schattigen Hainen, die das Ufer mit ihrem schwellenden Grün überzogen,
und aus dem heraus sich die prachtvollen Cocospalmen noch weit über den
Meeresspiegel beugten, als ob sie ihr Bild wiederfinden wollten in dem
Crystall da unten. Wie dufteten die Orangen und Citronen, die schneeigen
Sternblumen und die Mangablüthe so süß; das Bananenblatt zitterte und
raschelte in dem Zephyr, der sich durch Blum und Blüthe stahl, seine
Bahn zu suchen, den Klüften der Berge zu, und der stattliche
Brodfruchtbaum drängte sich mit seinen gefingerten einzelnen Blättern in
das stattliche Laub der Mape; die Papaya schüttelte ihre Kelche aus auf
Ananas und Tappo-Tappo[N], die köstlichen Früchte dieser Zone, und tief
im schattigen Laub versteckt glühten duftende Blüthen, und hoben ihre
Kelche dem sonnigen Licht entgegen.
Es war ein Paradies das Gottes milde Vaterhand erschaffen, ein Paradies
von seinem Athem durchweht, und Seiner Werke Herrlichkeit kündend zu
jeder Stunde -- ein Paradies das nur die Leidenschaft und das trotzige
Herz des Menschen oft, ach wie oft, so muth- und böswillig verdarb und
zerstörte und Haß und Schmerz säete, selbst zwischen diese Palmen, und
den Frieden verjagte, der auf den stillen Matten in heiterer Ruhe
lagerte. Ehrgeiz und Fanatismus, Sinnlichkeit, Geldgier und sorgloser
Leichtsinn reichten sich einander die Hand und der Indianer, der
gastliche Herr dieses Aufenthalts in dem Engel hätten schwelgen können,
sah in kurzsichtiger Lust wie die fremden Männer Spiel nach Spiel in
sein Canoe häuften, es schmückten und verzierten und beluden -- bis es
_sank_.
Sorglose Kinder des Augenblicks, denen Palme und Brodfrucht jeden Tag
gaben was der Tag begehrte, was kümmerte sie die Zukunft? Der bunte
Flittertand freute sie, jeder goldenen, blitzenden Masche jubelten sie
entgegen, und ahneten das Netz nicht, das sich langsam aber sicher
daraus wob, sie niederzuziehen aus ihrem Himmel.
Aber nicht Alle theilten diese Apathie an den Ereignissen des Tages,
denen das Volk kaum das Ohr lieh wenn sie geschehen; wie die
Protestantischen Missionaire um den erschütterten Stamm die Wurzeln
wieder tiefer senkten und gruben, ihm mehr Festigkeit zu geben bei dem
nächsten Sturm, so nagte der Ehrgeiz, und andere Leidenschaften
vielleicht, an den Herzen jener stolzen Häuptlinge, die Königsblut in
ihren Adern fühlten, und der stille Frieden selbst der sie umgab reizte
den schlafenden Grimm in ihrer Brust, und wandelte ihnen ihr Paradies zu
einem Aufenthalt der Qual.
In Papara, dem südwestlichen Theil von Tahiti stand, von mächtigen
Mapebäumen beschattet, dicht am Uferrand eines kleinen klaren Bergbachs,
der sprudelnd und silberrein aus den Bergen niedersprang, eine jener
breitovalen, aus Bambus errichteten und mit den Blättern der Pandanus
dicht gedeckten Hütten, um die sich der weiche Rasen schloß und der
Brodfruchtbäume und wehende Palmen das Dach bildeten, den sengenden
Sonnenstrahl abzuhalten von dem stillen Platz. Ein lauschiges Halbdunkel
lagerte auf dem nur leise rauschenden, flüsternden Hain, dem die von der
Brise kaum bewegten Wasser tausend und tausend kleine funkelnde Lichter
entgegenblitzten.
