Die Macht, der man selbst als Künstler gehorcht, wird nothwendig die
Macht, welche man in seinen Werken auf den Ehrenplatz erhebt. Daher
verherrlicht Heyse als Schriftsteller die Natur. Nicht, was der Mensch
denkt oder will, sondern was er von Natur ist, interessirt Heyse an
ihm. Die höchste Pflicht ist für ihn, die Natur zu ehren und ihrer
Stimme zu folgen, die wahre Sünde ist Sünde gegen die Natur. Man lasse
sie gewähren und walten!
Es gibt darum nicht viele Schriftsteller, die so ausgeprägte
Deterministen wie Heyse sind. An den freien Willen im überlieferten
Sinne des Wortes glaubt er nicht, und steht augenscheinlich ganz ebenso
skeptisch, wie sein Edwin oder Felix, Kant's kategorischem Imperativ
gegenüber.[2] Aber glaubt er auch nicht an angeborene Ideen, so glaubt
er doch an den angeborenen Instinct, und dieser Instinct ist ihm
heilig. Er hat in seinen Novellen geschildert, wie unglücklich sich die
Seele fühlt, wenn dieser Instinct entweder gestört oder unsicher ward.
In der Novelle »Kenne Dich selbst« ist die Intelligenz, in der »Reise
nach dem Glück« die Moral der Friedensstörer.
In der ersteren Novelle hat Heyse die Qual dargestellt, welche aus
einem zu frühen oder absichtlichen Eingreifen in das instinctive
Leben der Seele hervorgeht. »Jene schöne Dumpfheit der Jugend,
jene träumerische unbewusste Fülle, die reine Genusskraft der noch
unerschöpften Sinne gingen dem jungen Franz über seinem vorzeitigen
Ringen nach Selbstgewissheit verloren«.[3] Er schildert hier die
Schlaflosigkeit des Geistes, die ebenso gefährlich für die Gesundheit
der Seele ist, wie wirkliche Schlaflosigkeit für das Wohl des Körpers,
und zeigt, wie der Reflexionskranke »jenen heimlichen dunklen Kern
verliert, welcher der Kernpunkt unserer Persönlichkeit ist«.
In der Novelle »Die Reise nach dem Glück« ist es die herkömmliche
Moral, welche durch Verdrängung des Instincts die Seele zersplittert
hat. Ein junges Mädchen hat mit Ueberwindung ihres eigenen
Herzenstriebes aus eingeprägten Sittlichkeitsrücksichten in später
Nacht den Geliebten fortgewiesen und ist dadurch die unschuldige
Ursache seines Todes geworden. Nun verfolgt die Erinnerung an dieses
Unglück sie beständig. »Wenn Einem nicht das eigene Herz den Weg weist,
läuft man immer in die Irre. Ich bin schon einmal elend geworden, weil
ich nicht hören wollte, ob auch mein Herz noch so laut schrie. Jetzt
will ich aufmerken, wenn es nur halblaut flüstert, und für alles Andere
kein Ohr haben«. (G. W. V., 199.)
In dem Instinct ist die ganze Natur gegenwärtig. Ist nun die innere
Zersplitterung, die dort eintritt, wo der Instinct seine leitende
Kraft verloren hat, für Heyse das tiefste Unglück, so besteht
umgekehrt für die Charaktere, welche er mit Vorliebe schildert, das
Lebensgefühl, d. h. das tiefste Glücksgefühl, in dem Genusse der
Ganzheit und Harmonie ihrer Naturen. Heyse ist natürlicherweise nicht
geneigt, die Selbstreflexion ohne Weiteres als ein für das gesunde
Lebensgefühl feindliches Princip anzusehen. Es scheint ungefähr seine
eigene Ansicht zu sein, welche der Kranke in »Kenne Dich selbst« mit
den Worten ausspricht: ebenso angenehm, wie es ihm sei, in der Nacht
aufzuwachen, sich zu besinnen und zu wissen, dass er noch weiter
schlafen könne, ebenso herrlich scheine es ihm, sich aus traumhaften
Glückszuständen aufzuwecken, sich zu sammeln, zu reflectiren und dann
sich gleichsam auf die andere Seite zu legen und weiter zu geniessen.
