»Ich habe ebenfalls Nichts zwischen den Booten zu suchen, Sirrah,«

brummte der Ire, und dem Befehl gehorsam schoß das Boot gleich darauf

einem der einfachen ausgebauten Landungsplätze zu, an dem es Einer der

Leute befestigte, während sich die beiden Männer in dem Gedräng von

Menschen verloren, Europäern wie Insulanern, die Alle dem oberen Theil

der Bai, Paré genannt, wo die Königin ein großes Bambushaus stehen

hatte, zuströmte.

Die Leute am Ufer konnten aber nur höchst langsam vorrücken, während die

Boote rasch über die glatte Bai dahin schossen und ihre Bemannung schon

ihre Plätze eingenommen hatte, ehe der größte Theil der Missionaire, der

sich dem vollen Zug bei dem letzten Bethaus angeschlossen, mit demselben

eintraf.

Die Königin Pomare, oder ~Pomare Waihine~ saß, von ihren Frauen

umstanden, auf der Verandah ihres Hauses, ihren königlichen Gemahl zur

Seite. Zur Rechten und Linken befanden sich die Englischen Officiere des

Talbot mit den verschiedenen auf Tahiti anwesenden Consuln Englands,

Frankreichs und Amerikas und manchen dort ansässigen Fremden, ebenso die

Missionaire, und den Hof füllend in weitem Kreis standen die

verschiedenen Häuptlinge des Landes mit der bunten wunderlichen Schaar

der Eingeborenen, die sich von Civilisation wie Christenthum zum großen

Theil gerade soviel zugeeignet hatte, als nöthig war ihnen ihre

Nationalität zu nehmen, ohne ihnen viel anderes dafür zu bieten.

Es ist wahr, das gute Herz und der treue offene Sinn der Insulaner hatte

Viele den Segnungen unserer schönen Religion leicht zugänglich gemacht,

und sie mit Freuden die Irrthümer von sich werfen lassen, denen sie

überdies nicht aus Neigung sondern nur deshalb angehangen, weil es ihnen

eben so von ihren Vätern überliefert worden; so entsagten sie dem,

früher zu einem förmlichen Gebrauch gewordenen Kindesmord[W], ehe sie

selbst begriffen was das Christenthum eigentlich sei, und nahmen dieses

besonders deshalb an, weil es ihnen als eine Religion der Liebe wie des

Friedens geschildert wurde, und sie ihrer Kriege und Streitigkeiten

schon selber herzlich satt waren. Ja, die Priester entsagten sogar auf

manchen Inseln zuerst dem Heidenthum, wie der hohe Priester Tati, der

selber seine Götzen verbrannte, weil er einsah daß die Religion der

Bleichgesichter in ihren Lehren eine gute sei, und das Volk glücklicher

machen würde, wenn es ihr folge und seinen Misbräuchen, seinen Kämpfen

entsage.

Wären die Missionaire dabei stehen geblieben, hätten sie diesen noch

uncivilisirten, aber jedem Guten empfänglichen Stämmen unser

Christenthum gebracht wie es Christus lehrte, sie wären ein Segen dem

Lande geworden und in ihrer Hand lag damals das Glück von Millionen,

denn kein Stamm der Erde trug den Saamen des Edlen und Guten mehr und

kräftiger in sich als gerade die Bewohner dieser schönen Inseln, aber

statt dem wirklichen Kern unseres Glaubens brachten sie ihre Dogmen und

Streitigkeiten, nichtssagende Formeln und Gebräuche, und die nächste

Zeit schon sollte lehren wie sehr falsch sie gehandelt und wie ihr

Ehrgeiz und Stolz der _eigenen Gemeinde nur_, nicht dem wirklichen

Christenthum Anhänger zu gewinnen, das arme Volk das hier zum Opfer

ausersehen worden, ehe es nur begreifen konnte um was es sich überhaupt

handele, in die Gräuel eines Religionskrieges verwickelte.

