(1875.)
Woher kommt es, fragte ich neulich einen ausgezeichneten Portraitmaler,
»dass Sie, der Sie früher mit Erfolg sich in mehreren andern
Kunstfächern versucht haben, zuletzt sich ganz auf das Portrait
beschränkten?«
»Ich glaube daher,« antwortete er, »weil es mich am meisten ergötzt, so
ein Ding, das nie dagewesen ist und nie wieder kommen wird, zu studiren
und festzuhalten«.
Er schien mir mit diesen Worten schlagend das Interesse zu bezeichnen,
das Einen zu der einzelnen Persönlichkeit, der innern wie der
äussern, hinzieht. Auch für den Kritiker ist das Individuum ein
besonders verlockender Gegenstand; auch für ihn ist die Ausführung
eines Portraits eine seltsam fesselnde Beschäftigung. Leider stehen
seine Mittel nur allzusehr hinter denen des Malers zurück. Was kann
schwieriger und vergeblicher sein, als das rein Individuelle in Worten
ausdrücken zu wollen -- das, was seiner Natur nach jeder Wiedergabe
durch Worte spottet! Ist die Persönlichkeit in ihrem ununterbrochenen
Flusse nicht das wahre _perpetuum mobile_, das sich nicht construiren
lässt?
Und doch reizen und locken diese unlöslichen Aufgaben Einen immer
auf's neue. Wenn man allmählich mit einem Schriftsteller vertraut
geworden ist, sich in seinen Schriften frei bewegt, dunkel fühlt,
dass gewisse Charakterzüge bei ihm die andern beherrschen, und dann
von Natur einen kritischen Hang hat, so lässt es Einem keine Ruhe,
bevor man sich selbst über seinen Eindruck Rechenschaft gegeben und
sich das undeutliche Bild eines fremden Ich, das sich in unserm Innern
gebildet, klar gemacht hat. Man hört oder liest Urtheile über einen
Schriftsteller und findet sie albern. Warum sind sie albern? Andere
Aeusserungen über ihn dünken uns halbwahr. Was fehlt ihnen, um völlig
wahr zu sein? Ein neues grosses Werk von ihm erscheint. Wie ist es von
den früheren schon vorbereitet? Man wird fast neugierig, zu erfahren,
wie man selbst sein Talent charakterisiren würde -- und man befriedigt
seine Neugier.