Wenigstens hat er in seinem Roman »Kinder der Welt« Balder, den am
idealsten angelegten Charakter des Buches, diesen letzten Gedanken noch
gewichtvoller ausführen lassen. Schwermüthige Betrachtungen sind eben
ausgesprochen worden, Betrachtungen über die Sonne, die gleichgültig
über Ungerechte scheine und Gerechte und mehr Elend als Glück sehe,
über die endlose, sich stets erneuernde Noth des Lebens u. s. w.
Franzel, der junge socialistische Buchdrucker, hat eben entwickelt, wie
der, welcher das allgemeine Loos der Menschen bedenke, am wenigsten
im Stande sei zur Ruhe zu kommen, und hat in seinem Schmerz das Leben
ein Unglück und eine Lüge genannt, als Balder ihm zu zeigen sucht,
wie ein Leben, worin man zur Ruhe käme, überhaupt nicht mehr diesen
Namen verdienen würde. Er erklärt ihm dann, worin der Lebensgenuss
für ihn bestehe, nämlich darin, »Vergangenheit und Zukunft in Eins
zu empfinden«. Höchst eigenthümlich hebt er hervor, dass er nicht
geniessen könne, wenn er sich nicht ganz empfinde, und dass er in den
stillen Augenblicken der Betrachtung alle die zerstreuten Elemente
seines Wesens in einen Accord vereine. »So oft ich wollte, das heisst,
so oft ich mir ein rechtes Lebensfest machen und mein bischen Dasein
aus dem Grunde geniessen wollte, habe ich so zu sagen alle Lebensalter
zugleich in mir erweckt, meine lachende, spielende Kindheit, wo ich
noch ganz gesund war, dann das erste Aufglänzen des Denkens und der
Gefühle, die ersten Jünglingsschmerzen, die Ahnung, was es um ein
volles, gesundes Mannesleben sein müsste, und zugleich auch die
Entsagung, die sonst nur ganz alten Menschen leicht zu werden pflegt«.
Für eine solche Lebensauffassung ist das Menschenleben nicht in
Augenblicke zerklüftet, die verschwinden und deren Verschwinden beklagt
wird, auch nicht im Dienste sich gegenseitig widerstrebender Triebe und
Gedanken zersplittert; für eine solche Fähigkeit, in jedem Augenblick
Anker zu werfen, die Ganzheit und Wirklichkeit seines Wesens zu fühlen,
kann das Leben nicht wie ein böser Traum zerrinnen. »Glaubst Du nicht«,
sagt Balder, »dass der, welcher in jedem Moment, wenn er nur will,
eine solche Fülle des Daseinsgefühls in sich erzeugen kann, es für
ein leeres Wort halten muss: nicht geboren zu sein, wäre besser?«[4]
Man beachte, dass es ein todtkranker Krüppel ist, welcher diese Worte
spricht und noch dazu ein Krüppel, den der Dichter augenscheinlich
in dem Bilde des so verschieden denkenden Leopardi's geformt hat.
Die eigenthümliche Art von Genussphilosophie, die in denselben
ausgesprochen wird, und die durch eine synthetische Reflexion die ganze
Zeit im ewigen Jetzt sammelt, weist auf die eigene Lebensanschauung des
Dichters zurück. Es ist das Lauschen der harmonisch angelegten Natur
auf ihre eigenen Harmonien. Alles geben die unendlichen Götter ja ihren
Lieblingen ganz, alle die unendlichen Freuden und alle die unendlichen
Schmerzen ganz. Diese Lebensphilosophie nimmt selbst den Missklang
des unendlichen Schmerzes in ihre innere Harmonie auf und vermag ihn
für sich aufzulösen. Hier ist der Punkt, wo Heyse sich am schärfsten
von Turgenjew und den andern grossen modernen Pessimisten der Poesie
scheidet. Er wagt es, seinen Lieblingspersonen selbst sehr unschöne und
abschreckende Vergehen beizumessen, um ihnen nach allerlei Prüfungen
und Qualen den innern Frieden wiederzugeben. Der junge Baron in dem
Roman »Im Paradiese« ist ein Beispiel. Eine Sünde gegen sein besseres
Ich lastet auf seinem Gewissen. Die innere Harmonie mit dem eigenen
Gefühl, »auf die Alles ankommt«, ist ihm verloren gegangen. Es zeigt
sich im Laufe der Erzählung, dass er sich durch jenes Vergehen noch
dazu gegen seinen besten Freund vergangen. Aber durch alle Irrungen
und alles Unglück, das hieraus erwächst, findet er sich wieder. Die
Harmonie der Natur war nur zeitweise aufgehoben, nicht, wie er es
fürchtete, heillos zerstört.