Hätten die Evangelischen Lehrer sich eben an den reinen und herrlichen

Kern unserer Lehre gehalten, so konnten ihnen eintreffende Sekten keine

Bekehrte mehr abtrünnig machen; sie brauchten sie nur auf das

Eigentliche jedes wahren Glaubens zurückzuführen und der Insulaner hätte

gewußt _weshalb_ er seine Götzen verbrannte. So aber machten sie die

Formen zur Hauptsache; ein südliches unserer nordischen Kälte, unseren

starren Fanatismus nicht gewohntes Volk, das schon durch Klima wie Boden

von Gott selber angewiesen worden ganz anders zu leben und zu denken,

sollte nicht allein seine Religion ändern (das war möglich und die

besser Gesinnten bewiesen bald wie leicht es ihnen wurde guten Lehren

ihr Ohr zu öffnen), nein auch ein anderes Leben beginnen; sie sollten

vollkommen andere Menschen werden, Worte singen die sie nicht

verstanden, Tage lang, statt ihrer Tänze und Spiele, ihr Antlitz in den

Staub werfen und beten, und wo sie bis dahin dem Himmel frisch und

fröhlich in's Auge geblickt, Allem entsagen fast, was ihnen die Natur in

ihrem reichsten Uebermaß geboten; mit einem Wort jenen dunklen

Schwärmern und Kopfhängern gleich werden, die selbst in ihrem nordischen

Vaterland nur theilweis Anhänger finden konnten, und in Streit und Hader

leben mit anderen Sekten.

Aber noch waren sie selbst darin nicht fest geworden, ja in Vielen sogar

schon Zweifel aufgestiegen, ob ihre alten Götter nicht mit ihnen

zürnten, und der neue keine Macht habe sie zu schützen, denn

ansteckende Krankheiten wütheten unter ihnen und religiöse wie

politische Streitigkeiten hatten Familien und Stämme entzweit, bei denen

nur der harmlose gute Charakter der Insulaner selber oft blutiges Ende

verhinderte. Da warfen die Franzosen ihre Missionaire herüber, die einen

anderen Gott, einen anderen Glauben brachten, und während die

Evangelischen Priester die Neugekommenen als Kinder des Satans und

Götzenanbeter ausschrieen, verdächtigten die Letzteren ihre, ihnen

allerdings nicht geneigten Vorgänger, und warnten die armen

Eingeborenen, denen der Kopf wirbelte bei den neuen Dogmen und

Gebräuchen, auf dem betretenen Wege fortzugehn -- denn er führe genau zu

dem Platz den sie bei Wegwerfung ihrer Götzen hätten vermeiden wollen --

nämlich zur _Hölle_.

Doch fort mit all solchen traurigen Betrachtungen, soweit sie nicht zu

nahe mit den Personen selber verknüpft sind, mit denen wir es hier zu

thun haben -- sie thun weh, und man möchte da manchmal mit Keulen drein

schlagen, die Menschen doch nur -- das wenigste was man von ihnen

verlangen kann -- vernünftig zu machen.

So vor denn, Du bunte Schaar, und grüße die Majestät, denn vor dem Hause

flattert im frischen Morgenwind das Tahitische Banner, der einsame

bleiche Stern im rothen Feld, und alle Fremden grüßen mit abgezogenen

Hüten des Landes Königin.

Auch die Eingeborenen folgten, auf ein Zeichen ihres Missionairs, diesem

Gebrauch, die wenigstens, die Hüte hatten -- und begriffen vielleicht

dabei heut' zum ersten Mal weshalb sie die wunderlichen Dinger

eigentlich trugen.

Pomare erhob sich, dankte mit freundlichem Nicken und ließ den Blick

lange und forschend über die Menschenwogen gleiten, die ihren einfachen

Palast umlagert hielten. Kaum aber zeigte sie sich so dem Volk, das in

Liebe und Ehrfurcht an ihr hing, da rief ein alter Mann, ein Häuptling

von Taiarabu, der unfern der Verandah stand:

»Pomare! unsere Königin, ~ia ore na oe~!«[X] und wie der Schlag des

Geschützes, der das Echo weckte in den Bergen, faßte den Ruf die Menge

und laut wie der Brandung Donnerton klang das liebende Wort: »~ia ore na

oe~!«

Pomare wollte reden, sie hob die Hand und öffnete den Mund, aber die

Stimme versagte ihr -- sie barg die Stirn in der linken Hand und wandte

den Kopf, ihre Bewegung zu verbergen; da fiel ihr Blick auf die Fremden

an ihrer Seite, auf die schwarzen Männer Gottes, auf die buntblitzenden

Uniformen der Seeleute, und gewaltsam raffte sie sich zusammen, nicht

schwach zu scheinen vor den Fremden.