Aber keine fröhliche Kinderschaar spielte und sprang hier am
Muschelstrand, oder schaukelte sich an langem, in die Wipfel der Palmen
geknüpften Bastseil weit und keck hinaus über den korallendrohenden
Wasserspiegel; kein schlankes Weib mit blumengeschmücktem Haar sammelte
die Frucht von dem nahen Baum und breitete das reinliche Hibiscusblatt
zum frischen Mahl. Nur an den Stamm einer Palme gelehnt, die Lenden mit
dem ~pareu~, noch aus der auf der Insel selbst gefertigten Tapa[O]
umwunden, deren gelbbraune Falten ihm fast bis zum Knie niederfielen,
während Bein, Schultern und Leib die zierlichen blauen Linien der alten,
und durch die Missionaire sonst fast überall verpönten Tättowirungen
zeigten, lehnte ein Insulaner und schaute still und schweigend, wie in
tiefem Nachdenken versenkt, auf das weite sonnige tiefblaue Meer hinaus,
das seinen Strand bespühlte.
Es war eine edle, kräftige Gestalt wie sie da stand unter der Königin
des Waldes, und das weiche rabenschwarze lockige Haar fiel ihr, ungleich
der frommen von den Protestantischen Geistlichen eingeführten Sitte es
kurz abzuschneiden, voll und lang um die Schläfe, bis auf die Schultern
nieder. Aber keine Blume stak darin oder hinter dem Ohr, noch glänzte
sonst ein Schmuck an Arm, Hals oder Handgelenk, und die kühnen Züge und
Arabesken des Tättowirers, alte heidnische Zeichen mit Haifischzähnen in
unvergehbaren Punkten der Haut eingegraben, lagen fast drohend auf den
vollgespannten Muskeln und Sehnen der nervigen Glieder.
Da wurden leise aber regelmäßige Schritte im Laube laut -- näher und
näher kamen sie heran, und eine andere Gestalt erschien unter den
schattigen Blüthe und Frucht bedeckten Orangen; aber der Sinnende hörte
die Schritte nicht, seinem Träumen willenlos hingegeben, und der
Neugekommene stand mit verschränkten Armen wohl mehrere Minuten lang
schweigend neben ihm, indeß sein Blick in tiefem Ernst und Sinnen auf
ihm haftete.
Dem Aeußeren nach aber war es eine andere Gestalt, als die des ernsten
Träumers an der Palme, seine Lenden umschloß, wie bei dem Ersten nur ein
etwas bunterer Pareu, der Oberkörper stak aber in einem noch bunteren
Oberhemd, und unter den, mit wohlriechendem Oel gesalbten Locken vor
leuchteten die eben aufgebrochenen Knospen des Cap-Jasmin, jener
reizenden lilienartigen Gardenia mit dem vollen Narcissenduft. Die Beine
waren nackt, und die alten Tättowirungen auch auf ihnen sichtbar, aber
der Pareu ging tief hinab und verhüllte das meiste davon, bis auf die
zierlich gezeichneten Palmen, deren Wurzeln auf den Hacken saßen während
der Stamm am hinteren Theil des Beines schlank und zierlich hinauf lief,
sich über den Waden mit seinen breiten, federartigen Blattkronen
auszubreiten. In der Hand trug er einen schlanken langen Bogen und
einige buntbefiederte Pfeile mit Eisenspitzen (keine Waffen in jener
Zeit, wo die inneren Kriege aufgehört hatten, und die Insulaner recht
gut die Nichtigkeit solcher Wehr gegen Feuerwaffen erkannten, sondern
mehr ein Spielzeug oder besser gesagt ein Uebungsspiel der Vornehmen,
das besonders der Lieblingszeitvertreib des vorigen Königs gewesen) und
um den Scheitel zog sich ihm ein wunderlich geflochtener Kranz von
Gardenien mit den silberweißen Fasern der Arrowroot und kleinen rothen
Blüthen bunt durchwebt.
»Joranna Tati!« rief er endlich lachend, als er wohl glaubte den
Sinnenden seinen Betrachtungen lange genug überlassen zu haben, und
während ein leichtes Lächeln seine schönen Züge überflog -- »Joranna
Mann, und was hängst Du den Kopf und schaust so still und brütend vor
Dich hin, als ob Du« -- es zuckte spöttisch um seinen Mund -- »plötzlich
ein Missionair geworden wärest? Wollen Dich die frommen Väter vielleicht
nach den Gambier-Inseln senden, ihren »Brüdern in Christo« dort Gleiches
mit Gleichem zu vergelten, und bereitest Du Dich vor den Neubekehrten da
drüben zu beweisen, daß man nur des Himmels Seligkeit erndten könne,
wenn man die Mundwinkel an beiden Seiten herunterhängen lasse, und das
Weiße der Augen zeige in brünstigem Gebet?« --
Tati, denn der Häuptling war es, schaute rasch und finster auf bei dem
Gruß, und seine Züge heiterten sich nicht auf, als er den bunten Schmuck
und Tant erkannte, mit dem sich der Freund behangen.
