Was er verehrt, anbetet und darstellt ist also, ganz allgemein
ausgedrückt, die Natur. Aber wie er seiner eigenen Natur folgt, so
stellt er auch seine eigene Natur dar, und ihr Grundzug ist der,
ursprünglich harmonisch zu sein. Eine solche Bezeichnung ist sehr weit
und vag. Sie lässt, unbestimmt wie sie ist, Heyse wohl nächstens als
einen Nachfolger Goethe's erscheinen und passt eben so gut auf den
grossen Meister. Jene Harmonie ist indessen, näher bestimmt, nicht
eine weltumspannende, sondern eine verhältnissmässig enge, sie ist
eine aristokratische Harmonie. Es gibt Vieles, das sie ausschliesst,
Vieles, das sie nicht versöhnt, ja nicht einmal berührt. Nicht als
Naturforscher, sondern als Schönheitsanbeter betrachtet Heyse das bunte
Treiben des Lebens. Es ist ersichtlich genug, dass er nicht begreift,
wie man Lust dazu verspüren kann, als Künstler mit Vorliebe solche
Gestalten zu schildern, denen man im Leben seine Thür verschliessen
würde; ja er hat selbst mit grosser Offenheit ausgesprochen, dass
er nie eine Figur habe zeichnen können, die nicht irgend etwas
Liebenswürdiges gehabt hätte, nie einen weiblichen Charakter, in den
er nicht bis zu einem gewissen Grade verliebt gewesen wäre.[7] Darum
besteht auch seine ganze Gestaltengallerie mit wenigen Ausnahmen (wie
Lorinser oder Jansen's Frau) aus gleichartigen Wesen. Sie haben nicht
blos Race, sondern edle Race, d. h. angeborenen Adel. Ihre gemeinsame
Eigenschaft ist, was Heyse selbst als _Vornehmheit_ bezeichnet. Er
nimmt das Wort in dem Sinne, dass die Vornehmheit bei allen seinen
Charakteren die angeborene Unfähigkeit ist, etwas Niedriges oder
Schmutziges zu begehen, bei dem Naturkinde durch die einfache Güte und
Gesundheit der Seele bedingt, bei dem Culturmenschen mit dem bewussten
Gefühl seines Menschenwerthes, mit der Ueberzeugung von dem Rechte
eines vollen und kräftigen Menschenlebens versetzt, das seine Norm und
seinen Richterstuhl in sich selber hat und mehr vor Halbheit als vor
Irrthum schaudert. Heyse hat selbst einmal seinen Lieblingsterminus
definirt. Im »Salamander« heisst es[8]:
Ich habe meiner Tugenden und Fehler
Mich nie geschämt, mit jenen nie geprunkt,
Und meiner Sünden macht' ich nie den Hehler.
Denn dies vor Allem, dünkt mich, ist der Punkt,
Wo Freigeborne sich vom Pöbel scheiden,
Der feig und heuchlerisch herumhallunkt.
Den nenn' ich vornehm, der sich streng bescheiden
Die eigne Ehre gibt und wenig fragt,
Ob ihn die Nachbarn lästern oder neiden.
Und mit fast ähnlichen Worten spricht die früher von aristokratischem
Schein geblendete Toinette diesen Grundgedanken aus: »Es gibt
nur Eine wahre Vornehmheit: sich selber treu zu bleiben. Gemeine
Menschen kehren sich an das, was die Leute sagen, und bitten Andere
um Auskunft darüber, wie sie selbst eigentlich sein sollen. Wer Adel
in sich hat, lebt und stirbt von seinen eigenen Gnaden und ist also
souverän«.[9] Diese Art von Adel ist denn der Stempel, den die ganze,
diesem Dichtergehirn entsprungene Menschenrace trägt. Sie besitzen
ihn alle, vom Bauer bis zum Philosophen, und vom Fischermädchen bis
zur Gräfin. Die einfache Kellnerin in der »Reise nach dem Glück«
spricht eine Lebensansicht aus, die genau mit der eben angeführten
zusammenfällt[10], und wer sich nur die Mühe geben mag, die Schriften
Heyse's zu durchblättern, wird entdecken, dass das kleine Wort
»vornehm« oder ein Aequivalent dafür immer eins von den ersten ist,
die er anbringt, sobald es gilt zu charakterisiren oder zu preisen.
