III.

Was er verehrt, anbetet und darstellt ist also, ganz allgemein

ausgedrückt, die Natur. Aber wie er seiner eigenen Natur folgt, so

stellt er auch seine eigene Natur dar, und ihr Grundzug ist der,

ursprünglich harmonisch zu sein. Eine solche Bezeichnung ist sehr weit

und vag. Sie lässt, unbestimmt wie sie ist, Heyse wohl nächstens als

einen Nachfolger Goethe's erscheinen und passt eben so gut auf den

grossen Meister. Jene Harmonie ist indessen, näher bestimmt, nicht

eine weltumspannende, sondern eine verhältnissmässig enge, sie ist

eine aristokratische Harmonie. Es gibt Vieles, das sie ausschliesst,

Vieles, das sie nicht versöhnt, ja nicht einmal berührt. Nicht als

Naturforscher, sondern als Schönheitsanbeter betrachtet Heyse das bunte

Treiben des Lebens. Es ist ersichtlich genug, dass er nicht begreift,

wie man Lust dazu verspüren kann, als Künstler mit Vorliebe solche

Gestalten zu schildern, denen man im Leben seine Thür verschliessen

würde; ja er hat selbst mit grosser Offenheit ausgesprochen, dass

er nie eine Figur habe zeichnen können, die nicht irgend etwas

Liebenswürdiges gehabt hätte, nie einen weiblichen Charakter, in den

er nicht bis zu einem gewissen Grade verliebt gewesen wäre.[7] Darum

besteht auch seine ganze Gestaltengallerie mit wenigen Ausnahmen (wie

Lorinser oder Jansen's Frau) aus gleichartigen Wesen. Sie haben nicht

blos Race, sondern edle Race, d. h. angeborenen Adel. Ihre gemeinsame

Eigenschaft ist, was Heyse selbst als _Vornehmheit_ bezeichnet. Er

nimmt das Wort in dem Sinne, dass die Vornehmheit bei allen seinen

Charakteren die angeborene Unfähigkeit ist, etwas Niedriges oder

Schmutziges zu begehen, bei dem Naturkinde durch die einfache Güte und

Gesundheit der Seele bedingt, bei dem Culturmenschen mit dem bewussten

Gefühl seines Menschenwerthes, mit der Ueberzeugung von dem Rechte

eines vollen und kräftigen Menschenlebens versetzt, das seine Norm und

seinen Richterstuhl in sich selber hat und mehr vor Halbheit als vor

Irrthum schaudert. Heyse hat selbst einmal seinen Lieblingsterminus

definirt. Im »Salamander« heisst es[8]:

Ich habe meiner Tugenden und Fehler

Mich nie geschämt, mit jenen nie geprunkt,

Und meiner Sünden macht' ich nie den Hehler.

Denn dies vor Allem, dünkt mich, ist der Punkt,

Wo Freigeborne sich vom Pöbel scheiden,

Der feig und heuchlerisch herumhallunkt.

Den nenn' ich vornehm, der sich streng bescheiden

Die eigne Ehre gibt und wenig fragt,

Ob ihn die Nachbarn lästern oder neiden.

Und mit fast ähnlichen Worten spricht die früher von aristokratischem

Schein geblendete Toinette diesen Grundgedanken aus: »Es gibt

nur Eine wahre Vornehmheit: sich selber treu zu bleiben. Gemeine

Menschen kehren sich an das, was die Leute sagen, und bitten Andere

um Auskunft darüber, wie sie selbst eigentlich sein sollen. Wer Adel

in sich hat, lebt und stirbt von seinen eigenen Gnaden und ist also

souverän«.[9] Diese Art von Adel ist denn der Stempel, den die ganze,

diesem Dichtergehirn entsprungene Menschenrace trägt. Sie besitzen

ihn alle, vom Bauer bis zum Philosophen, und vom Fischermädchen bis

zur Gräfin. Die einfache Kellnerin in der »Reise nach dem Glück«

spricht eine Lebensansicht aus, die genau mit der eben angeführten

zusammenfällt[10], und wer sich nur die Mühe geben mag, die Schriften

Heyse's zu durchblättern, wird entdecken, dass das kleine Wort

»vornehm« oder ein Aequivalent dafür immer eins von den ersten ist,

die er anbringt, sobald es gilt zu charakterisiren oder zu preisen.