»Du siehst aus als ob _Du_ zum Tanze gingst mit den Areoïs[P], Paofai,«
sagte er ernst, ohne den Gruß zu erwiedern, »ein Richter des Landes
sollte sich das Schicksal desselben zu Herzen nehmen, in so schwerer
Zeit!«
»Das _Schicksal_?« lachte Paofai, die Locken schüttelnd, daß die Blüthen
auf seine Schultern niederfielen, »das Schicksal liegt in der Hand jedes
Einzelnen für sich selbst, und die ihre Nacken dem Joch gutwillig
neigen, dürfen nachher nicht klagen wenn es sie drückt. Wer, beim Oro,
heißt die fröhlichen Kinder unserer schönen Inseln sich den Fremden
beugen und die Knie wund reiben vor einem Gott, der uns bis jetzt nur
Arbeit und Krankheiten, nur Haß und Feindschaft geschickt hat aus fernem
Land? -- Ich für mein Theil bin es müde die helle Schattirung einer
Haut, und Kenntnisse die dem Träger hier, wo er sie nicht gebrauchen
kann, nur zur Last sind, höher geschätzt zu sehn als das, was unsere
Väter ehrten. -- Gleisnerische Worte -- Oros Zorn über sie, daß sie zu
Gift würden in dem Mund ihrer Träger.«
»Und wer ist Schuld als wir selber, daß wir's so lange zu tragen haben?«
rief Tati sich hoch und stolz emporrichtend, »ruht nicht der Fluch
unserer Götter auf diesem Lande, seit jene knechtischen Pomare's den
Scepter führen, ja liegt nicht selbst die junge Königin in der Gewalt
dieser schleichenden Priester, die sich nur immer die _Diener_ des Herrn
nennen, und dabei den Fuß selber auf die Nacken der Arii Rahi's[Q]
dieses Landes zu setzen wagen?«
»Und weißt Du daß sie das Volk wieder zusammenrufen wollen zu neuem
Unheil?« frug Paofai lauernd.
»Sie wagen es nicht,« sagte Tati verächtlich mit dem Kopfe schüttelnd --
»sie wagen es nicht, denn ihre Häuser stehn breit und bequem gleich vorn
am Strand, und die eisernen Kugeln des nächsten Französischen Schiffes
mähten sie nieder.«
»Aber sie hoffen auf Englands Schutz!« rief Paofai, »und Piritati[R] ist
dorthin gegangen Hülfe zu holen für sich und die Seinen.«
»Bah, der Weg ist lang,« sagte Tati verächtlich, »und die Engländer
haben einen großen Mund; sie sind kalt und ohne Herz wie ihr Gott, und
so geizig, daß sie dem nicht einmal opfern lassen, sondern Cocosöl und
Perlmutterschalen fortführen auf ihren Schiffen und die Schweine selber
essen -- Piritati wird kommen und Versprechungen bringen.«
»Aber sie warten nicht _bis_ er kommt!« entgegnete Paofai -- »der tolle
Uebermuth der Priester, mit dem sie sich so lange eine wirkliche Macht
vorgelogen haben, bis sie sie selber glauben, läßt sie jede Vorsicht
vergessen, und um den Augenblick als Heilige und Halbgötter vor dem Volk
zu stehn, wagen sie ihre Existenz.«
»Sie hätten recht -- die Feranis werden uns auch nimmer den Segen
bringen,« sagte Tati finster -- »mich reut schon die Hand die ich dabei
im Spiel gehabt, denn der gierige Wi--Wi scheint Lust an der Beute zu
bekommen, nach der er schon zweimal die Krallen ausgestreckt. So lange
noch _ein_ Fremder auf dieser Insel lebt, blüht uns kein Friede und wir