Unmittelbar ist der Instinct die Stimme des Blutes. Daher kommt es,
dass die Individuen bei Heyse tief in Stamm und Race wurzeln. Sie
scheinen wie das Gesetz Mosis zu lehren, dass die Seele im Blute
ist. Sie folgen der Stimme des Blutes und appelliren an sie. Die
unentwickelten sind der kräftige Ausdruck eines Racentypus; die
entwickelten unter ihnen kennen ihre Natur und respectiren sie; sie
nehmen sie als gegeben mit dem Gefühle, dass sie sich nicht ändern
lässt; sie werden ebenso durchgängig von ihrem Naturinstinct geleitet,
wie die Charaktere Balzac's vom Eigennutze. Um zu verdeutlichen, was
ich meine, führe ich ein paar Stellen aus den »Kindern der Welt« an:
Als Edwin in Toinette heftig verliebt ist, geht sein Bruder Balder
ohne sein Wissen zu ihr, um sie zu bitten, nicht aus einer Grille oder
im Leichtsinn den Bruder zurückzuweisen und sich an einen Fremden
wegzuwerfen. Hierauf bekommt er die Antwort, dass sie erst jetzt
erfahren und begriffen habe, woran es liege, dass sie kein Glück im
Leben gewinnen könne. Sie hat das Geheimniss ihrer Herkunft entdeckt,
dass nämlich ihre unglückliche Mutter nur gezwungen in die Gewalt
ihres Vaters kam, und daraus erklärt sie sich's nun, dass sie, wie
sie glaubt, nicht lieben kann: »Mein Freund«, sagt sie, »ich glaube,
dass Sie es gut mit mir meinen, Sie und Ihr Bruder. Aber es wäre ein
Verbrechen, wenn ich mir einredete, Sie könnten mir helfen, jetzt, da
ich so klar Alles einsehe, von meinem Schicksal weiss, dass es mir nun
einmal im _Blute liegt_«. (Die Worte sind im Texte gesperrt.) Dies ist
für sie der letzte unwiderlegliche Beweisgrund. Und bei allen Personen
des Buches tritt dieser an Aberglauben grenzende Respect vor der
Natur hervor. Wie er sich bei Toinette findet, so bei ihrem Gegenpol
Lea. Sie contrastiren in allen Punkten; nur in dieser einen Hinsicht
stimmen sie überein. Als Lea, die Edwin's Frau geworden ist, erfahren
hat, wie viel Macht die Erinnerung an Toinette noch über sein Herz
besitzt, und als sie während ihrer Trauer einen Augenblick, in einem
Buche Edwin's lesend, sich damit tröstet, wie gut sie Vieles von dem,
was er geschrieben und was manchem anderen Weibe zu hoch sein würde,
versteht, wirft sie plötzlich das Buch wieder fort, denn es fährt ihr
durch den Sinn, »wie ohnmächtig alles Einverständniss der _Geister_
sei gegen den blinden, unvernünftigen, elementaren Zug der _Naturen_,
der alle Freiheit knechtet und die Weisesten bethört«. Sie ist ein
scheinbar rein intellectuell angelegtes Weib. Ein lebhafter Drang
nach Wissen und geistiger Klarheit hat sie zu Edwin geleitet, er hat
sie in -- der Philosophie unterrichtet. Man könnte also glauben, dass
sie jetzt ihrerseits einen Kampf gegen jene magische Macht des Blutes
durch einen Appell an die Geistesmächte, die sie so lange mit Edwin
verbunden haben, versuchen würde. Im Gegentheil! Weit entfernt, nur als
strebender Geist charakterisirt zu sein, ist sie vor Allem eine Natur.