Man sehe z. B. in einem einzigen Band der Novellen die Anwendung
des Wortes »vornehm«, um die äussere Erscheinung, Blick und Haltung
zu bezeichnen (in »Mutter und Kind«, in »Am todten See«, in »Ein
Abenteuer« VIII. 44, 246, 331). Oder man durchblättere, um sich von der
durchgreifenden Bedeutung dieses Charakterzuges zu überzeugen, Heyses
zwei erste Romane. In »Kinder der Welt« bezeichnen alle die dem Leser
sympathischen Personen sich gegenseitig als adlige Geister: Franzelius
nennt Edwin und Balder die wahren Aristokraten der Menschheit, Edwin
findet in der höchsten Schwärmerei der Leidenschaft kein höheres Lob
für Toinette und Lea als das, dass sie das Adelsgepräge tragen, und
da Toinette nach der Begegnung mit Lea diese als die würdige Gattin
Edwin's anerkennt, ist es wieder derselbe Ausdruck, der sich ihr zu
allererst darbietet; sie bezeichnet in ihrem Briefe Lea als Edwin's
»so _vornehme_, kluge und holdselige Lebensgefährtin«.[11] Und in
dem Roman »Im Paradiese«, dessen ersten Entwurf wir vermuthlich in
dem versificirten Fragmente »Schlechte Gesellschaft« haben, steht
durchgängig die sogenannte »schlechte« Künstlergesellschaft als die
wahrhaft gute und vornehme der sogenannten vornehmen Gesellschaft
gegenüber.[12] Von den Künstlern ist keiner im gewöhnlichen Sinne des
Wortes Aristokrat. Ihre Herkunft ist, wie die der Helden in »Kinder der
Welt«, durchgehends äusserst unansehnlich. Aber die Vornehmheit liegt
ihnen im Blute, sie gehören zu den Auserkorenen, die gut und richtig
handeln, nicht aus Pflichtgefühl oder durch mühsame Ueberwindung
schlechter Triebe, sondern aus Natur. Was Toinette irgendwo »den
redlichen Willen, der Menschheit keine Schande zu machen« nennt, hat
auch der Roman »Im Paradiese« als den natürlichen Adel im Gegensatze zu
der auf künstlichen Principien beruhenden Noblesse aufgestellt.
Wenige Dichter haben deshalb eine solche Reihe von Charakteren ohne
Falsch und ohne Gemeinheit geschildert, wie Heyse. Niemand hat einen
besseren Glauben an die Menschen gehabt. Den triftigsten Beweis
dafür, wie lebendig sein Bedürfniss ist, überall das edle Erz in der
Menschennatur hervorzuheben, liefert der Umstand, dass, wo bei ihm
ein Umschlag im Charakter des Handelnden dem Leser oder dem Zuschauer
eine Ueberraschung bereitet, die Enttäuschung immer darauf beruht,
dass die Erwartung übertroffen wird und die Persönlichkeit sich
weit besser und tüchtiger, weit edelgesinnter erweist, als Jemand
geahnt hatte. Bei fast allen andern Dichtern ist die Enttäuschung die
entgegengesetzte. In den Novellen, wie z. B. in »Barbarossa« oder »Die
Pfadfinderin«, wird die Versöhnung dadurch bewirkt, dass die schlechte
Person der Erzählung zuletzt in sich geht, und da der Kern ursprünglich
gut ist und der Betreffende wohl manchen hitzigen und schlechten,
aber keinen eigentlich bösen Blutstropfen in sich hat, kommt eine
Art Friedensschluss zwischen ihm und dem Leser, zur Verwunderung des
letzteren, zu Stande. Weit bedeutsamer jedoch als in den Novellen tritt
dieser charakteristische Optimismus in Heyse's Dramen hervor. Sie
verdanken ihm ohne Frage ihre besten und wirkungsvollsten, vielleicht
ihre entschieden dramatischsten Scenen. Ich will ein paar Beispiele
anführen. In »Elisabeth Charlotte« hat der Chevalier von Lorraine
unedle Mittel aller Art benutzt, um die Heldin zu stürzen und die
männliche Hauptperson des Stückes, den deutschen Gesandten Grafen Wied,
aus Frankreich zu entfernen. Von dem Grafen gefordert, ist er schwer
verwundet worden, und als jener von politischen Intriguen umstrickt,
in die Bastille geschickt worden ist, tritt er im fünften Act im
Audienzzimmer des Königs auf. Was kann er wollen? Den Grafen noch ärger
anklagen? Sein unehrenhaftes Betragen fortsetzen, das seinem Gegner
schon so viel Unglück und ihm selbst eine Wunde eingetragen hat? Wird