warfen uns selbst hinaus, als wir den Gleisnern einst den Aufenthalt
gestatteten, und den Bambus schlugen zu ihren Hütten -- wir hätten ihr
Grab graben sollen.«
»Ha dort kommt Botschaft von Papetee!« rief Paofai plötzlich, und
deutete mit dem Arm hinaus in das Binnenwasser der Riffe, über das hin
ein leichtes Canoe, von zwei Indianern gerudert, mit zwei Anderen im
Hintertheil desselben, rasch über die klare Fluth herbeischoß. Schon von
weitem erkannten sie die beiden Häuptlinge Paraita und Utami und Tati
sagte finster:
»Deren Eile kündet schon vorher des Kommens Grund, und der Feind ist uns
ins Lager gerückt -- o daß er die Streitaxt mit sich brächte und den
Speer, und nicht ewig das todte Wort mit Singen und Beten.«
Die beiden Männer erwarteten jetzt schweigend die Ankunft des Canoes,
das draußen um eine etwas weit auszweigende Corallenspitze bog, und dann
im geraden Strich auf den Platz zuschnitt auf dem die beiden Häuptlinge
standen, und dessen helleres Dach sich schon von weitem, als treffliche
Landmarke, erkennen ließ.
»Ha sieh nur Utamis Gesicht!« rief da Paofai, als beide Führer endlich
landeten und an's Ufer sprangen -- »der dunkle Zug über der Stirn
deutet bei ihm nichts Gutes -- es ist wie ich gesagt!«
»Gruß Euch und Frieden -- ~Joranna, Joranna bo-y~!« riefen die beiden
Männer, als sie den Schattenrand betraten, den die Fruchtbäume und
Palmen der senkrecht stehenden Sonne abgezwungen.
»Joranna Utami -- Joranna Paraita, und was führt Euch über das Wasser im
Aoatea, wenn die Sonne über Euerem Scheitel brennt?« frug Paofai,
während Tati ihnen die Hand entgegenstreckte sie zu begrüßen.
»Fröhliche Botschaft,« lachte Paraita, aber die fest zusammengebissenen
Zähne und der lauernde Blick mit dem er die Züge seiner Freunde
beobachtete straften sein Lachen Lügen -- »ein neues Englisches
Kriegsschiff ist eingelaufen und die Mi-to-na-res schwimmen oben auf;
der Englische Capitain will ihren Gott schützen, daß ihn der andere
nicht über den Haufen wirft, wie sie bei uns Taaroa und Oro bei Seite
geworfen haben, und der morgende Tag schon soll ihren Triumph
beleuchten. Auf Tati, auf Paofai, ich glaube die Richter sollen vor
Gericht, denn wir sind _Alle_ aufgefordert zu erscheinen.«
»Und gilt es wirklich dem Vertrag, den wir mit dem Ferani
abgeschlossen?« frug Tati finster.
»Kein Zweifel,« lautete die Antwort -- »der Königin Boten fliegen heute
durchs ganze Land -- gestern schon gingen die Canoes nach Morea hinüber
und uns Beiden wurde selber aufgetragen _Euch_ mit zur Stelle zu
bringen, genügt Euch das?«
»Und wißt Ihr genau was berathen werden soll?« frug Paofai.
Paraita lachte.
»Es ist ein öffentliches Geheimniß, und das Volk in Papetee spricht von
nichts Anderem -- sie wollen unseren Vertrag verwerfen und das
Protectorat Frankreichs von sich weisen.«
»Das Französische Schiff im Hafen wird's nicht leiden,« rief Tati.
»Es liegt ein stärkeres daneben s'ihm zu wehren,« sagte achselzuckend
Paraita.