Sie hat ihn immer glühend geliebt, aber sie hat gefürchtet, dass seine
Liebe, weniger heiss als die ihrige, durch Ausbrüche ihrer Leidenschaft
verscheucht werde, und doch hat sie -- die Philosophin -- in ihrer
Einsamkeit zu sich selbst gesagt: »Liebe ist Thorheit -- seliger Unsinn
-- Lachen und Weinen ohne Sinn und Verstand. So habe ich ihn immer
geliebt, bis zum Vergehen und Vergessen aller Vernunft«. Jetzt, da
das Glück ihrer Ehe auf dem Spiel steht, bricht sie in die Worte aus:
»Wenn er merkt, dass ich das Blut meiner Mutter in den Adern habe,
heisses, alttestamentarisches Blut, -- vielleicht kommt er dahinter,
dass er sich sehr verrechnet hat, als er mit einem solchen Wesen eine
'Vernunftehe' schliessen zu können glaubte. Vielleicht kommt der Tag,
wo ich ihm Alles sagen darf, weil er selbst nicht mehr genug hat an
einem bescheidenen Lebensglück, wo er etwas Stolzeres, Uebermüthigeres,
Ueberschwänglicheres verlangt -- und dann kann ich ihm sagen: Du hast
nicht weit zu suchen, die stillen Wasser sind tief«.[5] Alles ist hier
charakteristisch, sowohl die Zurückführung auf Abstammung und Race, wie
der Protest der heissen, leidenschaftlichen Natur gegen die Verkleidung
der unmittelbaren Leidenschaft als vernünftige Hingebung. Nur wer mit
diesem Grundzuge Heyse's vertraut ist, wird das rechte Verständniss
und Interesse für eins seiner Dramen haben, das sonst sein schwächstes
sein dürfte, und das aus mehreren Ursachen mir seiner nicht ganz würdig
erscheint; ich meine »Die Göttin der Vernunft«. Oder ist es nicht
höchst eigenthümlich, dass Heyse Angesichts der ganzen riesenhaften
französischen Revolution sich aus ihr gerade diesen Stoff zurecht legt,
und ihn gerade so behandelt? Mancher Dichter würde mit der Wahl eines
solchen Gegenstandes sich ein Organ für das Pathos, der Revolution
suchen oder er würde die reine Begeisterung der Vernunftgöttin im
historischen Augenblick eine gedankenlose und unwürdige Vergangenheit
adeln lassen, die sich dennoch tragisch rächt. Ein Dichter wie
Hamerling könnte vielleicht etwas Ansprechendes aus diesem Gegenstande
machen. Heyse erstaunte, seiner Naturanlage gemäss, bei dieser
Erscheinung: ein Weib, ein Stück Natur mit weiblichem Instinct und
weiblicher Leidenschaft, wird für die Vernunft, die Vernunftgöttin,
d. h. die trockene, steife, rationalistische Vernunft des 18.
Jahrhunderts ausgegeben! Und er dichtet dann ein Weib, das kraft der
Tiefe ihrer Natur (im Grunde ihrer Zeit vorausgeeilt) von dem Gefühl
ergriffen ist, dass das ungeheure All-Leben sich auf keine Schulformel
zurückführen lässt, ein Weib, das liebt und fürchtet, leidet und hofft,
das für das Leben ihres Vaters und ihres Geliebten zittert, das vor
Qual, von dem Geliebten verkannt zu werden, verzweifelt, und lässt dann
dies Weib, das als ein echtes Kind ihres Dichters gesagt hat: »Mir ist
das Höchste: Nichts zu thun, was mich mit mir selbst entzweit«, mit
allen Fibern vor Leidenschaft bebend, in persönlicher Verzweiflung,
ohne einen Gedanken an das Allgemeine und Abstracte, an Republik oder
Geistesfreiheit, und während ihr Vater vor der Kirchenthür getödtet
wird, -- nothgedrungen vom Altare herab das neue Vernunft-Evangelium
verkünden, das sie selbst einmal spöttisch als das Weltgesetz, dass
zwei mal zwei vier sind, bezeichnet hat. Viel werthvoller, als in
poetischer Hinsicht, scheint mir dies Stück als Beitrag zur Psychologie
seines Dichters.