Ein leiser Wink ihrer Hand rief Raiata, ihren »Sprecher« an ihre Seite

und wie noch vor wenig Augenblicken ein wildes Meer von Köpfen herüber

und hinüberwogend mit stürmischen Lauten die Luft erfüllt hatte, legte

sich der Lärm im Augenblick und wechselte in Todtenstille, daß dumpf und

dröhnend der fernen Brandung Rollen hörbar wurde über der Schaar, und

wie ein Segen klang zu dem frommen Wort des Volks.

»Es ist der Königin Wunsch,« klang da die volle klare Stimme Raiatas,

»daß die Verhandlungen dieses Tages mit Gebet beginnen.«

»Dazu geben wir unsere volle Beistimmung,« nahm da Einer der Missionaire

rasch das Wort, »und wollen den ehrwürdigen Herren Rowe ersuchen das

Gebet zu halten.«

Die Königin neigte ihr Haupt und während einer feierlichen Stille, in

der das Athmen der Menge hörbar war, begann der fromme Mann sein lautes

Gebet.

»Herr mein Gott, Deine Hand liegt schwer auf diesem Volk, Deines Zornes

Wucht traf tief und schmerzlich das gebeugte Haupt, und unser Flehen

steige jetzt auf zu Dir zu Ruhm und Preis, Jehovah, daß Du Dich erbarmen

mögest unserer Noth.«

»Von über dem Meere her drohete dem friedlichen Strand Gefahr, Deiner

Kinder frommer Sinn, wie Du ihn gnädig gelegt hast in unsere Hand, wird

gefährdet durch der Papisten Wort und die eisernen Geschütze unserer

Feinde, und Deine Hand nur kann uns retten vor Noth und Vernichtung,

Jehovah!«

»Unsere Feinde sind stark -- ihrer Waffen Macht trägt das Meer, und

Nichts haben wir ihnen entgegenzusetzen als das fromme Wort -- als

_Dein_ Wort o Herr, wie Du es uns gegeben in der heiligen Schrift -- o

Jehovah!« --

»Hier Herr ist ein Volk, ein zahlreiches Volk, auf das kein Strahl

göttlicher Gerechtigkeit gefallen war in seiner Nacht; das seinen

mühseligen Weg seit ungekannten Generationen, vielleicht seit dem Beginn

des Götzendienstes unter Noahs Abkömmlingen in all der Finsterniß, in

all dem Grausen schrecklichen Wahns seine dunkle Bahn gesucht -- eines

Wahnes der sich unter verschiedenen Verhältnissen aber sonst immer

derselbe zeigte, und einen so gewaltigen Theil des menschlichen

Geschlechts umfaßt, dessen vorragende Züge aber immer den Stempel des

Fluchs getragen, in »Unreinigkeit und Blut.« -- O Herr -- hier -- hier

ist ein Volk, bei dem seit frühster ältester Zeit menschliche Opfer

gebracht wurden -- hier jener fremde Mummenschanz mit Götzenbild und

Trug ist getrieben, Mummenschanz den die Betenden nicht einmal begriffen

und nur gemacht den dunklen Geist der Seinen zu verwirren, ohne Trost zu

bringen, ohne Ruh, und ohne nur das Herz im Entferntesten zu reinigen

von der Sünde.« --

»In dieser entsetzlichen Zeit ein Schiff, weit weit am Horizont kommt in

Sicht -- dreitausend Meilen fuhr es über eine Wasserwüste und führt eine

gewählte Schaar von Passagieren an Bord, die einem festen Ziel

entgegenziehen -- und was das Ziel? -- Die Nachricht von Gottes

Vaterhuld zu bringen einer verderbenden Welt, das Heil denen zu bringen,

die bereuen und glauben und den mit Blindheit geschlagenen Heiden den

Weg zu zeigen zu Gottes Paradies. Die Herolde, die fröhlichen Muthes

ausgegangen diese göttliche Proclamation zu verkünden sind unsere Brüder

-- von der Thür jenes Heiligthums aus begannen sie ihren Weg der Gnade.

