Ich habe schon gesagt, dass Heyse als Dichter unmittelbar von
Eichendorff ausgeht. Wie der Held in seiner Novelle »Ein Abenteuer«,
scheint er in seinen ersten Wanderjahren sich den romantischen
»Taugenichts« zum Begleiter erwählt zu haben. Wo er in einer seiner
Novellen (Lottka) sich selbst als Jüngling einführt, singt er in der
Eichendorff'schen Tonart, und man erkennt, dass er sehr früh die
romantischen Melodien mit seltener Geläufigkeit nachgepfiffen. In der
Sammlung romantischer Kindermärchen, die er als Schüler unter dem
Titel »Der Jungbrunnen« herausgab, ist Musje Morgenroth ein leiblicher
Bruder des berühmten Eichendorff'schen Helden. Das Buch ist die Arbeit
eines Kindes, hat aber doch ein gewisses Interesse, da es den ersten
Standpunkt des Dichters bezeichnet. Man sieht daraus, mit welchen
Gaben er von Anfang an ausgerüstet war: die knabenhafte aber nie
geschmacklose Prosa fliesst leicht, und die Verse, die bedeutend höher
stehen, sind mit all' ihren Nachklängen unaffectirt, sicher geformt
und frisch. Er singt nach, aber er singt rein; es ist die gewöhnliche
romantische Tonart, aber mit jugendlicher Frische und Anmuth
angeschlagen. In den Flegeljahren _naiv_ zu produciren, heisst schon
ein Phänomen sein, und die ungewöhnliche angeborne Herrschaft über
die Sprache hütet den dichtenden Schüler vor Forcirtheit und Manier.
Der, wie es scheint, vom Vater, dem bekannten Philologen, ererbte
Sprachsinn entwickelt sich bei dem Sohne zu einer Sprachfertigkeit,
einer Leichtigkeit, mit Worten und Rhythmen umzuspringen, die schon im
ersten Jünglingsalter nicht weit von Virtuosität entfernt war. Diese A.
W. Schlegel und Rückert übertreffende Sprachfertigkeit bedingte als
ein Grundelement in Heyse's Begabung die übrigen Eigenthümlichkeiten,
die er nach und nach entwickelt hat. Er sang von Anfang an, nicht
weil er mehr auf dem Herzen hatte als alle Uebrigen, sondern weil es
ihm weit natürlicher und leichter als Anderen fiel das auszusagen,
dessen sein Herz voll war. Da nicht starke innere Umwälzungen oder
eingreifende äussere Begebenheiten erforderlich waren, um seine Lippen
zu öffnen, wie sonst wohl, um die Erzeugungslust derer zu wecken,
denen das Formgeben schwierig ist und denen es nur in den Augenblicken
der Leidenschaft gelingt, die Schätze des Innern an's Tageslicht zu
heben, so blickte er nicht nach Innen, sondern nach Aussen, grübelte
nur wenig über sein Ich, seinen Beruf und seine Fähigkeiten, sondern
sich wohl bewusst, dass er in seiner Seele einen klaren Spiegel trug,
der aus der Umgegend Alles auffing, was ihn ansprach, liess er mit der
Empfänglichkeit und dem Schaffensdrange eines bildenden Künstlers den
Blick nach allen Seiten umherschweifen.
Eines bildenden Künstlers, sag' ich; denn nicht lange fuhr er fort, die
romantische Musik anzustimmen. Er hat selbst gesagt:
Schön ist romantische Poesie,
Doch was man nennt beauté de nuit.
Die rechten Männer, meint Heyse, verstehen ihre Gedanken _à jour_ zu
fassen, und er ist in allzu hohem Grade ein Sonnenkind, als dass er
im romantischen Zwielicht hätte stehen bleiben können. Lyriker war
er überhaupt nicht, und die Romantik hat naturgemäss und nothwendig
ihre Stärke in der Lyrik. Die Naturumgebungen flössten ihm auch
kein selbständiges poetisches Interesse ein: eine solche Frische
des Meeres und der Landschaft, wie sie z. B. die dänischen Novellen
Blicher's überhaucht, wird man in den seinen nicht finden; er ist
kein Landschafter und hat stets die Landschaft nur als Hintergrund
benutzt. Was am ersten und frühesten seinem Blicke begegnete, sobald
er genug entwickelt war um mit eigenen Augen zu sehen, war der Mensch;
und wohlgemerkt, nicht der Mensch als eine von Organen bediente
Intelligenz, oder als ein auf zwei Beinen gehender Wille, oder als
psychologische Merkwürdigkeit, sondern als plastische Gestalt. Zu
allererst hat er, nach meiner Auffassung, ganz wie der Bildhauer oder
Gestaltenmaler, sobald er seine Augen schloss, seinen Gesichtskreis
mit Konturen und Profilen bevölkert gesehen. Schöne äussere Formen
und Bewegungen, die Haltung eines anmuthigen Kopfes, eine reizende
Eigenthümlichkeit in Stellung oder Gang haben ihn ganz auf dieselbe
Weise beschäftigt, wie sie den bildenden Künstler erfüllen, und sind
von ihm mit derselben Vorliebe, ja bisweilen fast mit technischen
Ausdrücken wiedergegeben worden. Und nicht nur der Erzähler, auch
die auftretenden Personen fassen oft genug auf dieselbe Weise auf.