»Und was spricht Utami?« frug Tati, dessen Hand ergreifend, »auf welcher
Seite siehst _Du_ den Segen unseres Landes?«
»Auf keiner,« entgegnete kopfschüttelnd der greise Richter, »auf keiner
von diesen Beiden. -- Ich hatte gehofft durch einen solchen Schritt, der
gewissermaßen nur zum Schein unsere Rechte beschränkte und mehr ein
Freundschaftsbündniß war mit einer stärkeren Macht, jenen ehrgeizigen
Priestern ein Ziel zu stecken, aber die Feranis schauen mit gierigem
Auge auf dies Land, und wer weiß ob wir nachher bei dem Tausch
gewönnen. Jedenfalls liegt das noch Alles in der Zukunft Schooß, und ich
habe keine Lust einen Arm aufzuheben für Franke oder Missionair -- laß
sie sich unter einander schlagen.«
»Und Du gehst?«
»Gewiß -- sie sollen nicht sagen können daß Utami ihren Ruf gefürchtet
habe.«
»Gefürchtet,« wiederholte Paofai verächtlich und spannte wie im Spiel
den Bogen von dessen Sehne der Pfeil schwirrend abschnellte, und etwa
vierzig Schritt davon entfernt den schlanken Stamm einer Papaya
durchbohrte, in deren Holz er zitternd stecken blieb -- »gefürchtet,«
wiederholte er noch einmal, den Bogen auf die Schulter werfend -- »aber
es führt uns nicht zum Ziel dieses Kinderspiel -- dem Volk wird wieder
Sand in die Augen gestreut und so lange gesungen und gebetet, bis es
ermüdet auseinandergeht, und Alles bleibt beim Alten. Da doch noch
lieber dem Franzosen unterthan, dessen Sitte und Denkungsart besser zu
uns paßt, als den schleichenden Frömmlern.«
»Unterthan? -- _keinem_!« rief da Tati trotzig, der indeß mit
verschränkten Armen und in tiefem Brüten dem Gespräch der Freunde
gelauscht -- »aber wie dann, wenn wir den Augenblick benutzten, wo die
Bewohner Tahitis das eine Joch abgeschüttelt und auch das andere von
uns würfen? -- Was sagst Du, Utami, wenn wir die Fremden stürzten mit
dem einen Schlag und, wie die Missionaire jene fremden Priester, auf das
Schiff packten das sie gebracht und sie fortschickten, gleichviel wohin,
so _sie_ jetzt dem Engländer gäben, sie heimzuführen in ihre Heimath?
Jetzt, jetzt noch ist es Zeit wieder _ein_ Reich, ein glückliches Reich
zu gründen in unserem Inselland -- jetzt wo das Volk gesehen welchen
Fluch ihnen die Fremden gebracht in jeder Art, wird es zu uns stehn mit
Kraft und Gewalt, und dem _einigen_ Volke können auch selbst die
Feuerschlünde des Feindes nicht mehr fürchterlich sein.«
Utami schüttelte ernst mit dem Kopf und sagte finster:
»Zu spät -- zu spät! -- ein großer Theil der Unseren hängt dem neuen
Gotte an, und die Missionaire haben dafür gesorgt daß ihr Wohl von der
Anbetung jenes nicht getrennt werden konnte -- sie stehen zu fest,
während die Englischen Schiffe unsere Küsten verwüsten und unsere
Fruchtbäume niederschmettern würden, ihrem Gotte Seelen zu gewinnen, wie
sie dann sagten. -- Ich fürchte wir haben uns selber Schaden gethan, als
wir dem Ferani die Hand boten und bei ihm Hülfe zu finden hofften gegen
den geistlichen Stolz.«
»Gewalt thut hier Nichts,« stimmte auch Paraita bei -- »wir sind zu
schwach etwas derartiges zu unternehmen, und wenn wir auch Hand zu Hand
mit den geschorenen Köpfen[S] fertig würden, ist uns die Europäische
Macht zu stark. Wir müßten jedenfalls warten bis sich ihre Kriegsschiffe
entfernt hätten, ein plötzlicher Schlag dann und es würde den Feinden
schwer werden das zu _rächen_, was sie jetzt mit leichter Mühe
_verhindern_ können. Aber noch haben wir den Vertreter jener fremden
Macht unter uns, die uns Schutz und Freiheit versprochen für Glauben und