Man sehe z. B. in einem einzigen Band der Novellen die Anwendung

des Wortes »vornehm«, um die äussere Erscheinung, Blick und Haltung

zu bezeichnen (in »Mutter und Kind«, in »Am todten See«, in »Ein

Abenteuer« VIII. 44, 246, 331). Oder man durchblättere, um sich von der

durchgreifenden Bedeutung dieses Charakterzuges zu überzeugen, Heyses

zwei erste Romane. In »Kinder der Welt« bezeichnen alle die dem Leser

sympathischen Personen sich gegenseitig als adlige Geister: Franzelius

nennt Edwin und Balder die wahren Aristokraten der Menschheit, Edwin

findet in der höchsten Schwärmerei der Leidenschaft kein höheres Lob

für Toinette und Lea als das, dass sie das Adelsgepräge tragen, und

da Toinette nach der Begegnung mit Lea diese als die würdige Gattin

Edwin's anerkennt, ist es wieder derselbe Ausdruck, der sich ihr zu

allererst darbietet; sie bezeichnet in ihrem Briefe Lea als Edwin's

»so _vornehme_, kluge und holdselige Lebensgefährtin«.[11] Und in

dem Roman »Im Paradiese«, dessen ersten Entwurf wir vermuthlich in

dem versificirten Fragmente »Schlechte Gesellschaft« haben, steht

durchgängig die sogenannte »schlechte« Künstlergesellschaft als die

wahrhaft gute und vornehme der sogenannten vornehmen Gesellschaft

gegenüber.[12] Von den Künstlern ist keiner im gewöhnlichen Sinne des

Wortes Aristokrat. Ihre Herkunft ist, wie die der Helden in »Kinder der

Welt«, durchgehends äusserst unansehnlich. Aber die Vornehmheit liegt

ihnen im Blute, sie gehören zu den Auserkorenen, die gut und richtig

handeln, nicht aus Pflichtgefühl oder durch mühsame Ueberwindung

schlechter Triebe, sondern aus Natur. Was Toinette irgendwo »den

redlichen Willen, der Menschheit keine Schande zu machen« nennt, hat

auch der Roman »Im Paradiese« als den natürlichen Adel im Gegensatze zu

der auf künstlichen Principien beruhenden Noblesse aufgestellt.

Wenige Dichter haben deshalb eine solche Reihe von Charakteren ohne

Falsch und ohne Gemeinheit geschildert, wie Heyse. Niemand hat einen

besseren Glauben an die Menschen gehabt. Den triftigsten Beweis

dafür, wie lebendig sein Bedürfniss ist, überall das edle Erz in der

Menschennatur hervorzuheben, liefert der Umstand, dass, wo bei ihm

ein Umschlag im Charakter des Handelnden dem Leser oder dem Zuschauer

eine Ueberraschung bereitet, die Enttäuschung immer darauf beruht,

dass die Erwartung übertroffen wird und die Persönlichkeit sich

weit besser und tüchtiger, weit edelgesinnter erweist, als Jemand

geahnt hatte. Bei fast allen andern Dichtern ist die Enttäuschung die

entgegengesetzte. In den Novellen, wie z. B. in »Barbarossa« oder »Die

Pfadfinderin«, wird die Versöhnung dadurch bewirkt, dass die schlechte

Person der Erzählung zuletzt in sich geht, und da der Kern ursprünglich

gut ist und der Betreffende wohl manchen hitzigen und schlechten,

aber keinen eigentlich bösen Blutstropfen in sich hat, kommt eine

Art Friedensschluss zwischen ihm und dem Leser, zur Verwunderung des

letzteren, zu Stande. Weit bedeutsamer jedoch als in den Novellen tritt

dieser charakteristische Optimismus in Heyse's Dramen hervor. Sie

verdanken ihm ohne Frage ihre besten und wirkungsvollsten, vielleicht

ihre entschieden dramatischsten Scenen. Ich will ein paar Beispiele

anführen. In »Elisabeth Charlotte« hat der Chevalier von Lorraine

unedle Mittel aller Art benutzt, um die Heldin zu stürzen und die

männliche Hauptperson des Stückes, den deutschen Gesandten Grafen Wied,

aus Frankreich zu entfernen. Von dem Grafen gefordert, ist er schwer

verwundet worden, und als jener von politischen Intriguen umstrickt,

in die Bastille geschickt worden ist, tritt er im fünften Act im

Audienzzimmer des Königs auf. Was kann er wollen? Den Grafen noch ärger

anklagen? Sein unehrenhaftes Betragen fortsetzen, das seinem Gegner

schon so viel Unglück und ihm selbst eine Wunde eingetragen hat? Wird

er sich rächen, die Lage ausnutzen? Nein, er kommt, um die feierliche

Erklärung abzugeben, dass der Graf wie ein echter Edelmann gehandelt

hat, und dass er selbst an dem Duelle Schuld ist. Er wünscht sogar,

selbst in die Bastille gesandt zu werden, damit sein Gegner nicht

glaube, er hätte ehrlos einen unrichtigen Grund des Duells angegeben;

