Morgen angebrochen für den kleinen Staat; ob zum Heil, ob zum Leid, was
kümmerte das das fröhliche Inselvolk mit seinem leichten, glücklichen
Sinn. Wie die sonnige Welle ihrer Binnenwasser trieben sie leicht über
des Lebens Meer -- ein Sturm rüttelte sie auf, wild und gewaltig, es ist
wahr, aber mit der Ursache die sie gehoben, _mit_ dem Sturm, legte sich
auch leicht beruhigt das Element, und ließ in derselben Stunde fast
schon den Schiffer niederschauen in die cristallreine Tiefe, die offen
wie ihr Herz da vor ihm lag.
Wie ein Bienenschwarm zog es und drängte es dort eine Weile am Ufer
herum, beide Geschlechter bunt gemischt durcheinander, und oft klang der
fröhliche Laut lachender Mädchenstimmen silberrein über das Wasser
selbst bis zu der Stelle, wo etwas einsam in der Bai, und in der That so
weit abseits als er eben ankern durfte, ein großer weitbäuchiger,
entsetzlich schmutziger und wettermitgenommener Wallfischfänger lag. Auf
seinem Heck stand, etwas geschmacklos, aber vielleicht nicht ohne Grund,
mit grellrothen Buchstaben im grünen Felde, der Name desselben, _Kitty
Clover_, und von der Gaffel seines Besahnsegels wehte die Englische
Flagge.
Auf dem Quarterdeck desselben standen zwei Männer, beide in die
gewöhnliche Seemannstracht, in blaue Jacken und weiße Hosen gekleidet,
einen breiträndigen Strohhut mit langem schwarzen Band gerad auf den
Kopf gesetzt. Der eine von ihnen, der ältere, war der Capitain der Kitty
Clover, der so wenig den Schotten in seinem ganzen Wesen und Aussehn
verleugnen konnte, wie der Andere den Iren.
Dieser hatte das fast unvermeidliche rothe Haar seiner Landsleute, aber
in merkwürdig kleine feste Locken mehr geknotet als gedreht, und auch um
Kinn und Oberlippe zog sich ihm ein ungeheuer starker, aber eben so
fest verworrener ineinandergedrehter Bart bis hoch unter die kleinen,
lichtblauen Augen hinauf, die manchmal, wenn er seinen Kopf dem neben
ihm Stehenden zuwandte, mit einem eigenen drollen Humor daraus
vorblitzten.
Noch acht oder zehn Matrosen etwa waren außer den beiden an Deck, und
zwar mit Waschen desselben beschäftigt, wozu sie die vollen Eimer aus
der klaren Fluth heraufschwangen, und mit raschgezieltem Wurf den
breiten Strahl unter die oben befestigten Fässer und langs Deck hin
sandten.
Der Capitain oder Master des Wallfischfängers, Mac Rally, galt für einen
vortrefflichen Seemann, aber noch besseren Händler, und das hagere
scharfgeschnittene Gesicht, die hellblauen unstäten Augen, die eisernen
Lippen zeigten zugleich Entschlossenheit wie List und Ausdauer.
Die Kitty Clover war erst gestern hierher, angeblich vom Wallfischfang,
eigentlich aber direkt von Valparaiso kommend, eingelaufen, und hatte
den Iren gewissermaßen als Passagier, der übrigens auch einen ziemlichen
Theil spirituöser Getränke als Fracht bei sich führte, mitgebracht.
Theilweise gehörte von demselben Artikel, außer einer Anzahl von
Fässern, von denen nicht einmal die Matrosen wußten was sie enthielten,
auch eine ziemliche Parthie dem Capitain selber, und er zog es deshalb
vor, den letztverlassenen Hafen nicht als direkt von dort gekommen
anzugeben, einer vielleicht unangenehmen und zu ängstlichen
Aufmerksamkeit der Steuerbehörden zu entgehen. Nichtsdestoweniger haben
diese auf Wallfischfänger ebenfalls ein sehr scharfes und wachsames
Auge, denn sie wissen recht gut daß solche Fahrzeuge, wenn sie auch
gerade kein wirkliches Geschäft daraus machen, doch stets eine oft nicht
unbedeutende Quantität gestatteter oder auch verbotener Waare bei sich
führen, und was sie eben schmuggeln _können_, nicht gern versteuern.
