V.

Ich habe schon gesagt, dass Heyse als Dichter unmittelbar von

Eichendorff ausgeht. Wie der Held in seiner Novelle »Ein Abenteuer«,

scheint er in seinen ersten Wanderjahren sich den romantischen

»Taugenichts« zum Begleiter erwählt zu haben. Wo er in einer seiner

Novellen (Lottka) sich selbst als Jüngling einführt, singt er in der

Eichendorff'schen Tonart, und man erkennt, dass er sehr früh die

romantischen Melodien mit seltener Geläufigkeit nachgepfiffen. In der

Sammlung romantischer Kindermärchen, die er als Schüler unter dem

Titel »Der Jungbrunnen« herausgab, ist Musje Morgenroth ein leiblicher

Bruder des berühmten Eichendorff'schen Helden. Das Buch ist die Arbeit

eines Kindes, hat aber doch ein gewisses Interesse, da es den ersten

Standpunkt des Dichters bezeichnet. Man sieht daraus, mit welchen

Gaben er von Anfang an ausgerüstet war: die knabenhafte aber nie

geschmacklose Prosa fliesst leicht, und die Verse, die bedeutend höher

stehen, sind mit all' ihren Nachklängen unaffectirt, sicher geformt

und frisch. Er singt nach, aber er singt rein; es ist die gewöhnliche

romantische Tonart, aber mit jugendlicher Frische und Anmuth

angeschlagen. In den Flegeljahren _naiv_ zu produciren, heisst schon

ein Phänomen sein, und die ungewöhnliche angeborne Herrschaft über

die Sprache hütet den dichtenden Schüler vor Forcirtheit und Manier.

Der, wie es scheint, vom Vater, dem bekannten Philologen, ererbte

Sprachsinn entwickelt sich bei dem Sohne zu einer Sprachfertigkeit,

einer Leichtigkeit, mit Worten und Rhythmen umzuspringen, die schon im

ersten Jünglingsalter nicht weit von Virtuosität entfernt war. Diese A.

W. Schlegel und Rückert übertreffende Sprachfertigkeit bedingte als

ein Grundelement in Heyse's Begabung die übrigen Eigenthümlichkeiten,

die er nach und nach entwickelt hat. Er sang von Anfang an, nicht

weil er mehr auf dem Herzen hatte als alle Uebrigen, sondern weil es

ihm weit natürlicher und leichter als Anderen fiel das auszusagen,

dessen sein Herz voll war. Da nicht starke innere Umwälzungen oder

eingreifende äussere Begebenheiten erforderlich waren, um seine Lippen

zu öffnen, wie sonst wohl, um die Erzeugungslust derer zu wecken,

denen das Formgeben schwierig ist und denen es nur in den Augenblicken

der Leidenschaft gelingt, die Schätze des Innern an's Tageslicht zu

heben, so blickte er nicht nach Innen, sondern nach Aussen, grübelte

nur wenig über sein Ich, seinen Beruf und seine Fähigkeiten, sondern

sich wohl bewusst, dass er in seiner Seele einen klaren Spiegel trug,

der aus der Umgegend Alles auffing, was ihn ansprach, liess er mit der

Empfänglichkeit und dem Schaffensdrange eines bildenden Künstlers den

Blick nach allen Seiten umherschweifen.

Eines bildenden Künstlers, sag' ich; denn nicht lange fuhr er fort, die

romantische Musik anzustimmen. Er hat selbst gesagt:

Schön ist romantische Poesie,

Doch was man nennt beauté de nuit.

Die rechten Männer, meint Heyse, verstehen ihre Gedanken _à jour_ zu

fassen, und er ist in allzu hohem Grade ein Sonnenkind, als dass er

im romantischen Zwielicht hätte stehen bleiben können. Lyriker war

er überhaupt nicht, und die Romantik hat naturgemäss und nothwendig

ihre Stärke in der Lyrik. Die Naturumgebungen flössten ihm auch

kein selbständiges poetisches Interesse ein: eine solche Frische

des Meeres und der Landschaft, wie sie z. B. die dänischen Novellen

Blicher's überhaucht, wird man in den seinen nicht finden; er ist

kein Landschafter und hat stets die Landschaft nur als Hintergrund

benutzt. Was am ersten und frühesten seinem Blicke begegnete, sobald

er genug entwickelt war um mit eigenen Augen zu sehen, war der Mensch;

