigstens durch den Stolz, womit es
verschenkt und genossen wird, erhöht. Kraft dieses Stolzes fühlt sich
die Persönlichkeit, selbst von der stärksten Naturmacht beherrscht,
unabhängig und souverän in dem Behaupten ihrer Herrscherwürde. In dem
Roman »Im Paradiese« hat Heyse aber zum ersten Male principiell die
Freiheit der Liebe im Gegensatz zu den Gesetzen der Gesellschaft als
Problem behandelt und als Recht vertheidigt. Die Grundidee des Romans
ist keine andere als die, dass die Sittlichkeit und Würde der Liebe
zwischen Mann und Frau von der äusseren Bestätigung des Ehebundes
unabhängig sei. Nach seiner Gewohnheit hat Heyse den hier gegebenen
Fall mit den kräftigsten Beweggründen versehen: Jansen kann nicht,
ohne seinen Freund zu beschämen, von seiner verächtlichen Frau sich
befreien, und ohne Julie wird er als Künstler und Mensch verkümmern.
Doch als Julie in der Gegenwart aller Freunde, mit dem Myrthenkranze
geschmückt, sich frei mit Jansen vermählt, wird ganz entschieden
ein Angriff auf die gewöhnliche Moral der Gesellschaft gerichtet,
obwohl der Vorgang nicht als Beispiel zur Nachfolge hervortritt. Der
Dichter, der in »Kinder der Welt« seinen Zeitgenossen es eindringlich
an's Herz legte, dass die Moralität des Einzelnen nicht von seinen
metaphysischen Ueberzeugungen abhänge, hat im »Paradiese« lehren
wollen, dass die Reinheit und Würde eines Liebesverhältnisses sich
nicht nach dem äusseren Sittengesetze beurtheilen lasse, sondern dass
die Liebe ausserhalb und innerhalb der Ehe wahr und unwahr, sittlich
und unsittlich sein könne. Auf den Adel des Herzens kommt bei ihm Alles
an.