Die _verbotene_ Landung spirituöser Getränke war übrigens mit ungemeinen
Schwierigkeiten verbunden, denn auf alle den Inseln hatten die
Missionaire schon gegen die Einführung des Branntweins die heilsamsten
Gesetze erlassen, die sie mit großer Strenge aufrecht hielten und
bewachten; anderseits waren die Indianischen Behörden selber mit solcher
Maßregel sehr zufrieden, denn die Einführung des bösen Getränks hatte
nur Elend und Unfrieden, Zank und Blutvergießen in die Stämme gebracht,
so daß sie gern und willig, was nicht immer der Fall war, ihre weißen
Lehrer und Gesetzgeber in der Ausführung unterstützten.
Die Franzosen nahmen es noch am leichtesten mit der Einführung von
Spirituosen, aber nur wenn sie von ihren eigenen Schiffen gelandet
wurden, denen sie dadurch gewissermaßen ein Monopol zu sichern
wünschten, aber auch hartnäckig von den Behörden überwacht wurden und
nicht, ohne öffentlich die einmal bestehenden Gesetze umzustoßen,
dawiderhandeln durften.
»Und Ihr seid hier bekannt, O'Flannagan,« sagte der Capitain endlich,
nachdem er wohl eine Viertelstunde lang, ohne ein Wort zu sprechen, das
Ufer durch sein langes Schiffsglas scharf beobachtet hatte, »und glaubt
fest daß Ihr die ganze Ladung nach und nach sicher und ohne einen Penny
Steuer zu zahlen an Land würdet schmuggeln können?«
»Von _glauben_ ist da gar keine Rede, ~Captain dear~,« lachte der Ire,
»meiner Mutter Sohn kennt hier jeden Zollbreit Boden am Ufer, und was
mehr ist, jeden Zollbreits Sohn und Tochter, und die Mädchen besonders,
hahaha liebe Dinger, sind rein auf mich versessen. Die führen nun schon
einmal in der ganzen Welt das Regiment und die zu Freunden, das andere
ist Alles Kleinigkeit und Kinderspiel.«
»Aber wenn uns da nur die jetzigen politischen Verhältnisse keinen
Strich durch die Rechnung machen,« sagte kopfschüttelnd der Schotte.
»Wie uns der alte Indianer gestern Abend erzählte, so waren die
Englischen Missionaire wieder die Herren da drüben, so gut wie früher,
und das will mir nicht so recht einleuchten.«
»Wir wären verloren mit unserem Geschäft wenns anders aussähe;« lachte
Jim, »zum Teufel wenn die Franzosen das Heft in Händen hätten, dürften
wir unseren Brandy nur getrost selber trinken, denn die würden eine
solche Masse ihres eigenen Fabrikats hinüber an Land geworfen haben, daß
sie die Stadt damit ersäufen könnten. Die Missionaire dagegen können
höchstens die Strafe auf Einfuhr noch erhöhen, die Einfuhr selber noch
schwieriger machen; das Alles muß uns aber die Preise nur gerade in die
Höhe treiben, und -- was wollen wir mehr?«
»Weiter nichts,« schmunzelte der Schotte, das Fernrohr niederlegend und
sich mit einem höchst vergnügten Gesicht die Hände reibend -- »weiter
nichts, Jimmy -- höchstens noch etwas baar Geld -- gutes Silber für
unsere flüssige Waare.«
»Ich fürchte nur Ihr habt mit dem anderen Artikel ein schlechtes
Geschäft gemacht,« sagte Jim kopfschüttelnd -- »ich glaube wirklich
nicht, daß es hier je zu einem solchen Ausbruch von Feindseligkeiten
kommen kann, die Eingeborenen zu veranlassen wirklich Geld für einen
solchen Artikel auszulegen; -- ja wenn es Brandy wäre.«
»Nun, ich gehe da ziemlich sicher,« schmunzelte der Schotte, »denn ein
Theil der Waffen ist feste Bestellung -- von Jemandem aber den ich nicht
nennen darf -- und verkauf ich das andere nicht _hier_, so weiß ich daß
ich auf den Fidschi- und Navigators-Inseln einen vortrefflichen Markt
dafür finde.«
»Ja, aber, das ist ein kitzliches Geschäft,« meinte Jim, sich mit dem
Zeigefinger der rechten Hand durch das Halstuch fahrend -- »die
Engländer und Franzosen haben über derartigen Handel ihre eigenen
Ansichten, und es geht bei einer solchen Geschichte immer gleich an die
Raanocke[T]. Interessant ist so ein Geschäft wohl schon, aber --
verdammt gefährlich, und der Nutzen doch eigentlich nicht im Verhältniß
zum Risiko.«
»Nun, das käme auf die Person an,« sagte, mit einem etwas zweideutigen
Seitenblick auf den Iren, der jetzt aufmerksam durch das Glas nach der
Insel hinüberschaute, der Capitain. Jim verstand aber die etwas
malitiöse Anspielung und sagte lachend, ohne jedoch aufzusehen:
»Ich bin gerade so kitzlich am Halse wie der beste Priester, Capitain,
und jeder paßt auf sein Bischen Leben so gut er kann, ob's nun eben der
Mühe werth ist, oder nicht.«
»Nein, Jimmy, so war's gar nicht gemeint,« rief Mac Rally rasch und
etwas verlegen.
