I.

Wer einen Blick auf die lange Reihe enggedruckter Bände wirft, die

_Paul Heyse's_ gesammelte Werke bilden, und sich erinnert, dass der

Geburtstag des Verfassers in das Jahr 1830 fällt, wird vermuthlich

zuerst ausrufen: Welcher Fleiss! Unwillkürlich wird er diese

staunenswerthe Productivität auf eine Willenskraft von seltener

Ausdauer zurückführen. Nichts desto weniger entstammt sie einer selten

glücklichen Natur. Diese Natur war an und für sich von so üppiger

Fruchtbarkeit, dass sie, ohne Willensanspannung oder Kraftanstrengung

ihre Ernte geliefert hat; sie hat sie so mannigfach geliefert, dass man

glauben möchte, sie sei nach einem bestimmten Plane und mit sorgsamem

Willen gepflegt worden; es war ihr jedoch augenscheinlich vergönnt,

völlig frei zu walten. Die Natur walten, »sich gehen zu lassen«,[1]

das war, wie man fühlt, von Anfang an Heyse's Wahlspruch, und so kommt

es, dass er mit Eigenschaften, die zu einer zerstreuten, spärlichen

und fragmentarischen Production zu führen pflegen, jedes Unternehmen

vollendet und abgerundet, dass er lyrische und epische Gedichte, ein

grösseres Epos (Thekla), ein Dutzend Dramen, mehr als fünfzig Novellen,

und zwei grosse Romane geschrieben hat. Er begann frühzeitig, schon

als Schüler trat er seine literarische Laufbahn an. Und sorglos wie

ein Fusswanderer, sein Lied vor sich hinpfeifend, nie sich übereilend,

aus jeder Quelle trinkend, stillstehend vor den Sträuchern am Wege,

und Blumen wie Beeren pflückend, im Schatten ausruhend und im Schatten

wandernd, hat er nach und nach eine Bahn durchschritten, die nur

möglich scheint, wenn man das Auge bei athemlosem Marschiren fest auf

das Ziel heftet.

Die Stimme, der Heyse als Schriftsteller folgt, ist unzweifelhaft

die Stimme des Instincts. Nichts liegt ihm, obwohl er Norddeutscher

ist, ferner als Instinctlosigkeit und Absichtlichkeit. Obgleich

in Berlin geboren, fasst er in München Wurzel und findet in der

vollblütigen süddeutschen Race und dem säftereichen süddeutschen Leben

die Umgebungen, die mit seiner Anlage übereinstimmen; obgleich in

Süddeutschland zu Hause, fühlt er sich immer nach Italien hingezogen,

wie nach dem Lande, wo die Menschenpflanze ein von der Reflexion

noch weniger gestörtes, schöneres und üppigeres Wachsthum erreicht

hat, und wo die Stimme des Blutes am klarsten und stärksten spricht.

Diese Stimme ist die Sirenenstimme, die ihn lockt. Natur! Natur!

klingt es in seinem Ohre. Deutschland hat Schriftsteller, die fast

instinctlos scheinen, und die nur ein kräftiger norddeutscher Wille zu

dem, was sie geworden, gemacht hat (wie Karl Gutzkow z. B.), andere

(wie Fanny Lewald), deren Werke vor Allem das Gepräge eines kräftigen

norddeutschen Verstandes tragen. Nicht wollend oder überlegend, sondern

seinem inneren Drange folgend, schafft und formt Heyse seine Werke.

Es ist für manchen Dichter eine Versuchung, dem Leser ein etwas anderes

Bild von sich, als das wirkliche, mitzutheilen. Er stellt sich gerne

als das, was er zu sein _wünschte_ dar, in früheren Tagen entweder

als empfindsamer oder melancholischer, in neuerer Zeit bisweilen

als erfahrener oder kälter oder rauher, als er ist. Mehr als ein

ausgezeichneter Dichter scheut sich, wie Mérimée oder Leconte de

Lisle, so sehr seine Gefühle zur Schau zu stellen, dass er umgekehrt

dahin gelangt, eine Gefühllosigkeit an den Tag zu legen, die ihm

nicht ganz natürlich ist. Man setzt eine Ehre darin, erst jenseits

der Schneelinie, wo das Menschliche endet, recht frei und leicht zu

athmen, und aus Verachtung derer, die dort unten das Mitleid der Menge

in Anspruch nehmen, erliegt man der Versuchung, sich selbst zu einer

Höhe emporzuschrauben, wohin nicht der Instinct, sondern der Stolz zu

steigen gebietet. Für Heyse existirt diese Versuchung nicht. Er hat

nie einen Augenblick sich in eine grössere Wärme oder Kälte als die,

welche er empfand, hinein schreiben können oder wollen. Er hat sich

nie geberdet, als ob er mit seinem Herzblut schreibe, wenn er ruhig

als Künstler formte, und er hat sich geduldig darin gefunden, dass

die Kritik ihm Mangel an Wärme vorwarf. Er hat auf der andern Seite

nie, wie so viele von Frankreichs vorzüglichsten Schriftstellern, eine

furchtbare oder empörende Handlung mit derselben stoischen Ruhe und

in demselben Tone berichten können, mit welchem man erzählt, wo ein

Mann von Welt seine Cigarren kauft oder wo man den besten Champagner

erhält. Er strebt weder nach dem Flammenstil der feurigen Temperamente,

noch nach der Selbstbeherrschung des Weltmanns. Im Vergleich mit

Swinburne scheint er kühl, und im Vergleich mit Flaubert naiv. Aber der

schmale Pfad, auf welchem er wandelt, ist genau derjenige, welcher ihm

vom Instincte seines Innern, von dem rein individuellen und doch so

complicirten Wesen angewiesen wird, das seine _Natur_ ausmacht.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 20 / 110 题