Man würde Heyse indess sehr Unrecht thun, wenn man aus dem bis jetzt
Hervorgehobenen schliessen würde, dass er nichts Höheres als die
elementare Natur und ihre Triebe anerkenne. Mit dem Worte Instinct ist
hier etwas von dem _einzelnen_ Triebe völlig Verschiedenes gemeint. Der
Instinct ist der Drang, sich ganz zu bewahren. Darum kann Heyse auch
sehr wohl eine freie Sympathie über die Bande des Blutes und selbst
über das nächste Verwandtschafts-Verhältniss triumphiren lassen. In der
Novelle »Der verlorene Sohn« versteckt und pflegt eine Mutter, ohne es
zu wissen, den unschuldigen Mörder ihres Sohnes, und als dieser durch
seine Liebenswürdigkeit sowohl das Herz der Mutter wie der Tochter
gewinnt, lässt der Dichter ihn die Tochter als Braut heimführen. »Der
verlorene Sohn« wurde in ehrlicher Nothwehr getödtet und sein Gegner
hat nicht einmal seinen Namen gekannt. Selbst als die Mutter das
Nähere über den Tod des Sohnes erfährt, legt sie darum der Heirath
kein Hinderniss in den Weg, sondern trägt allein und ohne Jemand ihr
Geheimniss zu vertrauen, das Unglück, das sie getroffen hat. Hier ist
also mit voller Zustimmung des Charakters ein rein geistiges Band an
die Stelle der Blutsbande getreten; die Mutter nimmt den als ihren
Sohn an, durch dessen Hand ihr eigener Sohn gefallen ist; aber indem
sie das thut, handelt sie in Uebereinstimmung mit ihrer tiefsten Natur
und bewahrt ihre Seele ungetheilt. Das Gleiche gilt in allen Fällen,
wo bei Heyse die Persönlichkeit aus Pflichtrücksichten eine wirkliche
Leidenschaft, eine tiefe Liebe zurückdrängt. Wo es geschieht (wie im
Drama »Marie Moroni«, in der Novelle »Die Pfadfinderin«, oder in dem
Romane »Die Kinder der Welt«), da geschieht es eben, um die Treue gegen
sich selbst zu bewahren, um nicht die Ganzheit und Gesundheit seines
eigenen Wesens einzubüssen, und man sieht die Pflicht dem eigenen
Born der Natur entströmen, indem als höchstes Pflichtgesetz das Gebot
gilt, nicht in Zwiespalt mit dem eigenen Ich zu gerathen. So weit ist
Heyse davon entfernt, die Natur als feindlich gegen Geist und Pflicht
aufzufassen.
Für ihn ist sie alles: Alles was in unserer Macht steht, was wir
ausführen oder vollbringen, trägt, insofern es etwas werth ist,
untrüglich ihren Stempel, und über alles, was nicht in unserer Macht
steht, über unser ganzes angeborenes Schicksal gebietet sie direct,
unmittelbar, allmächtig und unumschränkt. Selbst die unglücklichste
Persönlichkeit, die er geschildert hat, findet, wie übel sie auch vom
Schicksal behandelt worden ist, einen Trost darin, dass sie ein Kind
der Natur, d. h. dass sie nicht _beeinträchtigt_ worden ist. »Wenn
die Elemente meines Wesens, die mich vom Glück ausschliessen, durch
eine grosse blinde Fügung des Weltlaufes sich gefunden und vereinigt
haben und ich an dieser Constellation zu Grunde gehen muss -- so ist
das fatal, aber kein unerträglicher Gedanke. Ein Gottvater aber, der
mich unseliges Geschöpf _de coeur léger_ oder auch aus pädagogischer
Weisheit so traurig zwischen Himmel und Erde herumlaufen liesse, um
mir später einmal für die verpfuschte Zeit eine Gratification in der
Ewigkeit zukommen zu lassen -- nein, lieber Freund, alle durchlauchtige
und undurchlauchtige Theologie kann mir das nicht plausibel machen«.[6]
So nimmt bei Heyse selbst der, dessen Leben am qualvollsten verfehlt
ist, seine Zuflucht zum Naturbegriff wie zum letzten beruhigenden
Gedanken, und so hat er selbst in den schmerzlichsten Stunden seines
Lebens dazu seine Zuflucht genommen, und die wunderbaren Gedichte
»Marianne« und »Ernst«, das Tiefste und Ergreifendste, was er
geschrieben hat, sind als Zeugnisse davon zurückgeblieben. Die Natur
ist sein Ausgangspunkt und sein Endziel, die Quelle seiner Poesie und
ihr letztes Wort, sein Eins und Alles, sein Trost, sein Credo.