»Bitte, geniren Sie sich nicht,« lachte Jim, »thun Sie als ob Sie zu
Hause wären, ~Captain dear~ -- »aber dahinten kommen die Canoes,«
unterbrach er sich plötzlich, den rechten Arm, ohne das Auge vom Glas zu
nehmen, gegen Point Venus hinüberstreckend. Dorthin wurde auch eben,
gerade die Spitze passirend, eine kleine Flotte Indianischer Fahrzeuge
sichtbar. »Bei Jäsus, Mr. Mac,« fuhr er aber lebendiger werdend fort,
als er sich den Inhalt der kleinen schlanken Fahrzeuge etwas genauer
betrachtet -- »heute geht die Geschichte los da drüben, heute bekommen
wir was zu sehen, und je eher wir hinüberfahren, denk' ich, desto besser
ist's, denn einen besseren Abend unser Ausschiffen zu beginnen, werden
wir auch nicht so leicht finden. Kein Teufel paßt heut' auf die aus- und
eingehenden Boote, und solche Zeit muß man benutzen.«
Der Capitain hatte das Glas wieder genommen und einen Augenblick
durchgesehen, dann aber sich wieder aufrichtend und es zusammenschiebend
sagte er, mit einem halbversteckten Lächeln in den selten aus ihrer Lage
gebrachten fast wie ehernen Zügen:
»Ihr habt recht Jim, da hinten schwimmen die Haupt-Schauspieler der
heutigen Komödie -- drei Canoes voll Schwarzröcke, Gott weiß wo sie alle
herkommen. Die Feierlichkeit wird nun wohl auch bald ihren Anfang
nehmen, und ich glaube je eher wir hinübergehn, desto besser. Ha, bei
Gott,« unterbrach er sich plötzlich, als er sich zufällig nach den
Kriegsschiffen hingewandt hatte und deutete mit dem Arm hinüber -- »dort
geht die Tahitische Nationalflagge!« Und in der That stieg in diesem
Augenblick die rothe Flagge mit dem weißen Stern auf der Englischen
Fregatte an der Gaffel des Besahnsegels auf. »Was die Leute doch für
Streiche machen,« brummte der Alte dabei -- »aber meiner Mutter Sohn
müßte sich sehr irren, wenn sie nicht heute da drüben Unheil anrichten.«
»Desto besser, ~Captain dear~,« rief Jim, sich vergnügt die Hände
reibend, »desto besser; s'wär mir ein wahres Gaudium, wenn ich erleben
könnte daß sich die beiden Erbfeinde, Franzosen und Engländer, wieder
einmal beim Koller kriegten; s'ist überdies lange genug Frieden gewesen.