er sich rächen, die Lage ausnutzen? Nein, er kommt, um die feierliche
Erklärung abzugeben, dass der Graf wie ein echter Edelmann gehandelt
hat, und dass er selbst an dem Duelle Schuld ist. Er wünscht sogar,
selbst in die Bastille gesandt zu werden, damit sein Gegner nicht
glaube, er hätte ehrlos einen unrichtigen Grund des Duells angegeben;
mit anderen Worten: sogar in diesem verderbten Hofmanne lebt das
Ehrgefühl als Rest des altfranzösischen Rittergeistes, ersetzt bis zu
einem gewissen Grad das Gewissen, und zwingt ihn im entscheidenden
Augenblick sich von seinem Schmerzenslager zu erheben, um zu Gunsten
des Feindes einzuschreiten, den er rachsüchtig und rücksichtslos
verfolgt hat. -- In dem schönen und volksthümlichen Schauspiel »Hans
Lange« findet sich eine Scene, die bei der Aufführung die Zuschauer
in athemloser Spannung hält, und deren Ausgang immer vielen Augen
Thränen entlockt: es ist die Scene, wo das Leben des Junkers auf dem
Spiele steht. Er ist verloren, wenn die Reiter ahnen, dass er es ist,
der als Sohn des Juden verkleidet auf der Bank liegt. Da tritt der
Grossknecht Henning auf, von Reitern geführt, die ihn im Stalle haben
brummen hören, er wisse wohl, wo der Hase im Pfeffer liege. Henning
ist vom Junker verdrängt worden; bevor dieser nach Lanzke kam, war er
wie ein Kind im Hause, jetzt ist er weniger als Stiefkind geworden und
er hat immer einen Groll auf den Vorgezogenen gehabt. Mit grösster
Kunst wird die Scene nun so geführt, dass Henning trotz der Bitten und
Verwünschungen der Eingeweihten immer deutlicher zu verstehen gibt,
dass er sich an dem Junker rächen wolle, dass er wisse, wo derselbe
sei, und dass keine Macht in der Welt ihn davon abhalten werde, seinen
Feind zu verrathen -- bis er, feurige Kohlen auf des Anderen Haupt
sammelnd und sich mit dem eingejagten Schrecken begnügend, endlich
das Blatt vom Munde nimmt, um die ihm jetzt natürlich blindlings
vertrauenden Verfolger vollständig auf die falsche Spur zu bringen.
-- Und genau von derselben Natur ist endlich die entscheidende und
schönste Scene in dem patriotischen Drama »Colberg«. Es wird Kriegsrath
gehalten, aber auch die Bürger sind berufen, denn die Wichtigkeit
des Augenblicks macht es wünschenswerth, dass alle Stimmen gehört
werden. Alle Hoffnung für die belagerte Stadt scheint aus zu sein.
Der französische General hat ein Schreiben gesandt, um Gneisenau zu
einer ehrenhaften Capitulation aufzufordern. Das ganze Officiercorps
erklärt sofort, dass von Uebergabe der Festung keine Rede sein kann,
und Gneisenau legt dann der Bürgerschaft die Frage vor, ob man sich
vom Feinde eine Frist erbitten solle um den Bürgern, Frauen und
Kindern den Auszug aus der allen Schrecken preisgegebenen Stadt zu
sichern. Da erhebt sich der alte pedantische Schulmeister Zipfel, ein
echter altmodischer deutscher Philologe, um im Namen der Bürgerschaft
die Antwort zu ertheilen. Mit vielen Umschweifen, mit lateinischen
Redensarten spinnt er unter allgemeiner Ungeduld seine Rede aus. Man
unterbricht ihn, man gibt ihm zu verstehen, dass man wohl wisse, er
denke nur daran, dem Commandanten und den Truppen die gefährliche
Vertheidigung der Stadt zu überlassen -- endlich gelingt es ihm, die
Ansicht zu erklären, die er mit der langen Erzählung vom grossen
Perserkriege und Leonidas mit seinen Spartanern im Sinne gehabt; die
Ansicht nämlich, dass es Allen, ohne Unterschied gebühre, dazubleiben
und zu sterben. Diese Scene hat Heyse _con amore_ geschrieben. Sie
enthält, so zu sagen, sein ganzes System. Denn nirgends triumphirt sein
guter Glaube an die Menschheit so, wie dort, wo er im Spiessbürger den
Helden enthüllen, im armen Pedanten den unbeugsamen Mann aufweisen
kann, den kein Anderer in ihm gefunden hätte als der Dichter allein,
der es weiss, dass jede seiner Gestalten im tiefsten Grunde der Seele
ein unauslöschliches Adelsgepräge trägt.