mit anderen Worten: sogar in diesem verderbten Hofmanne lebt das

Ehrgefühl als Rest des altfranzösischen Rittergeistes, ersetzt bis zu

einem gewissen Grad das Gewissen, und zwingt ihn im entscheidenden

Augenblick sich von seinem Schmerzenslager zu erheben, um zu Gunsten

des Feindes einzuschreiten, den er rachsüchtig und rücksichtslos

verfolgt hat. -- In dem schönen und volksthümlichen Schauspiel »Hans

Lange« findet sich eine Scene, die bei der Aufführung die Zuschauer

in athemloser Spannung hält, und deren Ausgang immer vielen Augen

Thränen entlockt: es ist die Scene, wo das Leben des Junkers auf dem

Spiele steht. Er ist verloren, wenn die Reiter ahnen, dass er es ist,

der als Sohn des Juden verkleidet auf der Bank liegt. Da tritt der

Grossknecht Henning auf, von Reitern geführt, die ihn im Stalle haben

brummen hören, er wisse wohl, wo der Hase im Pfeffer liege. Henning

ist vom Junker verdrängt worden; bevor dieser nach Lanzke kam, war er

wie ein Kind im Hause, jetzt ist er weniger als Stiefkind geworden und

er hat immer einen Groll auf den Vorgezogenen gehabt. Mit grösster

Kunst wird die Scene nun so geführt, dass Henning trotz der Bitten und

Verwünschungen der Eingeweihten immer deutlicher zu verstehen gibt,

dass er sich an dem Junker rächen wolle, dass er wisse, wo derselbe

sei, und dass keine Macht in der Welt ihn davon abhalten werde, seinen

Feind zu verrathen -- bis er, feurige Kohlen auf des Anderen Haupt

sammelnd und sich mit dem eingejagten Schrecken begnügend, endlich

das Blatt vom Munde nimmt, um die ihm jetzt natürlich blindlings

vertrauenden Verfolger vollständig auf die falsche Spur zu bringen.

-- Und genau von derselben Natur ist endlich die entscheidende und

schönste Scene in dem patriotischen Drama »Colberg«. Es wird Kriegsrath

gehalten, aber auch die Bürger sind berufen, denn die Wichtigkeit

des Augenblicks macht es wünschenswerth, dass alle Stimmen gehört

werden. Alle Hoffnung für die belagerte Stadt scheint aus zu sein.

Der französische General hat ein Schreiben gesandt, um Gneisenau zu

einer ehrenhaften Capitulation aufzufordern. Das ganze Officiercorps

erklärt sofort, dass von Uebergabe der Festung keine Rede sein kann,

und Gneisenau legt dann der Bürgerschaft die Frage vor, ob man sich

vom Feinde eine Frist erbitten solle um den Bürgern, Frauen und

Kindern den Auszug aus der allen Schrecken preisgegebenen Stadt zu

sichern. Da erhebt sich der alte pedantische Schulmeister Zipfel, ein

echter altmodischer deutscher Philologe, um im Namen der Bürgerschaft

die Antwort zu ertheilen. Mit vielen Umschweifen, mit lateinischen

Redensarten spinnt er unter allgemeiner Ungeduld seine Rede aus. Man

unterbricht ihn, man gibt ihm zu verstehen, dass man wohl wisse, er

denke nur daran, dem Commandanten und den Truppen die gefährliche

Vertheidigung der Stadt zu überlassen -- endlich gelingt es ihm, die

Ansicht zu erklären, die er mit der langen Erzählung vom grossen

Perserkriege und Leonidas mit seinen Spartanern im Sinne gehabt; die

Ansicht nämlich, dass es Allen, ohne Unterschied gebühre, dazubleiben

und zu sterben. Diese Scene hat Heyse _con amore_ geschrieben. Sie

enthält, so zu sagen, sein ganzes System. Denn nirgends triumphirt sein

guter Glaube an die Menschheit so, wie dort, wo er im Spiessbürger den

Helden enthüllen, im armen Pedanten den unbeugsamen Mann aufweisen

kann, den kein Anderer in ihm gefunden hätte als der Dichter allein,

der es weiss, dass jede seiner Gestalten im tiefsten Grunde der Seele

ein unauslöschliches Adelsgepräge trägt.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 22 / 110 题