Aber enges Fahrwasser zum Maneuvriren hätten sie hier, und die Corvette
hielts auch mit der Fregatte nicht lange genug aus, den Spaß interessant
zu machen.«
»So weit treiben sie's nicht,« sagte kopfschüttelnd der Capitain -- »der
Franzose ist zu klug sich hier mit einer solchen Fregatte in einen
wahrhaft verzweifelten Kampf einzulassen. Nein, es kommt jetzt Alles
darauf an wie das Schiff heißt, das zuerst in den Hafen einsegelt, und
die guten Leute hier spielen wirklich nur eine Art Paar oder Unpaar, mit
ihrem ganzen Land zum Einsatz.«
»Bah, der Spaß ist der,« lachte der Ire, »daß die, die den Einsatz
stellen, nicht einmal mitspielen -- die aber die Nichts zu verlieren
haben, die Missionaire, trumpfen aus.«
»S'ist Zeit daß wir hinüberfahren,« sagte Mac Rally -- »he da vorn --
~damn it~ Ihr Burschen, Ihr schwemmt ja heute das Deck, als ob Ihr die
Nägel herausweichen wolltet; mein Boot nieder, und viere von Euch
hinein. Und Du Bob,« wandte er sich an einen der Leute, den Zimmermann,
der eine gewisse Autorität an Bord ausübte wenn die Officiere an Land
waren, »passe mir ein Bischen auf, und wenn es am Ufer Skandal geben und
Einer von unseren bärbeißigen Nachbarn vielleicht geneigt sein sollte
die Zähne zu zeigen -- Du kennst ja das Zeichen -- so auf mit Euerem
Anker, und seht zu daß Ihr außer Schußlinie kommt, denn wir brauchen
unsere Hölzer nothwendiger. -- Aber bis dahin bin ich auch auf jeden
Fall wieder zurück.«
»Und soll die Flagge wehen bleiben, Capitain?« frug der mit Bob
angeredete.
Mac Rally stand schon auf der Schanzkleidung, und war eben im Begriff in
das Boot hinabzusteigen. Er blieb stehn, und schaute einen Augenblick
wie unschlüssig nach dem bunten, flatternden Tuch hinauf.
»S'wär patriotischer,« sagte er endlich, die Augenbrauen hoch
hinaufgezogen, »aber politisch ist's nicht. -- Sie können Einem freilich
Nichts anhaben -- Ach was,« setzte er dann laut hinzu -- »der Wind
schlägt das Tuch doch nur zu Schanden -- wenn wir an Land sind nimm den
Lappen herunter!« und mit dieser höchst unehrerbietigen Bemerkung der
eigenen Nationalflagge sprang er, von dem Iren gefolgt, in sein Boot,
das sie bald mit kräftigen Ruderschlägen blitzesschnell über das Wasser
dem gar nicht so fernen Ufer zuführten.
Hier aber wimmelte und schwärmte es indeß von Menschen und den Strand
hinunter schien der Hauptzug zu gehn, wo auch wirklich an dem
sogenannten Paré, jenem Theil der Küste wo der Königin Haus stand, der
für heute bestimmte Versammlungsort des Festes lag, wenn hier überhaupt
ein Fest gefeiert wurde.
Eine bunte Mädchenschaar drängte sich am Ufer hin und an der Kirche
vorüber, deren Glocke in einem, oben ausgeschnittenen stämmigen
Orangenbusch hing. Es waren blühende, liebliche Gestalten, mit tief
dunklen und doch so schwärmerischen Augen, und zartgeschnittenen,
rosigen Lippen, oft mit kaum gebräuntem Teint, unter dem das feine
liebliche Erröthen, wenn es Wangen und Nacken übergoß, so klar wie bei
der weißen Haut fast hervortrat, und den üppigen Formen einen
unendlichen Reiz verliehen hätte, wäre der nicht eben durch das sonst so
lockige jetzt kurz abgeschnittene Haar und das entsetzlichste Modell
eines Frauenhutes, das je die freie Stirn eines schönen Kindes
mishandelte, entstellt worden. Es war die _fromme_ Schaar der
Tahitierinnen, die sich zur Protestantischen Kirche bekannten, und mit
den alten Vorurtheilen auch ihr Lockenhaar wegwerfen mußten, als falsch
und sündig. Und weshalb? -- es hatte Blumen getragen einst im
heidnischen Tanz, und die freundlichen Kinder jenes herrlichen
Himmelsstriches schmückten es jetzt selbst noch gern mit den knospenden
Blüthen. Aber fort mit dem irdischen Tant! wer _Gott_ dienen wollte,
durfte sein Herz nicht an die Erde und ihren Schmuck hängen -- fort mit
dem Haar das sündige Eitelkeit erweckte und der Verführung den Weg nur
bahnte zum wankenden Herzen -- fort mit dem duftigen Kranz darin und den
wehenden Silberfasern der Arrowroot -- einen anständigen _christlichen_
Hut mit christlicher Form auf dem Kopf, und diesen geschoren darunter,
und das sündige Herz mußte dann schon selber dem Schopfe folgen.