So sagt z. B. die Hauptperson in der Novelle »Der Kreisrichter«:
»Die Jugend hier ist gesund, und das ist in jungen Jahren die halbe
Schönheit. Auch haben sie noch Race. _Achten Sie auf die feine Form
der Köpfe und die zarte Bildung der Schläfen, und im Gang und Tanz
und Sitzen die natürliche Anmuth_«.[17] Ein schlagendes Beispiel
dieser Anschauungsweise des Dichters findet man in der Novelle »Die
Einsamen«, wo sein Missmuth darüber, mit den Mitteln seiner Kunst nur
so unvollkommen malen zu können, folgendermassen zu Worte kommt: »Nur
den Umriss! wüthete er vor sich hin, ein paar Dutzend Linien nur!
Wie sie auf dem Eselchen einhertrabt, das eine Bein über den Rücken
des Thieres, flach und sicher ruhend, das andere mit der Spitze des
Fusses fast den Boden streifend; und den rechten Ellenbogen auf das
ruhende Knie niedergestützt, die Hand leicht unter dem Kinn, mit
der Halskette spielend, das Gesicht hinausgewendet nach dem Meer;
welche Last schwarzer Flechten im Nacken! Es leuchtet roth darin; ein
Korallenschmuck -- nein, frische Granatblüthen. Der Wind spielt mit
dem lose angeknüpften Tuch; wie dunkel brennt die Wange, und wie viel
dunkler das Auge!«[18]
Es sind solche Bilder, plastische Figuren, einfache malerische
Situationen, mit denen die Phantasie Heyse's von Anfang an operirt
hat, und die ihren einen Ausgangspunkt bilden. Und ob man noch so sehr
fühlt, wie viel vernünftiger es ist, einen Dichter zu schildern als
ihn zu loben, so kann man doch nicht einen Ausbruch der Bewunderung
darüber zurückhalten, wie vorzüglich es überall Heyse gelungen
ist, seine Gestalten, freilich besonders die Frauengestalten, dem
Auge darzustellen. Er gehört nicht zu der beschreibenden Schule,
er charakterisirt nicht weitläufig wie Balzac noch sorgfältig wie
Turgenjew, sondern schildert mit wenigen Zügen; aber seine Gestalten
bleiben uns doch in der Erinnerung, aus dem sehr einfachen Grunde,
weil sie alle Stil haben. Ein Bauernmädchen aus Neapel oder Tyrol,
ein Dienstmädchen oder ein junges Fräulein aus Deutschland erhalten,
von ihm gemalt, ein höheres, unwirkliches und doch unvergessliches
Leben, weil sie alle durch die streng idealistische Methode und Kunst
der Darstellung geadelt sind. Sie sind formvollendet wie Statuen, sie
haben eine Haltung wie Königinnen. Niemand, ausser dem Maler Leopold
Robert, an den einige von Heyse's italienischen Arbeiten erinnern, hat
meines Wissens einen so bewussten Stil in der Zeichnung von Bauern und
Fischern an den Tag gelegt. Und wie die Formen der äusseren Gestalt,
so sind diejenigen des Gemüthslebens stilvoll. Wenn der Ausdruck nicht
allzu gewagt wäre, möchte ich sagen, dass Heyse die Liebe plastisch
schildert. Die Romantiker fassten sie immer lyrisch auf. Vergleicht
man aber die Liebesnovellen Heyse's mit romantischen Liebesnovellen,
so wird man finden, dass, während die Romantiker ihre Stärke darin
haben, die romantische Entzücktheit als solche zu analysiren und den
seltsamsten, sonst namenlosen Stimmungen Namen zu geben, sich bei
Heyse gleich jedes psychologische Moment in einer Miene oder Geberde
spiegelt; Alles wird bei ihm gleich Anschauung und sichtbares Leben.