Mit Liebe und Anhänglichkeit an ihr Vaterland, mit Aussicht auf Erwerb

und Achtung daheim, mit Gesundheit und Freuden und Allem was dies Leben

wünschenswerth machen konnte, entsagten sie ruhig dem Allen, rechneten

Alles nur Verlust, wo sie des Vortheils theilhaftig werden konnten den

Heiland zu predigen diesen, dem Untergang geweihten Inseln.«

»Sie waren auf Gefahr gefaßt, auf Noth und Hunger, auf stürmische See

und blutgierigen Feind, auf Verfolgung der Götzenpriester und ihren Haß,

auf blinden Wahn und alle Schrecken blinderen Aberglaubens; und Alles

Alles haben sie besiegt, mit der Hülfe des Herren Zebaoth da droben und

seiner Macht, und Jesus Christus seinem eingeborenen Sohn, und dem

heiligen Geist in all seiner Herrlichkeit und unerschöpflichen Gnade.

Aber -- nicht gefaßt waren sie auf den Feind im Lager unter den eignen

Brüdern -- nicht gefaßt darauf daß ein anderes Christliches Reich seine

Boten des Hasses und Aberglaubens senden würde in dies Inselland, das

fromme Werk zu stören, zu verderben. Aber sieh, des Herren Hand ist

stark auch in dem Schwachen, und wie der Widerstand den Gegendruck

erhöht und stärker macht, so hat sich jetzt das ganze Volk erhoben wie

_ein_ Mann, zu zeigen daß es Gott verehrt in Seiner Herrlichkeit -- aber

auch nur in _Seinem_ Wort, und von sich werfen will, was seinem Lande

wie seinem Geiste Fesseln legen möchte zu Schmerz und Schmach.«

Pomare wandte den Kopf nach dem Redner, und das Blut schoß ihr in vollen

Strömen in Stirn und Schläfe -- es war als ob sie reden wollte, aber

nach wenigen Secunden senkte sie wieder die Augen zu Boden und der

Ehrwürdige Mann fuhr fort.

»Der Antichrist hat sich erhoben unter uns -- nicht frei und offen aber

trat er auf, dem ehrlichen Feind gegenüber der ehrliche Feind; nein

schlau und heimlich schlich er herbei mit gleisnerischem Wort und Blick,

fromme Worte auf den Lippen und Trug im Herzen. Wehe! Wehe über ihn,

wehe wehe über Euch wenn Ihr ihm lauschtet was er Euch vorerzählt mit

der Doppelzunge -- der Fluch bliebe nicht aus, und was durch Gottes Hand

gesäet in den langen Jahren der Trübsal und des Leides, das mähte des

Teufels Hand nieder in _einer_ schwarzen Stunde.«

»Das Gebet!« flüsterte einer seiner Amtsbrüder, denn die Königin hob

wieder den Kopf und seufzte auf, wie von innerer Angst beklemmt.

»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andere Götter haben neben

mir« -- fuhr aber der Geistliche in vollem Eifer und hingerissen von dem

Thema fort -- »nicht buntes Schnitzwerk, bunten Kleides Zier, nicht

leere Formeln und hohles Wort sind des Christen Schmuck, ein demüthiges

Herz nur und einfacher Sinn --«

»Das Gebet,« mahnte dringender die Stimme, denn unter dem Volke auch

wurde jetzt manche Stimme laut, und selbst unter den gegenwärtigen

Fremden, von denen mehrere der Römischen Kirche angehörten, erhob sich

ein leises Murren und nur wohl die Gegenwart der Königin hielt eine

förmliche Einrede zurück. Der ehrwürdige Mr. Rowe hielt einen Augenblick

ein und schaute mit einem verklärten Blick zum Himmel, dann aber, wie

von seinen Gefühlen übermannt, sagte er mit gedämpfter, anfangs kaum

verständlicher, doch wieder wachsender, anschwellender Stimme:

»Dein sei der Preis und die Ehre in der Höhe, Jehovah, Dein sei die

Herrlichkeit -- schütze unsere Brüder in dieser Inselwelt, schütze das

ganze Christenthum vor den Versuchen des Pabstthums.«

»Gieße Deinen Heiligen Geist aus von da droben auf alle Evangelische

Kirchen, und vereinige sie zu Einem lebendigen Glauben.«

»Gieb allen Christen, vorzüglich aber den Pastoren und Evangelisten

Kraft und Muth Rom zu widerstreben und das glorreiche Reich Jesus

Christus unseres Herren und Gottes aufzurichten.«

»Zerstöre rasch, bei dem Geist Deines Mundes (2. Thess. 11, 8.) die

tödtlichen Irrthümer des Pabstthums; brich das Joch, das es auf die

Nacken so vielen Volkes gedrückt, und führe durch Deinen Rath die

Seelen, die es von Christus sonst entfernen möchte und die uns werth und

theuer sein müssen, zur glorreichen Freiheit ein der Kinder Gottes --

aber --«

»Amen!« fielen in diesem Augenblick die ihm nächsten Brüder laut und

rasch ein -- und _Amen_ riefen die Umstehenden, _Amen_ hallte es, wie

dumpfen Donners Ton leise und scheu von den Lippen der Tausende, die das

kleine Haus umdrängt hielten, und deren Blicke an dem ernsten Mann

hingen wie er zu _seinem_ Gott sprach für ein fremdes Volk. Die Fremden

aber, denen die fanatische Predigt schon viel zu lange gedauert, holten

tief Athem, räusperten sich und flüsterten mit einander -- der

Geistliche konnte nicht weiter beten.

Pomare bog sich jetzt leise zu ihrem Sprecher über, und Raiata den Arm

ausstreckend über das Volk, sagte mit seiner lauten, auch zu den

Entferntesten klar und deutlich dringenden Stimme:

»Ihr Männer von Tahiti und Imeo, Häuptlinge und Volk, und Ihr Fremden

die Ihr gegenwärtig seid an diesem Tag, und Theil nehmt an unserem

Schicksal; die Königin Pomare, Aimata, wird zu Euch sprechen und mit

Euch sprechen über das Eingreifen einer fremden Macht in ihre Rechte,

das sie, wenn sie es duldete, nicht mehr Königin sein ließ auf dem Thron

Otu's. -- Erwäget wohl was heute verhandelt wird, es ist eine wichtige

Sache und kein blinder Eifer dafür oder dagegen sollte die Entscheidung

lenken, aber redet auch in Frieden und betet zu Gott daß _wenn heute

doch zornige Worte gesprochen werden sollten, sie mild und weich werden,

wenn sie in Euer Herz eingehn, und dort nicht Aerger und bösen Geist

erzeugen_.«

»Segne meine Seele Jim, was die da erst kreuz und queer um den Compaß

gehn, ehe sie den richtigen Cours kriegen,« sagte unser alter Bekannter,

Mac Rally, zu seinem Begleiter, mit dem er sich ziemlich dicht zur

Verandah, an der Seite aber an welcher die Missionaire standen,

vorgedrängt hatte. Hier befanden sich die beiden auch fast hinter dem

ganzen weiblichen Theil der Versammlung, der sich ohne frühere

Verabredung, und eigentlich nur der ersten frommen Abtheilung der

Mädchen folgend, da zusammengefunden und seinen Platz behauptet hatte.

»Die Sache wird langweilig,« meinte Jim gähnend -- »jetzt werden sie

gleich an zu singen fangen, und wenn wir nicht hier die hübsche

Nachbarschaft hätten --«

»Ruhe da! -- Still! -- gebt Frieden!« tönte es von mehren Seiten, und

Aller Köpfe wandten sich den beiden Seeleuten zu, die dadurch die

Aufmerksamkeit der Menge weit mehr auf sich gezogen sahen, als sie wohl

vermuthet. Raiata begann aber in demselben Augenblick wieder, und jetzt

zwar mit Vorlesen einer langen Rede Pomares in Tahitischer Sprache, in

der er zuerst ihre Gefühle bei dem jetzigen politischen Stand der Dinge

beschrieb, bei welchem sie sich selber als verbannt von ihrem Königreich

betrachten müsse, und das Volk dann aufforderte diesem Zustand durch

energisches, aber auch einiges Handeln ein Ende zu machen.