Wie sie so ehrbar dahin schreiten, die sonst so wilden Mädchen, das Auge
züchtig gesenkt, die schwere Bibel im Arm und gegen die volle Brust
gepreßt, in der das Herz so ängstlich klopfend schlägt -- der Hut
verbirgt die Züge, und das lange faltige Gewand umhüllt fast vollkommen
die zarten Gestalten, nur den Fuß -- nicht das Schönste an ihnen -- frei
zur Schau tragend.
»~Waihine -- naha -- naha Maïre~!« rief da eine neckische Stimme dicht
neben dem Zug, und ein reizendes Mädchengesicht, aber ohne den
entstellenden Hut, und die vollen blumendurchflochtenen Locken wild um
die hohe edle Stirn flatternd, bog sich halb über, dem ihm nächsten
Mädchen unter den schrecklichen Hut zu sehen, und die Züge zu erkennen
-- »~naha Maïre~.«
Aber die also Angeredete, ob sie es war oder nicht, bog den Kopf nur
mehr zur Seite. Sie schämte sich doch nicht ihrer frommen Tracht? --
»~naha Maïre~,« klang wieder und wieder der neckische Ruf -- »bist Du's
~aiu~[U] oder nicht? -- sieh her Maïre, sieh her und wende Dein
Köpfchen.«
»Ah -- da nimm das!« rief da plötzlich die fromme Maid, und den Kopf
herumwerfend nach der Quälerin, deren lachende Augen über zwei Reihen
prachtvoller Perlzähne blitzten und funkelten, schlug sie mit der linken
flachen Hand (in der anderen hielt sie die Bibel), ein Zeichen
gründlicher Verachtung, ihre Lende -- »da nimm das Du böse Ate-ate und
laß mich zufrieden -- bah über die Schwätzerin.«
»Hahahaha!« klangs aber wie Silberton von den Lippen der Anderen --
»hahahaha, Maïre, Maïre, armes Kind, armes Kind.«
»Laß sie gehn,« stieß da Maïre eine Nachbarin an, »laß sie gehn es sind
wilde Dinger und taugen nicht zu uns -- wenn's der Mitonare sieht daß
wir mit ihnen gesprochen ist er bös.«
»Maïre, Maïre, armes Mädchen!« riefen die Ersteren wieder.
»Bah!« lachte aber die Schöne jetzt, den Hut zurückwerfend, daß die
funkelnden Augen voll die Gegner trafen -- »albernes Zeug hier, könnt
Ihr mich nicht zufrieden lassen beim Kirchgang oder beim vollen Zug --
oder glaubt Ihr daß Ihr's nachher wohl toller treibt als ich?«
»Ah ~maitai maitai~ Maïre,« jubelte da Ate-ate laut auf -- »so lebst Du
noch unter dem Hut und Dein Herz liegt nicht bei den Locken daheim im
Bananenblatt?«
»Wenn sie nur so schnell wieder wüchsen wie man sie abschneiden kann,«
zürnte das schöne Mädchen und warf einen mürrischen mistrauischen Blick
nach ihrem Schatten hinunter, aber sie sah nur den Hut und schüttelte
ärgerlich mit dem Kopf.
»Wenn mir die Haare wachsen schneid' ich sie nicht wieder ab,« sagte ein
anderes Mädchen das neben Maïren ging -- »so lange sie kurz sind bin ich
fromm, und dann kann einmal eine Andere an die Reihe kommen.«
Drrrrrrrrum -- drum, drum, drum klang der Wirbel und Ton; heller
fröhlicher Trommelschlag, das National- und Lieblingsinstrument der
Insulaner, im Takt und Schlag ihres wildesten, aber auch deshalb
geliebtesten Tanzes.