Recht; wird der Französische Consul, denn zu solchem ist Mörenhout
ernannt als ihn die Amerikaner nicht länger anerkannten, wird er es
dulden, daß man den doch nun einmal von der Königin unterzeichneten
Contrakt mit Füßen tritt?«
»Wie kann er's hindern?« sagte achselzuckend Paofai. -- »Mit ein paar
Redensarten ist nichts abgemacht, wenn der Fanatismus erst einmal in
Schuß, bergab gekommen. Die Missionaire haben da ihre Leute, Aonui,
Potowai, Terate und wie sie heißen; mit Jehovah auf den Lippen werfen
die Narren sich blind in's Feuer selbst der Schiffe, und wenn das Volk
nur schreien und von Freiheit hört, dann brüllt es auch seinen Chor
hinein, möge die Folge sein wie sie wolle. Ich habe große Lust der
Versammlung gar nicht beizuwohnen; was kanns helfen?«
»Das sie nachher sagen wir hätten uns gescheut ihnen unter die Augen zu
treten?« rief Tati rasch. »Nein, keiner darf fehlen von uns, wenn wir
nicht selber unsere Sache aufgeben wollen in Schimpf und Spott --
keiner, und dort wird sich uns auch ein Ausweg zeigen das Schwerste
abzuwenden.«
»Dem stimme ich bei,« sagte Utami ernst -- »unsere Aufgabe ist dem Land
die Freiheit zu erhalten, die der Fanatismus der einen wie die Gier der
anderen Seite gleich schwer bedroht, und gebe Gott daß uns das gelingt;
einer späteren Zeit mag es dann vorbehalten bleiben unsere inneren
Einrichtungen zu ordnen, von denen Franzosen wie Missionaire nichts
verstehn. Unser Glück liegt in unserer eigenen Hand -- wir wollen es aus
keiner fremden. -- So zögern wir denn nun auch nicht länger, kommt mit
zu meinem Haus, daß wir uns dort mit Speiß und Trank stärken zu der
Fahrt, und die morgende Sonne grüße uns die ersten auf dem Kampfplatz.«
»Kampf?« lachte Paofai, während er seinen fortgeschossenen Pfeil
wiederholte, den anderen zu folgen -- »ein schöner Kampf wird es
werden, der mit Singen anfängt und mit Beten aufhört. -- Ich kenne meine
Landsleute nicht mehr, daß sie aus dem fröhlichen glücklichen Volk
solche Kriecher und Heuchler geworden sind. Aber zum Henker mit den
Grillen -- unsere Palmen müssen sie uns lassen und das stille Wasser
unserer Riffe, unsere Blumen und Blüthen und unsere Weiber, und den
Schwarzröcken zum Trotz will ich das Leben jetzt genießen. Himmel und
Hölle? -- Die Leute können vortreffliche Geschichten erzählen und man
lacht darüber wenn man sie hört -- tödten sie doch die Zeit« -- und den
Pfeil aus dem Holz reißend schob er ihn lachend in seinen Köcher zurück,
und trat, die Locken aus seiner Stirn werfend, zu den Uebrigen in das
Haus.
Fußnoten:
[J] Wilde Pisang.
[K] Der Wibaum oder die Brasilianische Pflaume (~spondias dulcis~) hat
mit den stärksten Stamm auf den Inseln -- oft bis 4 und 5 Fuß im
Durchmesser. Die Rinde ist grau und glatt und er trägt eine förmliche
Masse großer pflaumenartiger saftiger Früchte von angenehmen Geschmak.
[L] Der Omaomao, die Tahitische Drossel, und der einzige wirkliche
Singvogel, wenigstens der bedeutendste, der Inseln. Er ist gelb und
braun gefleckt, und von der Größe einer Drossel, mit der sein Gesang
auch etwas Aehnliches hat. Von Gestalt ist er etwas schlanker.
[M] Ein, an der einen Seite des Canoes, durch Queerhölzer etwa drei oder
vier Fuß vom Fahrzeug selber ausgehaltener Baum, eine Art Kufe von
leichtem Holz, die auf dem Wasser liegt und mitschwimmt, und nur dazu
dient das leichte schwanke Fahrzeug vor dem Umschlagen zu bewahren.
[N] Mape, Tahitische Kastanie. Die Papaya eine von Brasilien herüber
gekommene, der Melone ähnliche aber auf einem Baum wachsende Frucht. Der
Tappo-Tappo der Englische Crêmeapfel.