Dann wurde ein Brief des Englischen Admirals verlesen, der die

Theilnahme der Königin von England für die Königin von Tahiti

ausdrückte[Y] und auf das beifällige Murren der Versammlung wandte sich

Raiata nun zu den verschiedenen Häuptlingen der nächsten Distrikte, ihre

Meinung zu hören.

»Fanue sprich Du was Du denkst von der Gestaltung der Dinge im Reich. --

Der Aelteste bist Du, Pomare frägt Dich, willst Du die Flagge

beibehalten wie sie ist, oder Dich der neuen Herrschaft beugen?«

Fanue, ein Greis, tättowirt noch aus der Heidenzeit und mit einem

Tapa-Mantel statt des bunten Kattuns, wie ihn fast alle Anderen trugen,

stand, auf seinen Stab gestützt, und schien die Anrede, als etwas

Selbstverständliches schon lange erwartet zu haben. Aber der Ton seiner

Stimme klang rauh, rauh wie das Wort das er sprach, und das lange weiße

Haar, das er nicht abgeschnitten hatte wie viele der »gläubigen

Christen«, zurückwerfend aus der Stirn sagte er finster:

»Raiata hätte sich die Frage sparen können, er weiß wie Fanue denkt und

gedacht hat seit sie Oros Bildniß auf den Inseln stürzten. Der Fremden

sind hier zu viel gewesen von vorn herein, und es ist nicht

wahrscheinlich daß ich ihnen jetzt das Wort reden sollte. Was der Ferani

dabei für ein Recht hat uns regieren zu wollen? -- dasselbe Recht das

sich der Hai nimmt, wenn er in unsere Binnenriffe kommt -- nur daß sich

der Haifisch schämt, wenn er von Menschen dabei erwischt wird, und

wieder zurückgeht -- und der Ferani _nicht_. Aber es giebt viele Arten

von Hai's,« setzte er langsamer hinzu und sein Blick schweifte düster

über _alle_ Weiße -- »eine vorsichtiger -- feiger wie die andere. Fanue

möchte einen Corallenblock nehmen und die Einfahrt verstopfen -- nachher

ließe sich leicht reine Bahn machen.«

»Aber Du stehst der Frage keine Rede Fanue,« sagte Raiata ungeduldig,

»willst Du die _Fahne_ beibehalten?«

»Ich wußte nicht daß das bunte Spielzeug bei Euch die Hauptsache ist,«

sagte der Greis mürrisch -- »wenn's denn einmal eine sein muß, ist die

so gut wie jede andere -- weshalb wechseln? aber Otu wußte Nichts von

solchem Tant.«

»Fanue stimmt also für Beibehaltung der Englischen Flagge,« fiel hier

Mr. Dennis, Einer der Missionaire von Imeo in das Wort -- »von solchem

würdigen Mann war das nicht anders zu erwarten.«

»Und Du Aonui?« fuhr Raiata fort.