»Hab' Acht, Maïre,« rief Ate-ate an ihrer Seite hintanzend -- »der
~Upepehe~:
Horch!
Horch wie der Trommel Klang
Hell durch die Palmen drang,
Horch!
Zuckt mir's durch Fuß und Knie,
Zuckt mir's im Herzen hie
Horch!«
»Horch!« rief aber Maïre und ihre Augen blitzten und funkelten in einem
wilden, fröhlichen Feuer, zu dem das dicke Buch unter dem Arm gar nicht
so recht passen wollte.
»Horch!
Laut wie die Brandung jägt,
Gegen die Riffe schlägt,
Horch!
Wirbelt der Trommel Ton
Herzchen ich komme schon
Horch!«
Und in den Chor fiel die übrige fromme Schaar jubelnd ein, und mit den
Büchern im Arm, während die großen Hüte den Wind fingen und auf- und
niederschlugen, warfen sich die tollen Mädchen, denen die bekannten und
so leidenschaftlich geliebten Töne viel zu verführerisch in die Ohren
geklungen hatten ihnen widerstehn zu können, von beiden Seiten in den
wilden Upepehe-Tanz und sprangen, von den nicht so feierlich geputzten
jubelnden Schwestern redlich dabei unterstützt, auf und ab in der rasch
gebildeten Bahn den üppigsten ihrer Tänze aufzuführen, so lange
wenigstens die verführerische Trommel schlug.
Wie von der Tarantel gestochen schien dabei die Schaar, und selbst die
Ernstesten unter ihnen, die mit finsterem Blick den ersten Uebergriff
geschaut und mit scharfem Wort ihn gerügt, schwiegen, sahen sich um nach
rechts und links -- zögerten noch und -- sprangen mitten hinein in den
jubelnden Chor.
»_Mi-to-na-re_!«
Wie dem Schwimmenden das Wort _ein Hai_ mit Bleies Schwere in die
Glieder schlägt, und ihn oft zu seinem Verderben für den ersten
Augenblick jeder eigenen Willenskraft beraubt, so schlug _das_ Wort in
die Reihen der Tanzenden.
»_Mitonare_!«
Einen Moment standen sie wie in Stein gehauen, die fröhlichen jubelnden
Gruppen, nur von den Zügen hatte der Schreck die Fröhlichkeit verwischt,
und nicht hinaus suchte das Auge wo die Gefahr lag, sondern nur bei dem
Nachbar wollte es Scherz oder Ernst der Warnung finden; der nächste
Moment aber schon entschied den Sieg gegen die Trommel -- »Mitonare!«
und aus dem Tanz heraus zuckte die Schaar der Frommen wieder in den
früheren stillen und ehrbaren Gang hinein, die Hüte fielen nieder --
jetzt ein trefflicher Schutz die erregten glühenden Gesichter zu bergen
vor irgend einem prüfenden Blick, die verschobenen Röcke wurden gerad
gezupft, und wieder ernst und feierlich wanderte die junge Schaar,
unschuldige Heuchler mit dem fröhlichen Muth im Herzen und den
unnatürlichen Ernst starr und kalt draußen herumgelegt, die breite
Straße entlang dem Paré zu.
Aber nicht nur ein Scherz, den sich irgend ein neckisches Mädchenbild
vielleicht erdacht die Schwestern fürchten zu machen, war das Wort
gewesen -- dort oben vor dem Hause des jetzt allerdings verreisten
früheren Missionairs und jetzigen Englischen Consuls Pritchard (ein
weites Gebäude mit bequemer luftiger Verandah, Europäischen Thüren,
Glasfenstern und wohnlicher selbst eleganter innerer Einrichtung) stand
die fromme Schaar der Missionaire versammelt -- sie _Alle_, nicht ein
einziger fehlte von Tahiti selber, wie von Imeo, in schwarzem Frack und
Hosen, weißer Halsbinde und Weste und das unpraktischste Fabrikat das je
ein Mensch in kaltem oder heißem Klima, in Sonne oder Schnee, in Staub
oder Regen, bei Wind oder Stille, beim Gehen, Reiten oder Fahren
getragen, den schwarzen Cylinderhut auf dem Kopf.