[O] Das eigenthümliche Gewebe dieser Inseln, das die Frauen aus der
gegohrenen Rinde verschiedener Bäume, die sie vorher zu fester Masse
kneten so lange ausschlagen, bis ein dünnes, ziemlich dauerhaftes Zeug
daraus wird.
[P] Areoïs, die früheren heidnischen Tänzer auf den Inseln, die eine
gewisse, sogar religiöse aber wüste Sekte bildeten und von Insel zu
Insel zogen ihre Orgien zu feiern.
[Q] Die ersten und obersten, aus fürstlichem Blut entsprossenen
Häuptlinge.
[R] In ihrer Aussprache Pritchard.
[S] Die eifrigsten der Missionaire hatten ihren Gläubigen empfohlen die
Haare kurz am Kopfe abzuschneiden, wahrscheinlich um nicht den sündigen
Blumenschmuck darin tragen zu können.
Capitel 10.
#Die Versammlung.#
Weißer Rauch quoll aus den Schießluken der Englischen Fregatte »Talbot«
und der rasch folgende donnernde Schlag des Geschützes, der das Echo
grollend weckte in den Bergen, grüßte das goldene Taggestirn, das eben
seinen rothglühenden Schein über die östliche, palmenbedeckte Spitze der
Bai warf, und seine Strahlen sandte über das weite Meer.
Es war ein reizendes Bild das sich dem Blick entrollte, und Athem und
Leben gewann mit dem ersten Licht; im Hintergrund die wildzerrissenen
Kuppen des Gebirgs mit der dunklen kühn eingerissenen Schlucht --
auseinandergebrochen als die Grundvesten der Berge einst in ihrem
inneren Mark erbebten, und rechts und links das niedere palmenbedeckte
Land ausschießend, als ob es die sonnige spiegelglatte Bai umspannen
wolle mit liebendem Arm, während an dem Ufer hin die weißen niederen
Gebäude dicht hineingeschmiegt standen in Palmen- und Orangenhain, mit
hie und da einem alten mächtigen Banianbaum, der die dunkel glänzenden
Zweige niederschüttelte, neue Wurzeln dem Erdreich um sich her
abzugewinnen. Vorn schäumte und spielte die Fluth an dem hellen
Corallensand, und den vorderen, von Banane und Palme eingeschlossenen
Rand, in dem die stillen Wohnungen der Menschen so dicht versteckt wie
Perlen in einer halbgeöffneten Muschel lagen, bildete ein dichter Wald
von Brodfrucht und Orangen und buntblüthigen Akazien und breitblättrigen
Hibiscus Tiliaceus mit den großen malvenähnlichen Blumen.
Und nicht öde und weit lag das Meer, dem wunderschönen Lande gegenüber;
nein, hinter dem licht funkelnden Wasserspiegel, den nur hie und da ein
ruhig vor seinem Anker reitendes Schiff, oder das rasche Canoe mit dem
blitzenden Streifen hinter sich unterbrach, dehnten sich die weiten
schäumenden Riffe mit ihren Schneekronen und rollendem Donner, und
umspannten selbst die kleine Königinsel Motuuta, die wie ein Smaragd,
von silbernem Band umfaßt, in dem herrlichen Rahmen palmenwiegend lag,
während hinter ihr, noch neben dem weiten Horizont des Oceans, die
zackigen kühn gerissenen Kuppen und Spitzen Imeos, wie Nadeln
emporstarrend oder riesige Kegel, in blauer Ferne lagen, bei klarer Luft
selbst den Palmengürtel zeigend der sie umschloß.
Still und regungslos lag dabei der Strand, bis zu dem Schuß, mit dem
zugleich fast sich die Sonne über den Palmenstreifen hob -- nur hie und
da zeigte sich ein einzelner Indianer der, vielleicht nach seinem Canoe
schauend, langsam am Ufer auf- und niederging; aber wie mit einem
Zauberschlag _nach_ dem Schuß, und während das Echo noch in den fernen
Schluchten dröhnte und grollte, quoll und drängte es sich ordentlich aus
den Häusern und Hütten vor, in bunter glänzender Tracht, und fröhliches
Leben brach sich die Bahn in's Freie mit einem Mal.