»Halt ein, Pomare!« rief aber in diesem Augenblick Mr. Mörenhout der

Französische Consul, der der Verhandlung bis dahin schweigend aber mit

krauser Stirn gelauscht -- »das überschreitet Euere Macht. Der Vertrag,

den Du sowohl, wie vier Deiner ersten Häuptlinge unterschrieben, giebt

Dir nicht mehr das Recht hier zu entscheiden, was schon entschieden

_ist_. Du bist die Königin dieser Inseln und wirst es bleiben, kannst es

aber nur unter Frankreichs Schutz, das Dir ein besseres Bündniß bot als

Deine Priester -- gieb Dich nicht wieder ganz in ihre Macht, Du würdest

es sicherlich zu spät bereuen.«

»Dir ziemt keine Drohung hier, Consul Mörenhout,« sagte aber Pomare sich

von ihrem Sitz erhebend -- »ich war freundlich gegen Dein Land gesinnt

-- es ist ein mächtiges Land und ich streckte dem Könige Deiner Insel

die Hand entgegen, weil ich glaubte daß er mich sicher führen würde in

vielem Wirrsal und Leid, das Gott über mich verhängt hat. Aber die Hand

die mich führen sollte faßte mich so fest an, daß ich laut aufschrie --

sie that mir weh und ich will allein gehn jetzt auf meiner Bahn.«

»Die Königin hat freie Wahl hier, zu thun und zu lassen was ihr

gefällt,« nahm jetzt, als der Französische Consul erwiedern wollte, der

Englische Capitain das Wort -- »_gezwungene_ Versprechen binden nicht,

und ihrer eigenen Aussage nach _ist_ sie dazu gezwungen, und zwar in

einem Zustand gezwungen worden[Z], in dem die _Frau_ schon sicher sein

sollte vor jeder Belästigung von außen her. Die Verhandlung hier

übrigens, steht unter _meinem_ besonderen Schutz.«

»In dem Fall,« entgegnete der Französische Consul finster, »kann ich

Nichts thun als gegen Alles feierlich protestiren, was die geschlossenen

Verträge des Landes, das ich hier zu repräsentiren die Ehre habe,

verletzt; thun Sie was Sie verantworten können.«

Eine kalte Verbeugung des Engländers antwortete ihm, und Raiata, über

dessen Züge ein triumphirendes Lächeln flog, wiederholte seine Frage an

Aonui, einen Häuptling aus Matavai-Bai.

Aonui war ein frommer Christ -- den geschorenen Kopf entblößt, trug er

seinen Strohhut in den gefalteten Händen, und hatte schon seit der

ersten Ansprache, und ohne auch nur den Blick auf einen Moment den

Rednern zuzuwenden, zum Himmel aufgeschaut, dessen klare Bläue nur hie

und da durch einzelne leichte Wolken unterbrochen und kaum gestört

wurde. Er trug weiße Hosen und eine weiße Jacke, über die ersteren aber

nichtsdestoweniger den Pareu und ein buntes roth und gelb gestreiftes

Hemd, um den Hals eine feste schwarze Binde und kleine steife Stehkragen

dort hinein geknüpft -- er hatte das bei seinen Lehrern gesehn und

Freude daran gefunden sich ebenso zu tragen. Bei der zweiten Anrede

neigte er leise den Kopf, dann aber rief er plötzlich mit lauter und

freudiger Stimme:

»Jehovah sei Preis in der Höhe, sein die Ehre -- aber Pomare ist unsere

Königin ~ia ore na oe~, und die Britische Flagge die natürlichste

unseren Herzen, unserem Glauben.«

»Setz _unseren Interessen_ hinzu Aonui!« unterbrach ihn da Tati, der mit

Ungeduld die Zeit erwartet zu haben schien, selber reden zu dürfen --

»setz _unseren Interessen_ hinzu, aber laß das _Herz_ fort. Die

natürlichste unseren Herzen muß und wird die Landesflagge sein, die

rothe Fahne mit dem weißen Stern, oder besser noch die weiße

Kriegesfahne unserer Väter!«

»Aonui redet!« rief aber der Sprecher der Königin, seinen Stab erhebend,

»Tati wird reden wenn die Königin befiehlt.«

»Tati wird« -- rief der stolze Häuptling wild und trotzig emporzuckend,

aber er bezwang sich selbst, sogar noch ehe Paraitas Hand warnend seine

Schulter berührte, und die Arme fest auf der Brust gekreuzt, die

Unterlippe zwischen die Zähne gebissen, daß das Blut daraus zurückwich,

blieb er stehn und schaute finster vor sich nieder.

»Friede mein Bruder!« fuhr aber Aonui freundlich und mit ruhiger Stimme

fort -- »Friede sei zwischen uns immerdar, aber meiner Meinung bleib ich

treu; die Britische Flagge muß unseren Herzen die theuerste sein, denn

Groß-Britannien sandte uns die Bibel, und damit, glaub' ich, hab ich

Alles wohl gesagt. -- Die heilige Schrift ist unter uns, mehr brauchen

wir nicht!«

Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band. · 第 15 / 16 段