»Er hat uns gesehn!« flüsterte Eines der Mädchen dem anderen zu -- »er
trägt ein kleines langes Stück Metall, das wie ~perú~[V] aussieht, in
der Tasche, damit kann er von einer Insel nach der anderen hinübersehn.«
»Bah' heute sagt er Nichts,« flüsterte die Andere zurück -- »und zankt
er mich aus,« setzte sie trotzig hinzu -- »geh ich zu dem anderen
Priester mit Kreuz und Licht, dort darf ich mir so die Haare wachsen
lassen und Blumen hineinflechten, und komme doch in den Himmel der
Weißen.«
»Die breite Pforte bleibt Dir verschlossen, wenn Dir die Mitonares nicht
den Eingang zeigen,« warnte die Erste wieder.
»Ei was,« lachte die Zweite leise, »dann biegen mir die anderen
Mitonares den Bambus auseinander -- wenn ich nur hineinkomme.«
Die Mädchen kicherten zusammen unter ihren vorgebeugten Hüten, aber ganz
leise, und der Zug schritt langsam vorwärts, denn er wuchs mit jedem
Fußbreit Boden den er gewann, und an dem letzten »Bethaus« hatten sich
ihm alle »Glieder der Kirche« (~Church members~) in feierlicher
Procession und von dem Ehrwürdigen Mr. Rowe geführt, angeschlossen.
Ehrwürdige Gestalten selbst, mit ihren braunen Gesichtern und weißen
Jacken, manche in Hosen, einzelne sogar im Frack und Lendentuch, mit
Weste und heftig gestärktem Vorhemd, die Beine tättowirt mit allen
möglichen heidnischen Zeichen, und den Kopf geschoren in christlicher
Demuth.
Viele davon, ja die meisten, trugen Bücher unter dem Arm, und der stille
Ernst der in ihren Reihen herrschte, mit der Schaar von
schwarzgekleideten Männern die jetzt zu ihnen niederstieg und ihrem Zug
voranging, machte einen eigenen wunderlichen Eindruck auf den Zuschauer.
»Wer wird denn hier eigentlich begraben, Jim?« sagte Mac Rally, als sie
am Strande hin, in etwa funfzig Stritt Entfernung vom Ufer, den Zug in
ihrem Boot begleiteten -- »das geht ja merkwürdig feierlich zu bei den
Leuten -- wenn ich nicht wüßte daß ich in Tahiti wäre, glaubte ich
wahrhaftig, ich sei aus Versehen irgendwo in Neu-England angelaufen.«
»Hätt' ich die Mädchen mit den schauerlichen Hüten da eben nicht tanzen
sehn,« lachte der Ire, »so glaubt' ich's auch -- schwarz genug sieht der
Kopf davorn aus, und dunkel gesprenkelt gehts durch den ganzen Zug; aber
so ernsthaft werden sie's wohl nicht meinen, und das Ganze läuft doch
am Ende wieder darauf hinaus, daß sie den Höchsten ersuchen sich der
Sache, die sie jetzt in die Dinte geritten haben, anzunehmen, und
nachher eine Collekte für Missionszwecke sammeln.«
Mac Rally schüttelte mit dem Kopf.
»Und ich glaub's nicht -- wäre das Englische Kriegsschiff nicht da, ja,
aber der Capitain hält zu ihnen, oder will wenigstens nicht zu dem
Franzmann halten, was ich ihm auch nicht verdenken kann, und da wird sie
der Böse wohl plagen daß sie irgend einen gescheuten Streich aushecken,
bei dem ihnen nachher die Insulaner die Kastanien aus der Asche holen
müssen. Ich kenne meine Leute.«
»Wetter, jetzt wird's Ernst!« rief Jim da, über die Bai hinüberzeigend,
nach der er den Kopf zufällig gewandt -- »da kommen die Boote Ihrer
Majestät, mit wehenden Flaggen, die Tahitische vorn am Bug, darüber wird
sich unser Französischer Nachbar unendlich freuen.«
»So ~back water~, Jim, dort hinein in die Bucht,« rief Mac Rally, »es
wird Zeit daß wir landen, und uns den Spaß jetzt vom Ufer aus
betrachten.«