und wohlgemerkt, nicht der Mensch als eine von Organen bediente

Intelligenz, oder als ein auf zwei Beinen gehender Wille, oder als

psychologische Merkwürdigkeit, sondern als plastische Gestalt. Zu

allererst hat er, nach meiner Auffassung, ganz wie der Bildhauer oder

Gestaltenmaler, sobald er seine Augen schloss, seinen Gesichtskreis

mit Konturen und Profilen bevölkert gesehen. Schöne äussere Formen

und Bewegungen, die Haltung eines anmuthigen Kopfes, eine reizende

Eigenthümlichkeit in Stellung oder Gang haben ihn ganz auf dieselbe

Weise beschäftigt, wie sie den bildenden Künstler erfüllen, und sind

von ihm mit derselben Vorliebe, ja bisweilen fast mit technischen

Ausdrücken wiedergegeben worden. Und nicht nur der Erzähler, auch

die auftretenden Personen fassen oft genug auf dieselbe Weise auf.

So sagt z. B. die Hauptperson in der Novelle »Der Kreisrichter«:

»Die Jugend hier ist gesund, und das ist in jungen Jahren die halbe

Schönheit. Auch haben sie noch Race. _Achten Sie auf die feine Form

der Köpfe und die zarte Bildung der Schläfen, und im Gang und Tanz

und Sitzen die natürliche Anmuth_«.[17] Ein schlagendes Beispiel

dieser Anschauungsweise des Dichters findet man in der Novelle »Die

Einsamen«, wo sein Missmuth darüber, mit den Mitteln seiner Kunst nur

so unvollkommen malen zu können, folgendermassen zu Worte kommt: »Nur

den Umriss! wüthete er vor sich hin, ein paar Dutzend Linien nur!

Wie sie auf dem Eselchen einhertrabt, das eine Bein über den Rücken

des Thieres, flach und sicher ruhend, das andere mit der Spitze des

Fusses fast den Boden streifend; und den rechten Ellenbogen auf das

ruhende Knie niedergestützt, die Hand leicht unter dem Kinn, mit

der Halskette spielend, das Gesicht hinausgewendet nach dem Meer;

welche Last schwarzer Flechten im Nacken! Es leuchtet roth darin; ein

Korallenschmuck -- nein, frische Granatblüthen. Der Wind spielt mit

dem lose angeknüpften Tuch; wie dunkel brennt die Wange, und wie viel

dunkler das Auge!«[18]

Es sind solche Bilder, plastische Figuren, einfache malerische

Situationen, mit denen die Phantasie Heyse's von Anfang an operirt

hat, und die ihren einen Ausgangspunkt bilden. Und ob man noch so sehr

fühlt, wie viel vernünftiger es ist, einen Dichter zu schildern als

ihn zu loben, so kann man doch nicht einen Ausbruch der Bewunderung

darüber zurückhalten, wie vorzüglich es überall Heyse gelungen

ist, seine Gestalten, freilich besonders die Frauengestalten, dem

Auge darzustellen. Er gehört nicht zu der beschreibenden Schule,

er charakterisirt nicht weitläufig wie Balzac noch sorgfältig wie

Turgenjew, sondern schildert mit wenigen Zügen; aber seine Gestalten

bleiben uns doch in der Erinnerung, aus dem sehr einfachen Grunde,

weil sie alle Stil haben. Ein Bauernmädchen aus Neapel oder Tyrol,

ein Dienstmädchen oder ein junges Fräulein aus Deutschland erhalten,

von ihm gemalt, ein höheres, unwirkliches und doch unvergessliches

Leben, weil sie alle durch die streng idealistische Methode und Kunst

der Darstellung geadelt sind. Sie sind formvollendet wie Statuen, sie

haben eine Haltung wie Königinnen. Niemand, ausser dem Maler Leopold

Robert, an den einige von Heyse's italienischen Arbeiten erinnern, hat

meines Wissens einen so bewussten Stil in der Zeichnung von Bauern und

Fischern an den Tag gelegt. Und wie die Formen der äusseren Gestalt,

so sind diejenigen des Gemüthslebens stilvoll. Wenn der Ausdruck nicht

allzu gewagt wäre, möchte ich sagen, dass Heyse die Liebe plastisch

schildert. Die Romantiker fassten sie immer lyrisch auf. Vergleicht

man aber die Liebesnovellen Heyse's mit romantischen Liebesnovellen,

so wird man finden, dass, während die Romantiker ihre Stärke darin

haben, die romantische Entzücktheit als solche zu analysiren und den

seltsamsten, sonst namenlosen Stimmungen Namen zu geben, sich bei

Heyse gleich jedes psychologische Moment in einer Miene oder Geberde

spiegelt; Alles wird bei ihm gleich Anschauung und sichtbares Leben.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 24 / 110 题